N-Wörter und Platznamen

Fromet

Gegen rassistische Übergriffe, Diskriminierung von Frauen, respektlose Sprache, die Gruppen von Menschen beleidigt und diffamiert, sollte man, wo man kann, und so gut man kann, kämpfen.

Ein Bewusstsein dafür zu schaffen, welche Ausdrücke rassistisch, diskriminierend und beleidigend sind, ist ein Ansatz dafür (einer, der für jeden ohne großen Aufwand möglich ist). Quoten – zum Beispiel Frauenquoten – sind ein anderer Ansatz, den ich besonders im Berufsleben für sinnvoll erachte, weil die letzten Jahrzehnte gezeigt haben, dass das Patriarchat so weit zementiert ist, dass ein Wandel hin zu mehr Chancen für Frauen ohne Quote nicht möglich ist.

Auch Political Correctness  halte ich für sehr wichtig und es ärgert mich sehr, immer wieder lesen zu müssen, sie sei nur ein Instrument, das von echter Gleichstellung ablenke.

Immer wieder schießt die Debatte komplett am Ziel vorbei.

Zum Beispiel bei der Benennung des Platzes vor dem jüdischen Museum in Berlin. Wie Tobias Kaufmann sehr pointiert beschreibt,  sollte der Platz nach dem Philosophen Moses Mendelssohn benannt werden. Die Grünen lehnten das ab, weil es in Berlin eine Frauenquote für Straßennamen gibt. Eine Frau wurde krampfhaft gesucht. Der getroffene Kompromiss, den Platz nach der Ehefrau des Philosophen (und ihrem Mann) Fromet und Moses Mendelssohn Platz zu nennen, war an Lächerlichkeit kaum zu überbieten. Obwohl man mit vermutlich guter Absicht eine Frauenquote erfüllen wollte, bleibt der schale Beigeschmack, dass es einen offensichtlich idealen Namensgeber für diesen Platz gibt und nur um eine Quote zu erfüllen, eine Frau herangezogen wird. Noch dazu seine Frau. Mit ihm zusammen. Das ist so ziemlich das Gegenteil von dem, was erreicht werden sollte.

Heftige Diskussionen hatten das „N-Wort“ zum Inhalt. Die TAZ lud zu einer Diskussion (mit dem provokanten Titel „Meine Damen und Herren, liebe N-Wörter und Innen!“) darüber ein, wie politisch korrekt Sprache sein kann und muss. Der Moderator der Diskussionsrunde verlas Texte (unter anderem die berühmte Rede von Martin Luther King), in dessen Übersetzung das Wort „Neger“ vorkommt. Einige Diskussionsteilnehmer fühlten sich durch das Wort beleidigt und schrien „Sag das Wort nicht“, worauf der Moderator die Contenance verlor und ihnen zuschrie: „Geht bügeln!“ 

Insgesamt war das offenbar ein überhitzter Abend, bei dem eine Seite provozieren und die andere Seite sich provozieren lassen wollte.

Kurz darauf wurde ein amerikanischer Komiker zu einer Feier der Professional Footballers‘ Association (PFA) eingeladen. Niemand interessierte sich für sein Programm, das laut Bericht eines Anwesenden Rassismus auf intelligente Weise anprangerte und dabei das N-Wort verwendete, um Rassismus aufzuzeigen. Erst am nächsten Tag, als einige Journalisten vom Gebrauch dieses Worts erfuhren, war die Empörung groß. So groß, dass die PFA sich von der Performance distanzierte und sich weigerte den Comedian zu bezahlen.

In beiden Fällen wurde das N-Wort zum Selbstzweck. Das Wort ist böse, schienen die Beteiligten in (sofort oder nachträglich) zu sagen, es hat aus dem Wortschatz getilgt zu werden.

Ist es tatsächlich sinnvoll ein Wort inklusive historischer Verwendung aus dem Sprachschatz zu verbannen? Wird die Rede Martin Luther Kings jetzt plötzlich rassistisch, weil er das Wort „negro“ darin verwendet hat? Soll jedes Werk verboten oder zumindest umgeschrieben werden, wenn dieses Wort darin vorkommt?

Das erinnert mich an den Aufreger vor einiger Zeit, als man herausfand, dass Adolf Hitler in einigen Gemeinden noch als Ehrenbürger eingetragen war (und dem Streit, ob eine Ehrenbürgerschaft mit dem Tod automatisch erlösche). Von den Grünen kam der Vorschlag, die Ehrenbürgerschaften Hitlers ganz aus den Büchern zu streichen. Das halte ich aber für eine nicht ungefährliche Geschichtsfälschung.

Genauso wie die Tilgung des N-Wortes aus historischen Dokumenten. Oder die derzeitigen Handhabung der Straßenbenennung in Berlin.

