Nur Hosenglück?

Ohrringstechen und andere Nebensächlichkeiten – ein Erwachsenwerden, Teil 23

Ich stellte mich mit geblähter Brust und einladend grinsend neben mein Poster, in erwartungsvoller Bereitschaft, den sicherlich gleich in Scharen einstürmenden Interessenten fachliche Befriedigung zu bieten. Schon tauchte eine kleine Karawane Universitätsprofessoren im Postergang auf. Sie gingen mit langsamen Schritten an den Hochglanzplakaten vorbei, nickten mitunter wohlwollend, ließen das eine oder andere lobende Wort fallen. Als sie zu meinem Poster kamen, gingen sie schnell vorbei. Erst dem nächsten Farbplakat schenkten sie ihre Aufmerksamkeit. Denen war wohl mein kunstvolles Puzzleposter zu wenig aufgemotzt, um einen Blick zu riskieren. Solche nur auf Äußerlichkeiten achtenden Menschen hatten ich und meine Arbeit doch gar nicht nötig, die wussten doch gar nicht, was gut war. Die nächsten würden schon merken, dass sich hinter der einfachen Präsentationsform eine wahre Perle verbarg. Sicherlich. Zumindest hoffte ich, meine Arbeit wäre, wenn schon nicht eine Perle der Wissenschaft, so zumindest etwas, wofür man sich nicht zu schämen brauchte.

Leider besserte sich die Situation den ganzen Abend nicht. Ich beobachtete die Vorbeikommenden, teilte sie in wichtige und unwichtige ein, in potentielle Fußballfans und solche, die dem Ballsport abgeneigt sein mussten. Aber das wurde schnell langweilig. Da versuchte ich etwas Neues, ich schloss die Augen und versuchte blind zu bestimmen, wie viele Leute an mir vorbeigingen. Immer war es derselbe Rhythmus der Schritte: langsam- langsam, schnell-schnell (bei meinem Poster), langsam-langsam.

Fast schon war mir schwindlig vom Herumstehen mit geschlossenen Augen, als es plötzlich langsam-langsam-langsam-nichts machte. Schlagartig wurde mir bewusst, dass ich wohl etwas absurd aussehen musste. Als ich die Augen öffnete und ein breites Grinsen aufsetzte, sah ich tatsächlich einen Mann, der mein Poster studierte. Er kniff die Augen zusammen, da die Schrift wohl etwas klein geraten war, ging Seite für Seite durch, nickte manchmal und murmelte noch ein „Interessant, interessant“ bevor er weiterging.  Immerhin war das ein Anfang, ein einsamer Mensch hatte sich schon für meine Arbeit interessiert, es würden andere folgen, bestimmt.

Die nächsten Tage brachten auch keine glühenden Interessenten, deshalb gab ich es auf, wie ein Ölgötze bei meinem Poster zu stehen. Lieber half ich in den Pausen Mary, nach schnuckligen Typen Ausschau zu halten. Bei einem langen Bierabend hatte sie mir ihren Wunsch nach einem netten Mann gestanden und ihre Unfähigkeit einen solchen zu finden. Sie wollte keinen Mann, der starkes Interesse an ihr zeigte, denn sie fand, das müsste doch ein Loser sein. Die Männer, die sie links liegen ließen, interessierten sie. Das Problem war nur, die konnte sie aus recht einleuchtenden Gründen nicht bekommen und falls doch, waren es eben keine netten Männer. Da biss sich wohl die Katze in den Schwanz. Natürlich wollte ich selbstlos helfen, doch ich hatte ja Michael, deshalb fand ich schon lange keine anderen Männer mehr toll und konnte auch hier keine ausfindig machen.

Die Pausen waren ohnehin kurz, die meiste Zeit mussten wir lange, öde Vorträge über uns ergehen lassen. Gelegenheiten zu Erbaulichkeiten gab es dabei selten. Einmal, nach der Mittagspause kam ein chilenischer Professor eine Viertelstunde zu spät zu seinem Vortrag. Er stellte sich ans Podium und sagte: „Ich entschuldige mich für die Verspätung und entschuldige mich auch schon im Voraus für einen furchtbar schlechten Vortrag, aber ich musste noch das Spiel meiner Mannschaft anschauen und wieder haben sie in der letzten Minute die Führung vergeben und unentschieden gespielt, ausgerechnet gegen Österreich. Sie werden verstehen, dass ich nicht in Stimmung bin, einen Vortrag zu halten.“

