Melinda Nadj Abonji: Tauben fliegen auf

Ich wollte Tauben fliegen auf hassen mit aller Inbrunst, weil ich es unmöglich finde, wie Autoren im deutschen Sprachraum sich zwingen, ihre Sprache auf ein artifizielles poetisches Podest zu heben. Und dann hörte ich im Radio eine Literaturkritikerin verkünden, dass es in der Literatur immer nur um die Sprache gehen kann und nie um die Geschichte. „Nein“ schrie ich das Radio an und schleuderte der Kritikerin einige Kraftausdrücke entgegen, „es geht immer um die Geschichte, wer nichts zu sagen hat, dem nützt die schönste Sprache nichts.“ Meine Kinder sahen mich befremdet an, ich glaube, sie können mein Bedürfnis, das Radio zu personalisieren, nicht nachvollziehen.

Ich beginne das Buch also mit äußerster Skepsis zu lesen. Jeder Satz, der mehr als eine halbe Seite lang ist und außerdem kein Verb besitzt, verschafft mir eine heimliche Befriedigung. Alle Vorurteile bestätigen sich, denke ich hämisch, das manierierte Zeug brauche ich nicht einmal bis Seite zehn zu lesen, um alles darüber zu wissen.

Aber plötzlich ist da etwas, das mich dazu drängt, weiterzulesen. Abonji erzählt das Leben der Protagonistin lldiko mit einer unvergleichlichen Zartheit, einem tiefen Verständnis und unglaublicher Beobachtungsgabe. Dieses Leben wird als Kaleidoskop von unterschiedlichen Szenen beschrieben. Dazu gehören die großen Themen eines Lebens wie die Angst um die Verwandten im Krieg, die Anbahnung und spätere Zerschlagung einer Liebe, die Bewältigung der Familiengeschichte oder der Umzug in die Schweiz. Aber auch die kleinen Erlebnisse, die ein Leben ausmachen, kommen nicht zu kurz, wie der Besuch bei den Großeltern in der Vojvodina, eine Hochzeitsfeier oder ein Abend mit Freunden in Zürich. Und dann sind da noch die winzigen Dinge, die alles Übrige erklären, wie die Schwierigkeit, Milch richtig aufzuschäumen oder die langen Reisen mit dem Auto.

Tauben fliegen auf ist auch ein Buch über die Unvereinbarkeit der neuen Heimat Schweiz und der alten Heimat Vojvodina. Für Ildiko sind gleichzeitig beide Welten selbstverständlich. Dennoch bleibt die Spannung, in keiner von ihnen wirklich zu Hause zu sein. In der Schweiz ist sie die Ausländerin, die versucht sich anzupassen, in der Vojvodina ist die die Fremdgewordene, die unpassende Kleider trägt. Die ewige Fremdheit spiegelt sich auch in ihren Liebesbeziehungen wieder. Diese muten sehr zart an, die Distanz kann aber nur in seltenen Momenten überwunden werden.

Ildikos Eltern ist die Anpassung am wichtigsten, ohne diese können sie mit ihrem Café nicht erfolgreich sein. Als sie die Einbürgerungsprüfung bestehen und als ihnen nach der Abstimmung das Bürgerrecht zugesprochen wird, sind sie die stolzesten Menschen. Ildiko befindet sich auch hier wieder in einem Spannungsfeld. Einerseits möchte sie den normalen Abgrenzungsprozess von den Eltern durchleben, indem sie sich mit jungen, unangepassten Menschen trifft, andererseits muss sie ihren Eltern helfen, weil sie ohne sie vielleicht nicht zurecht kommen könnten.

Sie steht jeden Tag als Kellnerin im Café und verzichtet darauf, ihr Studium fortzusetzen. Eines Tages aber ist die Toilette mit Kot verschmiert. Die Mutter putzt, ein Missgeschick kann geschehen, sagt sie. Ildiko weiß, dass das eine absichtliche fremdenfeindliche Demütigung ist, aber sie kann das nicht in der Familie thematisieren. Die unterdrückte Wut schlägt in eine Depression um. Sie zieht in die Stadt, verlässt kaum noch die Wohnung und versucht ihr eigenes Leben zu leben.