Ist es sinnvoll, so zu tun, als hätte kein Ort Hitler begeistert die Ehrenbürgerschaft verliehen? Als hätte nie jemand das Wort „Neger“ verwendet, weder aus Rassismus oder Unbedachtsamkeit oder um ein Zeichen zu setzen? Als hätte die Gesellschaft immer schon Frauen ein Aufsteigen zu geistiger Größe im gleichen Ausmaß wie Männern ermöglicht? Sollte man nicht den Kontext berücksichtigen?

Jene, die sich kontextlos über ein Wort aufregen, nur weil es jemand in den Mund nimmt, und jene, die ohne irgendetwas zu hinterfragen einer Quotenregelung wortgetrau anhängen, bis das erzielte Ergebnis das Gegenteil vom gewünschten ist, erinnern mich an Till Eulenspiegel oder die Schildbürger. Nur mit mehr Spießigkeit und ohne den Humor.

Schlimmer ist noch: Wenn alle Aufreger gleichwertig sind, sind bald alle nichts mehr wert. Wenn man sich blind durch ein einziges Wort provozieren lässt, verschiebt man den Diskurs weg vom eigentlichen Thema der Diskriminierung und hin zur äußersten Oberflächlichkeit der Benennungen.

Das ist nicht nur das genaue Gegenteil von dem, was erreicht werden soll (Gleichberechtigung und respektvoller Umgang), es ist eine Abwendung von den tatsächlichen Problemen und der Geschichte, die zu diesen geführt haben. Oder wie Musa Okwonga es formulierte „And that, all in all, is an appalling shame.“

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Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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10 Antworten zu N-Wörter und Platznamen

  1. Es ist kompliziert. Aber ich glaube, grundsätzlich ist diese alte Nummer von Chris Rock ein guter Leitfaden dazu, wer was wann sagen sollte und wer nicht. http://www.youtube.com/watch?v=iau-e6HfOg0

  2. SandraS schreibt:

    Regt zum Nachdenken an, thx.

  3. claudiaveratti schreibt:

    Kontext ist immer alles. Und viele reagieren einfach per Pawlowschem Reflex auf ein Wort, einen Zuruf. Insoweit gilt ja für diese Thematik das Gleiche wie in der Sexismusdebatte. Wenn die absurden Auswüchse ignoriert werden, gibt´s gar nicht viel zu diskutieren. Weil für jeden, der nicht schwachsinnig ist, situativ evident ist, was man sagen und tun kann und was nicht. Wenn das beherzigt wird, dann braucht man auch keine spießigen Verhaltenskodizes, die auf Punkt und Beistrich eingehalten werden müssen.

    • Karin Koller schreibt:

      Beachtet man den Kontext nicht, verzettelt man sich leicht in Nebensächlichkeiten und gibt zusätzlich den Gegnern unnötige Angriffsfläche, finde ich.

  4. Athenaeum schreibt:

    Mir scheint das alles gequirlter Käse. Andauernd sucht sich irgendeine Minderheit irgendeinen Grund dafür, beleidigt zu sein. Und da sie einen solchen Grund jedenfalls finden, egal was wir tun, sollte man auf diese Befindlichkeiten keine Rücksicht nehmen. Und wenn Plätze jetzt nach Hausfrauen benannt werden ist Satire tot.

  5. Lena schreibt:

    Das Video ist gut. Ein weiterer Beitrag zu der Debatte von Noah Sow (Autorin von “Deutschland Schwarz Weiß”): “Ein wichtiges Identifikations- und Identitätsmerkmal jedes Menschen, jeder Familie, jedes Vereins und jeder Gruppe ist deren Selbstbezeichnung […]”
    Aus der Critical Whiteness-Perspektive kann man die ganze von Weißen geführte Debatte über das “N-Wort” als überheblich und paternalistisch sehen. Auf der anderen Seite wird die Debatte ja auch nicht NUR von Weißen geführt. Es gibt genug Beweise dafür, dass Rassismus in Deutschland ständig, wenn auch eher subtil in Form von alltäglichem oder strukturellem Rassismus, präsent ist. Sprachliche Veränderungen sind der erste Schritt, Wirklichkeit zu verändern. Es geht dabei nicht nur um das N-Wort. Auch “Schwarzfahren”, “getürkt”, “Schwarzarbeit”, etc.

    • Karin Koller schreibt:

      Gerade den unterschwelligen Rassismus in der Sprache zu bekämpfen halte ich für sehr wichtig. Auch Selbstbezeichnungen sind selbstverständlich zu respektieren. Ich halte es aber aus jeder Perspektive heraus für falsch, den historischen Kontext zu negieren.

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