Dinge, die wir hassen: TV-„Experten“

 Ein Gastbeitrag von Johanna Miller

 Es gibt Berufe, die einen schlechten Ruf haben. Es gibt Betätigungsfelder, die als unehrenhaft betrachtet werden. Und dann gibt es TV-„Experten“.

Das sind jene Leute, die sich jeder Fernsehsender hält, um den Zuschauern entgeltlich eine „Analyse“ der jeweiligen Geschehnisse zu liefern. Der TV-„Experte“ unterscheidet sich vom richtigen Experten dadurch, dass er zur Abgabe seiner „Expertise“ keinerlei Faktenkenntnis benötigt und dass er sich nicht auf irgendein Fachgebiet einschränken lässt, sondern in der Lage ist, auch sehr kurzfristig entgeltlich zu allem und jedem Stellung zu nehmen.

Wichtigste Maxime des TV-„Experten“ ist der alte, Konrad Adenauer zugeschriebene, Spruch „was kümmert mich mein Geschwätz von gestern.“ Und wichtigste konstitutionelle Vorbedingung für die Tätigkeit als TV-„Experte“ ist das völlige Fehlen jedes Schamgefühls.

Der TV-„Experte“ kann in zwei Kategorien eingeteilt werden:

Auf der einen Seite der „Fachexperte“:

Das darf aber keinesfalls so missverstanden werden, dass der „Fachexperte“ über irgendwelche spezifische Fachkenntnis verfügt, sondern hat lediglich damit zu tun, dass der „Fachexperte“ sich – meist aufgrund seiner Parteilichkeit – eine spezielle Nische geschaffen hat, und damit gerechnet werden muss, dass er, wann immer irgendetwas, was sein „Fach“ betrifft, passiert, zu seiner – unabhängig von den Fakten immer den bekannten Vorurteilen entsprechenden – Meinung gefragt wird.

Beispiele sind hier etwa der „Islam-Experte“ Udo Steinbach (Grundeinstellung: Der Westen ist an allem schuld, man muss die Selbstmordattentäter auch verstehen), der „Parteien-Experte“ Arnulf Baring (Grundeinstellung: Die Parteien und die Demokratie sind verrottet, was ich sage kann nicht rechtsradikal sein, weil ich einmal ein Buch über die sozialliberale Koalition geschrieben habe), der „Nahost-Experte“ Michael Lüders (Grundeinstellung: Was tut man da wieder den netten Arabern an?), oder der „Psychiatrie-Experte“ Reinhard Haller (Grundeinstellung: eine Ferndiagnose oder eine Ermittlungsempfehlung – z.B. Giftpralinen werden nur von Frauen verschickt – ist auch ohne Kenntnis des Sachverhaltes immer möglich).

Auf der anderen Seite der „Allgemeinexperte“ oder das Universalgenie:

Dieser begnügt sich nicht mit einem Nischendasein, sondern ist bereit, uns an seinen Einschätzungen zu den Weltläuften insgesamt teilhaben zu lassen.

Paradebeispiele dafür sind Peter Scholl-Latour (war schon auf der ganzen Welt, sogar in Vietnam, als es noch französisch war, und kann daher alles erklären) und Peter Filzmaier (war schon in Amerika und kann daher auch alles erklären).

Scholl-Latour ist aber zwischenzeitlich altersbedingt nur noch beschränkt einsetzbar.

Das kann man von Filzmaier leider nicht sagen. Herr Univ.-Prof. (Donau-Universität Krems) Filzmaier kann erklären, weshalb Barack Obama keine Chance in den amerikanischen Vorwahlen gegen Hillary Clinton hat (er war ja schon in Amerika), dass alles (ja, gar alles) den Bach hinuntergeht, weil Politiker reformunfähig sind, dass schlechte Umfragewerte gut für eine Partei sind, weil es dann ja nur noch aufwärts gehen kann, und schlechte Ergebnisse dann gut verkauft werden können (außer an Wahltagen: da sind gute Ergebnisse für Parteien gut, aber auch nur eingeschränkt, weil ausgehend von einem guten Ergebnis kann es ja wieder nur abwärts gehen), dass Postenbesetzungen mit jungen Politikern ein Signal an die jungen Leute sind und Postenbesetzungen mit Frauen ein Signal an die Frauen.

Ich erspare Ihnen weitere Beispiele der „Weisheiten“ dieses „Experten.“

Aber grundsätzlich kann man sagen, dass die Analysen der TV-„Experten“ entweder aus wiedergekauten Banalitäten und abgeleiertem „conventional wisdom“ bestehen oder vor Parteilichkeit strotzen.

Beides brauche ich – und ich denke auch die Welt – nicht.

Die Sender könnten ja die Fernsehzeit, die durch die „Analysen“ der TV-„Experten“ gefüllt wird, auch sinnvoller nutzen. Was spricht denn gegen die Wiedereinführung des Testbildes?

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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16 Antworten zu Dinge, die wir hassen: TV-„Experten“

  1. gedankenfest schreibt:

    Aber die Menschen sind glücklich, wenn man ihnen einen „Experten“ hinstellt. Was der sagt, stimmt natürlich. Er ist schließlich Experte. Umso einfacher ist es, seine Worte als die eigene Meinung anzunehmen. Klar, kommt ja von einem Experten!

