Glück und Spiele

Ohrringstechen und andere Nebensächlichkeiten – ein Erwachsenwerden, Teil 19

Wir waren am Highway 1 die Küste entlang gefahren, hatten versucht, im eiskalten Ozean zu baden, hatten uns stattdessen nur die Gischt ins Gesicht spritzen lassen und uns dann bei Los Angeles ins Landesinnere gewendet.

In Las Vegas verweilten wir nur kurz in einer Autobahnraststätte mit Casino und einer Truckerverköstigungsstätte mit Riesenportionen. Vom Casino hatte ich mir keinen Monte Carlo Pomp mit Smokings und Paillettenkleidern erwartet, trotzdem war ich enttäuscht. Es gab dort keine Roulette- und Black-Jack-Tische, sondern nur Einarmige Banditen in jeder denkbaren Variation. Die Casinobesucher saßen je nach ihren Erwartungen davor mit kleinen Viertelliter- oder mit Kingsize Eineinhalbliter-Softdrinkpappbechern, zur Aufbewahrung ihres Kleingelds. Die einarmigen Hebel an der Seite der Automaten waren nur noch Attrappen. Man setzte die Elektronik ganz unspektakulär und ohne jede Möglichkeit der gefühlvollen Beeinflussung des Schicksalsverlaufes mit einem rot blinkenden Knopf in Gang. Die meisten Spieler saßen stieren Blickes davor, warfen freudlos eine Münze nach der anderen in das Gerät und drückten mechanisch den Glücksknopf. Weder im Sieg, bei lautem Musikgetöse und Münzgerassel, noch in der Niederlage verzogen sie eine Miene.

Obwohl ich den fehlenden Enthusiasmus der Spieler beobachtet hatte, musste ich trotzdem auch mein Glück versuchen. Ich kratzte alle Münzen aus meiner Geldbörse zusammen. Noch brauchte ich keinen Becher, um sie aufzubewahren. Für den ersten Test ging ich zu der billigsten Maschine, fünf Cent konnte ich opfern. Voller Erwartung drückte ich auf den Knopf. Die Lichter auf dem Gerät fingen an, wie wild zu blinken und illuminierten komplizierte Gleichungen von Urwaldtieren und Gewinnstufen. Gleichzeitig drehten sich in der Mitte des Geräts die Urwaldtierwalzen zu elektronischem Gedudel, das wohl Tropenvögelgesang imitieren sollte. Als die Walzen zur Ruhe kamen, waren nicht alle drei Tierchen in der Mitte gleich. Beinahe schon wollte ich mich enttäuscht abwenden – ohne Ziehen am Arm der Maschine – dachte ich mir dabei, war das ohnehin kein Spaß, als ich Münzen in den Metalltrog des Banditen fallen hörte.  Sofort sah ich nach. Drei Münzen hatte ich erspielt und damit mein Kapital in kürzester Zeit verdreifacht. Reich war ich zwar noch nicht geworden, nicht auszudenken, was ich mir bei einer teureren Maschine alles hätte leisten können von dem Gewinn. Mit fünfundzwanzig Cent Einsatz wäre sich sogar schon ein Schokoriegel ausgegangen. Diese Vorstellung und die Möglichkeit größerer Gewinne ließen mich im Glücksrausch weiterspielen und das eben Gewonnene sofort auf nimmer Wiedersehen in der Maschine verschwinden zu lassen. Entmutigen ließ ich mich dadurch nicht. Wie hieß es bei echten Spielern? Wenn man verlor, musste der Einsatz verdoppelt werden. Also ging ich siegessicher zu einer zehn Cent Maschine.