Die Sprache bleibt das ganze Buch hindurch ungewöhnlich, aber sie funktioniert. Es ist die Sprache einer jungen Frau, die aus einem alten Karton ein Foto nach dem anderen herausnimmt und sich voller Liebe und Einsicht an ihr Leben erinnert und das Leben ihrer Eltern und Großeltern nachvollzieht.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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23 Antworten zu Melinda Nadj Abonji: Tauben fliegen auf

  1. Lisa Mertens schreibt:

    Ich habe dieses Buch über Empfehlung Karins – zunächst mit großer Skepsis – gelesen und kann ihre Bewertung nur teilen. Easily der beste deutschsprachige Roman, den ich in den letzten Jahren gelesen habe.

  2. Erika schreibt:

    Tolle Ohrringe! Sind die massiv?

  3. Erika schreibt:

    Wo hast du die herbekommen? Und wie schwer ist sehr schwer?

  4. Erika schreibt:

    Kann ich die mit meinen normalen Ohrlöchern auch tragen oder muß ich die Ohrlöcher dehnen lassen?

  5. Buecherwurm schreibt:

    Ich kann der Autorin nur beipflichten. Klar das Beste Buch des letzten Jahres und verdienter Buchpreisgewinner

  6. JoM schreibt:

    Ich habe das Buch gerade gekauft. Jetzt wird ueberprueft, ob du auch als Literaturkritikerin kompetent bist.

  7. Literaturpapst schreibt:

    Mir ging’s genau umgekehrt. Ich wollte das Buch mögen und habe es gehasst. Prätentiös, affektiert, kunstgewerblich und konstruiert. Ein typischer deutscher preisgekrönter Roman.

  8. Roberta schreibt:

    Ich habe mir das Buch auf dem Heimweg gekauft und bin schon gespannt, ob es hält, was du versprichst.

  9. NicoleLee schreibt:

    Prima Rezension. Ich werde das Buch heute kaufen.

  10. Alexa schreibt:

    Ich habe das Buch gerade gelesen und kann es auch allen nur weiterempfehlen.

  11. Elisabeth H. schreibt:

    Sehr schöne Beschreibung. Ich werde es lesen.

  12. Clara schreibt:

    Ich habe gestern Nacht angefangen, bin aber noch nicht so reingekommen, wenn ich ehrlich bin.

  13. Clara schreibt:

    Das ist aber schnell anders geworden. Ich habe das Buch gestern Abend fast fertiggelesen. Hört nicht auf meine Skepsis zu Beginn, Karin hat zu 100 Prozent recht.

  14. Roberta schreibt:

    Ich hab’s jetzt fertig. Kommt nicht oft vor, dass ich ein Buch praktisch in einem Stück lese. Weitere Lesetips?

  15. BarbK schreibt:

    Eine schöne Beschreibung meines Lieblingsbuches. Das ist das beste Schweizer Buch der letzten 30 Jahre.

  16. Laura schreibt:

    Bin auf amazon auf dich gestossen. Schöne Rezension. Ich habe das Buch bestellt.

  17. Sanja schreibt:

    Voller Begeisterung fing ich an, das Buch zu lesen und kurz darauf war es schon vorbei mit der Freude. Ich hätte wirklich mehr erwartet, denn die Geschichte könnte genau so gut von mir sein, da ich auch aus der Vojvodina stamme und einige ähnliche Begegnungen hatte. Nur hätte ich wahrscheinlich nicht so elend lange Sätze gemacht und hätte auch nicht so negativ über den Tito-Kommunismus gesprochen. Traurig, dass es nun Leute gibt, die sich geschichtlich vielleicht nicht so interessieren, dann dieses Buch lesen und natürlich alles glauben, was sie geschrieben hat.

  18. ninaentner schreibt:

    Du triffst den Nagel auf den Kopf. Ich habe das Buch gerade fertiggelesen, habe dann Kritiken im Internet gesucht und war erstaunt, wieviele professionelle Kritiker das Punkt als historische Abrechnung mißverstanden haben, anstatt als poetische Darstellung der Unvereinbarkeiten, der Auswirkungen der Entwurzelung, der Isoliertheit derer, die nirgends richtig daheim sind.

    • Karin Koller schreibt:

      Danke. Ich habe diese Kritiken nicht gesehen. Eine historische Abrechnung habe ich nicht herausgelesen, sondern fand es ein einfach wunderbares Buch, das den Preis vedient hat (im Gegensatz zu Eugen Ruge im Vorjahr, dessen Buch mir überhaupt nichts gegeben hat).

  19. stephaniebueskens schreibt:

    klingt gut, ich werde es mir besorgen

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