Some things never change oder 20-jähriges Maturatreffen

Ein Gastbeitrag von Clara Moosmann

Ich habe mich wider besseres Wissen breitschlagen lassen, am 20-jährigen Maturatreffen meiner ehemaligen Schulklasse teilzunehmen.

Ermuntert von einigen Freundinnen, die am Ablauf einer solchen würdigen Veranstaltung im Jahre des Herrn 2012 interessiert waren, habe ich mich entschlossen, die Veranstaltung livezubloggen.

Hier mein Bericht samt Kommentaren, as it happened:

8:19 Clara – Der Start steht bevor. Was soll ich nur anziehen? Möglichst bieder? Oder eher avanciert?

8: 20 N – Bieder ist keine Lösung.

8:22 Clara – Ich weiß jetzt schon, dass hier Alkohol die einzige Lösung ist. Aber vielleicht verstärkt bieder wenigstens das Problem nicht.

8:23 E – Das Problem, das durch bieder nicht verstärkt wird, existiert nicht.

8:24 Clara – Dann halt nicht bieder. Wie nicht bieder?

8:25 N – Sehr nicht bieder!

8:26 Clara – Dann versuch´ich mal, wie nicht bieder ich in 20 Minuten schaffe.

9:44 Clara – Im Taxi, decidedly nicht bieder.

10:05 E – Und, angekommen?

11:32 Clara – Ja. Erste Wahrnehmung: ein ehemaliger Lehrer, der mich mit “Hallo, Moosmann” begrüßt. Ich habe schon erwartet, dass er mich als nächstes fragt, was ich mir vorstelle, mit Straßenschuhen anstatt von Hauspatschen die Klasse zu betreten. Und ob ich meine, die Schule sei eine durchgehende Party, so wie ich gekleidet bin.

11:36 Clara – Zweiter Kontakt dann, meine Intimfeindin in den letzten beiden Schuljahren, Erika B. Kennt ihr Seinfeld? Die Begrüßung erfolgte im Stil von “Hello, Newman”.

12:23 Clara – 13 Mitschülerinnen anwesend, 11 Perlenketten. Was sagt das aus?

12:24 K – Schule als gesellschaftliche Einbahnstraße?

12:27 E – Wieviele Kostüme?

12:29 Clara – 6.

13:07 Clara – Jetzt findet eine MESSE statt. Eine katholische MESSE. Aber ohne mich.

13:08 K – WAS??

13:14 Clara – EIN “Dankgottesdienst”. Ich überlege ernsthaft, ob ich die Gelegenheit beim Schopf packen und die Flucht ergreifen soll.

13:16 E – Nein, bleib! Ich fühle mich gut unterhalten.

13:17 Clara – Soll ich inzwischen wieder anfangen, zu rauchen?

13:20 N – Oder du überbrückst dir und uns die Zeit mit soziologischen Schilderungen.

13:29 Clara - Interessant ist, dass, wenn ich das jetzt richtig mitbekommen habe, 6 Mitschülerinnen und 4 Mitschüler bereits geschieden sind, eine Mitschülerin sogar schon dreimal. Wenn man berücksichtigt, dass einige nicht verheiratet sind bzw. waren, ist das eine erschreckende Quote.

13:31 Clara – Ein Erlebnis: ich habe jetzt 20 Jahre verspätet erstmals einem – jetzt zwar pensionierten – Lehrer eine – zu leichte – Ohrfeige gegeben. Der hat mir doch tatsächlich auf den Hintern gegriffen, als er mir schmierige Komplimente über meine “attraktive Erscheinung” gemacht hat. Seitdem scheinen mich einige Männer zu meiden.

13:32 N – Nice Work.

13:38 Clara – Interessant auch: unter den drei Leuten, mit denen ich mich bisher am besten unterhalten haben, waren zwei, mit denen ich in der Schulzeit kaum Kontakt hatte (ein Mann und die einzige Nichtperlenkettenträgerin außer mir).

14:48 Clara – Nächster Programmpunkt: eine Schulführung.

14:49 N – Wurde das von einem Eventmanager organisiert, dieses aufregende Programm?

14:51 Clara – Ich befürchte fast. Oder denkst du, ein normaler Mensch käme auf den Gedanken, vorzuschlagen, dass wir mit den Schülern in der Schulkantine Mittagessen sollten (KEIN ALKOHOL!!).

14:53 Clara – Wobei, das war nicht unspassig, weil ich – zum offenkundigen Befremden einiger ehemaligen Mitschülerinnen – von ein paar Schülerinnen auf mein Outfit, meine Piercings, meine gedehnten Ohrlöcher angesprochen und dafür BEWUNDERT wurde.

14:55 Clara – Unerwartete Erkenntnis, Teil 1: es gibt in Österreichs Schulen immer noch Overhead-Projektoren.

15:00 Clara – Unerwartete Erkenntnis, Teil 2: keine DDR mehr auf den Landkarten.

15:03 Clara – Unerwartete Erkenntnis, Teil 3: keine Bundespräsidentenbilder mehr in den Klassenzimmern (wahrscheinlich seit der Radikalsozialist Heinz Fischer gewählt wurde, um die Schüler nicht zur Revolution aufzuhetzen), aber Kreuze schon, viele Kreuze.

15:04 E – Hoffentlich Kreuze mit Korpus?

15:05 Clara – Nein, ohne. Es handelt sich um eine progressive österreichische Schule.

15:12 Clara – Wenn noch jemand zu mir sagt “Moosmann, immer noch gleich aufmüpfig wie früher” gehe ich.

