Bestrickend

Eigentlich repräsentiert Stricken alles, was mich an der Generation meiner Mutter und jener meiner Großmutter stört. Schlimmer sind nur Häkeldeckchen und gestickte Sinnsprüche. Meine Großtante hatte ein transparentgroßes besticktes Tuch in der Küche hängen: „Hab ich auch einen Bubikopf, so bleib ich doch beim Suppentopf.“

Stricken, wenn man es nicht sehr gut kann, hat nichts Kreatives an sich. Es ist das mehr oder weniger stupide Nacharbeiten von vorgegebenen Mustern. Die Werkstücke sind am Ende aller Mühen doppelt so teuer wie gekaufte, dafür aber nur halb so schön.

Trotzdem stricke ich gerne. Ich verdanke dem Stricken auch sehr viel. Jahrelang habe ich nicht gestrickt, weil es mir zu aufwändig und mühsam erschien. Mein Mann verachtet Handarbeit aus tiefster Seele. Das kommt noch aus seiner Volksschulzeit, als er beim Häkeln von Luftmaschen traumatisiert wurde. Außerdem kann er das monotone Geklapper der Stricknadeln nicht vertragen.

Als ich mit Katharina im Krankenhaus war, habe ich wieder angefangen zu stricken. Während der Chemotherapie lebten wir beide insgesamt zwölf Wochen im Krankenhaus, im Einzelzimmer. Katharina durfte das Zimmer nicht verlassen, einen Großteil der Zeit wäre sie dazu gar nicht in der Lage gewesen. Ich ging jeden Tag, wenn Frank bei ihr war, eine Stunde hinaus an die Luft. Den Rest der Zeit war ich auch in dem Krankenzimmer gefangen.

Wenn es ihr ganz schlecht ging, wollte Katharina nichts machen außer still neben mir zu liegen. Einige Stunden konnte ich lesen. Aber Angst und Beklemmung verringerten meine Aufmerksamkeitsspanne. Die Untätigkeit wurde quälend.

Bei einem meiner Ausflüge in die Stadt sah ich ein Wollgeschäft. Ich kaufte ein paar bunte Knäuel und Stricknadeln. Im Krankenhaus begann ich eine Schlange für Katharina zu stricken. Dann eine für Anna und noch eine für Lukas. Weil das schnell ging, strickte ich eine Riesenschlange, das dauerte etwas länger. Jedes Kind wollte eine Riesenschlange, deshalb strickte ich noch zwei. Eineinhalb Meter lang waren die Schlangen.

Sie zu stricken hat mich ungemein beruhigt. Es ging dabei nur glatt im Kreis, eine Masche nach der anderen, immer glatt, immer gleich. Die einzige Sorge im Leben beim Stricken der Riesenschlangen schien zu sein, den Übergang zum nächsten Streifen nicht zu versäumen. Da war nichts Unvorhersehbares. Man musste nur Masche für Masche weiterstricken und dann kam man ans Ziel.

Wenn meine Welt in Angst und Schrecken verfiel, weil Katharinas Blutwerte schlecht waren, oder die Infektion nicht abklang, blieb mir die Riesenschlange als ruhender Punkt im Leben. Möglicherweise hat sie mich tatsächlich vor größerem psychischem Schaden bewahrt.

Die wachsende Schlange riss sogar mitunter Katharina aus der Apathie, weil sie sich überlegte, wie sie die Krankenschwestern mit ihr erschrecken würde.

Heute muss ich nicht mehr so viel stricken. Mein Leben ist ausgefüllter mit normalen Alltagstätigkeiten. Aber manchmal wollen die Kinder, dass ich ihnen beim Spielen im Garten zusehe oder eine Sendung mit ihnen ansehe. Dann packe ich mein Strickzeug aus und stricke an einer Jacke, einem Sommerkleidchen oder einem Stofftier, damit ich beim Sitzen mit den Kindern ein wenig die Seele baumeln lassen kann.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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10 Antworten zu Bestrickend

  1. JoM schreibt:

    Das beschreibst du ganz ganz toll. Ich finde, bisher dein schönstes Posting. Einfach wunderbar. Tiefer Respekt. Ich hasse aber Stricken trotzdem weiterhin.

  2. Anna-Maria schreibt:

    Einmach berührend.

  3. Lisa Mertens schreibt:

    Ich kann mir gar nicht vorstellen, was du alles mitmachen hast müssen. Aber diese Geschichte gibt jedem, der auch nur in kleinem Maßstab irgendetwas Ähnliches mitmachen mußte, nicht nur Mut, sondern geradezu eine Handlungsanweisung, wie es möglich ist, so etwas zu bewältigen, ohne dabei selbst von der Last erdrückt zu werden. Dir gilt meine große Hochachtung und Bewunderung.

  4. dreamsandme schreibt:

    Hallo,

    bin eben über deinen Blog gestolpert! Bestrickend schön, die Gedanken zur Riesenschlange!

    Lass dir liebe Grüße hier,
    dreams

  5. Roberta schreibt:

    Ich habe, als ich 17 war, einmal eine vielleicht vergleichbare Situation erlebt. (Hodgkins) Und ich habe genau die gleiche Erfahrung gemacht, die du so gutbeschreibst. Eine solche repetitive, Konzentration, aber kein großes Denken erfordernde Tätigkeit ist sehr wichtig, um sich aus der ewigen Angst zu lösen. Das hat etwas Meditatives für Leute, wie mich, die nicht spirituell sind. Für mich war in dieser Situation Sticken das, was für dich Stricken war. Ich habe, nachdem alles vorbei war, nie mehr eine Nadel in die Hand genommen. Aber ich habe noch immer ein Stickbild, so scheußlich es auch aussieht, als Erinnerung aufgehängt.

  6. NicoleLee schreibt:

    Ein sehr guter Artikel, toll geschrieben.

  7. Clara schreibt:

    Ich hoffe, ich muß nie Ähnliches durchmachen. Es ist toll, wie du die Situation bewältigt hast und toll, wie du das beschreiben kannst.

  8. Laura schreibt:

    Wunderbares Posting!

  9. Anna schreibt:

    Ich klinge jetzt sicher sehr oberflächlich, aber den anderen Kommentaren zu deinem heutigen toll geschriebenen Beitrag ist nichts hinzuzufügen.

    Ich wollte dir aber noch ein Kompliment machen für die Fotos, mit denen du deine Beiträge immer illustrierst. Die Qualität dieser Fotos ist sicher auch ein wichtiges Kriterium für den Erf0lg deines Blogs.

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