Vorurteil und Stolz

Ein Gastbeitrag von Nicole

Ich bin als kleines Kind in den USA aufgewachsen und erst in der zweiten Volksschulklasse hierhergekommen. Ich wirkte hier von Anfang an auch optisch etwas exotisch, weil ein Großelternteil von mir aus Japan stammt und ein anderer Afroamerikaner war. Wenn ich auch – finde ich – nicht besonders auffällig aussehe, so konnten andere doch erkennen, dass ich kein „reinrassiger Herrenmensch“ war.

Dieses ein bisschen andere Aussehen brachte bis in die Pubertät und eigentlich in der gesamten Schulzeit überhaupt keine Probleme mit sich. Meine Freunde fanden sowieso nichts daran, und ich könnte auch nicht sagen, dass meine „Feinde“ mich anders behandelten als irgendjemand anderen, den sie nicht mochten. Ich wurde also durchaus – und sicher manchmal zu Recht – als Arschloch oder dumme Kuh bezeichnet, aber niemals rassistisch beschimpft. (Zumindest kann ich mich daran nicht erinnern).

Das änderte sich interessanterweise grundlegend, als ich mein Studium begann. Ich wusste nicht so Recht, was ich studieren sollte, und entschloss mich, weil mein Vater Jurist war, mehr, weil ich halt irgendetwas anfangen musste, als aus Überzeugung, auch Jus zu studieren.

Und schon bei meinem ersten Vorlesungsbesuch begannen die Probleme. Ich hatte damals recht dichtes kurzes wuscheliges schwarzes Haar, trug gerne auffällige Kleidung und auffälligen Schmuck und sah auch keinen Grund, an meinem Äußeren etwas für einen Vorlesungsbesuch zu ändern. Das führte dazu, dass ich optisch bei dieser Vorlesung doch etwas aus dem – allerdings sehr eng gesteckten – Rahmen (Männer mit blauen oder weißen Hemden oder alternativ Polohemden, Frauen mit weißer oder hellblauer Bluse und kleinen Perlenohrsteckern oder alternativ winzigen Perlenohrsteckern) fiel.

Ich fand zwar, dass ich nicht ungewöhnlicher aussah, als die zwei jungen Herren im Steireranzug, aber, nun ja, die Wahrnehmungen sind eben verschieden.

Jedenfalls wurde ich bei dieser ersten Vorlesung, schon als ich mir einen Platz aussuchte, von irgendwelchen zukünftigen Stützen der Gesellschaft, die jetzt wahrscheinlich als Abgeordnete der FPÖ über Gesetze entscheiden, als „Bimbo“ bezeichnet.  Bei der dritten oder vierten Vorlesung, als man anstehen musste, um sich für eine Übungsprüfung anzumelden, schob mich eine dieser Kronen der Schöpfung beiseite und sagte zu mir, „aufpassen, wir sind hier nicht im Dschungel, uh uh“, was von den umstehenden blaublusigen Perlenträgerinnen mit fröhlichem Gekicher zustimmend kommentiert wurde. Solche Vorfälle wiederholten sich regelmäßig, wobei es dem einzigen schwarzen Studenten noch viel übler erging als mir.

Als ich dann am Abschluss des ersten Semesters zur Übungsprüfung bei einem Assistenten antreten musste, sagte mir dieser, als ich in meinem üblichen Outfit zur Prüfung erschien, er finde meine Aufmachung höchst unpassend. Wir seien hier an einer Universität in einem zivilisierten Land, da hätte ich mich der herrschenden Zivilisation anzupassen und könne hier nicht wie die Negermami im Kral, mit einem Pflock durch die Lippe (gemeint war ein winziges Piercing) und allen Glasperlen, die ich besitze, um den Hals und an den Ohren, antreten. Nachdem niemand anderer im Raum war, sah ich keine Chance, den Kerl anzuzeigen. Ich sagte ihm aber, er sei ein ahnungsloser rassistischer Vollidiot und verließ den Raum.

Nach diesem Vorfall sah ich endgültig, dass ich diesem dumpfen Rassismus nicht ausweichen konnte. Da ich keine Veranlassung – und auch keine Chance – sah, meine Identität zu verstecken, entschloss ich mich, stolz auf diese Identität zu sein und diesen Stolz auch nach außen zu tragen.

Ungefähr zu dieser Zeit sah ich einen Dokumentarfilm über diverse afrikanische Volksstämme (Nuba, Massai etc) und war begeistert, wie elegant und stolz diese ihre Identität zur Schau trugen und durch ausgefallenen Ohr- und Lippenschmuck verstärkten. Da mir ein großes Loch in der Lippe sehr unpraktisch erschien, entschied ich mich, als Symbol der Bejahung meiner Identität meine Ohrlöcher zu dehnen. 

Ich begann zunächst damit, zu Hause mehrere möglichst schwere Ohrringe gleichzeitig ins Ohrloch zu stecken und dieses dadurch zu weiten, um einen kleinen Tunnel einsetzen zu können. Als mir dies gelang, und ich mich selbst damit schön fand und auch von den Leuten, die mir wichtig waren, keine negativen Kommentare erhielt, traf ich die Entscheidung, meine Ohrlöcher soweit zu dehnen, dass sie wirklich zumindest in Ansätzen an die der afrikanischen Stämme, die ich vorher erwähnt habe, herankamen. Und so kaufte ich mir Taper und dehnte meine Löcher in etwa zwei Jahren langsam bis auf die Größe von 22mm.