15:21 Clara – Unerwartete Erkenntnis, Teil 4: es gibt immer noch Leute, die Grasser nicht nur unschuldsvermuten, sondern tatsächlich für unschuldig halten, und zwar zumindest 4 (3 Perlenketten, ein Admiralsjackett).

15:26 Clara – I don´t know how much more I can take. Der Schuldirektor spricht beim Sektempfang zum Thema “Weshalb Disziplin das wichtigste Element guter Erziehung ist.”

15:29 Clara – Das bedeutet, laut Herrn Direktor: Eltern dürfen zwar ruhig saufen, aber nicht in Anwesenheit der Kinder, sondern erst, wenn die im Bett sind.

15:31 Clara – Das wird jetzt wirklich lustig. Ich setze mich vor in die erste Reihe, damit ich ihm auch mimisch und gestisch vermitteln kann, was ich von seinen Erläuterungen halte.

15:32 Clara – “Alkohol ist Gift für Jugendliche.” Ich hab´ ihm zugeprostet.

15:32 Clara – Drogen sind auch arg.

15:33 Clara – Weil, wer Drogen nimmt, macht keine Hausaufgaben.

15:34 Clara – Sondern vögelt.

15:35 Clara – Und vögeln macht krank.

15:36 Clara – Physisch und psychisch.

15:37 Clara - Physisch, wegen AIDS, und psychisch, weil es enthemmt.

15:37 Clara – Und Enthemmung führt zu Verantwortungslosigkeit, gegen sich und andere.

15:39 Clara – Verantwortungslosigkeit gegen sich selbst: man zerstört den eigenen Körper durch Drogen, Piassings und Dattuuus.

15:42 Clara – Ich hab´ ihm gerade zugezwinkert, und dabei ein bissel mit dem Zungenpiassing gespielt, und an meinen Ohrringen gezogen. Er schaut jetzt irgendwie komisch, nicht dass ich ihn aus dem Konzept gebracht habe.

15:42 Clara – Verantwortungslosigkeit gegen andere: ein Wort – asozial

15:43 Clara – Früh aufstehen, auch am Wochenende, ist ganz wichtig. (?????) Wenn man früh aufsteht, wird man nicht asozial und gepiasst, meint er, glaube ich.

15:45 Clara – Und genug Obst essen (hilft das auch gegen Drogen, Piassing und Dattuus?).

15:46 Clara – Comedy Gold.

15:47 K – Was ist das für eine Schule? Und warum hält er euch diesen Vortrag? Vielleicht bist du auf dem falschen Event?

15:47 Clara – Man sollte auch nach 19.00 Uhr nichts mehr essen und viel Wandern.

15:48 Clara – Applaus, Applaus. Glaubt ihr, ich soll ihm persönlich für die tolle Ansprache gratulieren?

15:50 Clara – Jö, der Sekt wurde spendiert von MJ, neuer Chef der ÖVP W und Alumnus der Schule.

15:51 Clara – Kupferberg Gold sind wir der Partei wert, Rechnung geht wahrscheinlich an die Telekom.

15:52 Clara – Nächster Programmpunkt: “Jause und gemütliches Beinandersein.”

15:53 Clara – Enough.

15:56 Clara – More than I can take. Ich, die andere Nichtperlenkette und drei Buben setzen uns ab. Vergessen im Alkohol suchen.

16:08 Clara – Ich habe meine Pflicht erfüllt.

16:12 Clara - Und wenn ich jetzt nicht gehe, dann kann ich morgen nicht früh aufstehen, werde enthemmt, lasse mich piassen, und die Kinder sind ruiniert. Denkt an die Kinder.

16:24 N - Dann viel Spass noch. Iss viel Obst.

16:26 Clara - Danke, so long.

17:11 Clara – So, im Gasthaus. Jetzt Alkohol. Viel Alkohol.

About these ads

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
Dieser Beitrag wurde unter Other voices, other rooms abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

5 Antworten zu Some things never change oder 20-jähriges Maturatreffen

  1. Sebastian D. schreibt:

    Sehr lustig. Du solltest Fernsehdiskussionen, Talkshows und Grasserinterviews livebloggen. Vielleicht wären die dann auch besser auszuhalten

  2. Hofnarr schreibt:

    Ich wusste gar nicht, dass das so lustig/doof zu und her geht bei Klassentreffen. Meine einstigen Mitschüler oder Schulen haben noch nie etwas in dieser Art organisiert… meine Erkenntnis: hab’ ja gar nichts verpasst dadurch, auch gut… okay, dann weiter zum üblichen Tages-Geschäft!!!

  3. RaggedGlory schreibt:

    Was trägst Du denn an öffentlich sichtbaren Piassings, um bei der piassing- und dattuaffinen Jugend Bewunderung zu erlangen?

  4. Daniel schreibt:

    Es hängt wohl davon ab, was man draus macht.
    Wir haben uns zum 10-jährigen Abitur am Abend /vor/ dem “offiziellen” (von der Schule organisierten) Ehemaligentreffen in einer Kneipe getroffen, und es war lustig, ob mit Alkohol oder, wie bei mir, ohne.
    Wer Lust hatte, konnte dann am nächsten Tag die Schulführung usw. machen oder eben auch nicht.
    Weil der Zusammenhalt im Jahrgang bei uns auch eher locker war, konnte durch das formlose Treffen abends jeder mit denen reden, die er mochte, und die anderen links liegen lassen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ photo

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s