Kreuzfahrt in der Bucht von Vancouver

Ohrringstechen und andere Nebensächlichkeiten – ein Erwachsenwerden, Teil 24

Beim Ablegen des Ausflugsschiffs gingen Mary und ich an die Reling, um die wunderbare Aussicht auf die Bucht von Vancouver in der Abenddämmerung zu genießen. Schon allein wegen dieser Eindrücke war der Ausflug ein Erfolg. Aber wir hatten noch andere Dinge zu erledigen, deshalb hielten wir kräftig Ausschau. Mary nach ihrem schnuckligen Typen, ich nach meinem Firmenmenschen. Leider konnten wir keinen von beiden ausfindig machen. Stattdessen sprach uns nur ein eitler Affe aus Graz an und ließ sich mit uns fotografieren, als wären wir Trophäen, die er erobert hatte.

Als eine Glocke zum Abendessen rief, wollten wir uns in vornehmer Zurückhaltung üben und nicht wie die hungrigen Wölfe als erste über das Büfett herfallen. Dies war wohl ein schwerer taktischer Fehler von uns Societygrünschnäbeln, denn als wir endlich unsere Teller gefüllt hatten, gab es kaum noch freie Plätze an den Tischen. Die auch nur annähernd spaßbringend aussehenden Menschen saßen bereits zusammen. Für uns blieb nur noch die Gesellschaft eines äußerst verdörrt aussehenden kanadischen und eines ältlichen japanischen Ehepaars. Die beiden Damen hatten ihre Seidentücher so kunstvoll um den Hals geschlungen, dass auch die Perlendoppelreihen noch perfekt zur Geltung kamen. Selbst die Herren trugen sorgsam gefaltete Stecktüchlein in ihren Jacketts. Dementsprechend schleppend und öde verlief das Gespräch. Mir schien es schon wie eine Ironie des Schicksals, dass ich losgezogen war, um in Rockstaraufmachung die Welt zu erobern und nun am langweiligsten Tisch versauern musste. Mary wirkte auch nicht glücklicher. Immer wieder ertappte ich sie dabei, wie sie möglichst unauffällig auf die Uhr schielte.

Sobald die Perlenrosinen endlich aufgegessen hatten, entschuldigte ich mich und versuchte nach Möglichkeit nicht zu rennen, sondern in Würde an Deck zu gehen, um eine Verzweiflungszigarette zu rauchen. Die frische Luft und die Zigarette taten mir gut nach all dem spießigen Mief beim Essen. In Gedanken versunken schaute ich auf die Skyline von Vancouver, als ich hinter mir eine Stimme hörte: „Schön hier draußen.“

„Mmmh.“ Plötzlich merkte ich, wem die Stimme gehören musste. Ich drehte mich um und tatsächlich stand der Industriemensch, den ich vorher so verzweifelt gesucht hatte, vor mir. Vor Schreck fiel mir fast die Zigarette aus der Hand. Was sollte ich bloß sagen? Mir fiel gar nichts ein. Mein Mund fühlte sich auf einmal ganz trocken an.

„Mir ist aufgefallen, dass ich heute Nachmittag wohl ziemlich unhöflich war und mich nicht einmal vorgestellt habe. Mein Name ist Dieter Gartenfels. Hier ist meine Karte.“

Ich konnte mir das Lachen kaum verbeißen, Gartenfels klang nun wirklich fast so wie Gartenzwerg. Im letzten Augenblick versuchte ich daraus ein erfreutes Lächeln zu machen. „Freut mich sehr“, brachte ich gerade so hervor und nahm seine Karte. Er war der Leiter der Forschungsabteilung und somit im Moment der wichtigste der wichtigen Menschen für meine Arbeit.

„Ihr Verfahren gefällt mir sehr gut, ich könnte mir durchaus vorstellen, dass unsere Firma Ihr Patent kauft, nach genauer Prüfung natürlich.“

Mir wurde schlecht, in meinem Kopf drehte sich alles, ich sah die Dollarzeichen um mich herumschwirren. In meinem Mund sah es nun endgültig aus wie in der Wüste Gobi. Meine Zunge fühlte sich an wie ein geschwollener, nutzloser Lappen. Mein Hirn hatte sich spontan entleert, es fanden sich nur noch die Worte Geld und Gartenzwerg darin. Nichts Sinnvolles wusste ich zu sagen. Zum Glück waren wir auf einem Schiff, da konnte ich, sollte mein Magen bis zum Äußersten gehen, immer noch Seekrankheit vortäuschen. Nein, das wäre wohl nicht das Uberzeugendste in meiner Situation.

