2 Tunnel und 14 Ohrringe

Ein Gastbeitrag von Alexa de Meijer

Ich kam zum Termin beim Piercer und wurde in einen Zahnarztstuhl gesetzt. Ich muss sagen, ich fühlte mich auch wie beim Zahnarzt. Allerdings war die Beschallung etwas – ich sage etwas, manchmal machen ja auch Nuancen was aus, – angenehmer als beim Zahnarzt. (Heavy Metal statt Walfischgesänge)

Der Piercer wollte zuerst die großen Löcher machen, bevor er die anderen 14 Stück einzeichnete.

Mir wurde zunächst mit einer kalten orangen Pampe das linke Ohr desinfiziert, bevor der Piercer ins Zentrum des Ohrläppchens einen Punkt malte. Dann verschwand er für einige Minuten – ich hätte also Gelegenheit, noch die Flucht zu ergreifen, dachte auch kurz daran, wurde aber durch einen Anruf abgelenkt, und als der Anruf beendet war und ich nochmals meine Optionen abwägen wollte, kam der Piercer schon mit einer etwa 10cm langen Nadel zurück, die am einen Ende spitz war und dann kegelförmig dicker wurde.

Um zu zeigen, dass ich weder eingeschüchtert war (ich war sehr eingeschüchtert) noch je einen Abbruch der Prozedur ins Auge gefasst hatte (ich dachte in diesem Moment daran, wie ich ohne Gesichtsverlust aus der Situation noch aussteigen könnte), machte ich mit aller Nonchalance, die ich mir abringen konnte, ein Witzchen der Art, was der Piercer mit dem Schaschlikspieß wolle und ich hätte doch schon gegessen. Wir lachten beide bemüht, der Piercer, weil mein Witzchen eher nicht dem subtilen, feinen Humor, dem er üblicherweise zu frönen schien, zuzuordnen war, und ich, weil mir in Anbetracht des Bevorstehenden jedes Lächeln Mühe kostete.

Ich bin sicher, dass der Piercer meine Angespanntheit nicht bemerkte, weil ich sie so gut überspielte. Es gehört sicher zum Standardvorgehen bei jedem Piercing, dass der Piercer dem Kunden mitleidig tief in die Augen sieht, die Hand drückt und aufmunternd sagt: “Das geht auch vorbei. Und dann hast du Großes geschafft.”

Als ich das dicke Ende der Nadel sah, kamen mir 4mm dann doch auf einmal recht eindrücklich vor und ich war mir gar nicht mehr so sicher, ob ich so Großes schaffen wollte.

Aber bevor ich noch etwas sagen konnte, verspürte ich schon ein starkes Ziehen im Ohr und bemerkte im Spiegel, dass die Nadelspitze etwa 2cm in meinem Ohrläppchen steckte. Aus dem Augenwinkel konnte ich sehen, dass das dicke Ende der Nadel aber noch weit davon entfernt war, durch mein Ohrläppchen durchzugehen.

Der Piercer ließ nun die Nadel in meinem Ohr hängen, holte eine Tube Vaseline und schmierte den Teil der Nadel, der noch nicht durch mein Ohr durch war, damit ein. Ich setzte gerade an, noch ein Witzchen darüber zu machen, dass eine Verwechslung vorliegen müsse und Vaseline doch nicht für mich, sondern nur für die andere Fraktion erforderlich ist, als er den Daumen auf das dicke Ende der Nadel, den Zeige- und Mittelfinger hinter mein Ohr setzte und langsam begann, Daumen und die anderen beiden Finger zusammenzudrücken. Es dauerte ein paar Sekunden, bis der Daumen mein Ohrläppchen erreicht hatte. Sobald die Nadel voll durchgedrückt war, nahm der Piercer einen Flesh-Tunnel, setzte diesen auf das Nadelende auf und drückte damit die Nadel aus dem Ohr heraus.

Der Schmerz ließ dann sofort nach.

