Lichtblick in der Billigunterkunft

Ohrringstechen und andere Nebensächlichkeiten – ein Erwachsenwerden, Teil 22

Ich stellte mich beim Einreiseschalter an. Als ich an der Reihe war, fragte mich der Beamte: „Sind sie privat oder geschäftlich in Kanada?“

Selbstbewusst sagte ich natürlich, „Geschäftlich“, ganz vergessend, dass ich in meinen Jeans und T-Shirt eher wie ein Campingtourist aussah.

Tatsächlich rümpfte der Beamte hochmütig die Nase und zog eine Augenbraue in die Höhe: „Was für Geschäfte mögen das wohl sein, wenn man fragen darf?“ Seine Worte klangen fast britisch, so viel Arroganz hatte er in sie gelegt.

Ähnlich nasal und mit großem Nachdruck stieß ich hervor: „Ich nehme an einem internationalen Kongress teil“, um wenigstens ein wenig Würde zu behalten, was nur leidlich gelang. Immerhin ließ er mich passieren und ich musste keine peinlichen Fragen über meine Barschaft oder mein Rückflugticket beantworten. Er winkte mich mit immer noch hochgezogener Braue durch, als wäre ich nicht gut genug, um geschäftlich nach Kanada zu kommen. Ich war so wütend, am liebsten hätte ich gleich einen terroristischen Anschlag verübt und dann bei meiner Verhaftung den Behörden gesagt, dass genau dieser Typ mich ins Land gelassen hatte. Da hätte der schön durch die Röhre geguckt, der eitle Schnösel. Ich allerdings auch, deshalb beschloss ich, meiner friedlichen Mission treu zu bleiben und den Kanadiern meine Daseinsberechtigung durch rauschende wissenschaftliche Erfolge beim Kongress zu demonstrieren.

Bei der Gepäckentnahme wurde mein Rucksack von Hunden beschnüffelt, die nicht wie überall sonst nach Drogen suchten, sondern nach Lebensmitteln, als ob es in Kanada wesentlich illegaler war, ein Wurstrad zu importieren als ein Kilo Heroin.

Zum Hotel fuhr ich mit dem Bus, rannte viermal um den selben Block, bis ich es fand. Es war wirklich eine eher armselige Bude. Das Schöne war, dass ich nicht ganz alleine dort wohnen musste. Ich hatte mir nämlich mit Mary, einer irischen Doktorandin, ausgemacht, im gleichen Hotel zu wohnen. Sie arbeitete bei dem gleichen EU-Projekt wie ich und hatte von ihrer Universität auch nur ein kleines Reisebudget bekommen.

Als ich ankam, saß Mary schon in der winzigen Empfangshalle, die gleichzeitig auch Frühstücksraum und Bar zu sein schien. Würde man Mary außerhalb Irlands in einen Raum mit beliebig vielen Menschen stecken, würde jeder sofort erkennen, dass sie die Irin war. Sie hatte lange, leicht gewellte naturrote Haare, eine sehr blasse Haut und Sommersprossen. Zum Glück sprach sie nicht mit dem irischen Akzent, den ich nicht verstehen konnte, sondern ganz normales Englisch. Das vereinfachte unsere Konversation beträchtlich.

Wir begrüßten einander fast schon wie zwei Gestrandete auf einer einsamen Insel, was wir in gewisser Weise auch waren. Mary machte auch den Eindruck, als wäre sie recht froh, nicht alleine in dem Hotel bleiben zu müssen. Ich checkte ein, das Zimmer war winzig, im Stil der Sechzigerjahre eingerichtet. Natürlich war da kein Fernsehapparat, aber wenigstens ein recht großes Bett mit halbwegs frisch aussehenden Laken und ein Waschbecken. Die Toilette befand sich in dem Teil des Gebäudes, der von meinem Kämmerchen am weitesten entfernt lag und war gleichzeitig auch das Bad. Das bedeutete, man konnte nicht duschen, während irgendjemand aus dem Stockwerk sich erleichtern musste, beziehungsweise wenn man sich die Dusche endlich erkämpft hatte, konnte es passieren, dass man seine Waschung in den satten Schwaden des sich entleert habenden Vorgängers verrichten musste. Ich beschloss, gleich am nächsten Tag stark duftendes, alles übertünchendes Duschgel zu kaufen.

