Fußballtraining

Am Montag habe ich Apfelpfannkuchen gebacken, weil Montage Lukas immer beunruhigen. Außerdem war diesen Montag Fußballtraining und das beunruhigt Lukas noch mehr, vorher. Jedes Mal wenn er nach dem Fußballtraining nach Hause kommt, einmal hat er sogar ein Tor geschossen, strahlt er. Deshalb wollte ich, dass er hingeht, weil es ihm gefällt und weil er dort Selbstvertrauen bekommt. Ansonsten wäre es mir viel lieber, er würde nicht bis um halb acht unterwegs sein, weil ich dann immer Probleme habe, alle Kinder rechtzeitig ins Bett zu bringen. Sein Gesicht zu sehen, rot und verschwitzt und ganz stolz auf sich, würde alle Unannehmlichkeiten aufwiegen, wenn da nicht die schreckliche Beunruhigung vor dem Training wäre, die am Sonntag am Abend anfängt und erst knapp vor dem Training endet, und das nur wenn ich ihn mit geschickter Verhandlungstaktik und ausreichender Bestechung dazu bringe, dass seine Gier größer wird als seine Furcht.

Die Pfannkuchen sollten ihm wenigstens den Mittagsstress nehmen, den er immer bei Speisen hat, die er nicht mag. Das sind fast alle Speisen außer Apfelpfannkuchen und Würste. Mit einer guten Zuckergrundlage, so dachte ich mir, wären seine Nerven geschmiert, damit nicht mehr überdramatisiert.

Die Angst begann diesmal diffus. Sie äußerte sich zunächst nicht in der Trainingsverweigerung, sondern indem er bei der Hausaufgabe bockte, den Lernzettel zerknüllte unter den Tisch kroch und Anna zwickte. Nach einer Stunde war die Hausaufgabe fertig, nach Kratzen, Beißen und Boxen von Lukas, gegenseitigem Anschreien und nur mit allergrößter Mühe unterdrückter und deshalb nicht angewandter Gewalt meinerseits. In diesen Situationen packt mich die blinde Wut über meine Unfähigkeit, ganz alltägliche Abläufe in Gang zu setzen und die Kinder dazu zu bringen, zu tun, was selbstverständlich sein sollte. Dann erkenne ich mich kaum wieder. Hinterher schäme ich mich, dass ich mich so wenig im Griff habe und ärgere mich, dass ich eine Niederlage nach der anderen mit den Kindern erlebe. Ich muss mir immer wieder vorsagen, dass das nichts mit mir und meiner Erziehung zu tun hat, sondern nur mit der Angst, meiner und der von meinem Sohn.

Aber oft konnte ich es mir diesmal nicht vorsagen, denn das Hausaufgabendesaster ging diesmal beinahe nahtlos in die konkrete Fußballangst über. „Ich gehe nie wieder dorthin, nie wieder, hörst du.“

Gutes Zureden nützte nichts, nicht einmal die übliche Bestechung mit Kleinigkeiten. Dann ging ich über zum Einreden von Schuldgefühlen – „So viel Geld haben wir in die Ausrüstung investiert“. Als das auch nicht fruchtete, kam die nächste Runde Geschrei mit Hauen, Kratzen und Beißen dran. Erst als Frank ihn telefonisch mit einem riesigen Geschenk bestach, willigte er ein, es zu versuchen. Mir fiel ein Stein vom Herzen. Heute war es besonders wichtig ihn zum Training zu bewegen, weil er letztes Mal von einem Buben blöd angeredet und dann auch noch absichtlich angeschossen wurde und daraufhin den Mut verlor. Jetzt wird alles gut, dachte ich mir, als ich ihn bei der Mutter von seinem Fußballkameraden ablieferte.

