Trachten und Dialekt

Vor kurzem mussten wir in unserem Garten einige kranke Bäume fällen lassen. Die Aussicht über das Rheintal wurde uns dadurch ermöglicht. Mir erschien die Welt größer und freier. Als Anna sich nach den Arbeiten umschaute, sagte sie: „Alles ist viel kleiner“, und meinte, den Garten und unser Haus im Vergleich zur vorher von Bäumen begrenzten Außenwelt.

Das sind zwei Sichtweisen, die einander widersprechen. Ich glaube, häufiger ist jene von Anna, denn im gewohnten, überschaubaren Umfeld Geborgenheit zu suchen, ist ein ganz natürlicher Impuls.

Aber wie weit sollte man sich seinem Umfeld anpassen und wie weit versuchen, über den Tellerrand hinauszuschauen?

Eine Bekannte von mir legt sehr viel Wert darauf, ihren Kindern den echten Bregenzerwälder-Dialekt beizubringen. Eine andere lässt ihre Fünfjährige nicht fernsehen, damit deren Sprache nicht verwässert wird. Das Kind zeigte bei unserer ersten Begegnung mit dem Finger auf mich und sagte: „Wie redet denn die Frau da?“, weil sie noch nie jemanden Hochdeutsch sprechen gehört hat.

Ich bin davon überzeugt, dass Kinder den Dialekt ganz leicht und natürlich beim Spielen mit anderen Kindern lernen. Man sollte ihnen beibringen, hochdeutsch zu sprechen und keinesfalls das Erlernen der Hochsprache aktiv unterbinden. Natürlich sollte man sich dafür keine Kunstsprache aneignen, sondern mit ihnen sprechen, wie man üblicherweise spricht. Hochdeutsch lernen sie beim Fernsehen. Das bedeutet nicht, dass sie ihre Identität aufgeben müssen, wie so oft von jenen propagiert wird, die den Dialekt als oberstes Kulturgut erachten und die sich gleichzeitig diskriminiert fühlen, wenn ihre Sprache nur schwer in einer anderen Region verstanden wird.

Sprache und Kultur werden bei uns eifrig gepflegt.

Die Sprache kultiviert sich mehr oder weniger von selbst. Sie verändert sich dabei zwangsläufig und es ist sinnlos, Sprachentwicklungen krampfhaft aufzuhalten und mit Zwang eine antiquierte Sprache beizubehalten. (Das gilt auch für Hochdeutsch. Mir gefällt es nicht, wenn die Kinder „lecker“ oder „Sahne“ sagen, aber das ist der Lauf der Welt.)

Die Kultur muss aktiv gepflegt werden. Das geschieht im ländlichen Bereich oft bei der Blasmusik oder in Trachtengruppen. Aber nicht nur in Vereinen werden Trachten getragen.

Aus verschiedenen Gründen halte ich das für nicht unbedenklich. Durch die Tracht grenzt man sich von anderen gesellschaftlichen Gruppierungen ab, von Menschen aus anderen Ländern und sogar von jenen aus der Nachbarregion. Der Stolz auf die Tracht schafft nicht nur Identifikation mit einem oft ideologisch belasteten Heimatbegriff, sondern auch ein Überlegenheitsgefühl gegenüber allen, die nicht diese Tracht tragen.

Trachten wurden von engstirnigen, rassistischen, xenophoben Gruppierungen instrumentalisiert, indem man sie zur Abgrenzung von allen als minderwertig angesehenen gesellschaftlichen Gruppierungen verwendet hat. In der Nazizeit galt das Dirndl als Inbegriff von systemtreuer Mütterlichkeit. Heute setzen Politiker mit demonstrativ getragenen Trachtenjacken eindeutige Zeichen für Konservativismus oder Nationalismus.

Bestimmte Dinge können einfach nicht mehr aus dem historischen Kontext herausgelöst werden, weil sie missbraucht wurden. Beteuerungen von Politikern und anderen Personen des öffentlichen Lebens, sie würden Trachtenmode nur tragen, weil sie ihnen gefalle, sind in diesem Zusammenhang wenig glaubwürdig.

Viele Menschen, die im Alltag oder zu einem Fest eine Lederhose, ein Dirndl oder einen Steireranzug tragen, sind sich dieser Implikationen nicht bewusst.

Im günstigsten Fall sind sie aber Mitläufer einer Uniformität, die sich enge regionale Grenzen setzt. Sie sind die Menschen, die nicht den Blick in die Ferne schweifen lassen, weil ihnen immer schon eingeredet wurde, dass kulturelle Diversität nicht wünschenswert ist.

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Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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10 Antworten zu Trachten und Dialekt

  1. 100%-ige Zustimmung. Wer die Aufzüge der Mächtigen bei Konrads Sauschädelfressen je gesehen hat, wird das nicht anders als als politische Manifestation verstehen können. Und wer Fotos von den Jagdfesten, die der Reichsjägermeister Göring abgehalten hat, gesehen hat, dem wird ein Schauer über den Rücken laufen, wenn er die Seitenblickeberichte über dieses Sauschädelgelage betrachtet.

  2. Elke Lahartinger schreibt:

    Ist das Gemälde von Ironimus? Oder doch von einem Kind?

  3. johannamiller47 schreibt:

    Haider, Dörfler, Scheuch, Pröll, Stoakogler, Hansi Hinterseer, etc: da braucht man keinen Göring mehr, um zu bemerken, in welche Gesellschaft man sich begibt, wenn man sich ins Dirndl schmeißt.

    • alicedelrosario schreibt:

      Für mich als Italienerin ist die Trachtenglorifizierung hier sehr skurill (und war sehr ungewohnt). Und ich würde als Außenstehende schon auch den Eindruck bekommen, dass damit politische Statements gesetzt werden sollen, und wenn es “nur” um eine sachlich durch nichts gerechtfertigte Glorifizierung der Vergangenheit geht.

  4. rrfernandez1 schreibt:

    Nicht zu vergessen: die meisten Trachten beleidigen nicht nur ideologisch, sondern auch ästhetisch.

    • johannamiller47 schreibt:

      Ja, Landhausstil mit Landhaussprache, das ist was Schönes, besonders, wenn mit volksdümmlicher Musik untermalt. Ah, der “Bergdoktor”. Oder diese Hansi-Hinterseer-Filme, in denen alle im gleichen Landhausstil gekleidet sind, aber dialekt- und akzentmäßig babylonisches Durcheinander herrscht.

    • Roman Dick schreibt:

      Hinter der Tracht der westlichen Welt, Jeans, steckt aber auch sehr viel Ideologie. Auf der einen Seite ist die Jeans eine demokratische Tracht (zumindest solche ohne Edelsteinapplikationen). Auf der anderen Seite soll man selbst als Schreibtischtäter mit den früheren Arbeiterhosen das Gefühl haben, dass man ehrliche Arbeit verrichtet und dass Arbeit etwas edles ist. Solche Images werden in den USA immer wieder lanciert.
      Wenn mit Tracht Standesdünkel verbreitet wird, finde ich das auch nicht gut, aber was spricht gegen einen lokalen Kleidungsstil? Dass dieser Kleidungsstil auch einen historischen Bezug haben kann oder soll, ist nur logisch. Anstatt des Großbauernoutfits könnte man z.B. die Tagwerkertracht (analog zu Jeans) tragen oder wie wär’s mit Montafoner Schmugglerhosen.
      Spätestens seit dem Internet geht der zeitliche Modevorsprung zwischen Stadt und Land verloren. Warum also dem Trend nachhetzen?

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