Wissenschaft erklärt

Vor Kurzem habe ich zwei Bücher über Biologie gelesen. Eines war die Autobiographie des Gedächtnisforschers Eric Kandel Auf der Suche nach dem Gedächtnis. Das Jugendbuch Wie Lukas Charles Darwin aus der Klemme half von Michael Zeidler habe ich Anna vorgelesen.

In den Buchläden stapeln sich reihenweise populärwissenschaftliche Bücher für Erwachsene, die sich damit brüsten für „Dummies“, also für jeden leicht verständlich zu sein. Es gibt auch Sammelsurien wissenschaftlicher Kuriositäten zum Prahlen am Stammtisch, die aber keinerlei Hintergrund und keinerlei Einblicke in die Welt der Wissenschaft bieten.

Beides gefällt mir nicht. Deshalb lese ich äußerst selten populärwissenschaftliche Bücher. Gerne lese ich aber Sachbücher für Kinder vor weil sie oft liebevoll gemacht sind, manchmal interaktiv mit Aufklappseiten, und eindrücklich und kindgerecht Zusammenhänge erklären.

Wie Lukas… ist eigentlich ein Buch für größere Kinder als Anna. Beim Vorlesen empfand ich es aber als schön, dass wir immer wieder innehielten und ich ihr noch einmal die Fakten erklärte. Das Buch wurde ihr nicht langweilig, weil es auch die persönliche Geschichte von Lukas beschrieb. Lukas ist ein Träumer, der ergründen will, warum er eine Erbkrankheit hat. Die Aufzeichnungen seines Großvaters, der Biologieprofessor war, helfen ihm dabei, der Biologieunterricht nicht.

In seinen Träumen trifft er Wissenschaftler wie Lamarck, Mendel, Darwin, Watson und Monod und hilft ihnen bei der Arbeit. Nicht nur die Wissenschaftsgeschichte wird aufgearbeitet, man erfährt auch über die Irrtümer, die Versuchsanordnungen, die Hypothesen und die Misserfolge der Wissenschaftler. Mit Miescher extrahiert Lukas DNS aus eitrigen Wundverbänden, mit Morgan züchtet er Fliegen.

Vieles ist ganz schön eklig. Was auf den ersten Blick langweilig erscheint, wird plötzlich spannend, weil man den Zusammenhang erkennt. Und dann sind da die Glücksmomente, wenn ein Experiment gelingt, eine Hypothese bestätigt wird, oder wenn Lukas eine einfache und interessante Erklärung für ein Phänomen findet, das im Biologieunterricht alle Klassenkameraden angeödet hat. Am Ende des Buches hat man einen guten Einblick in die Grundlagen der Genetik und bekommt einen Ausblick auf das weite Feld, das noch erforscht werden muss.

Eric Kandel wurde in Wien geboren und musste als Kind vor den Nazis flüchten. Er wollte das Gedächtnis der Welt erforschen. Er begann Geschichte zu studieren, um zu ergründen, was damals in Wien passierte. Aus dem gleichen Grund wechselte er das Fach und studierte Psychologie. Aufgrund seines Interesses für die Mechanismen des Gedächtnisses studierte er auch Medizin. Mit dieser umfassenden Ausbildung widmete er ein Leben der Gedächtnisforschung und erhielt im Jahr 2000 den Nobelpreis für Medizin oder Physiologie.

In seiner Autobiographie beschreibt er die Grundlagen der Neurobiologie, seine Überlegungen über die Planung und Realisierung seiner Versuchsanordnungen, seine Freude und seinen Mut, neue Wege zu gehen. Seine langjährigen Forschungsarbeiten an der Meeresschnecke Aplysia werden durch den Kontext zum menschlichen Nervensystem spannend.

Kandel versteht es, den Leser Schritt für Schritt auf seine Reise durch die Erforschung des Gedächtnisses mitzunehmen. Er zeigt auf, wie wichtig die Verknüpfung von Disziplinen ist und wie leicht man auf der Strecke bleibt, wenn man sich selbstzufrieden im eigenen Fachgebiet isoliert, weil man Neues nicht gelten lässt.

Beiden Büchern gelingt es nicht nur das jeweilige Fachgebiet zu beschreiben und zu erklären, sondern auch den Enthusiasmus, das Interesse und die Inspiration einzufangen, die notwendig sind, um bahnbrechende Forschung betreiben zu können. Sie vergessen dabei aber nicht, die unglaubliche Mühsal der Kleinarbeit zu schildern, mit der man zu Ergebnissen kommt, und die vielen Rückschläge, die man dabei auf sich nehmen muss. Sie zeigen auch, dass man genau beobachten, richtige Schlüsse ziehen und kreativ sein muss, um Erfolg zu haben. Das gilt nicht nur für die Naturwissenschaften, sondern für alle Bereiche des Lebens.

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Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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5 Antworten zu Wissenschaft erklärt

  1. Es gibt nichts idiotischeres, als diese Dummy-Bücher und “Cheat-Sheets” (wie von Daily Beast popularisiert), die den Eindruck vermitteln, es gehe nicht darum, etwas zu lernen oder zu erfahren, sondern nur darum, gegenüber anderen den Eindruck zu erwecken, man wisse etwas (obwohl man eigentlich eh keine Ahnung hat).

  2. aufZehenspitzen schreibt:

    Ich kenne das Buch nicht, aber der Film über Kandel ist wirklich empfehlenswert: http://www.youtube.com/watch?v=aTTAW2UBtw8

  3. alicedelrosario schreibt:

    Ich muss zugeben, ich lerne bei vielen der guten Kinderbücher – wie du eines beschreibst – selbst viel Neues

  4. payoli schreibt:

    Herrlich! Du gibst hier eine wunderbare Wünsche- Chronologie wieder aus der machtvoll, überbordend und sehnsüchtigst nur EIN einziger (Ur-)Wunsch, und das ist unser aller ‘Wunsch Nr.1′, quillt:
    Ich will uneingeschränkt und bedingungslos geliebt werden!
    Und der Wahnsinn daran: Durch unser völlig gestörtes Gesellschaftssystem können wir genau das nicht mehr erreichen, sondern werden weiterhin immer neuen Konsum- Illusionen a la ‘DAMIT ist es dann besser’ nachrennen!
    Und der Ober- Wahnsinn daran: Wir erkennen hinter all unseren (Konsum-)Wünschen weder das Ur- Bedürfnis nach Liebe, noch ändern wir unser lieblos grottenfalsches Verhalten unseren Kindern gegenüber und stoßen sie so in ähnlich kalte Bedürfnis- Welten.
    In diesem Sinn: Liebe Grüße und paradise your life !

  5. lenakarlowski schreibt:

    Kandels Buch ist so wunderbar, weil er nach einem langen erfolgreichen Leben, an dessen Ende er sich auf seinen Lorbeeren ausruhen könnte, immer noch den Eindruck vermittelt, der nächste Tag, der nächste Gedanke ist für ihn entscheidender als alles, was war. Und er schafft es auch, ohne über die Komplexität seines Forschens hinwegzugehen, zumindest vieles für Halb- oder Ganzlaien verständlich zu machen.

    Leider traurig, dass viele Forscher dies gar nicht versuchen.

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