Einen Schluck von meinem Wein nehmend, besann ich mich auf meine Hose und die Gelassenheit die man haben musste, wenn man ein solches Kleidungsstück trug. „Wirklich. Das wäre nicht schlecht“, sagte ich und versuchte, gewinnend zu lächeln und dabei eine Augenbraue kühl hochzuziehen. Immerhin waren die Worte nicht als jämmerliches Krächzen aus meinem Mund gekommen.

Er erzählte noch einiges über die Firmenpolitik, bereits von der Firma gekaufte Patente ähnlicher Art und wie viel dafür bezahlt wurde. Letzteres war so viel, dass ich mir schon ein Leben als Privatier ausmalte und laut „Wow!“ an manchen Stellen schreien wollte. Dennoch gelang es mir leidlich, den Schein der kühlen Lederhosenbraut aufrechtzuerhalten, die sich durch solch profane Dinge nicht aus der Ruhe bringen ließ. Auch versuchte er mich auszuhorchen über unser Patent und ich musste mich schwer zusammenreißen, es in möglichst optimalen Licht erscheinen zu lassen, ohne Geheimnisse oder anderes Unpassendes zu verraten. Ich kam mir irrsinnig wichtig vor. Die ganze Sache war mir aber so anstrengend, dass ich das Gefühl hatte, es wäre besser gewesen, wenn ich Kenji zu weiteren Gesprächen herbeigezogen hätte, aber den konnte ich nirgends sehen.

Etwas merkwürdig erschien mir an Gartenfels das ständige Einfließenlassen von Phrasen wie „hübsche Frauen wie Sie“ oder „mit schönen Studentinnen“. Wollte er nun wirklich mit unserem Institut zusammenarbeiten, uns gar reich machen, oder etwa nur mich kurzfristig beeindrucken, mich gefügig machen für ein schnelles Abenteuer? Seine lustvollen Blicke auf meine Hose waren mir durchaus nicht entgangen. Ich wurde aus ihm nicht schlau. Vielleicht wollte er mich ja nur ein wenig necken, um sich die Zeit zu vertreiben.

Wir sprachen bei weitem nicht nur über Geschäftliches. Immer wieder fing Gartenfels an zu flirten. Mir wurde schon ein wenig angst und bange dabei. Dennoch verlief das Gespräch recht locker. Manchmal vergaß ich sogar für ein paar Minuten, an das Patent oder die Arbeit im Allgemeinen zu denken. Er schien durchaus in Ordnung zu sein.

Trotzdem war ich recht froh, als das Schiff im Hafen anlegte und ich von meiner verantwortungsvollen Aufgabe befreit war. Sogleich ging ich zu Mary. Sie hatte aber ihren schnuckligen Typen im Schlepptau. Mein Auftauchen schien ihr gar nicht gelegen zu kommen. Im Bus zurück zum Kongresshotel konnte ich mich deshalb nicht zu ihr setzen. Der Platz neben mir war frei. Ich versuchte gerade ein wenig Ordnung in meine wirren Gedanken über diesen merkwürdigen Abend zu bringen, als ich hörte: „Ist hier noch frei?“ Es war schon wieder Gartenfels. Er schien mich regelrecht zu verfolgen. „Na, jetzt geht es für Sie bald wieder zurück in die dunklen Folterkammern der Universität. So frech wie Sie Sich anziehen werden Sie sicher oft ausgepeitscht von Ihrem Professor.“

„Oh nein, der ist ein milder Herrscher, Folterungen kommen nur in Ausnahmefällen vor.“

„Sie müssen mich unbedingt nach Wien einladen, wenn eine öffentliche Auspeitschung junger Studentinnen stattfindet. Das kann wahrlich ein großer Lustgewinn sein.“

Einen etwas merkwürdigen Sinn für Humor hatte der gute Mann schon. Er schien regelrecht aufzublühen, wenn es um Torturen ging. Ich stieg ganz locker darauf ein, den vom Gartenzwerg zum Folterknecht gewordenen Industriemenschen musste man doch unbedingt bei Laune halten, auch wenn er sich meine Universität, wohl eher etwas lustvoller als unbedingt erforderlich, als mittelalterliche Folterkammer und mich als gequälte Jungfer, womöglich noch nackt an den Peitschstand gekettet, vorstellte.