In dieser Zeitspanne erlebte ich die Wirkungsweise von Hormonen und Neurotransmittern sehr eindrücklich. Kennt ihr das Lied “Heroin” von Velvet Underground? So in etwa fühlte sich das an (Ansetzen der Nadel, kleiner Stich, dann irrsinniger Kick, alles pulsiert, dann plötzliche Verlangsamung der Wahrnehmung, der Kick wird vom High abgelöst). Ich übertreibe und idealisiere im Nachhinein? Ja klar, aber für was macht man sowas, wenn man das nicht darf?

Ich schaute in den Spiegel, und bemerkte, dass ich durch mein Ohr durchblicken konnte, was ein interessantes und durchaus erhebendes Erlebnis war. Wer kann das schon?

Nun müsste ich eigentlich sagen können, dass ich das Gleiche am anderen Ohr nun in Erwartung der Wiederkehr des Rausches sofort wiederholen lassen wollte. Ich scheine allerdings keine zu Suchtverhalten neigende Persönlichkeit zu sein, weshalb ich ernsthaft in Erwägung zog, ob ich nicht, wenn ich es bei einem Loch belassen würde, Vorreiter eines ganz neuen Schönheitsideales werden könnte.

Bevor ich aber eine schlüssige ästhetische Theorie entwickeln konnte, steckte der Schaschlikspieß im rechten Ohr. Ich entschloss mich deshalb, nachdem ja auch die Buddhastatuen oft große Ohrlöcher aufweisen, das Weitere mit buddhistischer Gleichmut hinzunehmen, was mir auch gelang.

Bis zu einem gewissen Punkt. Nämlich dem Zeitpunkt, als der Piercer wieder seinen Daumen auf das dicke Ende der Nadel setzte. Als der Daumen zum Druck ansetzte, gewann meine areligiöse, ja atheistische Grundeinstellung im Unterbewusstsein wieder die Oberhand. Ohne Überlegung sprudelten die gotteslästerlichsten Kraftausdrücke, die man sich denken kann, aus meinem Mund. Der Piercer muss ein spiritueller Mensch sein, weil er mich sehr befremdet anschaute. Naja, jedenfalls hatte ich jetzt zwei Löcher, durch die ich durchblicken konnte. Eine neue Perspektive ist nie schlecht.

Der Piercer fragte mich, ob ich eine Pause einlegen wolle. Nachdem mir zwischenzeitlich die dämliche Heavy Metal Musik aber ordentlich auf den Wecker ging und ich fand, je weniger Lieder über die Zahl des Teufels und die Bräute Satans ich noch anhören müsste, desto besser meine Chance, in der Nacht noch Schlaf zu finden, forderte ich ihn auf, weiterzumachen, wenn er sich dazu in der Lage fühlte.

Er nahm dann den Fotoausdruck meines Ohres, in den ich die Platzierung der Löcher eingezeichnet hatte, stach durch die Punkte auf dem Papier Löcher, hielt dann das Papier auf mein Ohr und zeichnete mit einem Fineliner durch die Löcher auf dem Papier Punkte auf mein Ohr. Ich fand es durchaus erhebend, an einer solch offensichtlich gut durchdachten und vorbereiteten handwerklichen Prozedur teilzunehmen.

Bis mir wieder einfiel, dass ich das Werkstück war und jeder dieser sympathisch wirkenden Punkte auf der Schablone in Kürze von einer Nadel durchstochen werden würde. Der Piercer entfernte die Schablone von meinem Ohr und ich sah auf meinem Ohr Punkte. Sehr, sehr viele Punkte. Und schon wieder kam er mit einer Nadel. Und einer Schüssel voller kleiner Ringe. Sehr vielen Ringen.