    • Anna-Maria schreibt:

      Wenn es nur Experten wären, die da auftreten, wäre es ja noch nachvollziehbar, bis zu einem gewissen Grad. Die traurige Wahrheit ist aber, dass die Mehrzahl der „Experten“ fast genausowenig Ahnung von den Fakten hat, die sie analysieren, wie die Zuschauer, die diese Analyse für bare Muenze nehmen.

      • gedankenfest schreibt:

        Selbst wenn es Experten wären, wäre es noch immer nicht richtig, ungefragt deren Meinung anzunehmen 😉

        Im Fernsehen sind sie froh, dass sich einer als Experte dahinstellt bzw. dass einer entsprechend käuflich ist, um sich als Experte auszugeben. Das hübscht schließlich auch die Fernsehsendung auf und gibt ihr einen Kick Seriösität, die viele bitter nötig haben.

  2. Anna schreibt:

    Ich glaube auch, gedankenfest hat recht. Diese Expertenseuche existiert doch in allen Lebensbereichen. Man verwendet Experten, um sich auf sie ausreden zu können und die eigene Gedankenfaulheit und/oder Verantwortungslosigkeit bzw. Feigheit zu rechtfertigen.

    Wenn eine Firma Leute rausschmeißen will, holt sie externe „Experten“ (Unternehmensberater), die ihr bestätigen, dass das, was von vornherein gewünscht war, unausweichlich und notwendig ist. Wenn eine Regierung den Mut, eine notwendige, aber unpopuläre Entscheidung zu treffen, nicht hat, richtet sie eine Expertenkomission ein.

  3. Clara schreibt:

    Ich bin auch nicht mehr in der Lage, das Gefasel dieser „Experten“ auszuhalten, die typischerweise den Erwartungen, die ihr Auftraggeber an sie stellt, dadurch entsprechen, dass sie monokausale, möglichst mediengerechte Erklärungen für komplexe Ereignisse liefern. Ein Beispiel dafür: da wurde allen Ernstes von „Analysten“ versucht, die durchaus divergierenden Wahlergebnisse der Landtagswahlen in RP und BW mit dem kolportierten Inhalt der Rede des Wirtschaftsministers einer Kleinpartei in Zusammenhang zu bringen, von dem zwei Drittel der Wähler wohl nicht einmal gewusst haben, dass er existiert.

    • L. schreibt:

      Wie du sagst: Aufgabe eines Experten wäre tatsächlich, den Leuten darzulegen, wie komplex die meisten Sachverhalte sind und welche Wechselwirkungen, versteckten Zusammenhaenge etc. existieren, damit die Leute merken, dass es keine einfachen Lösungen gibt, sondern Handlungen eben Konsequenzen haben, die nur teilweise mit Sicherheit vorherzusagen sind. Die TV-Experten werden aber im Gegenteil dazu verwendet, den Leuten eine falsche Gewissheit einzureden, damit sie glauben, dass die vorgeschlagene Loesung unausweichlIch und schmerzfrei ist.

  4. birgitrie schreibt:

    is dann auch ehrlicher wenn man nur einen experten für eh alles nimmt…

  5. Michael schreibt:

    Nicht vergessen: Wolfgang Büser, der ZDF-Universalexperte. Ich staune immer wieder, wie weit man mit gesundem Halbwissen kommen kann…

  6. Banco schreibt:

    Hans-Olaf Henkel und die Nasen vom DIW nicht zu vergessen die ständig ihre Sicht der Dinge als der Weisheit letzter Schluss in diversen TV-Quatschbuden absondern dürfen.

  7. Banco schreibt:

    …und dafür natürlich noch fürstliche Gagen einstreichen -_-

  8. Ulf J. Froitzheim schreibt:

    Beim ZDF darf man Elmar Theveßen nicht vergessen. Der ist eigentlich Vize-Chefredakteur, gibt aber immer noch bei Bedarf den Terrorismus-Experten, nur weil er derjenige in der Redaktion ist, der sich am tiefsten in die Materie eingearbeitet hat. Nun hat jeder Journalist so seine Spezialthemen. Aber ich würde mich deshalb nicht gerne zum IT-Experten hochstilisieren oder auch reduzieren lassen. Der Grat vom Experten zum Fachidioten ist nämlich, image-mäßig betrachtet, durchaus schmal.

  9. Pingback: Experteria | Froitzheims Wortpresse

  10. JoM schreibt:

    Ihr habt recht. Henkel, die Kassandra, dessen Antwort auf jede Frage die Gleiche ist („Steuern senken, deregulieren, Leistung muß sich lohnen“), und natürlich Elmar „die Lage ist sehr sehr ernst“ Theveßen. Was für dämliche Wichtigtuer!

  11. nk schreibt:

    Der eigentlich Zweck von sog. Experten erscheint mir oftmals zu sein, eine Sendung im Dialogprinzip frei nach Platon gestalten zu können (die Kriterien passen jedenfalls: http://de.wikipedia.org/wiki/Platonischer_Dialog#Der_Dialog_als_Form_der_Darstellung). Dadurch hat die Moderatorin „jemanden zum Reden“, gleichzeitig wird die Aussage abstrahiert („das hat nicht der Sender, sondern nur der Experte behauptet“) und es können praktisch beliebige spekulative Meinungen eingebracht werden – nur die Professionalität des Beteiligten vermag hier schlimmeres zu verhindern.
    Mehr Testbild? Ich wäre sofort dabei!

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