Wichtiger Besuch

Ohrringstechen und andere Nebensächlichkeiten . ein Erwachsenwerden, Teil 26

Dann kam der große Tag tatsächlich. Mit Professor Habeler fuhr ich zum Flughafen, um Gartenfels und seinen Kollegen abzuholen. Der Professor kannte die Herren nicht und war deshalb gewissermaßen auf mich angewiesen.

Wichtig kam ich mir vor und unersetzlich, als ich den beiden Männern entgegenging und ihnen meinen Professor vorstellte. Gartenfels zwinkerte mir zu, anzüglich, wie ich es mir erwartet hatte und trotzdem war ich unangenehm berührt.

Wir fuhren im Auto des Professors in die Stadt. Gartenfels am Beifahrersitz, der Kollege und ich im Fond, die Hierarchien blieben gewahrt.

Habeler wollte die Schönheiten Wiens herzeigen und fuhr deshalb um den Ring herum, anstatt gleich zur Universität. Genau im langweiligen Teil des Rings, zwischen Schottenring und Stadtpark gerieten wir in einen Stau. Es war heiß, zu sehen gab es nichts, der Professor erzählte von den Sehenswürdigkeiten, die noch auf uns zukommen würden und war sichtlich nervös, die Herren versuchten ein paar bemühte Witze, ich schwieg sicherheitshalber.

Als die mühsame Runde um die Wiener Innenstadt endlich vollendet war, kam mir die Stadt gar nicht mehr schön vor. Außenstehenden musste es wenig nachvollziehbar sein, wie wir einfältigen Wiener diesen armseligen Ringstraßenpomp als derart herzeigenswert erachten konnten, dass wir ihnen eine Stunde Lebenszeit dafür wegnahmen.

Das Hotel der Gäste befand sich direkt neben der Universität. Nachdem sich die Herren frisch gemacht hatten, bekamen sie noch eine Führung durch unser Institut. Dort gab es tatsächlich noch weniger für sie zu sehen, als bei der Stadtrundfahrt. Warum man das eigene Umfeld als schön oder zumindest adäquat empfindet, bis man es in den Augen anderer sieht, von denen man annimmt, sie seien besseres gewohnt, weiß ich auch nicht. Mir ging es jedenfalls so, ich schämte mich ein wenig dafür, dass wir keine aufregenden technischen Geräte vorweisen konnten, obwohl unsere Arbeit diese gar nicht benötigte. Es gab keinen Grund dafür und trotzdem tat ich es, aus Nervosität vielleicht, oder weil ich meine Sorge, ob denn mein Vortrag und die Qualität meine Arbeit ausreichend sein würde, um einen Eindruck zu erwecken, einfach auf das Institut und die ganze Stadt schob.

Aber glücklicherweise hatte ich noch eine Galgenfrist bis zum nächsten Tag. An diesem Nachmittag ging es gleich zum Heurigen weiter. Nicht nach Grinzing, sondern zu einem jener Geheimtipps, auf die Wiener so stolz zu sein scheinen, abseits der großen Touristenstrecken, viel schäbiger als die Vorzeigeheurigen, mit noch fettigerem Essen und schlechterem Wein und katastrophaler Verkehrsanbindung, dafür aber authentisch. Da wurde für die Gäste sozusagen das echte Wien hervorgekramt mit seiner Patina, die mancher als liebenswert bezeichnet, manch anderer als grindig.

Um einen kleinen Tisch drängten wir uns, die anderen Doktoranden der Abteilung durften der Geselligkeit halber mitkommen. Wir tranken den berühmten „G’spritzten“, säuerlichen Jungwein, der nur durch Zugabe relativ großer Mengen Wasser genießbar wurde, auf den man in Wien jedoch aus unerfindlichen Gründen stolz war. Von der Weinqualität offenbar inspiriert, erkundigte sich Gartenfels gleich nach dem Weinskandal und ob der schon überwunden wäre. Fetter Schweinebraten und Grammelschmalz wurden zum Wein serviert. Weil die Gäste aus Bayern waren, mussten wir nicht um ihre Gesundheit fürchten.