Die Musik war jetzt auf Death Metal umgestellt worden und nervte mich so stark, dass ich den Piercer anbellte, er solle jetzt endlich weitermachen. Er schien mir dies aber nicht krumm zu nehmen, sondern näherte sich mir ruhig lächelnd mit der Nadel. (Oder war das Lächeln ein Zeichen dafür, dass er es mir krumm nahm und sich befriedigt dachte, er werde es mir schon heimzahlen?) Er fixierte mein Ohr mit einer Zange, drückte die Nadel durch und fädelte den Ring ein. Ich war, nachdem ich zumindest eine abgeschwächte Wiederholung des Rausches erwartet hatte, fast enttäuscht, dass ich außer einem kurzen Ziepen nichts spürte. Das wiederholte sich in gleicher Weise noch fünf Mal, und ich dachte mir schon, so könne es noch stundenlang weitergehen.

Beim 7. Loch wurde jedoch alles anders. Anstatt des kleinen Piksens, wenn die Nadel das Ohrläppchen durchdrang, gab es plötzlich einen – zumindest so erschien es mir – lauten Knall, als die Nadel das Ohr durchbohrte. Der Piercer bemerkte, dass ich erschrocken war und sagte mir, dass sei normal, so sei das eben, wenn der Knorpel durchbohrt wird.

Ich war jetzt fast geneigt zu sagen, er solle aufhören, sieben Löcher in einem Ohr wären für den Anfang ja auch schon ausreichend. Dann rief ich mir jedoch das Foto auf der “About”-Seite von Karins Blog in Erinnerung und beschloss, die Sache durchzuziehen.

Ich erspare euch und mir die nächsten acht Löcherungen, muß aber sagen, dass das Ohr mir irgendwann zwischen Nummer 10 und 11 schon begann, ziemlich wehzutun. Aber: No pain, no gain.

Und so war ich dann nach ungefähr eineinhalb Stunden in jeder Hinsicht fertig. Der Piercer hielt mir den Spiegel hin, und ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, dass ich mich nicht ein bisschen stolz und glücklich fühlte, als ich mein rotes, aber von oben bis unten silbern funkelndes Ohr zum ersten Mal sah.

Der Piercer sagte mir, als ich bezahlen wollte, er habe noch nie so viele Piercings in einer Sitzung gestochen und fragte mich, ob er für sein Portfolio ein Foto von meinem Ohr anfertigen könne. Nachdem ich mich ärgerte, dass er mir nicht vorher gesagt hat, dass das Stechen so vieler Löcher in einer Sitzung ungewöhnlich ist, teilte ich ihm mit, dass er gern ein solches Foto haben könne. Unter der Voraussetzung, dass er mir 50% Preisnachlass gäbe. (Das muss ihm ja was wert sein, so ein Rekord.)

Er schaute etwas bedröppelt und überlegte, ob ich das wohl ernst meinte. (Meinte ich nicht, aber man kann´s ja versuchen.). Ich setzte ein Pokerface auf und sagte, ich wolle bitte bezahlen, weil es mir pressiere. Er sagte, er würde mir für das Foto 25% Rabatt geben. Ich legte die ursprünglich vereinbarten 500 Euro hin und begann, meinen Regenschirm aufzuspannen. Er sagte widerwillig na gut, schob mir zwei Hunderter und einen Fünfziger zurück und zückte seine Kamera.

Ich ließ ihn sein Foto machen, winkte ihm zu und verließ den Schuppen.

Ich muss sagen, als ich mir mit den Fingern erstmals über das Ohr strich, fühlte es sich ungewohnt, aber fantastisch an. Ich habe zuvor Ohrringe nie vermisst, aber man kann ja nicht vermissen, was man nicht kennt. Jetzt würde ich sie aber vermissen.

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Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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23 Antworten zu 2 Tunnel und 14 Ohrringe

  1. shipwreckk schreibt:

    Lustig. Ich überlege mir gerade auch, ob ich den step-by-step-approach wählen soll, oder auch so vorgehen soll wie du. Wie waren die Schmerzen danach, und wie lange haben sie angedauert?

  2. Shhhhhshhhh! schreibt:

    Ein Fake. Kein Mensch lässt sich sowas machen, und kein Piercer macht das!!!!

    • lenakarlowski schreibt:

      Und das weißt du, weil……????

      • Shhhhhshhhh! schreibt:

        Weil das klar ist, klar????

