Verlobungsversuche

Ohrringstechen und andere Nebensächlichkeiten – ein Erwachsenwerden, Teil 20

Wenn ich mir einen Ohrring stechen ließe, hatte Michael gesagt, würde er sich mit mir verloben. „Das ist doch Quatsch, zum Verloben braucht man einen Ring, sonst gilt es nicht.“ Ohne Ring war das wohl wirklich nur die halbe Sache. So romantisch war ich dann auch wieder nicht, dass ich ohne Geschenke einen wirklichen Sinn in altmodischen Verlobungsritualen sah.

„Vielleicht habe ich den schon.“

„Dann brauche ich mir keinen Ohrring machen lassen, weil er dir dann nichts nützt, wenn du ihn für dich behältst.“ Nun hatte ich ihn aber richtig schlau ausgetrickst. Weil ich meine Erfolge nicht bescheiden für mich allein feiern wollte, sagte ich: „Ausgetrickst, ausgetrickst.“

„Vielleicht kaufe ich ihn aber erst hier. Selber ausgetrickst. Jetzt musst du selber schauen, ob du es darauf ankommen lassen willst.“

So feinmaschig wie angenommen hatte ich mein Überlistungsnetz wohl nicht gesponnen. Sollte ich es bei der jetzigen Anzahl an Ohrlöchern belassen, Michael in einer Art von Verlöbnisbelagerung zermürben und am Ende vielleicht auf alle Vergünstigungen eines Eheversprechens verzichten müssen?

Widerwillig stimmte ich zu, man konnte ja nie wissen. Eigentlich hatte ich Michael nicht so romantisch eingeschätzt. Ob er eine billige Show abziehen wollte, um zu neuen Ohrlöchern zu kommen, oder ob er es ernst meinte, würde ich erst sehen, wenn ich meinen Teil der Abmachung erfüllt hatte.

Wenn ich es mir so recht überlegte, hatte es mir jetzt plötzlich und sehr kurzfristig die ideelle Bedeutung einer Verlobung weit stärker angetan als die materiellen Reize. In meiner Familie gab es traditionell keine Ehemänner. Mein Großvater und mein Urgroßvater waren im jeweiligen Weltkrieg gefallen, als ihre Kinder noch Babys waren, und mein Vater hatte sich ohne Not verabschiedet, bevor ich geboren war. Er hatte es danach auch nie wieder der Mühe wert gefunden, mich auch nur ein einziges Mal anzusehen, geschweige denn etwas mit mir zu unternehmen.

Seit drei Generationen war in meiner Familie auch keine Frau verheiratet gewesen. Mit einem Eheversprechen von Michael war ich schon auf halben Weg, diese beinahe hundertjährige Tradition zu brechen und auch den Namen, der immer von Mutter zu Tochter weitergegeben wurde, endlich in der Versenkung verschwinden zu lassen. Außerdem fand ich, Michaels Nachname klang so viel exotischer und geheimnisvoller als mein eigener altbackener Name.

Wenn ein Verlöbnis in modernen Zeiten überhaupt noch etwas bedeutete. Ehen bedeuteten schon nicht viel. Konservative Christenmenschen behaupteten immer, die Ehe sei früher viel mehr wert gewesen. Das stimmte nur bedingt. Früher war man an den Trauschein gekettet, weil es nicht schicklich war, sich zu trennen. Die größten Dramen und die traurigste Gefühlskälte spielten sich unter dem Deckmäntelchen der intakten Ehe ab. Heute erduldeten die Leute nicht mehr untragbare Zustände und das hatte mit Selbstbewusstsein und nicht mit hohen moralischen Standards zu tun. Heutzutage behauptete man nur allzu gerne, die Menschen würden bei jeder kleinsten Unebenheit aufgeben. Früher, als die Statistik noch in Ordnung war, hatten Frauen einfach Angst, sich auf eigene Beine zu stellen. Die Selbständigkeit von Frauen begann erst in der Generation unserer Mütter überhaupt, und dann nur zögerlich, schicklich zu werden.