Dort geschah ganz Ähnliches. Ein paar Münzen gewann ich, aber nach kürzester Zeit hatte ich auch alle zehn Cent Münzen verloren. Weil ich nun vom Spielfieber gepackt war, nicht jedoch weil ich an das große Geld glaubte, wollte ich noch alle fünfundzwanzig Cent Stücke in einen Metallschlund werfen. Kaum hatte ich mich einige Meter von der Verlierermaschine entfernt, stürzte sich eine sonnengegerbte ältere Lady darauf. Sie hatte hinter einem benachbarten Automaten mit einem besonders großen, halbvollen Münzbecher auf diesen Augenblick gewartet. Als ich sie dort sah, hatte ich fast gedacht, sie hätte den kriminellen Gedanken, zuerst ihre Freunde in der Bingobude und dann Fremde im Casino zu berauben. Aber sie hatte nur auf die Zermürbung eines Laien wie mich durch eine Pechsträhne gewartet. Wo ich verzagt oder eben münzmangelbedingt aufgab, war die günstigste Zeit für ihren Einsatz. Schon nach wenigen Münzen brach die Maschine in lautes Getöse aus und wollte gar nicht mehr aufhören, Münzen zu speien.

So wollte ich es auch probieren mit den letzten Münzen, die ich noch hatte. Ich legte mich auf die Lauer. Es gab drei potenzielle Schauplätze, an denen gelangweilte Menschen Münzen aus ihren Bechern in die Maschinen schaufelten. Sie sahen alle aus wie Vollprofis, die schnell die Durststrecke bis zum nächsten Jackpot überbrücken wollten. Erst nach zehn Minuten gab einer auf. Sofort warf ich mich in seinen Sitz. Siegessicher warf ich drei Münzen ein, ohne Erfolg. Nur noch ein Vierteldollar blieb übrig. Bei dem zögerte ich ein wenig, weil ich an meiner Strategie zu zweifeln begann. Schließlich entschied ich mich dafür, ihn im Metallspalt zu versenken. Nervenzerfetzende Spannung überkam mich, während sich die Walzen drehten, ein Jackpot aus Vierteldollars wäre nämlich wirklich ein ganz schöner Gewinn. Sehr antiklimaktisch passierte nichts. Die Bilder der nun stillstehenden Walzen waren alle verschieden. Keine aufreizende Melodie begann zu spielen. Der rote Knopf der Maschine verlangte durch Blinken nach mehr, aber ich hatte keine Münzen übrig. Scheine wollte ich nicht wechseln. Der Geiz hatte über die Gier gesiegt, kein ruhmvoller Triumph.

Nach der urbanen Dekadenz gaben wir uns den Schönheiten der Natur hin. Die Nationalparks Utahs gehörten zu den schönsten Landschaften, die ich je gesehen hatte. Viele der roten Steinmonumente sahen aus, wie von Bildhauern geschaffen, andere wie Triumphbögen. Wir bewunderten metertief in Felsen gefressene Schluchten und glasklare Seen umgeben von weißem Gestein.

Auch bewunderten wir das ländliche Leben in Orten wie Hurricane, Utah und die Trinksitten der Mormonen. Man durfte in Restaurants ausschließlich an der Bar trinken, bei Tisch gab es nur Softdrinks. Wollte man zu seinem Essen weder Wasser noch Saft, konnte man Wein oder Bier am Bartresen stehen lassen und jedes Mal hingehen, wenn der Durst quälte. In Familienrestaurants wurde kein Alkohol serviert, vermutlich wegen der Vorbildwirkung für die Kinder, dafür konnte man andere Speisen als Burger oder Chili zu sich nehmen.

Als wir uns eines Tages, um die Verdauung nach extensivem Fettfritten- und Fleischlaiberlkonsum an der Salatbar wieder zu regenerieren, in ein solches Restaurant begaben, saßen ausgerechnet Bürger aus den damals noch recht neuen deutschen Bundesländern am Nebentisch. In den privaten Kabelsendern wurden Leute wie sie ständig belächelt und verspottet, manchmal sogar angefeindet, weil man meinte, die Wiedervereinigung würde zu viel Geld verschlingen. Ich hatte noch nie Ostdeutsche in Natura erleben dürfen. So sehr ich versuchte, gleichsprachige Menschen im Urlaub zu vermeiden, so sehr freute ich mich nun, weil mein anthropologischer Durst nach fremden Kulturen gestillt wurde. Selten hatte ich die Erfüllung von billigen Klischees so sehr erhofft wie diesmal.