Der Heurige schloss um 22.00 Uhr und Habeler fuhr uns zurück in die Stadt (meine Kollegen nahmen die Rückreise mit der Straßenbahn auf sich). Vor der Universität blieb der Professor stehen: „Karin können Sie bitte die Gäste ins Hotel begleiten, ich kann hier nirgends parken.“

Er verabschiedete sich und fuhr davon.

„Das ging ja leichter als angenommen“, sagte Gartenfels und zu seinem Kollegen gewandt: „Jetzt verdrückst du dich schön artig.“

Und so standen wir plötzlich alleine auf der Straße. „Was machen wir jetzt? Sie müssen etwas vorschlagen, Sie sind von hier“, Gartenfels zwinkerte mir aufmunternd zu. Bei all der Aufregung hatte ich mir nicht überlegt, was ich machen würde, sollten wir tatsächlich etwas miteinander unternehmen. Um die Ecke war eine Studentenkneipe, in die wir nach der Uni gerne auf ein Bier gingen. Das war das einzige Lokal, das mir einfiel. Also lotste ich Gartenfels dorthin.

Ziemlich aufgedonnert betraten wir das Lokal im Souterrain, er in Anzug und Krawatte und ich im roten Kleid. Alle anderen Lokalbesucher trugen Jeans und schwarze Kleidungstücke, oder so kam es mir zumindest vor. Ich beschloss, einfach so zu tun, als wären nicht wir die bunten Hunde und bestellte Bier.

Der Abend verlief eigentlich ganz nett, wir plauderten über Musik und Literatur. Die Anzüglichkeiten hielten sich in Grenzen und waren mir in dieser Dosierung nicht einmal unangenehm. Gartenfels dichtete selbst gerne und rezitierte einige lustige Gedichte. Gegen Mitternacht wurde er plötzlich ernst, er beugte sich zu mir und sagte: „Ich muss Ihnen etwas sagen“, und dann erzählte er, dass er sadistische Neigungen habe und die Witzchen mit der Peitsche sozusagen zum Vorfühlen gedacht waren. Er würde das immer gleich sagen, damit es später nicht zu merkwürdigen Überraschungen käme.

„Und, wären Sie interessiert?“ fragte er am Schluss.

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Was sagt man auf so etwas? Die Flirterei hatte ich als Spaß empfunden, als kleine Aufregung mit einem für meine Arbeit wichtigen Menschen. Niemals wäre mir ernsthaft in den Sinn gekommen, mit Gartenfels ins Bett zu gehen und schon gar nicht in der Nacht vor meinem wichtigen Vortrag. Hatte ich ihm Signale gegeben, dass ich an Sex interessiert sei? Wahrscheinlich hätte er es so interpretieren können. Obwohl ich nichts von ihm wollte, hätte mich dennoch interessiert, wie er sich das vorstellte. Ob er eigens Geräte mithatte. Wie ein derartiger Akt normalerweise ablief. Ob er viele Partnerinnen fand. Ob er sie attraktiv finden musste oder ob es ihm reichte, dass sie sich schlagen ließ. Oder ob er sich auch schlagen ließ. Aber das konnte ich jetzt nicht fragen.

Ich murmelte etwas von Vortrag, schon spät, Bier fast leer. Er verstand. Wir tranken aus und verließen das Lokal. An der Kreuzung wies ich ihn in die richtige Richtung. Er wollte mich küssen oder mir einen kleinen Abschiedskuss auf die Wange geben. Es wurde etwas verunglücktes Halbes daraus, seltsam zart in Anbetracht der vorangegangenen Eröffnungen. Ich riss mich los und winkte zum Abschied.