Und ich muss sagen, so oberflächlich das klingt, mir hat diese Ohrlöcherdehnung geholfen, mich wohl mit meiner Identität und in meiner Haut zu fühlen.

Und wenn es den unbelehrbaren rassistischen Arschlöchern ein Dorn im Auge ist, weil es nicht ihrer ach so gehobenen „Kultur“ entspricht, umso besser.

Wie in den Kommentaren gewünscht ein Foto von Barbk:

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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36 Antworten zu Vorurteil und Stolz

  1. Barbk schreibt:

    Traurig, was immer noch möglich ist. Aber toll, wie du damit umgegangen bist.

  2. Alexa schreibt:

    Wahnsinn, was es immer noch für Leute gibt. Aber du hättest kein besseres Zeichen setzen können. Youth against fascism: It’s the song I hate (Sonic Youth, 1991)

  3. Erika schreibt:

    Deine Piercings und deine gedehnten Ohren sehen toll aus!

  4. Elke schreibt:

    Ich finde es schon lange faszinierend, welchen Realitätsverlust der durchschnittliche Rassist aufweist. Es braucht schon ein ans Pathologische grenzendes Selbstvertrauen, damit man sich als dicker pickeliger Zwerg mit Knollennase, Bierbauch, Schnauzbart und Bierfahne anderen Menschen gegenueber als höherwertig empfinden kann. Und das bezieht sich auf irgendwelche Menschen, gar nicht auf solche schönen wie dich.

  5. Elisabeth H. schreibt:

    Besser hättest du diesen Neandertalern gar nicht entgegentreten können. Bravo, keep on fighting the powers that be.

  6. Sonja M schreibt:

    Ich finde deine Ohren wunderbar. Mich würde, weil ich auch überlege, meine zu dehnen, interessieren, wie deine Ohren ohne Schmuck aussehen.

  7. Laura schreibt:

    Deine Ohrringe sehen super aus. Hast du damit je Probleme in deinem beruflichen Umfeld gehabt?

  8. Anna schreibt:

    Was machst du jetzt beruflich? Und bist du immer noch mit solchen Dumpfheiten konfrontiert?

  9. Notblonde schreibt:

    Hattest du, als du die Ohren gedehnt hast, nicht Angst, was deine Eltern, Freunde etc. dazu sagen? Und hast du keine Angst, dass es dir irgendwann nicht mehr gefällt und es nicht mehr wegzumachen ist?

  10. Roberta schreibt:

    Du hast so recht. Von solchen Idioten und Bullies darf man sich nicht einschüchtern lassen, sondern man muss ihnen stolz entgegentreten. Wie der Ostbahnhof Kurti immer gesagt hat: Lossts eich nix gfoin!

  11. Martha schreibt:

    Ist das Lippenpiercing nicht unangenehm und störend?

  12. NicoleLee schreibt:

    Danke für alle Komplimente.

    @Sonja M: wenn kein Schmuck in den Ohren ist, sieht man halt ein leeres Loch. Das ist nicht spektakulär. Da ich mir das Loch gedehnt habe, um Schmuck darin zu tragen, sehe ich keinen Sinn darin, ein leeres Loch herzuzeigen.
    @Laura, @Anna: ich bin als Juristin tätig. Ich habe weder beruflich noch privat Probleme mit meinen gedehnten Ohren gehabt. Ich muss aber sagen, ich thematisiere das von selber nie. Wenn ich darauf angesprochen werde, gebe ich zu erkennen, dass das ganz selbstverstaendlich zu mir gehört. Das wurde bisher immer akzeptiert. Ich finde auch, ich habe keinen Grund, deswegen unsicher zu sein oder mich dafür zu rechtfertigen.

    @Notblonde: wie ich geschrieben habe, sehe ich keine Veranlassung, andere um Erlaubnis zu fragen, wie ich mich anziehen oder schmücken will. Ich hatte aber weder von den Eltern noch von den Freunden negative Reaktionen. Es ist so, dass ich mir schon überlegt habe, ob ich das wirklich will, weil es nicht so leicht rückgängig zu machen ist. Ich habe die Entscheidung nicht
    bereut.

    @Martha: mir ist das Lippenpiercing schön und angenehm. Ich wüsste nicht, wobei es mich stören sollen könnte.

    • Martha schreibt:

      Ist das Lippenpiercing sehr schmerzhaft? Kann man dafür Ohrringe verwenden? Wie sieht das aus, wenn kein Schmuck drin ist?

    • Sonja M schreibt:

      Könntest du bitte beschreiben, wie der technische Ablauf beim Ohrlöcherdehnen ist? Ich bin mir nicht sicher, wie ich es anfangen soll.