Die Leute von nebenan hatten sich zum Essen feingemacht. Trotzdem trugen sie immer noch Sandalen über den Socken. Im tiefsten Sächsisch sagte der Mann: „We want steak. Steak from beef, not beef-steak.“

Damit stürzte er die Servierdame in heillose Verwirrung. Und Servierdamen in Familienrestaurants mussten ziemlich gescheit sein, denn sie hatten ungefähr vierzehn verschiedene Salatdressings und neunundzwanzig verschiedene Kartoffelzubereitungen ständig aufzählbereit im Kopf zu haben. Schwerere geistige Arbeit hatten nur noch die Menschen zu leisten, die sich amerikanisches Frühstück mit seinen endlosen Kombinationsmöglichkeiten merken mussten.

Die Servierdame kannte also weder Steaks aus Tieren, die nicht Kühe waren, noch kannte sie den Unterschied zwischen „steak from beef“ und „beef-steak“. Letzteres war wohl eine europäische Erfindung, genau wusste ich es nicht, bei der man sich auf billige Weise durch zusammengepapptes Hackfleisch den Luxus von sukkulenten Fleischscheiben vorgaukeln wollte.

So belustigend die Episode auch war, es überwog doch die Enttäuschung, denn diese Ostdeutschen schienen sich nicht sonderlich von Westdeutschen zu unterscheiden. Vielleicht waren sie ein kleines bisschen ärmer und deshalb mehr darauf bedacht, etwas Gutes zu bekommen, wenn sie sich etwas gönnen wollten. Meine kurze anthropologische Studie hatte mich um ein Vorurteil ärmer gemacht. Für den Gutmenschen wäre das erstrebenswert und wunderbar gewesen. Ich fürchtete jedoch, bald niemanden mehr zu haben, über den ich undifferenziert spötteln konnte, wenn das so weiterging. Aber in Depressionen verfiel ich nicht, denn schließlich war die USA diesbezüglich ein Füllhorn und man wurde nicht müde, sich zu wundern.

Nach dem Essen gingen wir unter Lebensgefahr über die Straße in einen Laden und kauften Bier. Das brauchten wir dringend zur Überdauerung der Öde. Zurück im Motel warfen wir uns vor den Fernsehapparat. Das Bier war eines dieser amerikanischen Gebräue ohne Würze und beinahe ohne Schaumbildung. Es schmeckte verglichen mir den Bieren zu Hause, weit weniger stark, obwohl es nicht viel weniger Alkohol enthielt. Zumindest glaubte ich das, denn auf der Flasche war nicht die Menge des Alkohols angegeben, sondern Warnungen vor dessen Gefährlichkeit. Sowohl der Verwässerte Geschmack als auch die versuchte Entmündigung des Trinkers durch die Hinweise des Gesundheitsministers verleiteten mich zu besonders exzessivem Biergenuss. Trotzdem fühlte ich mich nicht betrunken sondern verfolgte mit relativ klarem Kopf die Fernsehserie.

Es war eine jener Großstadtserien, einen glauben ließ, alles in Amerika wäre ein bisschen schriller, bunter und interessanter. Bei meiner Ankunft in New York hatte ich mich in diesem Glauben bestätigt gefühlt. New York war auch schriller, bunter und interessanter als jede Stadt, die ich vorher gesehen hatte. Wo konnte man denn schon von seinem Hotelzimmer aus vierzig Stockwerke tief auf eine Mülltonne in einem engen Innenhof blicken?

Auch die Häuser waren höher, die Straßen breiter, die Museen vielfältiger. Es gab Geschäfte, die mich im Kaufrausch Orgien feiern ließen, ohne den nachfolgenden Kater der Geldlosigkeit, denn man war auf Urlaub und konnte sein Erspartes sorglos verprassen. Und die Buchhandlungen – die Buchhandlungen sahen aus wie erträumt. Stunden über Stunden verbrachten wir dort. Es gab eigene Leseräume, Snackbars und Cafes in ihnen. Man hätte hier seinen gesamten Urlaub verbringen können, ohne Hungergefühle und ohne Kaufzwang. Zu Hause wurde man scheel angesehen, wenn man zu lange in einem ungekauften Buch schmökerte, hier wurden bequeme Sofas für die unentschiedenen Leser aufgestellt. Natürlich kauften Michael und ich so viele Bücher, wie wir nur tragen konnten. Nun schleppen wir sie wie Hinkelsteine von Ort zu Ort.