Beim Hotel angekommen, wollte ich mich gerade endgültig von ihm verabschieden, als Mary zu uns kam: „Wir gehen noch auf ein Bier, kommt ihr auch mit?“

„Eine gute Idee zum Ausklang des Abends. Kommen Sie, ich lade Sie ein“, sagte auch schon Gartenfels zu mir und schleppte mich hinter den anderen her. Ablehnen konnte ich wohl schlecht, obwohl ich nach all den Wirrnissen des Abends lieber ein wenig Ruhe gehabt hätte.

Zum Glück hatten sich viele Leute zu diesem abendlichen Umtrunk entschlossen. So musste ich nicht mehr aufpassen, wichtige Geschäftsverhandlungen durch meine Unerfahrenheit zu gefährden. Die Gefahr, zu dunklen Sado-Maso-Orgien abgeschleppt zu werden, war wohl auch gebannt. Leider musste ich mich neben den affigen Grazer und seine noch affigere Kollegin setzen. Auf meiner anderen Seite hatte sich Gartenfels mit einem holländischen Firmendelegierten ins Gespräch vertieft. Deshalb blieb mir nichts anderes übrig, als bei der Selbstbeweihräucherung der Grazer mitzureden. Kaum hätte ich es für möglich gehalten, aber diese Konversation war noch öder als jene beim Abendessen.

Als mir gerade der Kopf in verzweifelter Langeweile auf die Tischplatte fallen wollte, hörte ich den Holländer etwas über Fußball sagen. Natürlich spitzte ich sofort die Ohren. Natürlich schaltete ich mich sofort ein in das Gespräch. Wie hätte ich denn widerstehen können, nach all der Fadesse, die ich an diesem Abend schon über mich ergehen lassen musste?

Der Holländer war begeistert vom Fußball, die anderen Leute in der Runde weit weniger. Selbst bei meiner Fluglinien-Fußballnachtisch-Geschichte konnten sich nur wenige ein mattes Höflichkeitslächeln abringen. Doch ich ließ mich nicht beirren, zu lange hatte ich darben müssen unter zu vielen Desinteressierten. Ohnehin lag es doch auf der Hand, dass Menschen, die dem Fußball nichts abgewinnen konnten, ohnehin schlechte Menschen sein mussten.

So versanken wir zu zweit, über den Kopf von Gartenfels hinweg, in wilde Spekulationen über den künftigen Weltmeister. Als wir bei dem unausweichlichen Thema Deutschland ankamen, sank Gartenfels immer tiefer in seinem Stuhl zusammen und versuchte noch ein mattes: „Jetzt zahle ich Ihnen ein Bier und werde dafür noch beschimpft.“

Mehr als ein mitleidiges Lächeln hätte er sich dafür bestimmt nicht erwarten können. Mehr war auch nicht drin. Als er sich dann verabschiedete, setzte ich die Diskussion unbeirrt fort.

Auf dem Weg zu meinem Hotel stürzte dann die Aufregung des Tages wieder auf mich ein. Würde ich reich werden? War meine Arbeit wirklich gut? Interessierte sich Gartenfels wirklich dafür? Hatte er mich nur gefügig machen wollen? Habe ich mich richtig verhalten?

Bei der letzten Frage krampfte sich mein Magen zusammen. Ich hatte Gartenfels, aus einer betrunkenen Fußballlaune heraus, überhaupt nicht mehr beachtet, sogar seine Mannschaft beschimpft. Würde er nun aus Wut das gesamte Zusammenarbeitsprojekt fallenlassen? Sind wichtige Kooperationen nicht schon wegen weniger gescheitert?

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Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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3 Antworten zu Kreuzfahrt in der Bucht von Vancouver

  1. Your personal shades of grey ?

  2. Christian schreibt:

    Danke für den schönen Bericht. Wusste gar nicht, dass man in Vancouver eine Kreuzfahrt machen kann. Meine Frau wollte das schon immer mal machen.

    Gruß

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