Roberto Bolano: 2666

2666 ist eines der merkwürdigsten Bücher, die ich je gelesen habe. Bis heute weiß ich nicht, warum es diesen Titel trägt. Während des Lesens habe ich mich regelmäßig gefragt, welche Bedeutung gerade diese oder jene Szene für das gesamte Buch hat, wie die verschiedenen Teile zusammengehören sollen, oder welcher Sinn aus dem Gelesenen zu extrahieren ist.

Ganz langsam und unbedrohlich beginnt das Buch. Vier Literaturwissenschaftler – drei Männer und eine Frau – suchen den verschollenen deutschen Schriftsteller Benno Archimboldi. Auf ihre unbeholfene universitäre Art reisen sie bis nach Santa Teresa in Mexiko, wo sich eine mysteriöse Serie von Frauenmorden ereignet. Sie sind nicht erfolgreich, die Männer verlieben sich in die Frau, es kommt zu Verwicklungen, alles mutet an wie der durchschnittliche Universitätsroman.

Im zweiten Teil wird von Amalfitano, einem Universitätsprofessor in Santa Teresa, erzählt, der die vier Protagonisten des ersten Teils flüchtig kennengelernt hat. Amalfitano sorgt sich um seine Tochter Rosa und droht langsam verrückt zu werden.

Um Rosa geht es im dritten Teil, wie sie in Berührung mit Sex und Drogen kommt, wie sie Journalisten und möglicherweise Mörder kennenlernt.

In den ersten drei Teilen spielen die Frauenmorde in Santa Teresa eine zunehmend stärkere Rolle. Im vierten Teil werden sie beschrieben in einer endlosen Reihe von Polizeiberichten und Ermittlungsbeschreibungen. Das hat einen beinahe hypnotischen Effekt. Einerseits wird von Fall zu Fall, und es sind hunderte, die Schrecklichkeit stärker vor Augen geführt, andererseits stumpft man beim Lesen auch zunehmend ab. Es bleibt ein ungutes Gefühl, weil diese Art des Schreibens verdeutlicht, dass das Schreckliche nicht begreifbar ist.

Das Leben des Schriftstellers Archimboldi wird im letzten Teil beschrieben. Von seiner Kindheit wird erzählt, von seiner Jugend als Soldat im zweiten Weltkrieg, von seiner Ehe, von seiner Schwester, deren Sohn beschuldigt wird, die Frauenmorde in Santa Teresa begangen zu haben. Und hier am Ende des Buches schließt sich demgemäß der Kreis der Protagonisten.

Aber ein grober Umriss der Rahmenhandlung wird dem Buch niemals gerecht. Unglaublich intensive Szenen ziehen sich durch das Buch. Sie sind surreal, wie die Liebesszene in einem rumänischen Schloss, die Schilderung von Archimboldis Liebe zu Algen oder Amalfitanos Experiment, ein Geometriebuch in Anlehnung an Marcel Duchamp an die Wäscheleine zu hängen. Sie sind erschütternd, wie die Entsorgung eines an den falschen Ort geschickten Judentransports, die sich weniger als menschliches, sondern vielmehr als logistisches Problem darstellt. Sie sind bedrohlich wie jene Szene, in der ein General von seinen desertierenden Untergebenen nackt aufs Kreuz genagelt wird. Sie stellen die Langeweile, das Leid, die menschlichen Abgründe dar. Sie zeigen Korruption und Exzentrizität, Gleichgültigkeit und Gewalt.

Viele der Handlungsstränge bleiben lose, verlaufen sich im Nichts, andere nehmen eine unerwartete Wende, nur wenige lösen sich auf. Es wird oft spekuliert, ob der Roman fragmentarisch geblieben ist und Bolano ihn in verständlichere Form gebracht hätte, wäre er nicht vor der Fertigstellung gestorben. Das glaube ich nicht. Für mich war gerade dieses monumental Verstörende das Großartige an diesem Roman. Als ich das Buch zu Ende gelesen hatte, verblieb keine Leere wegen der unaufgelösten Enden. Es passierte etwas, das mir noch nie zuvor passiert ist. Ich hatte das Gefühl, als hätte ich an Tiefe gewonnen, als wäre ein Raum entstanden, in dem unterbewusst aufgearbeitet wird, was der Text offen lässt, ein Raum, in dem die losen Enden zusammenfinden und ein neues Ganzes schaffen.

