Italienische Schnecken

Im Sommer 1998 fuhren Frank und ich in die Toskana. Mein Studium war so gut wie beendet, die ganze Welt lag vor mir. Wir hatten ein kleines Haus mit Garten gemietet, lasen vormittags am Pool und machten nachmittags Ausflüge. In Siena kaufte ich mir eine rote Lederjacke, die ich bis heute gerne trage.

In San Gimignano bekam ich mein Geburtstagsgeschenk. Wir schlenderten durch die Straßen, versuchten die vielen Türme zu zählen und schauten uns mit milder Abscheu die Waren an, die die unzähligen Keramikgeschäfte feilboten. Plötzlich verdunkelte sich der Himmel, ein Gewitter zog auf und es begann zu schütten. Wir rannten ins nächste geschützte Cafe, um das Ende des Gewitters abzuwarten. Das Cafe lag an der steil abfallenden Straße hinter dem Hauptplatz. Deutsche Touristen nutzten den Nachmittagsregen, um eine Pizza zum Abendessen zu konsumieren.

Als wir den Kaffee getrunken hatten und uns wieder hinauswagten, begann gerade der zweite Regenguss. Ohne zu überlegen betraten wir das kleine Schmuckgeschäft nebenan. Etwas verlegen sahen wir uns um, wir wollten nicht wie Touristen wirken, die nur nicht nass werden wollten, obwohl wir das natürlich waren.

In einem Schaukasten lagen goldene Ohrringe, eine dazu passende Kette und ein Armband. Alle Schmuckstücke bestanden aus aneinandergehängten goldenen Schnecken. Die Ornamente erinnerten an etruskischen Schmuck, waren aber viel filigraner, leichter und sommerlicher. Der Schmuck schien auf unaufdringliche Weise alles zu repräsentieren, was an Italien schön ist. Ein Kärtchen zeigte an, dass er in diesem Geschäft entworfen und gefertigt wurde.

In einem kleinen Hinterzimmer saß eine Frau an der Werkbank und arbeitete an einem Schmuckstück. Sie kann heraus und beobachtete mit sichtlichem Stolz, wie ich mich für den Schmuck begeisterte. Frank sah meine Begeisterung auch und schenkte mir den Schmuck zum Geburtstag.

    

Im nächsten Sommer fuhren wir wieder in die Toskana, an einen anderen Ort in der Nähe. Es war mein erster Urlaub in einem richtigen Job und ich war jetzt stolze Trägerin eines Bauchnabelpiercings. Natürlich trug ich in San Gimignano den Schmuck, den ich hier im Vorjahr bekommen hatte. Das Geschäft war noch da, die Schmuckdesignerin in ihrem Hinterzimmer.

Ich ging hinein und fragte sie, ob sie auch Bauchnabelschmuck machte. Sie verneinte, und weil ich sehr enttäuscht dreingeschaut haben musste, fragte sie, was ich mir vorstellte. Da erklärte ich, dass ich im Grunde nur eine etwas größere Schecke mit einem geschlossenen Ring in der Mitte zum Einhängen in die Bauchnabelbanane bräuchte. Zwei Stunden später hatte sie meinen Bauchnabelschmuck fertig. Ich legte ihn sofort an und wir schauten beide sehr zufrieden auf meinen Bauch.

Danach gingen Frank und ich zum Abendessen in ein Lokal, in dem der Wirt sich laut über die Touristen ausließ, die nichts von Italien verstehen wollten und dumpf und ohne Sprache durch die Gegend rannten. Uns meinte er nicht, wer ihn verstand, wurde ehrenhalber eingebürgert.

Zum Nachtisch gab es die herrlichste Creme brulée, die ich je gegessen hatte. Als ich mit meinem Löffel die glasartige Zuckerschicht durchschlug, schaute ich zum Nebentisch. Dort saß eine junge Frau mit durchgepiercten Ohren. Sie sah wunderschön aus, ich hatte solche Ohren noch nie gesehen. In diesem Moment entstand unterbewusst die Idee, dass ich mir mit der Zeit auch solche Ohren machen lassen könnte.

Auf dem Heimweg drehte ich meine neue Bauchnabelschnecke zwischen den Fingern und dabei begriff ich, dass Schmuck nicht nur aufgrund seines Werts und seiner Schönheit bedeutsam ist, sondern auch aufgrund seiner Entstehungsgeschichte und der Erinnerung, die mit ihm geschaffen wird.

   

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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23 Antworten zu Italienische Schnecken

  1. Sonja M schreibt:

    Der Schmuck ist sehr schön!

  2. Lisa Mertens schreibt:

    Toller Schmuck. Und lustig, welche Konsequenzen irgendeine zufällige Begegnung haben kann. Hattest du bis zu diesem Nachtisch nie daran gedacht, dir die Ohren durchstechen zu lassen?

    • Karin Koller schreibt:

      Ich hatte schon ein paar Ohrlöcher im Ohrläppchen, aber nicht vor, das ganze Ohr durchpiercen zu lassen. Das hat sich erst später nach und nach entwickelt.

  3. Elke schreibt:

    Super Schmuck. Und sehen meine müden Augen ein neues Ohrpiercing am linken Ohr?

  4. Erika schreibt:

    Wow, ein zusätzliches Ohrloch! Sieht klasse aus.

  5. NicoleLee schreibt:

    Eine gute Geschichte. Und schöner Schmuck.

  6. Elsadiesuesse schreibt:

    Stört so viel Schmuck im Alltag nicht? Und hast du immer alle Löcher gefüllt ?

  7. Ritamerk schreibt:

    Du bist sehr hübsch. Und der Schmuck macht dich noch hübscher.

  8. Ritamerk schreibt:

    Und außerhalb der Ohren?

  9. Ritamerk schreibt:

    Was heisst das? Bauchnabel, Nase (hab ich gesehen), Zunge?, Lippe?, Augenbraue?

  10. Charly schreibt:

    Hallo, weißt du noch wie der kleine Schmuckladen heißt in dem du die schöne Kette gekauft hast und wie teuer sie ungefähr war. Ich finde sie einfach sehr besonders uns würde sie mir auch gern kaufen. Danke im Voraus.

    • Karin Koller schreibt:

      Das weiß ich leider nicht mehr. Er war gleich neben dem Hauptplatz. Das ist allerdings schon fast 20 Jahre her, also ist es eher unwahrscheinlich, dass es ihn in dieser Form noch gibt.

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