Um mich herum sah ich bei den Zuhörern entweder unverständnisvolles Kopfschütteln der Banausen oder mitfühlendes Nicken der Fußballfans. Ich wollte am liebsten jubeln, denn ein Punkt war immerhin ein Punkt. Das war schon der zweite, den Österreich geschafft hatte. Die totale Blamage würde ausbleiben. Doch das Hände-in-die-Höhe-Reißen überlegte ich mir schnell wieder, denn es war durchaus denkbar, dass der wutentbrannte Chilene heißblütig mit seinem Zeigestock auf eine jubelnde Österreicherin losgehen würde. Die Sympathien, so rechnete ich mir aus, wären wohl allesamt auf seiner Seite, da Chile wenigstens südamerikanischen Fußball bot, während unsere Mannschaft nur langweilig und schlecht spielte, und sie sicher niemand in der zweiten Runde sehen wollte.

Am vorletzten Tag sollte das große Galadiner stattfinden. In der Nachmittagspause davor mussten die Poster abgebaut werden. Da Mary endlich ihren schnuckligen Typen gefunden hatte, verbrachten wir fast die gesamte Pause damit, uns unauffällig neben ihn zu stellen, um Marys Glück in die richtigen Bahnen zu lenken. Als wir gegen Ende der Pause es endlich gewagt hatten, ihn anzusprechen, war meine Mission erledigt – Mary musste nun selbst dafür sorgen, ihn zu erobern – und ich ging zu meinem Poster.

Dort stand tatsächlich ein Mann, der ganz vertieft in mein Werk zu sein schien. Er sah zwar nicht wichtig aus, aber nach all den ausgebliebenen Begeisterungsstürmen für meine Arbeit war ich um jeden auch nur milde angetanen Menschen froh, war er auch noch so unwichtig.

„Good afternoon, can I help you?“

„Ist das ihre Arbeit?“ fragte er auf Deutsch. Er war also Deutscher, nicht einmal mein Englisch konnte ich mit ihm üben, aber Interessent ist Interessent, da durfte man nicht wählerisch sein. Seinen Namen konnte ich nicht erkennen, denn sein Namensschild war zur Hälfte von seiner Strickjacke überdeckt. Wohl erkennen konnte ich, dass er ein Industriemensch war, der Firmenname war jedoch auch nur teilweise lesbar und schien überhaupt nichts mit Biotechnologie zu tun zu haben. Fast eine halbe Stunde lang stellte er mir Fragen zu meiner Arbeit, die ich auf lockere Weise beantwortete. Er wirkte recht sympathisch, hatte, obwohl er nicht alt war, bereits graues Haar und einen grauen Vollbart, was ihn zusammen mit der biederen Jacke wie einer dieser weniger kitschigen Gartenzwerge aussehen ließ.

Ein paar lobende Worte ließ er zum Schluss noch fallen, bevor er in den Vortragssaal ging. Glücklich über echtes Interesse packte ich mein Poster ein, das zwar kein wirklicher Erfolg war, aber so schlecht dann auch wieder nicht gewesen sein konnte, wenn man sich eine halbe Stunde darüber unterhalten hatte.

Nach den Vorträgen traf ich Kenji, mit dem ich in den letzten Tagen einige lange Gespräche hatte über die Arbeit und auch sonstige Dinge. Seine anfängliche Distanziertheit hatte wohl nichts zu bedeuten gehabt.

„Hast du den ersten Vortrag nach der Pause gehört?“, fragte er, „Der war hochinteressant.“

„Den habe ich leider versäumt, weil sich so ein Firmenmensch für mein Poster interessiert hat.“

Er wurde ganz aufgeregt, „Welche Firma?“

„Ach, den Namen habe ich mir nicht genau gemerkt. Es war eine Firma, die so klang, als hätte sie überhaupt nichts mit Biotechnologie zu tun.“

Kenji nannte einen Namen, in dem alle Teile, die ich auf dem Schild erkennen konnte, vorkamen.

„Genau die Firma war es.“

„Das ist die Firma, die das wichtigste Patent in unserem Forschungsbereich gekauft hat. Ich wusste gar nicht, dass die hier sind. Diese Firma wäre der ideale Partner für uns. Und dich hat jemand von denen angesprochen? Wo ist der jetzt? Du musst mich unbedingt vorstellen.“, er war ganz zappelig geworden, solche Gefühlsausbrüche war ich gar nicht gewohnt von dem sonst so japanisch zurückhaltenden Kenji.