Auf dem Nachhauseweg war ich völlig aufgekratzt. Jetzt war ich schon einige Jahre mit Michael zusammen und nie, nicht ein einziges Mal hatte ich es zugelassen, dass ein Mann mich fragte, ob ich mit ihm ins Bett will. Ich weiß nicht warum das hier passiert war. War Gartenfels aufgrund seiner Neigung drängender als andere? War ich verwirrter, weil er zumindest auf mein Berufsleben eine gewisse Macht ausübte? Oder weil so viele Abschnitte in meinem Leben zu Ende gingen – Studium, Forschungsarbeit, Leben in Wien – dass ich unwillkürlich testen wollte, ob meine Beziehung zu Michael stark genug wäre für das alles? Aber dazu einen Mann benutzte, den ich kaum kannte, der zudem noch 15 Jahre älter und Sadist war?

Ich konnte fast die ganze Nacht nicht schlafen. In der Früh fühlte mich verkatert. Da fiel mir erst wieder der Vortrag ein und mir wurde übel. Schnell zog ich mich an, putzte mir die Zähne und rannte los in Richtung Uni. Unterwegs kaufte ich mir noch ein Laugengebäck und Kaugummi. Als ich ankam, saßen die Gäste schon im kleinen Hörsaal. Gartenfels‘ Kollege sah mich anzüglich an du sagte: „Na ihr Nachteulen. Erfolgreich gewesen?“

Ich empfand das als nicht sehr passend und bereitete demonstrativ meine Unterlagen vor. Der Professor betrat den Raum und die Stimmung wurde professionell. Mir gelang es, meinen Kater zu vergessen. Mit jedem Wort wurde ich weniger nervös. Ich war stolz auf mich, dass ich mich überhaupt traute, einen derart wichtigen Vortrag zu halten. Je länger der Vortrag dauerte, desto mehr wurde mir allerdings bewusst, wie dünn meine Arbeit eigentlich war. Was mir so aufregend erschienen war, mutete nun – durch die Augen der Industriemenschen, die einen praktischen Nutzen suchten, betrachtet -nicht sehr brauchbar an. Innerlich verlor ich ein bisschen den Mut und versuchte mir das äußerlich nicht anmerken zu lassen.

Nach dem Vortrag stellten die Gäste einige höfliche Fragen, die ich auch beantworten konnte. Dann war es vorbei. Der Professor brachte die Männer zum Flughafen. Ich wurde nicht mehr gebraucht.

Den Traum vom Millionen-Patentverkauf hatte ich schon vor einiger Zeit aufgegeben, als ich meine Arbeit wieder in Perspektive gesetzt hatte. Aber dieser Abschied erschien doch etwas antiklimaktisch. Aber das Berufsleben fing für mich erst an und bald würde ich nichts mehr mit der Universität zu tun haben.

Einige Wochen später absolvierte ich meine Rigorosen und zog nach Vorarlberg. Der Professor konnte eine Zusammenarbeit zwischen dem Institut und Gartenfels‘ Firma organisieren. Mit Gartenfels tauschte ich noch das eine oder andere halbkokette Mail aus. Dann verlief sich auch das im Sand. Tapfer versuchte ich den Blick in Richtung Zukunft zu lenken und die vergebenen Chancen und die nur erträumten, aber niemals reell gewesenen Möglichkeiten hinter mir zu lassen.

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Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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10 Antworten zu Wichtiger Besuch

  1. Rupert schreibt:

    fandest du das verhalten des herrn gartenfels noch in ordnung, so im rahmen normaler “anmache”, oder war das schon sexuelle belästigung?

    und wo liegen für dich die grenzen?

    • Karin Koller schreibt:

      Das ist schwierig zu sagen. Damals empfand ich es nicht als sexuelle Belästigung, weil ich mich durchaus geschmeichelt gefühlt hatte, und weil ich zu jeder Zeit das Gefühl hatte, Gartenfels würde nicht weitermachen, wenn ich ihm klarmachte, dass ich das nicht will. Ich glaube, dort ist die Grenze – wenn einer signalisiert, dass er/sie das nicht will und der andere trotzdem weitermacht, ist das sicher sexuelle Belästigung. Problematisch ist natürlich auch das Machtverhältnis (Industriemensch vs. kleine Studentin). Dennoch empfand ich nicht, dass ich genötigt war, Dinge zu tun, die ich nciht wollte. Ich habe sie auch nciht getan und keinen Nachteil daraus erfahren.

