Bizarre Korrespondenz

Ohrringstechen und andere Nebensächlichkeiten – ein Erwachsenwerden, Teil 25

Ich hatte eine schlaflose Nacht mit einer Überdosis Adrenalin in meinem Blut. Am nächsten Morgen sah ich Gartenfels in der Vormittagspause. Er schien jemanden zu suchen. Mary stieß mich an. „Der sucht Dich, ganz bestimmt.“

Als er mich sah, winkte er mich zu sich. Zögerlich ging ich hin, denn er stand mit einigen anderen Leuten zusammen. Es waren seine Kollegen. Er stellte mich vor: „Das ist die österreichische Fußballfanatikerin, von der ich euch erzählt habe. Sie hätte mich gestern fast ins Koma geredet.“

Hatte ich es doch gewusst, ich hätte nicht meiner Fußballbegeisterung erliegen sollen, sondern besser weiterflirten sollen. Tapfer versuchte ich schuldvoll zu lächeln, um zumindest mit ein wenig hervorgepresstem Charme die Zusammenarbeit zu retten. Die Kollegen nahmen mich recht freundlich auf. Sie neckten unsere Fußballnationalmannschaft und lobten unser Schiteam. Ich atmete auf, die Lage schien doch nicht hoffnungslos zu sein. Gegen Ende der Pause sagte Gartenfels: „Seien Sie stark und verzweifeln nicht, aber wir müssen heute zu Mittag schon weiter. Sie werden von uns hören.“ Zum Abschied zwinkerte er mir noch – wie er vermutlich glaubte – kokett zu.

Der Kongress ging auch für mich schnell zu Ende. Auf dem Rückflug zog ich wieder meine Plastikhose an und fand darin den handgeschriebenen Zettel mit meiner Uniadresse. In all der Aufregung hatte ich völlig vergessen, ihn Gartenfels zu geben. Wie würde er nun mich oder meinen Professor kontaktieren? War sein Interesse doch nicht echt, wenn er nicht einmal nach meiner Karte gefragt hatte? Hatte ich doch alles vermasselt? Musste ich ein Leben in Armut weiterfristen?

Wieder an der Uni erzählte ich natürlich jedes Detail meinem Professor. Na ja, nicht gar jedes, die geschäftlichen zumindest. Professor Habeler geriet sofort in helle Aufregung, ich konnte förmlich sehen, wie die Dollarzeichen um seinen Kopf schwirrten. Brav lieferte ich die Karte von Gartenfels ab, verschwieg aber mein Versäumnis, unsere Adresse abzugeben.

Michael erzählte ich wirklich jedes Detail der Reise. Er meinte, Gartenfels sei wirklich der Typ, den man sich mit persönlichen Aufmerksamkeiten bei Laune halten müsse. Er riet mir, einen kleinen, lockeren Brief zu schreiben, um unauffällig die Adresse bekannt zu geben.

Also schrieb ich diesen Brief, ganz locker mit dem Versprechen, mich für das Bier zu revanchieren und sicherlich das Wort Fußball nicht mehr in den Mund zu nehmen in seinem Beisein.

Nach einigen Wochen kam tatsächlich ein handgeschriebener Brief aus Deutschland. Gartenfels schrieb wieder Anzüglichkeiten, schwankte zwischen Flirten und Schilderungen von grausamen Studentinnentorturen und meinte, er würde mich gerne bald in Wien treffen, besonders wenn der Besuch von Auspeitschungen für ihn garantiert wäre.

Bei mir folgten erneute Panikattacken. Ich wollte doch diesen alten Lustmolch nicht scharfmachen. Ich wollte ihm doch nur einen kleinen Erinnerungsanstoß geben, damit er nicht vergisst, sich bei Professor Habeler zu melden, ihn allerhöchstens milde stimmen, damit er ein großes Budget für den Kauf des Patents aushandelt. Nun sah es aber ganz so aus, als wäre die Geschichte nur noch persönlich zwischen mir und ihm. Habeler hatte nämlich noch nichts gehört von der deutschen Firma.

Aus irgendwelchen Gründen bildete ich mir trotz dieser Misere ein, die Zusammenarbeit würde nicht ausreichend vorangetrieben werden, wenn ich mich nicht bei Gartenfels melden würde. Also schrieb ich sogleich wieder einen einladend koketten Brief, in dem ich zumindest die Sadistengeschichte entschärfen wollte, und verfiel sogleich wieder in Panik. Sollte Habeler erfahren, was ich da hinter seinem Rücken trieb, würde er mich tatsächlich auspeitschen.

Nach einigen Wochen hatte sich die Aufregung gelegt. Weder Habeler noch ich hatten etwas gehört von Gartenfels. Die Arbeit auf der Uni hatte ihren normalen Lauf genommen, die Träume von großem Arbeitsglück waren ausgeträumt. Dann fand ich ein E-Mail auf meinem Computer:

Liebe Karin,

Wie Sie vermutlich gehört haben, wird der Schrecken wahr und ich erscheine tatsächlich in Wien (Montag 28.9. nachmittags, am Dienstag fliegen wir zurück). Es bleibt natürlich die Frage, wie werden wir am Montagabend Ihren Chef und meinen Kollegen los?