Langsam begann es mir zu dämmern. Der vermeintlich bedeutungslose beste Freund aller Kleingärtner war der wichtigste Mensch der gesamten Veranstaltung, um unser Patent an den Mann zu bringen. Und er hatte sich ganz von selbst für mein Poster interessiert. Und ich hatte alles vermasselt, weil ich ihn für so unwichtig hielt, dass ich ihn nicht einmal um seine Visitenkarte gebeten hatte, weil ich das Gespräch mit ihm zu locker genommen hatte. Andererseits, hätte ich gleich begriffen, wer er war, wäre ich vermutlich gelähmt vor Aufregung gewesen, hätte keinen zusammenhängenden Satz hervorgebracht. Jedenfalls konnte ich ihn jetzt nirgends ausfindig machen. Das war mir eigentlich nicht so unrecht, denn ich wäre mir ganz schön blöde vorgekommen, hätte ich Kenji vorstellen müssen. Ich wusste doch nicht, ob das Interesse an der Arbeit wirklich echt war, oder ob das Gespräch nur so lange gedauert hatte, weil ich eine sehr durchsichtige Hose anhatte. Diese Hose hatte ich mir selbst genäht aus einem Requisitenrest der Salzburger Festspiele, wo ich vor einigen Jahren einen Ferienjob als Putzfrau hatte. Reichte eine durchsichtige Hose um Interesse zu heucheln, oder war die Kongressgesellschaft seriöser als das?

Mir war fast schwindlig zumute, als ich zum Hotel zurückging. Mein Magen krampfte sich zusammen wegen all der Zweifel darüber, ob ich wohl genügend Interesse bei dem Firmenmenschen geweckt hatte. Dennoch beschloss ich, mich in aller Ruhe, die mir möglich war, für den großen Galaabend schön zu machen. Um mich von der Perlen- und Kostümmeute abzuheben, hatte ich meine hautenge Imitationslederhose mitgenommen. Konservativ wollte ich keinesfalls wirken, sondern cool und revolutionär. Diesmal war es möglicherweise wichtig, denn falls der Nachmittagsinteressent an der Abendveranstaltung teilnahm, musste ich zumindest so auffällig aussehen, dass ihn das Bedürfnis überkam, mich anzusprechen. Ihn von selbst anzusprechen, würde ich sicherlich nicht wagen. Für alle Fälle bereitete ich mir noch ein Kärtchen vor mit meiner Uniadresse, die ich ihm bei Gelegenheit übergeben konnte. Sollte mir das gelingen, bräuchte ich mir keine Vorwürfe zu machen, dann hätte ich alles in meiner Macht stehende getan, um eine Firmenzusammenarbeit ins Rollen zu bringen.

Zusammen mit Mary ging ich zum Hafen. Wir waren beide recht aufgeregt, denn luxuriöse Abendempfänge waren uns beiden fremd. Mary hatte sich in ein kleines Kostüm gezwängt. Sie machte aber nicht den Eindruck, als würde sie sich besonders wohl fühlen darin. Eher wirkte sie wie ein Firmling, den die Eltern in den einzigen Anzug gestopft hatten, weil das eben so sein musste an dem großen Tag. Auch die Kongressteilnehmerinnen am Hafen waren grossteils mit Kostümen bekleidet, manche mit Perlenketten oder Halstüchern gar, die progressiveren mit Hosenanzügen. Bei diesem Anblick war ich wirklich froh um meine Plastikhose, denn ich hatte es doch nicht nötig, mich der allgemeinen Spießigkeit anzubiedern, denn für mich und meine Arbeit interessierten sich die wichtigsten Leute. Hoffte ich zumindest.

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Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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2 Antworten zu Nur Hosenglück?

  1. Hofnarr schreibt:

    Ein ausgesprochen gutes Foto! Alle Achtung!

  2. unsignifikant schreibt:

    schade, dass die Artikel über die wissenschaftliche Karriere sowenig Resonanz verursachen. Ich finde sie grandios, vermutlich aber weil ich an einem ähnlichen Punkt bin. Danke für die Einblicke, mir hilft das persönlich schon weiter…

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