In einer Werbepause ging ich auf den Balkon, um zu rauchen. Das amerikanische Fernsehen zwang die Zuschauer förmlich dazu, alle paar Minuten zu rauchen, oder wahlweise zu essen.

Beinahe schien es mir, als ob die Werbeunterbrechungen länger dauerten als die Filmfetzen dazwischen. Anfangs hatte ich mich noch dafür interessiert, aber die Dosis hier konnte auch den eifrigsten Konsumenteninformationskonsumenten ins Bockshorn jagen. Trotz der Vielfalt amerikanischer Waren schien sich die Werbung um einige wenige Themen zu drehen. Populär waren verständlicherweise Alles-was-man-essen-kann-Familienrestaurants oder Reinigungsmittel aller Art. Weniger nachvollziehbar war die hohe Dichte an Spots für Hämorrhoidencreme, aber vielleicht bekam man das verstärkt nach übermäßigem Burgergenuss. Oder wenn man die Arschbacken in doppelsinniger Bigotterie zwischen prüder Christlichkeit und fortschrittlichem Weltmachtsgehabe ständig zusammenkneifen musste. Vielleicht fing der Hintern auch durch noch ungekannte bakterielle Infektionen an zu jucken, die durch Überdosierung der aseptischen Reinigungsmittel erst ermöglicht werden. Hausfrauen schienen Gift über alles zu schütten, das jemals mit dem Körper in Berührung kommen konnte, um auch die letzte Mikrobe zu töten. Die Reinigungsmittelhersteller verkauften das als gesundheitsfördernde Maßnahme. Vermutlich handelte es sich um einen geheimen gemeinsamen Komplott der Chemieindustrie und Herstellern von Allergielinderungsmitteln zur Steigerung der jeweiligen Umsätze.

Jedenfalls wurde man zugeschüttet und eingeölt von süßlich tranigen Stimmen, die allen Zuhörern weiszumachen versuchten, das höchste Glück der Erde wäre nur durch den Kauf des angepriesenen Produkts zu erreichen. Schöner noch als die Werbungen der Großkonzerne waren jene der lokalen Kleinbetriebe. Dort zeigte sich, dass auch ohne Millionenbudget und teuren Fachmännern im Hintergrund wahre Perlen entstehen konnten. Diese Spots wurden vermutlich im engsten Familienkreis mit der Homevideokamera gedreht. Nicht immer war die Werbeaussage vom Anfang des Spots bis zu dessen Schluss voll durchdacht. Meistens trat ein nicht besonders zeitgemäß gekleideter Mann mit schlecht sitzender Frisur als Hauptperson auf. Er war der Laden- oder Kanzleibesitzer, Anwaltswerbung war hier besonders populär, und pries an, was er zu bieten hatte. Nicht immer bewegte sich die Kamera dabei. Jene gewagteren Werbenden, die meinten, in der Kamerastatik läge zu wenig Geschäftsdynamik, ließen den Kamerablick durch die Verkaufshalle zittern. Die verwegensten Geschäftstreibenden stellten dann noch ihre Familie, das Personal oder leichtbekleidete Mietpersonen neben ihre Güter. Aber auch von dieser Art des Werbungswesens sah man sich schnell satt. Wir schalteten den Fernseher aus und gingen schlafen.

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Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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Eine Antwort zu Glück und Spiele

  1. Elke Lahartinger schreibt:

    Das Schreckliche an diesen protestantischen Casinos in Las Vegas etc. ist, wie du so schön beschreibst, die Freudlosigkeit des ganzen, weder ein Spass noch ein Gamble noch ein Kick, den man sich schön aufgeputzt gönnt, wenn man derartig inclined ist, sondern nur die Fortsetzung der Arbeit, um Geld zu verdienen, mit anderen Mitteln. Das Thema wäre eine Studie wert, irgendwie.

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