Diese Woche konsumiert

Nachricht

Kärntner Ortstafelstreit: Die Frage des Schutzes der Slowenischen Minderheit ist per Verfassungsgesetz geregelt. Es gibt viele Erkenntnisse des Verfassungsgerichtshofes, die von der Kärntner Obrigkeit seit Jahrzehnten ignoriert werden. Wie kann das sein, wenn Österreich ein Rechtstaat ist?

Diese Woche kam aber eine Einigung zustande. Die Vertreter der Kärntner Slowenen warfen alle demokratiepolitischen und rechtsstaatlichen Überlegungen über Bord, damit in ihren Dörfern Ortstafeln aufgestellt werden konnten. Der Staatssekretär Ostermayer (SPÖ) sagt: „Kärnten ist frei – vom Ortstafelkonflikt“ und betont die Anlehnung an Leopold Figl. Der Verfassungsjurist Korinek sagt am Mittwoch im Ö1 Morgenjournal, soweit er informiert ist, entspricht das Ergebnis in etwa dem, was in der Verfassung verankert ist, glaubt er. Das klingt ermutigend. Landeshauptmann Dörfler will eine Volksbefragung. Da kann man nur in Abwandlung von Qualtinger fragen: Der Kärntner, wos wird er wöhn? Aber eine Volksbefragung ist nicht bindend. Unser Herr Bundespräsident sagt nahezu wörtlich, die können schon abstimmen, aber alles bleibt, wie es verhandelt wurde. Wahrscheinlich wird sich Dörfler, wenn es so weit ist, trotzdem an das Abstimmungsergebnis halten. Der Ausgewogenheit halber, weil Verfassungsgerichtserkenntnisse in Kärnten nicht bindend sind.

Aber alle feiern am Mittwoch die Einigung ab, als wäre sie eine solide und vor allem dauerhafte Lösung. Gratulation! Erst am Donnerstag schleicht sich ein wenig Skepsis in die Medienberichterstattung ein. Und am Freitag ist alles wieder vergessen, weil die englische Prinzenhochzeit wichtiger ist.

Fernsehen

Campions League Halbfinale Schalke 04: Manchester United: Weil wir kein Spiel der Champions League versäumen wollen, haben wir Sky abonniert. Wir hatten also viele Möglichkeiten das Spiel zu sehen. In der Vorberichterstattung und Halbzeitanalyse auf Sky war Stefan Effenberg die Lichtgestalt. Zwei oder dreimal äußerte er deutlich seinen Unmut über die dummen Fragen des uninteressierten Sky-Reporters. Das Spiel auf Sky kommentierte Marcel Reif. Reif gilt aus mir nicht erschließbaren Gründen als der Doyen der Livekommentatoren, ist aber so von sich selbst eingenommen, dass er den gesamten Bildschirm auszufüllen scheint und man das Spiel nicht mehr verfolgen kann. Wir versuchten es auf SAT1. Dort kommentierten Christian Nehiba und Frenkie Schinkels gemeinsam. Das ist Föderalismus gone mad. Wozu, bitte schön, braucht Österreich eigene Kommentatoren in einem deutschen Privatsender? Weshalb ausgerechnet diese? In Schock flüchteten wir zu SF2, wo Beni Thurnheer die einzige Abendunterhaltung lieferte, die uns nicht den Fernseher zerstören ließ.

Real gegen Barca am Mittwoch war diesmal kein echter Trost, weil Mourinhos Strategie nicht unterhaltsam und seine Analyse nach dem Spiel die einer paranoiden Heulsuse war.

Podcast

Egon Friedell – Kulturgeschichte der Neuzeit: Fantastisches Programm von Herbert Gnauer. Direkt auf Radio Orange jeden 2. und letzten Donnerstag von 12:00 bis 13:00 oder als Podcast. In jeder Sendung lesen ein oder zwei Studiogäste ein Kapitel des Buchs und diskutieren anschließend mit dem Moderator der Sendung darüber. Der Gäste haben immer direkt oder indirekt etwas mit dem Inhalt des Kapitels zu tun. Nicht unbedingt sind sie Kenner oder Fans von Friedell. Meistens schaffen sie es, das Kapitel von einer Seite zu beleuchten, die interessant ist und mir neu war. Mit dieser Sendung zeigt sich wieder, dass Experten durchaus etwas Interessantes zu sagen haben, wenn sie ihrem Fachgebiet entsprechend ausgewählt werden und zusätzlich die Zeit haben, sich zu dem jeweiligen Thema etwas zu überlegen.

http://no-na.net/friedell/#podcast

Wein

Livio Felluga, Friulano, 2008: Intensiver, rauchiger, geheimnisvoller Weißwein von goldgelber Farbe. Tocai Friulano ist eine Rebsorte aus dem Friaul. Wegen der Verwechslungsgefahr mit dem ungarischen Tokajer darf sich der Wein seit einigen Jahren nur noch Friulano nennen. Andere typisch friulanische Weine wie Refosco und Ribolla Gialla sind von diesem Weingut auch sehr empfehlenswert.