  13. gedankenfest schreibt:

    Hut ab! Bleib so, wie du bist!
    Im Gegensatz zu der Horde Dumpfbacken, die du beschrieben hast, hast du deinen Weg gefunden und es scheint nicht, als ob du noch irgendwelche Probleme hättest. Weder mit dir noch mit deinem Umfeld.

    Die Dumpfbacken werden ein Leben lang gestraft sein – mit sich selbst! Sehr befriedigend!

  14. BarbK schreibt:

    Ich bin so fasziniert von deinen Ohren, dass ich meine auch dehnen will, allerdings nur auf etwa 10mm. Wie lange und in wievielen Schritten hast du auf eine solche Groesse gedehnt?

    • NicoleLee schreibt:

      Ich denke, in drei, vier Schritten mit einigen Wochen Abstand. Ein professioneller Piercer kann dir die Ohrlöcher aber in einigen Minuten auf einen Zentimeter weiten.

  15. Sonja M schreibt:

    Bitte berichte, wie es war und stelle dann ein Foto ein. Ich möchte auch schon lange dehnen, habe mich aber nicht getraut.

    • BarbK schreibt:

      Es war recht schmerzhaft, aber in einigen Minuten vorbei. Ich weiß leider nicht, wie man ein Foto einstellt.

      • xolotl schreibt:

        So viel kleiner als die 22mm-Löcher von NicoleLee sehen deine frisch geweiteten 10mm gar nicht aus!
        Dafür dass der Act erst gestern in einem Anlauf stattgefunden hat, wirkt das Ergebnis erstaunlich ungerötet und ausgeheilt. Wenn ich mir die in diesem Thread platzierten teilweise blutigen Videos anschaue, kann ich mir das nur schwer vorstellen.
        Hattest Du denn vorher schon Größer-als-Standard-Löcher?

      • Elisabeth H. schreibt:

        Könntest du uns sagen, ob die Mondlandung wirklich stattgefunden hat? Ich habe da eine Theorie, was deine Einschätzung dazu ist.

      • guardiolaisgod schreibt:

        Mir erscheint das mit den Ohren auch schwer vorstellbar. Aber auf dem Mond landen? Du machst wohl Witze.

      • xolotl schreibt:

        @ guardiolaisgod: Elisabeth H. macht keine Witze, sondern nimmt an, dass ich die Mondlandung für genau so einen Fake halte wie z.B. das platzierte Foto eines frisch geweiteten Ohrlochs. Ich bin weder Verschwörungstheoretiker noch habe ich Zweifel an menschlichen Fußspuren auf dem Erdtrabanten. Habe mir nur eine gewisse Skepsis bewahrt.
        Ich würd ja auch gerne was über die erstaunliche Schnellgeburt eines Eartunnels erfahren. Aber statt irgendeine plausible Erklärung zu liefern, kommt halt so eine gekonnte Psycho-Unterstellung, die meint auf jedes Argument verzichten zu können. Vielleicht hat ja die eigentlich Gefragte – BarbK – irgendwas Substantielles beizutragen.

      • guardiolaisgod schreibt:

        @xolotl: „noch habe ich Zweifel an menschlichen Fußspuren auf dem Erdtrabanten“ Und du willst ein Skeptiker sein? Kennst du nicht die Bilder aus Nevada?

        Kann es sein, dass du die Ohrlöcherangelegenheiten etwas zu wichtig nimmst?

      • Elisabeth H. schreibt:

        Meine beste Freundin ist Piercerin. ich bin selbst gepierct. Wenn du dir ein Ohr dehnen laesst, und das ein Profi macht, ist es noch zwei Stunden etwas geroetet. Danach sieht es so aus, als hättest du es schon immer gedehnt gehabt. Wenn du daran interessiert bist, kann ich dir gerne einen Dehntermin bei meiner Freundin vermitteln.

      • xolotl schreibt:

        (Eine gewisse Skepsis macht einen noch nicht zum Berufsskeptiker und ich will auch nicht vom Thema (Dehnung!) abkommen und in Nevada landen.)
        Elisabeth H.s neuerliche Antwort konnte mich durchaus zufrieden stellen. Ich hab mir’s halt nicht vorstellen können, dass es so easy geht. Gut, dazugelernt.
        Aber ist es denn dabei egal, ob man von 2 auf 10mm dehnt oder z.B. von 8 auf 10mm? Das ist in BarbKs Beitrag und den nachfolgenden Postings offen geblieben.

  16. Sonja M schreibt:

    Bitte bitte bitte ein Foto!

  17. Sonja M schreibt:

    Wunderbar!!!!

  18. Pingback: Anonymous

  19. Adrienne schreibt:

    Beunruhigend zu lesen, das andere ähnliche Erlebnisse haben wie ich. Aber gut, zu erfahren, wie man sowas am Besten bewältigt. Schöner Artikel.

  20. Andi schreibt:

    Schockierend, was so alles an den „zivilisierten“ Universitäten passiert!
    Super, dass du zu dir hältst und deinen Weg gehst!
    Andi

  21. Pingback: Mailbox: Gedehnte Ohrlöcher (1) | Karin Koller

  22. Pingback: Buchzitate Stolz Und Vorurteil | Nur das Beste aus der Bücherwelt

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