Rückrufaktion

Seit zwei Jahren sind Frank und ich nicht mehr alleine über Nacht von zu Hause fortgewesen. Zu Beginn von Katharinas Erkrankung musste zumindest einer von uns ständig bei ihr sein. Danach, als sie nicht mehr so viel Pflege und Trost von uns benötigte, hatten wir uns schon daran gewöhnt, nicht mehr als ein paar Stunden von ihr getrennt zu sein.

Eine Zeit lang fing sie bereits zu weinen an, wenn ich nur die Möglichkeit einer kleinen Reise mit ihr besprach. Aber dann, als es ihr schon seit einigen Monaten recht gut ging, fragte sie von selbst, wann sie endlich eine Oma-Übernachtungsparty haben dürfte.

Jetzt wollten wir es wagen. Wir planten, drei Tage in Wien zu verbringen. Ich war aufgeregt. Früher gehörten für mich die kleinen Auszeiten mit Frank zu den schönsten Erholungsphasen. Wir waren in einem anderen Umfeld, besuchten Museen und gingen in interessante Restaurants. Und all das ganz in Ruhe. Das war uns zwei Jahre lang versagt geblieben.

Zwei Tage bevor wir nach Wien fahren wollten, bekam Lukas einen Schnupfen und hatte leicht erhöhte Temperatur. Ich wurde nervös. Um Lukas machte ich mir keine Sorgen. Aber wenn Katharina Fieber bekäme, würde ich sie ins Krankenhaus bringen müssen. Wir überlegten hin und her, ob wir fahren sollten. Als Lukas am Abend vor der Abreise zwar verschnupft, aber fieberfrei war, wagten wir es doch.

Wir fuhren mit dem Auto. Am Anfang war mir mulmig zumute. Wir hatten schon mehrmals Tagesausflüge gemacht, aber drei ganze Tage weg zu sein, erschien nun doch gewissermaßen bedrohlich. Doch dann hörten wir uns einige Sendungen von Desert Island Discs an und es entspann sich ein interessantes Gespräch. Ich entspannte mich.

Im Hotel machten wir ein Nickerchen, dann zog ich meinen neuen Seidenoverall, der die gleiche Farbe wie meine Haare hat. Dann schlenderten wir durch die Stadt auf der Suche nach einem Aperitif. Ich hatte beim Artner am Franziskanerplatz reserviert. Bevor wir das Restaurant betraten, riefen wir die Kinder an, um ihnen Gute Nacht zu sagen. Alle drei waren fröhlich und aufgekratzt, weil Oma mit ihnen Disko spielte. Beruhigt bestellten wir das sechsgängige Menü mit Weinbegleitung.

Als der erste Gang serviert wurde, klingelte mein Handy. Katharina war in Tränen aufgelöst und sagte mit erstickter Stimme: „Ich will zu euch.“

Sie ließ überhaupt nicht mit sich reden. Ich versuchte sie zu trösten, während ich die Vorspeise aß. Nach fünf Minuten löste ich das Problem, indem ich Anna bat, neben Katharina zu schlafen. Der erste Zwischengang wurde serviert. Lukas rief an. Er wollte auch im Elternbett bei seinen Schwestern schlafen. Das konnte ich nicht erlauben wegen der Ansteckungsgefahr. Er begann zu weinen und ließ sich nicht einmal trösten, als ich ihm ein Messi-Trikot versprach, wenn er in seinem Bett schlief.

Den zweiten Zwischengang aßen wir ohne Zwischenfälle. Beim Sorbet läutete das Telefon. Lukas weinte immer noch, weil er glaubte, er hätte die Chance auf das Trikot vertan. Ich sagte ihm, dass er es haben konnte, und er versprach, ohne Murren einzuschlafen. Auch Katharina hatte sich beruhigt. Wir blendeten alle Sorgen aus und verbrachen einen schönen Abend.

