Ballverlust

Endlich kann ich die Kinder wieder in den Garten schicken und ungestört schreiben oder die Seele baumeln lassen. Die Mädchen schaukeln und Lukas spielt mit dem Fußball. Ich beginne gerade meine Gedanken zu sammeln für den nächsten Artikel, da höre ich einen Schrei. Katharina rennt ins Büro: „Der Ball ist weg“, und rennt wieder hinaus, um zu sehen, ob sie helfen kann. Ich sammle meine Gedanken erneut, weil, der wird sich schon finden der Ball, denke ich. Aber nur ein paar Augenblicke später höre ich bitterliches Geheul von der Einfahrt her. Der Ball ist nicht nur weg, sondern über das Tor auf die Straße geflogen und den Hügel hinuntergerollt.

Ich lasse alles stehen und liegen, werfe mir die alte Jacke über – im letzten Augenblick kommt mir in den Sinn, dass ich die teure Lederjacke nicht anziehen sollte – und dann rennen wir los, um den WM-Ball zu retten. Wir rennen unsere Straße hinunter, über die Straße, die auf den Berg führt, und klettern über die Leitplanke und durch den Kuhzaun. Am Fuße der steilen Schlucht sehen wir den Ball, er ist nicht in den Bach gefallen. Lukas und Anna laufen los, rutschen, fallen beinahe die Felsen hinunter, rappeln sich wieder hoch und erreichen den Ball. Katharina und ich kämpfen uns den halben Weg die Kuhweide hinunter, aus Solidarität, und warten. Ich rufe Lukas zu: „Pass auf den Ball auf, sonst rollt er doch noch in den Bach.“ Bevor ich ausgesprochen habe, fällt mir ein, dass man so etwas niemals machen darf, und richtig keine zwanzig Sekunden später rutscht der Ball Lukas aus der Hand, rollt den Hang hinunter, springt über die Böschung in den Bach und verfängt sich dort in einem Wasserfall, am anderen Ufer.

Wir kriechen den Hügel wieder hinauf, manche weinen still und verzweifelt. Ich versuche, den Teamgeist zu erwecken und schicke Anna nach Hause, um einen Besen zu holen. Mit den Kleinen gehe ich an der Straße hinunter ins Dorf. Als wir den Bach erreichen, holt uns Anna ein. Ich nehme ihr den Besen ab und wir gehen den Wanderweg den Bach entlang, bis wir zu der Stelle kommen, wo der Ball immer noch im Wasserfall tänzelt. Ich weise die Kinder an, sich keinesfalls weiter fortzubewegen als bis zum Pferd auf der Weide gegenüber, und klettere langsam die steile Böschung zum Bach hinunter. Während ich mit dem Besen in der Hand an einem zum Glück saftigen Schössling hänge und versuche, das letzte Stück zu springen, denke ich mir, was Frank wohl mit mir macht, wenn ich stürzen und mit gebrochenem Bein im Bach liegen würde und die Kinder unbeaufsichtigt wären.

Ich schaffe es ohne Zwischenfälle hinunter und der Ball entgleitet mir nicht beim Herausfischen. Aber jetzt stehe ich hier unten, in der einen Hand den Ball in der anderen den Besen und hinauf komme ich nur wenn ich klettere und dabei ein bisschen springe. Ich rufe Anna, die kann vielleicht helfen, und werfe ihr den Ball zu. Sie fängt ihn nicht, beinahe rollt er wieder in den Bach. Ich werfe nochmal, sie fängt ihn wieder nicht, aber der Ball verfängt sich auf halben Weg im Geäst. Jetzt kann ich hinaufklettern. Der Ball ist gerettet, die Mutter ist gerettet, das Familienglück ist gerettet. Am Heimweg bekommen die Kinder einen Vortrag darüber, dass man nur schaffen kann, was man anpackt und das am besten gemeinsam. Geschieht ihnen ganz recht, wenn sie mich nicht in Ruhe schreiben lassen.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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10 Antworten zu Ballverlust

  1. Clara schreibt:

    Eine schöne Geschichte. Und richtig: das Leben ist ein Mannschaftssport.

    • Roberta schreibt:

      Das hast du gut ausgedrückt. Wenn man sich überlegt, welche Dinge man im Leben nie kennenlernen würde, wenn der eigene Horizont nicht ständig durch die Erfahrungen der Freunde erweitert würde.

      • JoM schreibt:

        Da hast du so so recht!

      • Laura schreibt:

        Ja, finde ich auch. Wenn ich nur daran denke, was ich mir erspart habe, weil ich Fehler, die Freunde gemacht haben, aufgrund ihrer Erzählungen nicht auch selber gemacht habe.

  2. Elke schreibt:

    „Am Heimweg bekommen die Kinder einen Vortrag darüber, dass man nur schaffen kann, was man anpackt und das am besten gemeinsam. “

    Den Vortrag bekommen meine Kinder auch oft zu hören. Ich kann zwar noch keine großen Erfolge feststellen, aber vielleicht sickert´s langsam ein.

    • Karin Koller schreibt:

      Meine glauben auch immer noch, dass es am besten ist, sich auf die Erde zu werfen und zu weinen. Aber man darf das Vortragen nicht aufgeben.

      • Lisa Mertens schreibt:

        Meine Kinder mißverstehen das mit dem gemeinsam anpacken eher dahingehend, dass sie sich gegenseitig anpacken, reissen und hauen. Aber, wie du sagst. NO SURRENDER

      • Clara schreibt:

        Bei uns ist enthemmtes Brüllen und Umsichschlagen das Mittel der Wahl. Was nicht bedeuten soll, das Weinen und Schluchzen nicht auch eingesetzt würden. Hauptsächlich von mir.

  3. L. schreibt:

    Eine sehr nette, amüsante Geschichte!

  4. Lisi schreibt:

    Gute Geschichte, prima geschrieben.

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