Nach einem kleinen Nickerchen ging ich mit Mary auf Burger und Bier. Ein wenig mühsam war das schon, denn wir litten beide unter ziemlichen Jetlag. Trotzdem mussten wir versuchen, uns so lange wie möglich wach zu halten, um am nächsten Tag wieder fit zu sein. Da sollte der Kongress mit einem Abendempfang beginnen. Dies klang schon wieder ungemein wichtig und businesslike, denn nur wahre Geschäftsreisende wurden zu Empfängen eingeladen. Das gab mir Auftrieb, ich beschloss, dort der Schnittlauch auf der Suppe zu sein, und nicht ein armseliges Mauerblümchen, wie es sonst eher meiner Natur entsprach. Jetzt war nämlich die Gelegenheit für mich gekommen, endlich erwachsen und selbstbewusst zu sein.

Am frühen Abend des folgenden Tages machten wir uns auf den Weg zur Eröffnungsveranstaltung im Luxushotel. Wir hatten uns beide aufgemascherlt wie die Pfingstochsen, unsere schicksten Kleider angezogen, etwas mehr Schminke angelegt als uns bekam. Mary fragte mich unterwegs immer wieder, ob sie denn schön genug, und dann wieder ob sie nicht zu auffällig angezogen war. Ich fand, es war alles in Ordnung und war sehr froh, diesmal nicht das einzige unsichere Weichei zu sein.

Dennoch kamen wir uns beim Betreten des Kongresshotels vor wie die armen Verwandten. In der Eingangshalle hingen schwere kristallene Luster. Der Boden war mit dicken, lärmabsorbierenden Teppichen ausgelegt. Vornehme Hotelgäste saßen in den riesigen Ledersofas. Soweit das Auge reichte, waren alle möglichen und unmöglichen Dinge vergoldet.

Über eine Marmortreppe ging es zu den Konferenzräumen. Möglichst unauffällig folgten wir den Schildern zu unserem Kongress. Trotz meiner Galaaufmachung hatte ich ein wenig Sorge, dass gleich einer dieser kastenartigen Türsteher im schwarzen Anzug auf mich zukommen würde und mich des Hotels verweisen würde, weil ich wegen fehlender Noblesse das Auge der reichen Hotelgäste beleidigte. Das geschah zum Glück nicht.

Bei den Kongressräumlichkeiten angekommen, meldeten wir uns an, bekamen Namensschilder und eine Tasche mit dem Programm, Block und Stift und einer Einladung zum großen Galadiner, das auf einem Schiff stattfinden sollte. Somit waren wir nun offiziell berechtigt, uns in den vornehmen Hallen aufzuhalten und konnten uns ein wenig entspannen. Es waren erst wenige Teilnehmer gekommen, die meisten fanden es vermutlich sehr schick, sich zu verspäten oder waren so wichtig, dass sie keine Zeit vergeuden konnten wie wir unwichtigen Untertanen und direkt vom Flughafen zum Kongress eilten.

Mary und ich suchten unsere zugewiesenen Posterplätze. Das Zusammenstellen meines Posters dauerte ziemlich lange. Die Posterwand hatte ein ungewöhnliches Format, in dem sich meine Posterteilzettel nur mit Mühe in eine symmetrische Ordnung bringen ließen.

Langsam füllte sich der Raum, immer mehr Leute hängten ihre Poster auf. Mit Schrecken bemerkte ich, dass fast alle Teilnehmer Plakate im Hochglanzfarbdruck hatten und mein Machwerk weit und breit das am armseligsten aussehendste war. Aber der Inhalt zählte doch und nicht die Verpackung, sagte ich mir, und das würden die wichtigen Leute schon merken.

Dennoch ging ich gleich zu Mary, schaffte Abstand zwischen mir und der von mir produzierten Armseligkeit. Mary stand neben ihrem Professor, für den offenbar genug Geld für das Luxushotel vorhanden war, und stellte mich vor. Der Professor war äußerst unfreundlich zu mir, deshalb gingen Mary und ich schnell in Richtung Büfett.

