Diese Woche konsumiert: Hart aber Fair: Mein Kleid, dein Leid

Kleider werden nicht menschenwürdig produziert. Und Schuhe. Und Gemüse. Und Fernseher. Und iPads. Und. Und. Und.

Wir wissen das, das ist ein alter Hut. Wir denken nicht darüber nach. Und deshalb lassen wir es zu. Lieber freuen wir uns an einem Schnäppchen, das wir ergattert haben.

Einem Kleid oder T-Shirt sieht man nicht an, wie es produziert wird, nicht, wer es genäht hat, nicht, wer die Baumwolle geerntet oder versponnen hat, nicht wer es gefärbt hat, und schon gar nicht, wie das alles geschehen ist.

Deshalb vergessen wir das leicht. Deshalb beschäftigen wir uns nicht damit.

Thema der Sendung Hart aber Fair ( http://www.wdr.de/tv/hartaberfair/ ) waren diese Woche die Produktionsbedingungen von Kleidungsstücken. Obwohl man weiß, im Hinterkopf, wie das ungefähr abläuft, erschüttern die Bilder und Geschichten.

Da ist die zwanzigjährige alleinerziehende Mutter Moni aus Bangladesch, die 14 Stunden am Tag Kleidungsstücke für H&M (und andere) näht und 35 Euro im Monat verdient. Die Miete für ihre Unterkunft beträgt 32 Euro. Das ist nicht eine kleine Wohnung, sondern ein 5 m2 Raum ohne Fenster, ohne Möbel, ohne sanitäre Einrichtungen. Sie lebt dort mit ihrem kleinen Mädchen und ihrer Mutter. Sie haben nichts, kein Essen, keine Freude, keine Hoffnung.

In einer anderen Näherei in Bangladesch arbeitet ein zwölfjähriges Mädchen auch 14-16 Stunden am Tag. Dabei muss sie immer stehen. Sie lebt in einer etwas größeren Unterkunft, dafür zusammen aber mit 8 Personen. Um 5 Uhr früh, vor der Arbeit, wäscht sie sich voll bekleidet in einem Hinterhof. Das Wasser dafür kommt aus einem Kübel, den offensichtlich vor ihr schon viele andere benutzt haben.

In Usbekistan werden etwa 2 Millionen Schulkinder von der Regierung drei Monate im Jahr zur Baumwollernte gezwungen. Sie werden dabei von ihren Lehrern überwacht. Das ist eine Arbeit für den Staat, sie wird nur mit ein paar Cent bezahlt. Der Staat kassiert die Einnahmen aus dem Baumwollhandel. Offiziell haben viele Länder keine Handelsbeziehungen mit Usbekistan. Dennoch kommt die Baumwolle über Zwischenhändler auf den Markt. Oft ist nicht nachvollziehbar, woher die Baumwolle, aus der Kleidungsstücke gefertigt sind, tatsächlich stammt.

Natürlich kann ein 5 Euro T-Shirt nicht menschenwürdig produziert werden, wird man sofort sagen. Man darf, wenn man das Schicksal der in der Sendung vorgestellten Personen und der tausenden anderen, denen es ähnlich geht, erleichtern will, eben nicht die billigsten Kleider kaufen.

So einfach ist es aber leider nicht.

Die Stiftung Warentest führte vor einiger Zeit eine sehr aufwändige Untersuchung über die Herkunft und Produktion von T-Shirts durch. Kriterien waren Herkunft, Anbau, Ernte und Handel der Baumwolle, das Spinnen, Färben und Weben des Stoffes unter Berücksichtigung der Arbeits- und Umweltbedingungen und das Nähen selbst. Die Firmen mussten Belege für die gesamte Produktionskette erbringen. Sogar Zulieferbetriebe in Asien wurden besucht.

Ergebnis der Untersuchung: Das sehr billige Bio-Baumwolle T-Shirt von C&A schnitt am zweitbesten ab. Die teureren T-Shirts von Street One, S. Oliver und Zara erhielten viel schlechtere Bewertungen.

H&M verweigerte die Zusammenarbeit. http://www.test.de/themen/freizeit-reise/test/T-Shirts-Unternehmensverantwortung-Nur-einer-stark-engagiert-4118781-4121992/

Dieser Test sagt jedoch nichts aus über alle anderen Kleidungsstücke der jeweiligen Firmen.

Teuer zu kaufen ist kein Garant für fair produzierte Ware. Es gibt aber Websites, auf denen man sich über die Produktionsbedingungen der Kleiderhersteller informieren kann:

http://en.fairwear.nl/?w=fair-wear-brands

http://weissliste.twoday.net/

Tierschützer haben in den letzten Jahrzehnten viel bewirkt. Man legt sich nicht mehr ohne weiteres einen Pelz um, weil die Tiere unendliche Qualen erlitten haben. Im Einzelhandel werden keine Eier aus der Käfighaltung mehr verkauft. Das ist gut.

Dennoch ist es traurig, dass nicht mindestens ebenso laut protestiert wird gegen das menschenunwürdige Dasein der Arbeiter, die unseren Wohlstand produzieren. Wahrscheinlich weil der Gedanke daran so schrecklich ist, dass wir ihn lieber verdrängen.

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Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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15 Antworten zu Diese Woche konsumiert: Hart aber Fair: Mein Kleid, dein Leid

  1. Alexa schreibt:

    Wir tun alle viel zu wenig, aber gut, immer wieder daran erinnert zu werden

  2. anniefee schreibt:

    Der Vergleich mit dem Tierschutz hinkt ein wenig.
    Meist sind ja die Leute, die sich beim Tierkonsum rausreden (“ich kann mir kein Bio leisten”) auch die selben, die sich beim Fair Gehandelten rausreden (“kann ich mir nicht leisten”) bzw. viele denken, nur die oberen Schichten könnten sich ein moralisches Gewissen leisten.
    Was aber so pauschal gesagt Quatsch ist.