Ein Schreck war’s ja schon, das mit den nicht öffentlichen Auspeitschungen und tatsächlich habe ich weder unter den Stichworten „Uni Wien, public punishment“ noch unter „Uni Wien, torture, young students“ im Internet einen Eintrag gefunden. Trotz der Enttäuschung freue ich mich darauf, Sie zu treffen.

Liebe Grüsse Dieter Gartenfels

Gerade als ich überlegte, was ich nun zurückschreiben könnte, kam Professor Habeler zu mir. Schleunigst klickte ich an meinem Computer Arbeitsames auf den Schirm.

„Die Deutschen kommen wirklich, um unser Patent genau unter die Lupe zu nehmen. Übernächste Woche am Montag. Sie müssen einen Vortrag vorbereiten.“

Fast wäre mir ein „Ich weiß“ herausgerutscht, doch im letzten Moment setzte ich noch eine erstaunte Miene auf und stellte einige unwissende Fragen. Langsam gewöhnte ich mich an das Doppelspiel, kam mir schon fast vor wie Mata Hari. Trotzdem wusste ich nicht genau, was ich mit Gartenfels tun sollte. Es war schon ziemlich deutlich, dass er sich Hoffnungen auf erotische oder gar perverse Abenteuer mit mir machte. Diese Hoffnungen musste ich aber unterdrücken. Kaum war Habeler gegangen, schrieb ich ohne zu überlegen:

Lieber Herr Gartenfels,

Machen Sie Sich keine Sorgen wegen Montagabend. Wir werden Sie vom Flughafen abholen. Danach ist ein Heurigenbesuch geplant. Wiener Heurige schließen immer früh, also kein Problem, meine Kollegen loszuwerden. Für Ihren Kollegen sind Sie selbst zuständig, wenn Sie ihn nicht mitnehmen wollen.

Nach dem Heurigen muss ich Sie noch zu dem Bier einladen, das ich Ihnen schulde. Hoffentlich wird es mir gelingen, einen Deutschen dazu zu bringen, ein wenig über seinen eigenen Bierglasrand hinwegzuspähen, bzw. in ein ausländisches Bierglas hineinzuspähen.

Liebe Grüsse, Karin

Schon war „Send“ gedrückt, das war doch leicht gegangen. Kaum war das Mail weg, setzte mein Hirn wieder ein. Was hatte ich getan? Nichts, um auch nur im Geringsten irgendwelche Hoffnung auf schnellen Sex zu zerstreuen.

Zum Glück wurde ich aus meinen Ängsten durch Habeler erlöst. Der sagte mir nämlich, dass Gartenfels nicht kommen würde sondern zwei seiner Kollegen. Damit war ich ganz stolz, meine Mission erfüllt zu haben, ohne blutrünstige Firmenmenschen abwimmeln zu müssen.

Liebe Karin,

natürlich weiß ich, was das für ein Gefühl für eine Frau ist, dieser eiskalte Schreck, diese aufsteigende Panik, diese lähmende Angst: Kommt ER etwa doch nicht. Aber ich denke, ich kann Sie beruhigen, mit großer Sicherheit komme ich mit. Es ist nur so, dass gerade einiges in der Firma los ist und wie Sie wissen, braucht man mich überall. Zudem muss ich mich gegen all diese Neider und Intrigen stemmen, denn jeder meiner Kollegen will natürlich nach Wien, um mit einer attraktiven Frau wie Ihnen auf ein Bier zu gehen.

Ich freue mich darauf, Sie zu sehen (und im nächsten Mail von Ihnen zu hören), ob Sie mich allerdings dazu bringen, in ein fremdes Bierglas zu spähen, wage ich zu bezweifeln, da ich natürlich nur Augen für Sie haben werde.

Liebe Grüsse, Dieter

Nun waren wir also schon beim Dieter, bei einem hoffnungsvollen Dieter wie es schien. Das ging wohl zu weit. Ich hatte wohl einiges dafür getan, damit er sich siegessicher fühlen konnte, wenn er ein wenig Selbstbewusstsein hatte, aber sexistisch und eroberungswütig musste er wohl wirklich nicht sein. Es musste schleunigst, aber diplomatisch Abhilfe geschaffen werden, jeder Funken einer Hoffnung musste zerstört werden:

Lieber Herr Gartenfels,

wenn ich Ihr Mail so lese, kann ich nur mit Penelope Houston sprechen: If it’s a man‘s world, then I’m glad I’m a girl.

Es ist gut zu wissen, dass Sie voraussichtlich doch kommen werden.

Dennoch erstaunt mich Ihre Wahl, das Wort ER in Großbuchstaben zu setzen. Macht man das sonst nicht nur, wenn man über Gott spricht? Auch wenn es Sie jetzt maßlos enttäuschen wird, aber diese Position nehmen Sie in meinem Leben nicht ein.

Liebe Grüsse, Karin

Na ja, diplomatisch im engeren Sinne war das vielleicht nicht unbedingt, aber es würde etwas Distanz schaffen. Sicherlich.