In diesem Sinne ist 2666 ein inspirierendes, ein wunderbares, ein großartiges Buch.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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12 Antworten zu Roberto Bolano: 2666

  1. Andrea schreibt:

    Ich habe mich bisheran zwei hochgelobte Bücher aufgrund ihres Umfanges und ihres jeweils sperrigen Themas nicht herangetraut: an „Die Wohlgesinnten“ und „2666“. Letzte Woche hatte ich den Littell in der Hand und hätte mich fast dazu duchgerungen, ihn zu kaufen. Nach dieser Beschreibung neige ich wieder mehr zum Bolano.

    Ich werde morgen ins OF gehen und beide nochmal durchblättern und mich für einen entscheiden.

    • Barbk schreibt:

      Ich kenne das Bolano-Buch noch nicht, werde es mir aber vornehmen. Zu Littell kann ich aber nur eine dringende Empfehlung aussprechen. Die Wohlgesinnten ist ein unübertreffliches Panorama der ganzen grauenhaften Nazizeit aus der Sicht eines SS-Offiziers. Unglaublich verstörend, unglaublich eindrücklich, und unglaublich detailgetreu. Man braucht oft einen starken Magen, aber es ersetzt, wenn man es gelesen hat, zehn Geschichtsbücher. Und man lernt zu verstehen, weshalb sich viele so intelligente Leute in dieser Zeit so grauenhaft verhalten haben. Die Erklärung ist keine angenehme, und sie sollte uns immer vor Augen stehn, wenn wir unser eigenes Tun beurteilen. Und hoffentlich hinterfragen.

      Also, Bolano, ja. Aber Littell, unbedingt.

      • Alexa schreibt:

        Ich fand die Wohlgesinnten auch das eindrücklichste Buch, das ich in den letzten Jahren gelesen habe. Kein Zweifel, wer nur einen Roman über die Judenvernichtung und wie es dazu gekommen ist, lesen kann, der sollte sich an die Wohlgesinnten halten.

  2. Peter schreibt:

    Ein sehr sperriges, konfuses, unebenes Meisterwerk. Aber ein Meisterwerk, da hast du recht.

  3. Laura schreibt:

    Ich habe mich bisher auch noch nicht an 2666 herangetraut, obwohl ich schon einige kleinere Sachen von Bolano gelesen habe. Ist das Buch wirklich so gewalttätig und explizit, wie beschrieben wird?

  4. JoM schreibt:

    Schoene Kritik, schwieriges Buch.

  5. Erwinlp schreibt:

    Ich habe das Buch etwa bis zur Seite 250 gelesen und bin gar nicht hineingekommen. Mir schien es einfach nur inkohärent.

  6. Benno von Archimboldi höchstpersönlich schreibt:
  7. Sebastian D. schreibt:

    Ich habe 2666 vor kurzem fertiggelesen, und kann sagen, dass du die Wirkung des Buches, wie ich sie auch wahrgenommen habe, toll beschrieben hast. Ich hatte genau das gleiche Gefühl, ohne dass ich es in Worte fassen hätte können.

    Manchmal arbeitet gerade ein Text, der keine konkrete, für alle sofort offensichtliche, Erklärung liefert, am stärksten in einem.

  8. sophiacallejon schreibt:

    Ich habe das Buch jetzt zum zweiten Mal gelesen. Und ich habe in den vergangenen Tagen etwa 30-40 Kritiken, Beschreibungen, Bewertungen durchgesehen. Deine ist die Beste.

    Ich sehe das ganz wie du. („Das glaube ich nicht. Für mich war gerade dieses monumental Verstörende das Großartige an diesem Roman. Als ich das Buch zu Ende gelesen hatte, verblieb keine Leere wegen der unaufgelösten Enden. Es passierte etwas, das mir noch nie zuvor passiert ist. Ich hatte das Gefühl, als hätte ich an Tiefe gewonnen, als wäre ein Raum entstanden, in dem unterbewusst aufgearbeitet wird, was der Text offen lässt, ein Raum, in dem die losen Enden zusammenfinden und ein neues Ganzes schaffen.“)

    Das Leben liefert auch nicht für alles klare Auflösungen, Erklärungen, Enden. Dieses Buch auch nicht. Das ist also kein Fehler.

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