In neugieriger Erwartung rannte ich um die Sporthalle herum bevor ich ihn abholte und sah heimlich beim Fenster herein. Alle Buben spielten voller Eifer ein Fußballmatch, alle bis auf einen. Lukas saß alleine und gelangweilt am Rand, er zuckte hin und her, als wäre er schon lange dort gesessen. Er hat die ganze Zeit nicht mitgemacht, erklärte er mir nach dem Training. Mir schnürte sich die Kehle zu. Die Apfelpfannkuchen hatten nichts genützt. Manchmal nützt überhaupt nicht sehr viel etwas.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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19 Antworten zu Fußballtraining

  1. Lisa Mertens schreibt:

    Wunderschön geschrieben. Traurig, aber solche Tage lassen sich nicht vermeiden. Ich hatte vergangenen Freitag ein ähnliches Erlebnis mit meinem Kleinen und der Theatergruppe. Wir können nicht mehr tun, als unser Bestes versuchen. Und es gibt ja oft auch andere Tage.

  2. Roberta schreibt:

    Ja, man vergisst, wenn man sich Kinder wünscht, dass es nicht einfach ist, sie unbeschädigt großzubringen. Aber trotz aller Probleme kann man doch froh sein, wenn man das hat, was du hast. Ich bin, obwohl ich es im täglichen Leben viel leichter habe als du, ein bißchen neidisch.

  3. Roberta schreibt:

    And, on a lighter note: Die Ohrringkombination ist traumhaft und schreit nach einer Schmuckkolumne (just sayin´)

  4. Alexa schreibt:

    Wenn wir nur immer alles Leid von denen, die wir lieben, abwenden könnten.

  5. Roberta schreibt:

    Manchmal gibt es einfach keine Lösung, obwohl niemannd etwas falsch gemacht hat. Leider.

  6. JoM schreibt:

    Die Geschichte ist sehr berührend. Mir ist es als kleines Mädchen beim Turnen auch so gegangen. Keine schöne Erinnerung.

  7. Clara schreibt:

    Gut beschrieben, die schmlimmsten Facetten des Lebens als Mutter sind, wenn man den Kindern nicht helfen kann. Nichts ist grausamer als dieses Gefühl der Hilflosigkeit.

  8. Andrea schreibt:

    Dein Ohr sieht fabelhaft aus. Dürfte ich dir eine Frage zum Ohrringe schiessen stellen?

  9. Bahiana schreibt:

    Zum Glück kommen die Kinder als Babys zur Welt und man kann mit ihnen zusammen lernen, sich immer komplexeren Problemen zu stellen. Aber die Grenzen lernt man jeden Tag auf’s Neue kennen – die Grenzen dessen, was man steuern kann, was man aushalten kann und auch was man lernen kann. Oft ist es fast unerträglich, wie langsam man voran kommt und doch sieht man im Rückblick oder im Gespräch mit Eltern kleinerer Kinder, dass man jetzt Dinge schafft, die man noch vor einem Jahr für unmöglich gehalten hat.

    Auf die Mütter, die das alles schaffen – oft irgendwie, aber doch!

  10. Sonja M schreibt:

    Das ist zwar ein schönes, aber anstrengendes Alter. Meiner ist dreieinhalb. Planst du noch eins?

    • Bahiana schreibt:

      Nein! Hab kein Glück mit den Männern … Und das mit anstrengend kannst du laut sagen. Sie sind das allerliebste auf der Welt, aber manchmal könnte man sie durch die geschlossene Tür schiessen, oder wahlweise selber durchhüpfen. Aber das bleibt wohl noch ein paar Jahre so 😉

  11. Sonja M schreibt:

    Beim nächsten Mann wird alles anders…..
    Bei mir hat’s auch bis vor einem Jahr gedauert, bis der Traumprinz endlich erschienen ist.

    • Bahiana schreibt:

      Hab grad heute wieder einen Kandidaten für die Stelle verjagt… Aber besser ’not so young, free and single‘ als in einer Beziehung, die nicht passt. Dafür ist neben kleinem Kind kein Platz!

  12. NicoleLee schreibt:

    Das ist eine wunderbar geschriebene Geschichte. Wir können den Kindern nur vermitteln, dass man sich durch Angriffe anderer nicht zur Resignation verleiten lassen darf, sondern, so schwer es oft ist, den Kampf aufnehmen muss.

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