Ederer

Unseren freien Tag nutzten mein Mann und ich für einen Ausflug nach München. Zu Mittag aßen wir im Ederer. Ich hatte eigens online reserviert, obwohl im Ederer mittags, wenn wir dort waren, nie viel los war. Aber bei unserem letzten Münchenbesuch war das Ederer geschlossen und so eine schreckliche Enttäuschung möchte ich bei unseren ohnehin sehr seltenen Ausflügen nicht mehr erleben.

Das Restaurant Ederer findet der durchschnittliche Tourist nicht. Es liegt im ersten Stock eines herrschaftlichen Palais einige Schritte entfernt vom LodenFrey und dem zu einem aluminiumfarben Michelinmännchen aufgekünstelten Goethe. Man muss genau schauen, wenn man das Schild am Tor erkennen will, auch die Eingangstür im ersten Stock lässt nur durch ein schmales Fenster den Blick auf das Restaurant zu.

Der Speisesaal ist großzügig und hell. An den Wänden hängen Kunstwerke, ein riesiges in Rosa und Lila gehaltenes abstraktes Kunstwerk und gegenüber ein Bild von einem schwarzen Wildschwein. Eine aus Metall gefertigte Skulptur und ein mit Nägeln bespickter Mann stehen auf dem Kasten, in dem die Gläser aufbewahrt werden. Karl Ederer sagt auf seiner Website „Essen und Trinken zusammen mit bildender Kunst öffnen den kulinarischen Horizont.“ Vielleicht hat er recht.

Bei unserem letzten Ausflug wurden wir an unseren Tisch geführt und bestellten einen französischen Cremant als Aperitif. Ich schaute mich um im Lokal. Am Tisch gegenüber saß ein Mann, der ein älterer Bruder von Karl-Theodor zu Guttenberg hätte sein können. Alles stimmte, die geölte Frisur, das gestreifte Hemd mit dem zartrosa Stich, der Blazer. Am Nebentisch nahm gerade ein braungebrannter Typ in Jogginghose und Lederjacke Platz. Ganz hinten saß eine Frau mit bunt bestickter Designerjacke und las in ihrem Buch.

Zur Vorspeise aßen wir gebratene Entenleber mit Hass-Avocado und Granatapfelmarinade. Eigentlich mag ich Leber nicht besonders, aber diese Kombination interessierte mich. Die Avocado und die Sauce verliehen der Leber einen milden, angenehmen Geschmack. Wir tranken ein Glas vom offenen deutschen Sauvignon blanc dazu. Immer wenn ich in der Gourmetabteilung eines Kaufhauses einen deutschen Wein kaufe, dann ist der zu süß für meinen und zu teuer für seinen Geschmack. Wenn ich aber im Ederer deutschen Wein trinke, ist der immer ausgewogen und wohlschmeckend.

Sehr freundliche, aufmerksame, aber unaufdringliche Kellnerinnen servierten den Hauptgang von geschmortem Zicklein, knusprig im Brickteig gebraten, mit Romanablättern und Austernpilzen. Das Zicklein war eingewickelt in ein Paket von feinsten aber dennoch knusprigen Strudelteig und schmeckte herrlich. Hauchzart zerging es auf der Zunge.

Die Kellnerin, die den Chianti brachte, hatte gedehnte Ohrlöcher, aus ihrem Dekolleté schauten die Spitzen tätowierter Blätter heraus. Eine andere hatte den ganzen Unterarm voller Sterne. Die Tattoos fügten sich nahtlos in das Flair der Vielfältigkeit ein. Nicht einmal Herr Guttenberg von nebenan schien sich daran zu stören.

Der Nachtisch, eine Creme vom Fromage blanc mit Rhabarber, war gut, aber nicht spektakulär. Auf dem Weg zur Toilette konnte ich weitere Kunstwerke bewundern.

Nach dem Essen kauften wir das Kochbuch von Karl Ederer. Als wir das Lokal verlassen wollten, ging die Küchentür aus und Herr Ederer winkte uns zu. Es blieb das Gefühl eines gelungenen Speiseerlebnisses in einem herrlichen Ambiente, und ein wenig Wehmut, dass wir nur das Mittagessen und nicht das Abendmenü erleben konnten.

http://www.restaurant-ederer.de/

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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4 Antworten zu Ederer

  1. Clara schreibt:

    Klingt gut. Ich bin am ersten Mai in München. Mal schauen, vielleicht kann ich deine Bewertung prüfen.

  2. Alexa schreibt:

    Ich kann mich deiner Empfehlung nur anschliessen. Tolle Küche ohne affiges Getue, angenehmes Ambiente, zuvorkommendes, aber nicht devotes Personal, interessante Bilder. Einfach klasse.

  3. Sonja schreibt:

    Du trägst auf dem Foto zwei Ohrringe in einem Loch. Ich finde, das sieht gut aus. Machst du das öfter? Und hatte das im speziellen Fall einen besonderen Grund?

  4. Pingback: Pensées: Ein Ausflug zu Vincent Klink | Karin Koller

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