      • Karin Koller schreibt:

        Eloquente Antwort, alle Achtung.
        Ich habe keinen Anlass zu vermuten, dass die Geschichte nicht echt ist. In jedem Fall sind der Stechvorgang und das Dehnen sehr authentisch beschrieben. Ich nehme nicht an, dass viele das nachmachen werden, weil es doch sehr ungewöhnlich ist. Mich fragen immer wieder LeserInnen, wie sich das Stechen anfühlt. Hier erfahren sie es sehr lebensnah.
        Auf dem Foto ist übrigens nicht Alexa abgebildet (nur falls sich jemand wundert).

      • artemisssss schreibt:

        Shhhhshhhhh:ich habe gerade letzte Woche etwas ähnliches gemacht wie die Autorin, und ich kann dir sagen, dass sie das absolut authentisch beschreibt, klar?

      • PetraK schreibt:

        Shhhhhhhhshhhh!: ich habe mir vorgestern die Ohrlöcher dehnen lassen und kann dir versichern, dass das Dehnen genau so abläuft wie hier geschildert. Also vorsichtig mit irgendwelchen Vorwürfen, die nur auf Ahnungslosigkeit basieren

  3. Daniela Brezcko schreibt:

    Was war der Grund dafür, soviele Ohrringe auf einmal zu machen?

  4. Hartmuth Branner schreibt:

    Zunächst allen, die auf diesem Weblog Beiträge verfassen, ein Kompliment für die größtenteils sehr interessanten, oft geistreichen, manchmal witzigen und fast immer anregenden Artikel.

    Was ich aber nicht verstehe ist, wie solche attraktive und intelligente Frauen das Bedürfnis verspüren, ihren Körper durch Tätowierungen und Piercings zu verändern, und dabei offenbar beträchtliches Leid in Kauf nehmen, wie es die Autorin hier schildert. Vielleicht ist das eine Generationenfrage, aber ich kann es mir einfach nicht erklären.

    • Karin Koller schreibt:

      Zunächst einmal: Danke für die Komplimente.
      Für Körperveränderungen durch Tattoos und Piercings gibt es viele Gründe. Bei mir ist es die Freude, mich zu Schmücken, die kleine Außergewöhnlichkeit, der Nervenkitzel beim Stechen, das Abenteuer, das ich dabei erlebe und der Wunsch, meine Individualität zu unterstreichen.
      Ob das eine Generationenfrage ist, weiß ich nicht. Vor etwas mehr als einem Jahr hat mich eine Blogleserin angesprochen, ob sie sich zur Feier ihrer Pensionierung piercen lassen soll, oder ob das nicht schicklich wäre. Ihr Schreibstil war der einer vornehmen älteren Frau. Nach einer kleinen Ermutigung hat sie es getan und sich gut gefühlt.
      Es geht weniger um das Alter, sondern mehr um die Lust daran.

      • Hartmuth Branner schreibt:

        Danke für die Erläuterung. Ich verstehe es aber leider trotzdem nicht ganz

  5. Dolu schreibt:

    Gut geschrieben und auch sehr aufschlussreich

  6. OldMac schreibt:

    Begeisternde Geschichte! Dürfen wir uns auf ein oder mehrere Sequels mit der üppigen Beringung des rechten Ohres und weiteren Bildern freuen?

  7. Pingback: Mailbox: Ohrringe – Planen, Stechen, Grundausstattung | Karin Koller

  8. BP schreibt:

    findet ihr denn, gedehnte ohrlöcher und durchgepiercte ohren passen zusammen?

  9. Aline schreibt:

    Das würde mir auch gefallen. Aber sind soviele Ohrlöcher nicht sehr pflegeaufwendig?

  10. Susi schreibt:

    ich überlege mir schon lange zeit, ob ich mir mehrfachohrlöcher und/oder gedehnte ohrlöcher zulegen soll, was sind denn eure erfahrungen damit?

  11. J99 schreibt:

    sieht nett aus, aber sind mehrfachohrlöcher nicht out?

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