Wenn nicht gerade Schreckliches passierte im ehelichen Heim, war es auch viel bequemer, einfach zusammenzubleiben. Schließlich hatte man sich in den ersten Jubeljahren ein Bäuchlein angefressen. Die Haare wusch man sich auch nicht mehr so gerne und man verbrachte seine Abende lieber auf der Couch als auf der Suche nach neuen Lebenspartnern und den damit verbundenen Enttäuschungen.

Trotzdem war die Ehe für mich etwas Spezielles. Immer noch hatte ich die Hoffnung, dass gute Ehen halten würden, und besonders die, die ich eingehen wollte, nach reiflicher Überlegung mit dem Mann, den ich liebte. Ich würde meinen Vorfahren und allen Unkenrufern zeigen, wie es auch funktionieren konnte. Ich würde eine richtige Familie haben, in der die kleinen Mädchen sich nicht nach ihrem Vater sehnen mussten. Der wäre nämlich immer für sie da. Wenn Michael sein Versprechen nicht einhalten, oder es vielleicht gar nicht mehr geben wollte, würde er es mit mir zu tun bekommen.

Die Tage vergingen. Ich wählte San Francisco als Ort für das Ohrringstechen aus, weil ich mir weniger provinziell vorkam als in New York. Die schicken Bezirke, in denen sich die Bodypiercer angesiedelt hatten, vermied ich. Lieber wollte ich einen Laden finden, in dem spießige zehnjährige Mädchen zusammen mit ihren Eltern ihre Ohren verhübschen ließen.

Was ich suchte, fand ich in Form einer Plastikschmuck- und Tüllmäschchenhandlung. Ein Schild bewarb „Professional Earpiercing“. Das Stechen ging schnell und problemlos.

„Das ist ja am falschen Ohr. Das gilt nicht“, sagte Michael, als ich das Geschäft verließ.

„Das ist am linken Ohr, beim Herzen. Das gilt besonders und ich will sofort verlobt werden.“ Es wäre ja noch schöner, wenn er sich einfach so aus der Affäre ziehen könnte.

„Das kannst du schon haben“, sagte Michael, „hier mitten auf der Straße aber dann wird es nicht feierlich und vielleicht sogar ohne Ring. Für eine schöne Verlobung musst du noch ein bisschen warten, dafür wird es eine Überraschung.“

„Immer musst du bestimmen.“

„Immer musst du das letzte Wort haben. Wenn wir mal verheiratet sind, werde ich ganz schön unter deinem Pantoffel stehen.“

„Muss ich gar nicht, siehst du ja. Aber ich will die Feier bald, um die furchtbaren Schmerzen zu lindern.“

„Kriegst du ja.“

„Siehst du, wie großzügig ich auf das letzte Wort verzichte.“

Die nächsten Tage lief ich aufgeregt wie ein kleines Kind herum. Jeden Moment erwartete ich den großen Kniefall.

Wir verbrachten einige Tage in Utah zwischen vorurteilsbeladenen Gehässigkeiten und purem Staunen über die Vielfalt und Schönheit der Landschaft. Von den vielen Eindrücken übersättigt, hatte ich nicht mehr an das versprochene Eheversprechen gedacht, als Michael an einem besonders malerischen Ort parkte. Weit und breit befand sich kein Mensch. Vor uns taten sich zerklüftete rote Schluchten auf, soweit das Auge reichte. Es sah aus wie eine Mondwelt, nur in sattem Rot und Grün. An der Schattenseite schienen die Felsen lila zu sein. Es war ein heißer Tag und in der Ferne flimmerte die Luft. Sonst regte sich nichts.

