Dinge, die wir lieben: Intimpiercings

 Ein Gastbeitrag von Roberta Fernandez

Meine Vagina ist ein Körperteil, mit dem ich mich lange nicht anfreunden konnte.

Das lag daran, dass mir von den Lehrern und Erziehern der katholischen Internatsschule, die ich besuchte, vermittelt wurde, dass der Intimbereich einer Frau ein anatomischer Teil ist, der hygienisch behandelt werden muss und ansonsten am besten weder berührt noch erwähnt werden sollte.

Diese Tabuisierung verhinderte, dass ich mich dort selbst anschaute, geschweige denn mich damit beschäftigte, was man mit den Schamlippen, der Klitoris und der Klitorisvorhaut alles anfangen kann. Ich hatte deshalb lange Zeit Zweifel, ob meine Scheide überhaupt anatomisch „normal“ war.

Dass sie für etwas Lustvolles verwendet werden könnte, kam mir gar nicht in den Sinn.

Theoretisch wurde mir erklärt, wie Sex technisch abzulaufen hatte. Sogar, dass der Sexualakt nicht nur zum Kinderkriegen notwendig war, sondern auch vollzogen werden muss, um den beim Mann bestehenden „Druck zu entladen“, wurde mir mitgeteilt.

Dass damit aber für eine Frau auch Spaß verbunden sein könnte, und es sich beim Beischlaf (so wurde das genannt) nicht nur um „eheliche Pflichten“ handelt, wurde nicht thematisiert.

Als ich begann, mit Männern auszugehen, begriff ich den Geschlechtsverkehr als langfristig unvermeidliche Konsequenz einer Liebesbeziehung, die man aber so lange wie möglich hinauszögern sollte.

Die ersten sexuellen Kontakte, die ich wohl oder übel zulassen musste, bestätigten meine Vorurteile. Ich war so angespannt, so programmiert, das Unvermeidliche über mich zu ergehen zu lassen, so unsicher, ob meine Geschlechtsteile überhaupt normal waren, dass mir der Sex nicht nur keinen Spaß machte, sondern ich sogar froh war, als ich das Ganze hinter mich gebracht hatte.

So ging das einige Zeit, und ich stellte mich schon darauf ein, dass ich mein Leben lang, um eine Beziehung aufrechtzuerhalten, meinen Partner regelmäßig „entladen“ lassen und ansonsten jeden nicht unbedingt erforderlichen Sexualkontakt meiden würde.

Nach einigen Jahren solcher sexuellen „Aktivität“ lernte ich auf einem Auslandssemester eine Italienerin kennen, mit der ich mich anfreundete.

Diese sprach sehr freizügig über ihr Sexualleben.

Als ich ihr dann irgendeinmal meine eigene Einstellung zur Sexualität beichtete, nahm sie mich bei der Hand, führte mich ins Schlafzimmer, zog sich aus und spreizte ihre Beine.

Zwischen den Beinen glitzerte und funkelte es wie in einem Schmuckkästchen.

Sie nahm meine Hand, fuhr mit ihr über ihren Schambereich, in dem diverse Goldringe angebracht waren, und fragte mich, ob mir ihre Vagina gefalle.

Ich wagte, verschüchtert wie ich war, gar nicht richtig hinzusehen, musste dann aber, als sie insistierte, eingestehen, dass es schön aussehe.

Sie sagte zu mir, um das Leben und mich selbst zu genießen, müsse ich lernen, meine Vagina nicht nur zu akzeptieren, sondern sie auch schön zu finden.

Ihr sei dies selbst erst gelungen, als sie beschlossen habe, ihre Vagina zu schmücken.

Sie habe das Durchstechen ihrer Schamlippen und ihrer Klitorisvorhaut als Akt der Befreiung, als Symbol dafür, dass sie allein die Herrschaft über ihren eigenen Körper und ihre eigene Sexualität ausübt, verstanden.

Etwas, das man selbstverständlich schmückt, sei etwas, das man gern habe und das einem gefalle.

Bei ihr hätten die ersten Intimpiercings eine Kopfblockade gelöst. Als sie gemerkt habe, dass sie mit ihrer Vagina tun könne, was sie wolle, sei die ganze Verkrampftheit von ihr abgefallen. Jetzt habe sie sich und ihren Körper gerne. Und führe ohne Hemmungen ein viel freieres Leben.