Liebe Karin,

danke für Ihre schlagfertige Erwiderung. Allmählich verstehe ich, warum Sie an der Uni rund um die Uhr angekettet bleiben und ein bisschen Glück haben Sie ja schon, dass die Zeiten, wo Besuchern an der Uni junge Doktorinnen als Gastgeschenk angeboten werden, vorüber sind.

Mit meinem großgeschriebenen ER wollte ich eigentlich nicht meine Apotheose einleiten, ich ersetze es deshalb offiziell durch ein kleingeschriebenes. Inständig bitte und rate ich Ihnen zusätzlich jedoch niemals einem Mann oder auch nur etwas Ähnlichem die Rolle des ER in Ihrem Leben länger als für ein Spiel zuzugestehen.

Bis bald, Dieter

Distanz war geschaffen, zumindest marginal. Aber war Gartenfels nun wütend auf mich? Hatte er seinen Ärger in flotte Worte verpackt? Was hatte das Wort Spiel in diesem Mail zu suchen?

Ärgerlichkeit konnte ich auf keinen Fall brauchen weniger als eine Woche vor der allesentscheidenden Geschäftspräsentation. Gartenfels musste auf alle Fälle milde gesinnt nach Wien kommen. Denn uneingeschränktes Vertrauen hatte ich nicht in meine Vortragskünste, eher schon in meinen gerade für Deutsche sprichwörtlichen Wiener Charme. Sollten alle Stricke reissen, würde ich es schon schaffen, die Industriemenschen damit einzuwickeln, hoffte ich zumindest. Doch das konnte nicht funktionieren, wenn Gartenfels in unmutiger Laune hier auftauchte.

Also musste ich Schadensbegrenzung betreiben, so gut es eben ging und ausserdem erotische Hoffnungen weiter zerschlagen:

Lieber Herr Gartenfels,

sollte ich Sie beleidigt haben, tut mir das furchtbar leid. Glauben Sie mir, nichts läge mir ferner.

Sie müssen sich keine Sorgen machen, bei mir besteht keine Gefahr, dass ein Mann (oder etwas Ähnliches, was auch immer das sein mag) göttlichen Status erlangt, nicht einmal für ein Spiel. Ich bin nicht der Typ Mensch, der vor goldenen Kälbern in die Knie geht.

Bis bald, ich freue mich schon auf Montagabend, Karin

Liebe Karin,

keine Sorge, es ist sehr schwierig, mich zu beleidigen und schlagfertig Entgegnen ist immer in Ordnung und spannend (obwohl wir das „vor Männern knien“ vielleicht noch im Detail diskutieren sollten und mir nichts einfällt, was in einem Spiel nicht erlaubt wäre).

Was mich allerdings tatsächlich ein wenig beleidigen könnte, ist, wenn Sie mich weiterhin mit Herr Gartenfels ansprechen (sehe ich wirklich schon so alt aus?).

Auch ich freue mich auf Montag Abend.

Liebe Grüsse, Dieter

Die Laune war wohl wieder hergestellt, Hoffnungen auf Körperkontakt hatte ich scheinbar geschürt statt sie abzuwürgen. Wieder war dieses ominöse Spiel aufgetaucht. Diesmal sogar mit verdeckt pornographischen Schmierigkeiten. Gartenfels konnte doch nicht ernsthaft annehmen, ich würde am Abend vor meinen großen Vortrag, oder an irgendeinem anderen Abend, erotische Spiele mit ihm treiben. War das alles nur koketter Spaß seinerseits zum Zeitvertreib, um mich zu necken? Oder war das der bittere Ernst, mit dem ich spätestens am Montag fertigwerden musste?

Zu meiner eigenen Sicherheit beschloss ich, das Mailen bleiben zu lassen, bevor ich mich noch um Kopf und Kragen, oder vielmehr sittliche Integrität, schrieb und konzentrierte mich lieber auf meinen Vortrag. Denn nach all dem Korrespondenzwahnsinn wurde mir plötzlich bewusst, dass die Arbeit und ihre Präsentation letztlich entscheidend waren. Gartenfels durfte gar nicht so unprofessionell sein, Firmenentscheide von der Befindlichkeit in seiner Hose abhängig zu machen.

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Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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5 Antworten zu Bizarre Korrespondenz

  1. lenakarlowski schreibt:

    Wahrscheinlich haben ihn deine Piercings so scharf gemacht…..

  2. bettinahartm schreibt:

    Der Herr segelt aber gefährlich nahe an der sexuellen Belästigung.

    • Karin Koller schreibt:

      Du hast sicher recht, andererseits hat er sich herangetastet und nur gemacht, was ich zugelassen und sogar in jugendlicher Naivität ermutigt habe. Ich bin sicher, er hätte sich korrekt verhalten, wenn er den Eindruck gehabt hätte, mir würden seine Avanccen missfallen.

      • claudiaveratti schreibt:

        trotzdem: er wusste natürlich, dass du etwas beruflich von ihm willst, und hat das als Hebel eingesetzt, was problematisch ist, weil er ja damit rechnen muss, dass du, um den Projekterfolg nicht zu gefährden, nicht wagst, ihn einfach eiskalt abzuschmettern

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