Ich stieg aus dem Wagen, um mir die Beine zu vertreten. Michael blieb zurück und kramte in der Kassettenkiste herum. Als ich zurückkam, waren die Autotüren offen und Musik spielte. Es war Have I told you lately von Van Morrison. Während der gesamten Fahrt hatte ich dieses Lied nie gehört, Michael musste eigens für diesen Anlass schon zu Hause die Kassette aufgenommen und die ganze Zeit versteckt haben.

Erwartungsvoll sah mich Michael an. Er nahm meine Hand und sank auf die Knie: „Willst du mich heiraten?“

Seit einiger Zeit schon hatte ich gedacht, dass ich  zu einer modernen, abgeklärten Frau geworden war, die sentimentaler Firlefanz nicht mehr so leicht aus der Bahn werfen konnte. Außerdem war ich davon überzeugt gewesen, so ein Verlöbnis wäre eine nette Geste mit tollem Geschenk, aber viel mehr nicht. Wenn man sich liebte, wäre es nicht nötig und wenn man sich später nicht mehr liebte, sowieso nicht. Aber einen Ring geschenkt zu bekommen, das war nicht schlecht.

Und nun, nun schossen mir, die ich diese Dinge aus kühler Distanz betrachten wollte, die Tränen aus den Augen. Michael hatte so einen romantisch schönen Augenblick gewählt und diesen noch mit so einem romantisch schönen Lied untermalt. Er schaute auch so ernst und entschlossen drein, ich sah uns schon gemeinsam in unserem Alterssitz. Ich weinte so sehr vor Rührung über diesen Liebesbeweis, dass ich nicht einmal erkennen konnte, wie der Ring aussah, den mir Michael über den Finger streifte. Ich war wie Butter in der Sonne geschmolzen und konnte nicht einmal eine Antwort geben. Das einzige, das ich noch fertig brachte, war Michael um den Hals zu fallen und schluchzend zu nicken. Natürlich wollte ich ihn heiraten. Ich hatte es schon bei unserer ersten Reise nach Frankreich gewusst und in den letzten vier Jahren hatte sich daran nichts geändert. Die Frage von Michael war die Vertiefung dieser Gewissheit und gab mir das behagliche Gefühl, dass er genau gleich empfand.

Als ich mich ein wenig erholt hatte, sagte Michael: „Aber das halten wir vorläufig geheim.“

„Warum? Das ist doch so schön.“ Ich war ziemlich enttäuscht, denn wenn eine Verlobung niemand erfahren durfte, war das beinahe so, als würde man sich dafür schämen. Für einen Moment überlegte ich, ob Michael das nur gemacht hatte, um mir eine Freude zu machen, sich selbst aber vor anderen nicht kompromittieren wollte. Doch dann sagte Michael: „Schau doch nicht so. Wenn wir es allen sagen, fragen die uns doch andauernd, wann wir heiraten werden. Willst du das?“

„Dann heiraten wir eben bald.“ Ein bisschen schmollen musste ich schon, aber ich wusste, dass sich Michael zu nichts drängen lassen wollte. Für ihn galt das Eheversprechen, auch wenn es Jahre dauern würde, bis zur Hochzeit.

„Ach, das können wir uns nachher immer noch überlegen. Ich habe einen Sekt und Pappbecher im Auto.“

Er holte beides hervor und schenkte uns ein. Wir stießen an und ich beschloss, tatsächlich lieber den wunderschönen Augenblick zu genießen als Michaels Motivationen zu dekonstruieren.

Einige Tage später stand ich am Balkon eines Motels. Ich zog an meiner Zigarette und betrachtete meinen Ring. Er war ein leicht gewelltes Goldband mit einem großen, ovalen Smaragd in der Schwingung. Im Band waren drei kleine Brillianten versprenkelt. Der Ring schien fast wie ein Symbol für eine Familie mit starkem Mann und drei kleinen Kindern, aber im Romantikrausch neigte ich wohl zum Überinterpretieren. In einem pathetischen Land hatte Michael mir eine Liebeserklärung voller Pathos gemacht. Was konnte man sich Schöneres vorstellen? Wie sollte man da nicht ganz weich im Herzen und im Kopf werden?