Sie schlug mir vor, mit mir zu ihrer Piercerin zu gehen: Sie wolle sich selbst in meiner Anwesenheit ein weiteres Intimpiercing machen lassen, damit ich den Ablauf sehen und entscheiden könne, ob ich das auch will.

Und so ging ich am nächsten Tag mit Bauchweh mit ihr ins Piercingstudio, sah ihr zu, als ihre Schamlippen ein weiteres Mal gepierct wurden, fasste allen Mut zusammen, und ließ mir die Klitorisvorhaut durchstechen.

Der kleine Schmerz, als diese durchbohrt wurde, war für mich tatsächlich das Signal zu einer sexuellen Befreiung. Als ich das Glitzern in meiner Scham sah, lernte ich endlich, sie – und mich – zu lieben.

Und einige Jahre und Intimpiercings später kann ich mir, wenn ich meine goldfunkelnde Vagina sehe, gar nicht mehr vorstellen, wie es war, als ich noch im Käfig der Tabus meiner Erziehung eingesperrt war.

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Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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35 Antworten zu Dinge, die wir lieben: Intimpiercings

  1. Erika schreibt:

    Klasse Geschichte!

  2. susannepointner schreibt:

    Ich habe eine vergleichbare Erfahrung gemacht. Mein Zugang zur Sexualität war vollkommen verkorkst, wozu sowohl ein diesbezüglich sehr gehemmtes Elternhaus als auch die Schule, die Sexualität mit Fortpflanzung gleichsetzte und das Ganze als mechanischen Akt beschrieb, beigetragen hat und der noch durch eine unglückliche und unangenehme erste Sexerfahrung verstärkt wurde. Ich empfinde mich diesbezüglich auf dem Weg der Besserung, habe aber den Zustand, den du beschreibst (Hingabe an eine Lusterfahrung) noch nicht erreicht. Vielleicht wäre dein Ansatz, der mir sehr folgerichtig erscheint, auch was, das ich versuchen sollte. Wäre toll, wenn ich mich per Mail mit dir austauschen könnte.

  3. Ich finde auch, was einem selber nicht gefällt, was man selber nicht mag, kann auch für niemanden anderen attraktiv sein. Und was man schmückt, zu dem hat man einen unbefangeneren Zugang, das braucht man nicht zu verstecken. Tolle Idee.

  4. Clara schreibt:

    Als frisch zum Intimpiercing bekehrte kann ich nur unterstreichen, dass es eine befreiende Wirkung ausübt, wenn man seinen Intimbereich schmückt. Ich kann mich nur anschliessen und allen die gleiche Erfahrung wünschen.

  5. hans schreibt:

    schön beschrieben – schade dass unsere gesellschaft noch so verklemmt ist, die 68-jahre waren offensichtlich noch zuwenig zur sexuellen befreiung und slbstbewusstseinsbildung !

    • Roberta schreibt:

      Danke. Du darfst aber nicht übersehen, das 1968 in Österreich maximal innerhalb des Wiener Gürtels stattgefunden hat. Und bei uns die katholische Verklemmtheit bis heute – gerade in Privatschulen – immer noch wie Mehltau über jeder Diskussion zum Sex liegt. Ich bin da sicher kein Einzelfall, leider.

    • Karin Koller schreibt:

      Ich glaube, dass es sich nicht um ein Versagen der 68er handelt, sondern um zwei andere Faktoren: Erstens wurden, wie Roberta sagt, bestehende Verkrustungen nie aufgeweicht. Zweitens hat sich die Gesellschaft gewandelt. Durch AIDS konnte in den 90er Jahren Sexualität als etwas Lebensgefährliches verkauft werden. Durch die zunehmende Amerikanisierung wurde auch bei uns Körperlichkeit als abstossend und der natüliche Zugang dazu als animalisch und unpassend gewertet. Das Werben für SchönheitsOPs im Intimbereich gibt Frauen das Gefühl, auch dort nicht schön genug zu sein, deshalb verstecken sie diesen Bereich lieber. Es wird viel über Sex geredet. Dabei werden die falschen Prioritäten gesetzt. Die Sexualität der Frau ist nach wie vor ein Tabuthema, über das nicht sachlich diskutiert wird.