Am nächsten Tag, nachdem uns meine Mutter versichert hatte, dass die Nacht ruhig verlaufen war, meinten wir, dass wir alle Zeit der Welt hätten und gingen ins Heeresgeschichtliche Museum. Als wir den ersten Weltkrieg und die Zeit Kaiser Franz Josefs abgeschlossen hatten, läutete das Telefon. Katharina ließ sich wieder nicht beruhigen und wollte mit uns reden. Nach einigen Hin- und Rückrufen beschlossen wir, nach Hause zu fahren. Wir packten unsere Sachen, checkten aus dem Hotel aus, sagten die Reservierung im Restaurant ab und fuhren siebeneinhalb Stunden lang nach Hause. Mir war zum Heulen zumute und ich musste all mein positives Denken zusammennehmen, um mir einzureden, dass ein schöner Abend genügte.

Zu Hause hatte Katharina eine Schnupfennase und erhöhte Temperatur. Ich war froh, dass ich bei ihr war, ansonsten hätte ich aus Angst vor hohem Fieber keine ruhige Minute gehabt.

Das nächste Mal wird es besser – vielleicht.

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Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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12 Antworten zu Rückrufaktion

  1. hans schreibt:

    sind rabenmütter bessere mütter ?

    so ganz wert- und richtungsfrei angedacht …

    • Karin Koller schreibt:

      Meinst Du, ich war in dieser Situation eine Glucke? Möglicherweise hast Du recht. Mein Kind war aber so schwer krank (und die Therapie wird erst in ein paar Wochen beendet sein), dass ich nichts riskieren möchte und auch meiner Mutter dei Entscheidung, was im Falle eines Fiebers zu unternehmen ist, nicht zumuten kann. Wäre Katharina ein ganz normal gesundes Kind, hätte ich wegen ein bisschen Gejammere und Temperatur nicht den Kurzurlaub abgebrochen. Dann wäre ich aber auch keine Rabenmutter gewesen.

      • hans schreibt:

        absichtlich ohne eigene meinung hab ich so gepostet – das kann kein aussenstehender sich anmassen zu beurteilen !
        als dieser kann man nur sagen : wie du es tatest, tatest du es richtig und zukunftsbildend für deine familie !

    • Elke Lahartinger schreibt:

      Nein, Rabenmütter sind nicht die besseren Mütter. Es kommt, wie immer im Leben, darauf an, die richtige Balance zwischen Liebe, Sorgfalt, Engagement, Kümmern, Hilfe etc. und die eigene und die Freiheit des Kindes beschränkende Überbemutterung zu finden.

      Wie Karin richtig sagt, ein Schnupfen kann beim einen Kind richtigerweise der Anlaß zu großen Sorgen sein, während er beim anderen Kind überehaupt kein Einschreiten erfordert.

      Ohne mir anmaßen zu wollewn, über das Verhalten anderer zu urteilen: ich hätte in der Situatiuon genau die gleiche Entscheidung getroffen.

  2. Sonja M schreibt:

    Mehr Glück beim nächsten Mal!

  3. Elke Lahartinger schreibt:

    Och, du Arme. Ich kann nur erahnen, wie das in deiner Situation ist. Es werden sich aber sicher bald neue Gelegenheiten für einige Abenteuer ergeben. Und wie du sagst, schlußendlich trifft man aus dem Gefühl heraus doch meist die richtige Entscheidung.

  4. Clara Moosmann schreibt:

    Ich hoffe, der Kleinen geht es wieder gut. Konntet ihr denn ans Meer fahren?

    • laraoberlechner schreibt:

      Ich kann mich nur anschließen. Ist alles wieder in Ordnung?

      Apropos of nothing: Der Nasenschmuck, den du auf dem Foto trägst, sieht wunderschön aus.

      • Karin Koller schreibt:

        Der Kleinen geht es wieder gut, es war nur eine kleine Erkältung, die Blutwerte waren in Ordnung und wir sind ans Meer gefahren. Man wird einfach überängstlich und will nichts riskieren.

  5. Erika schreibt:

    Beim nächsten Mal geht sicher alles gut. Nur nicht aufgeben! Toller Nasenschmuck auch, Laraoberlechner hat recht.

    • Karin Koller schreibt:

      Ich denke, wir müssen uns – nach der Krankheit – erst langsam wieder voneinander lösen. Schritt für Schritt werden Katharina und ich wieder sicherer und dann können wir wieder entspannt einen Kurzurlaub genießen.
      Und danke für die Komplimente Erika und Lara.

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