Ich nahm einen Schluck von meinem Bier und lehnte mich an die Brüstung. Mitten auf dem tristen Hof dieses tristen Motels an diesem tristen Ort stand ein Fahnenmast. An ihn schwang majestätisch eine riesige amerikanische Flagge im Wind. Ein Steppenbuschbüschel wurde umhüllt von einer Staubwolke daran vorbeigetrieben. Dahinter erstreckte sich das breite Band der Autobahn. Die Sonne war fast untergegangen. Im Dämmerlicht sah selbst die traurige TexMex-Bude einladend aus. Die Fahne stand waagrecht im Wind. Es war ein erhabener Anblick, ein Anblick, der genauso war, wie ich das Land auf dieser Reise empfunden hatte, gleichzeitig armselig und erhaben, bis zur Lächerlichkeit sich selbst überzeichnend und dann doch wieder von schlichter Schönheit.

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Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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9 Antworten zu Verlobungsversuche

  1. lenakarlowski schreibt:

    Warum so antiquierte Konzepte wie Verlobung und Hochzeit für uns moderne Frauen – ich schliesse mich da nicht aus – immer noch so einen Reiz haben?

    • SonjaLy schreibt:

      Romantik, I suppose?

      • ninaentner schreibt:

        Und so eine archaische Geborgenheitssuche wohl auch, stelle ich zumindest bei mir fest

    • Athenaeum schreibt:

      Weil es in der Natur des Menschen liegt, eine monogame Beziehung zu suchen, trotz aller gegenteiligen Hippiepropaganda

      • Hofnarr schreibt:

        Die Zeiten der Hippies von 1968 sind vorbei… Es gibt also in diesem Jahrhundert auch keine Hippiepropaganda mehr, @Athenaeum…

        …aber man könnte auch in monogamen Beziehungen einfach bloss zusammen leben, ohne Trauschein, ist es doch bei Trennung wesentlich mühsamer, sich vor Gerichtshäusern scheiden zu lassen, als einfach bloss mit Sack und Pack seiner Wege zu gehen. Zumindest werden heute nahezu die Hälfte aller Ehen/monogamen Beziehungen in westlichen Ländern irgendwann wieder geschieden, in allen Generationen, bei vorgängiger Heirat ein mühsames Prozedere fürwahr…

      • Hofnarr schreibt:

        …und noch etwas: Auch in Harems und in 4-Frauen-Ehen der Mohamedaner wird geheiratet, stets, obwohl dort die Männer weder monogam sind, noch zu den Hippies gehören!!!

        Und, wir sogenannt monogamen Christen sind da heutzutage nicht etwa besser, von wegen 4 Frauen: Die Moslems haben ihre 4 Frauen zwar zuweilen gleichzeitig nebeneinander, sofern sie über genug Finanzen verfügen, um die 4 Ehen einzugehen, aber bei finanzstarken Christen gibt’s dafür zuweilen 4 Ehen hintereinander, mit dazwischenliegenden Scheidungen.

        Schöne Geborgenheit!!! Vor allem für die Kinder derselben!!!

    • JimBob schreibt:

      Ich sehe da nichts Frauenspezifisches

      • thorstenzech schreibt:

        Geht mir genauso. Man möchte doch einen glücklichen Zustand immer für die Ewigkeit festschreiben, und wenn es nur symbolisch ist.

      • Hofnarr schreibt:

        Ob das mit dem glücklichen Zustand mittels Heirat festschreiben nicht immer erneut eine Illusion ist?! Oder ist’s so nicht jedenfalls (auch) eine wirtschaftliche Interessengemeinschaft und noch anderes?! Und hat auch was mit Sicherheit zu tun, eine Sicherheit allerdings, die (möglicherweise) auf wackligen Beinen steht oder aber sehr einseitig ist oder sein kann…

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