      • Anna schreibt:

        Karin hat recht. AIDS hat bewirkt, dass der Diskurs, der in den Siebzigerjahren schon viel weiter war, wieder auf die Ebene Sex = Gefahr gebracht wurde. Und das gab all den Puritanern, die ihre Felle nach Erfindung der Pille schon davonschwimmen sahen, wieder Oberwasser und ermöglichte ihnen, auch in den Schullehrplänen Prüderie zum Programm zu erheben. Dazu kommt noch, dass auch die 68er die sexuelle Befreiung in erster Linie als Freibrief für Männer, wild herumzuficken verstanden haben. (Kommune 1 und Konsorten) Die Bedürfnisse der Frauen waren da zweitrangig.

      • hans schreibt:

        anna’s karin analyse ist ganz richtig – nur hat sie dabei die gefühlvollen männer übergangen die wohl den frauen gutes dabei tun wollten – und es gibt sie immer noch. klar gibts auch die “konsorten” – aber die werden auch von den “richtigen” männen geächtet. aber wir ;-) sind halt wenige und immer nur auf einladung zur stelle. das drama der welt: das böse ist das stärkere. zum guten bedarf es der wende – die möglicherweise mal kommt. arbeiten wir dran !

      • Karin Koller schreibt:

        Gefühlvolle Männer gibt es viele, ich bin mit einem verheiratet und nach früheren Kommentaren zu urteilen, zumindest einige der Blogleserinnen auch. Es geht hier aber nicht um die Einfühlsamkeit von Männern. Es geht darum, dass die Gesellschaft verhindert, dass sich Frauen an ihrer Individualität erfreuen, auch körperlich. Stattdessen werden sie verunsichert und verkrampft, weil sie nicht in das vorgegebene Schema passen. Die Präsentation von Sex in den Medien läuft nach ähnlich vorgefertigten Schemata ab und verunsichert noch mehr. Ich glaube nicht, dass das primär die Schuld von Männern ist. Die Vorgaben werden auch von Frauen gemacht und Frauen wagen nicht, sie zu durchbrechen.

  6. Laura schreibt:

    Guter Artikel. Ist so ein Intimpiercing nicht fürchterlich schmerzhaft?

  7. christa schreibt:

    Falls ich mich irgendwann dazu überwinden kann, könnt ihr jemanden im Land empfehlen?

  8. kreadiv schreibt:

    Toller Beitrag! Auch die Kommentare dazu, bin ganz Eurer Meinung.
    Ich denke, das ist e i n möglicher Weg, als Frau zu sich zu finden, den eigenen Körper anzunehmen, die eigene Sexualität, die eigene Weiblichkeit auszudrücken und zu leben.

    Ich selber habe kein Verlangen nach einem solchen Piercing, aber alles kann, nichts muss! :-)

  9. NicoleLee schreibt:

    Ein sehr guter Artikel. Er bestätigt, was viele immer wieder bezweifeln: Symbole sind wichtig. Und Mut wird belohnt.

  10. Pingback: Anonym

  11. Daniel schreibt:

    Wer sich nicht gleich stechen lassen möchte, aber trotzdem etwas wirklich schmuckes, ausgefallenes und extravagantes für die eigene Vagina sucht, dem kann ich die Labienspange von BIANK Rodalqilar in Berlin empfehlen:
    http://www.labienspange.de
    Mit den ganzen Erweiterungen die er da inzwischen gebastelt hat, kann frau sich jährlich mit was Neuem beschenken (lassen).

    • silbersternchen schreibt:

      Nett, aber kein Ersatz für the real thing.

    • Petra schreibt:

      Ich habe diese Alternative auch für mich entdeckt….
      Die Spange sieht richtig angelegt nicht nur sexy aus,
      sondern macht das Vorspiel noch aufregender….

      Wer ,aus welchen Gründen auch immer, sich nicht piercen mag,braucht dank dieser
      Spangen,nicht auf Intimschmuck verzichten….

      Egal wie sich jemand schmückt…..wenn die Person sich damit wohlfühlt,
      dann ist es richtig ;-)

  12. Pingback: Auch mal ganz interessant. « Ergenzingers Blog

  13. Pingback: Intimpiercings | Karin Koller

  14. manfred moos schreibt:

    ich weiß nicht – ein piercing im genitalbereich ist doch nicht für jede(n) frau/mann geeignet! 1. das schmuckkästchen ist doch eh nur sichtbar, wenn man nackt ist, also nicht für jedermann zugänglich! 2. ob es den reiz beim gv erhöht, ist ebenfalls fraglich! 3. solange der mann keine gicht in den fingern und der zunge hat, bevorzuge ich diese methoden, weil ich piercing ausserdem abartig finde!

  15. Pingback: Mailbox: Piercing | Karin Koller

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