    Jeder sollte es im Rahmen seiner Möglichkeiten versuchen und nicht gleich resignieren, nur weil es eben soviele Baustellen gibt.

    • Alexa schreibt:

      Da hast du recht, aber man neigt nun mal dazu, kurz betroffen innezuhalten und dann genau wie vorher weiterzumachen, wenn es nicht, wie im Tierschutz, Aktivisten gibt, die das Problem im Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit halten

    • Karin Koller schreibt:

      Ich kritisiere in diesem Fall nicht den Tierschutz. Ich wollte nur darstellen, dass hier schon relativ viel erreicht wurde (was gut ist), es aber für die Menschenrechte keine so engagierten Protestbewegungen gibt. Das eine schließt das andere keineswegs aus. Es ist nur schade, dass man über die Bedingungen der Arbeiter kaum nachdenkt, wenn auf anderen Gebieten durchaus eine Bewusstseinsbildung möglich ist.

  3. joaniebegood schreibt:

    Es gibt halt gerade in diesem Bereich keinerlei Tranparenz betreffend der Produktionsbedingungen, anders als bei Hühnereiern, wo zumindest die gröbsten Schweinereien für den Konsumenten erkennbar sind

    • anniefee schreibt:

      ich habe den Eindruck, beides ist ähnlich intransparent.
      (ist nicht sooo wichtig für die Grundaussage deines Artikels, aber..)
      Man kann ja genauso schlecht mal eben in eine Legehennenproduktion reingucken, wie in eine Baumwollplantage.
      In beiden Fällen gibt es Engagierte, die undercover recherchieren und veröffentlichen – sowie Firmen, die sich “green washen”.

  4. Hofnarr schreibt:

    Ich habe die Sendung auch gesehen – und logisch, sie hat mich erschüttert wie jedermann, immer ieder neu, wie dies wohl von deren Produzenten beabsichtigt war… aber, so einfach wie in der Sendung zum Audruck gebracht, ist es eben gerade wiederum nicht, das ganze Problem, keinesfalls…

    Wenn wir nämlich jene Massenware zu Billigstpreisen weltweit nicht mehr im grossen Stil kaufen, weil wir wissen, dass die vielen Mädchen und Frauen dieser Länder am Anfang der Produktionskette jedenfalls zum Leben zu wenig erhalten für ihre 14-16 stündige Arbeit, dann haben auch ihre Herren keinerlei Arbeit mehr für eben diese Frauen, die da zu Tausenden bis zum Umfallen Baumwolle ernteten, nähten und sich abgeschunden haben…

    Aber damit bleibt nur noch die Prostitution (auch Kinderprostitution) unter grausamsten Bedingungen… Wollen wir das für eben jene lebenslang Missbrauchten denn wirklich?!?
    Ist das denn besser?!? So lange wir den Menschen nicht bessere Alternativen bieten können, haben wir kein Recht, ihnen durch Boykott noch das bisschen zu nehmen, was den Alltag gerade noch lebenswert macht, denn ohne solche Ernte- oder Näh-Arbeit wird’s noch viel schlimmer für sie… und es bleibt nur der Verkauf von eigenen Organen wie Nieren etc. und der Selbstmord, auch das weitverbreitet in jenen Ländern!

      • Hofnarr schreibt:

        Nein, es sind nicht jene Frauen, die davon profitieren. Die Fair-Trade-Produkte erden nicht in Bangladesh hergestellt, nicht direkt neben jenen Mibrauchtätern. Es sind jedenfalls andere…

        …aber die Alternative für die Mädchen und Frauen vor Ort in Bangladesh wäre allenfalls weggehen von solchen Missbrauchstätern und mit Hilfe von Micro-Krediten ein eigenes kleines Unternehmen zu eröffnen, zusammen mit anderen Frauen!!!

        Diese Idee de Gründen von eigenen, kleinen Unternehmen verchiedenter Art inklusive der Bankhäuser für Micro-Kredit stammen direkt von Bangladesh und die Idee wurde von Einheimischen entwickelt und umgesetzt, die die Probleme vor Ort kennen…

      • Hofnarr schreibt:

        …aber auch im Zusammenhang mit Mikrokrediten kann’s Makroärger geben, wie überall Siehe dazu: http://www.zeit.de/2011/11/Grameen-Bank-Yunus Es ist demnach auch hier nicht alles so einfach und perfekt, wie’s zuerst für Aussenstehende, die nicht vor Ort sind, aussieht…

    • Karin Koller schreibt:

      Ziel ist, die großen Firmen dazu zu zwingen, menschenwürdige Bedingungen einzuführen und auf deren Einhaltung zu achten. Das kann man damit erreichen, indem eine kritische Masse von Menschen glaubhaft macht, dass sie die betreffenden Marken nicht mehr kauft, wenn die Bedingungen nicht eingehalten werden. Dann wird H&M, etc. ein Interesse haben, einige Cent mehr pro T-Shirt zu zahlen. Aber leider ist so etwas nicht einfach organisierbar.

  5. anniefee schreibt:

    Alles ist komplex. Aber deshalb resignativ unnötigen Ramsch kaufen steht nicht zur Debatte.

  6. Pingback: Diese Woche konsumiert: 66 Sklaven | Karin Koller

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