„Was hat denn dein Chef gegen mich?“

„Ich habe keine Ahnung, sonst ist er gar nicht so. Ich werde später nachfragen.“

Wir holten uns ein paar Happen beim Büfett, das wirklich luxuriös aussah, und verdrückten uns schüchtern in eine Ecke, um die anderen Kongressteilnehmer zu beobachten. Ein paar kannten wir schon von unserem EU-Projekt. Da war der schwedische Professor, der vor solchen Gratisessen immer hungerte, die Hälfte des Abends alles in sich hineinstopfte, was er nur konnte und dann grünlich im Gesicht für auffällig lange Perioden in der Herrentoilette verschwand. Auch diesmal hatte er seine Häppchen kunstvoll dreistöckig auf seinen Teller getürmt. Da war der holländische Professor, der aussah wie ein Hippie, und die französische Professorin, die unentwegt alle möglichen Leute abküsste und die sich gerne an den italienischen Professor drückte. Es wurde einiges gemunkelt über die beiden. Mary und ich kamen uns schon fast vor wie die alten Füchse, denn die Gesellschaft, die sich mit unserem Fachgebiet befasste war nicht besonders groß und, wie es schien, relativ inzestuös. Die meisten wichtigen Universitätsleute kannten wir zumindest dem Namen nach. Industriemenschen konnten wir keine ausfindig machen.

Da sah ich Kenji. Er war für ein Semester als Gastprofessor in Wien gewesen. Dort hatten wir gemeinsam unser Patent entwickelt. Von Japan aus betreute er meine Arbeit immer noch per E-Mail. Seit einem Jahr hatte ich ihn schon nicht mehr gesehen, deshalb stürmte ich gleich freudig auf ihn zu, um ihn zu begrüßen. Kenji begrüßte mich höflich, wechselte ein paar Worte mit mir und sagte dann nur: „Wir sprechen später.“ Was das sollte, wusste ich nicht genau. Vielleicht war er auf der Suche nach wichtigen Kontakten, für die meine Anwesenheit hinderlich war, oder es war ihm nicht schicklich, so locker mit mir zu plaudern. Jedenfalls ging ich zurück zu Mary, die sich in die Nähe ihres mir feindlich gesinnten Professors gesellt hatte. Sie flüsterte mir ins Ohr: „Mein Chef hat mir gesagt, dass er nicht mit Österreichern spricht, weil Österreich Irland aus der Qualifikation geworfen hat. Er meint, er muss Prioritäten setzen und Fußball ist ihm wichtiger als Höflichkeit.“

Ich war fassungslos, konnte noch zu einem gewissen Grade derart intensives Fantum verstehen, das alle Regeln der Höflichkeit missachtete, sogar gegenüber Menschen, die nun wirklich nichts für das Fehlen Irlands bei der Weltmeisterschaft konnten. Aber dieser Mensch konnte doch kein echter Fan sein, denn er hatte sich die Fakten falsch gemerkt. Als sein Gesprächspartner von dannen zog, ging ich zu ihm hin: „Entschuldigung“, er schaute zuerst Mary und dann mich finster an, „aber Mary hat mir erzählt, dass Sie einen Fußballgroll gegenüber Österreichern haben. Und da muss ich wohl einiges richtigstellen. Wir sind nicht schuld, dass Irland nicht dabei ist. Wir haben gar nicht mit Irland in der Qualifikation gespielt, das war vor zwei Jahren in der Europameisterschaftsqualifikation und da haben wir, glaube ich, zweimal verloren. Wir können nichts dafür, das wollte ich nur sagen.“

„Oh, ja, stimmt, das habe ich mir wohl falsch gemerkt“, er schaute zuerst zerknirscht und lächelte mich dann an, „da muss ich mich wohl mit einem Getränk entschuldigen. Was trinken Sie?“ Schon schleppte er mich zur Bar und bestellte mir ein Glas Wein. Wir sprachen eine Weile über Fußball und als ich ihm von meiner Fernsehmisere erzählte, versprach er, mir täglich genau über die neuesten Ergebnisse zu berichten.

Fußball ist schon ein komischer Sport, innerhalb von Minuten kann man sich Freunde oder Feinde schaffen. In jeden Fall war die Weltmeisterschaft ein Eisbrecher, denn wo sonst beklemmende Gesprächspausen entstanden wären, da man sich abseits der Forschungsthemen nicht viel zu sagen hatte, konnte immer der Fußball herhalten und schon konnte man wieder angeregt plaudern.

Nach diesen erfreulichen Fußballwendungen beschloss ich doch, nach meinem Poster zu sehen.

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Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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2 Antworten zu Lichtblick in der Billigunterkunft

  1. lenakarlowski schreibt:

    Österreich bei einer Fussball-WM? Das muss ja noch in einem anderen Jahrtausend gewesen sein.

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