  2. sebastiandrimmler schreibt:

    Ausprobieren, was er zu bieten hat, hätte dich nicht gereizt?

    • Karin Koller schreibt:

      Ich wollte keinesfalls meinen Freund betrügen. Wäre ich nicht in einer Beziehung gewesen, hätte mich das schon gereizt, aber nicht mit Gartenfels in dieser Situation, sondern mit jemanden, mit dem ich mir ein Vertrauensverhältnis aufgebaut hatte. Ich kenne mich mit SM nicht aus, aber so weit ich weiß gibt es da viele Shades, von denen für mich einige hocherotisch wären, andere aber abstoßend. Ich denke, ich müsste ganz genau wissen, worauf ich mich einlasse. So etwas mit jemanden zu wagen, der selbst weiß, dass es ein One-Night-Stand wäre, könnte durchaus im Desaster enden.

  3. Hofnarr schreibt:

    Nun ja, Ihr Leute von heute: Der Zusammenhang zwischen Schmerz und Lust ist im Sexuellen in der Natur schon gegeben durch die Zeugung eines Kindes (Lust) und die Geburt eines Kindes (Schmerz) und damit nicht wirklich noch nie da gewesen bei Dir, Karin. Solches in Theorie im Sexuellen vorgängig oder nochmals mit einem Mann durchzuspielen ist deswegen eigentlich nicht wirklich nötig für gesunde Menschen.

    Dass jener Gartenfels dies aber offenbar immer wieder “haben muss” und dies notabene mit jungen Studentinnen, die 15 und mehr Jahre jünger sind und erst noch die Situation nutzt, geschäftliche Abhängigkeiten mit privatem zu mischen, zeugt bei ihm von einem psychisch gestörten Verhältnis zu Sex unter Einbezugnahme von missbräuchlicher Gewalt über andere Schwächere!!! Auf ein solches Anliegen von einem solchen Psychopathen aber einzugehen notabene ist jedenfalls sehr, sehr gefährlich, weil das Grenzen ziehen durch die schwächere Person irgendwann nicht mehr möglich ist und damit eine Vergewaltigung vorprogrammiert ist, wenn irgendwann auf dem Weg zum Orgasmus das deutlich schwächere “Missbrauchsopfer” Nein oder Stop zu sagen wagt und dann nicht mehr gehört wird vom “Täter”.

    Karin, Du hast die Grenze doch sehr früh gezogen und ihn noch vor Intimitäten im stillen Kämmerlein deutlich und klar abgewiesen, sodass Du unverschämtes Glück hattest, glaub’ mir, insbesondere auch deshalb, weil Du bereits einen Freund hattest und deshalb nicht “fremdgehen” wolltest und vor allem auch, weil Dir anderntags der Vortrag wichtig war, bei dem Du ausreichend fit sein wolltest. Offenbar aber war da noch der “Mittäter des Missbrauchs”, der Geschäftskollege von Gartenfels, Mitwisser des vorauszusehenden sexuellen Unrechts an Dir, der bereit war, Dich jenem auszuliefern, indem er sich zurückzog/verabschiedete, als ihn Gartenfels zum Verschwinden aufforderte. Dies wiederum sind bereits kriminelle Machenschaften, weil beide wussten, dass hier ein vorsätzlicher Missbrauch an Deiner Person und Nötigung, Erpressung zufolge der geschäftlichen Beziehung mit Dir im Gange war, die niemand der beiden gwissentlich verhindern wollte.

    Wo aber Dominanz und Unterwerfung mit im Spiel ist Und dies war hier bei Gartenfels jedenfalls gegeben) ist der Schritt zu Gewalt und Vergewaltigung, ja sogar zu Mord nicht weit, wenn sich ein Opfer erst später wehren würde!!!

    Karin, Du hast unverschämtes Glück gehabt, glaub mir und im rechten Moment Nein gesagt!!!

  4. Pingback: EL James: Fifty Shades of Grey und Fifty Shades Darker | Karin Koller

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