Buch

Solar, Ian McEwan: Ein Buch über Klimawandel, oder eher über den nobelpreisgekrönten Wissenschaftler, Michael Beard, der gerne herumvögelt und seine fünfte Ehe zerstört. Atemberaubend unglaubwürdig schiebt Beard den Unfalltod seines Kollegen dem eifersüchtigen Liebhaber seiner Frau in die Schuhe. Dann gibt er die Arbeit dieses Kollegen als seine eigene aus und wird berühmt, weil er mit Sonnenenergie die Welt retten will. Aber am Schluss holen ihn seine Machenschaften ein und er verliert alles. Neben der hanebüchenen Handlung gibt es einige schöne Betrachtungen über Nachrichten, Machenschaften im Wissenschaftsbetrieb und die Sinnlosigkeit von Diskussionsgruppen über den Klimaschutz. Aber die können das Buch nicht retten. Es ist weder satirisch, noch kritisch, noch unterhaltsam. Klimawandel und Klimaschutz kommen zu kurz und werden ebenso karikiert wie das Leben des Protagonisten. Aber dieser fette, alte Arsch, der eine Seifenoper lebt, interessiert mich nicht.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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4 Antworten zu Diese Woche konsumiert

  1. L. schreibt:

    Der Podcast klingt gut. Ich habe letztes Jahr die Kulturgeschichte des Altertums gelesen und habe mir die Kulturgeschichte der Neuzeit gekauft, aber noch nicht angefangen. Ich finde, Friedell ist so gut, weil er sowohl stilistisch als auch von seiner Meinungsfreudigkeit her tausend Jahre entfernt von den heutigen deutschen Historikern ist.

  2. Clara schreibt:

    Zu diesem Ortstafeldesaster kann man nur sagen, dass einen alle Beteiligten in unterschiedlicher Stärke anwidern. Das Bild, dass Land abgibt, ist jämmerlich. Was ist das für ein Staat, dessen Repräsentanten sich hinstellen und sagen, es ist zwar unzulässig, eine Volksbefragung zu machen, aber, wenn das irgendwer will, dann machen wir es trotzdem. Zum Speiben.

  3. Anna schreibt:

    Ich fand McEwan immer schon maßlos überschätzt (wie auch den immer im gleichen Atemzug genannten Martin Amis). Peter Carey und Julian Barnes und Salman Rushdie sind nach meiner Wahrnemung um Welten bessere Schriftsteller dieser Generation und gleichzeitig nicht so von ihrem eigenen Hype bezaubert.

  4. JoM schreibt:

    @Ortstafeln: Man kann sich als Österreicher sowohl über die Fakten als auch das Niveau der Diskussion nur schämen. In welchem zivilisierten Staat wäre es noch möglich, dass die höchsten staatlichen Organe jemanden wie den Landeshauptmann von Kärnten dafür in den höchsten Tönen loben, dass er sich widerwillig bereiterklärt, bestehende Verfassungsgesetze zukünftig zumindest teilweise einzuhalten, wenn die Bevölkerung in einer Volksbefragung damit einverstanden ist? Und wo würde ein derart kleinkarierter Kompromiß, mit dem bestehendes Verfassungsrecht nicht nur mit Füßen getreten wird, sondern auch noch absurde rechtswidrige Konstruktionen wie jene, dass in bestimmten Gemeinden nur bestimmte Ortsbewohner Slowenisch als Amtssprache verwenden dürfen, abgefeiert ? Und wo würde der höchste Hüter der Verfassung, der Bundespräsident, eine rechts- und verfassdungswidrige Volksbefragung, bei der einige Dorfbewohner in Kärnten zu ihrer Meinung dazu, ob die Verfassung einzuhalten ist, befragt werden, verteidigen, weil ihr Ergebnis „eh“ unverbindlich ist? Nur bei uns: das Schlawinertum lebe hoch. Schlicht zum Kotzen.
    @Wein: Ich war letztes Jahr das erste Mal in meinem Leben in Friaul und Julisch-Venetien und war erstaunt und begeistert über die Qualität der dortigen, bei uns unbekannten, Weissweine. Besonders Pinot Grigio, aber auch Friulano und Ribolla Gialla. Das Tolle ist, dass gerade Friulano und Ribolla Gialla Weine sind, die man sonst nirgendwo bekommt und die Spritzigkeit von Riesling mit der Schwere guter Chardonnays kombinieren. Ich kann deine Empfehlung nur unterstreichen.
    @Fußball: ich war gerade in Madrid, und selbst dort herrschte die Grundstimmung vor, dass Mourinho diesmal eine Grenze überschritten hat, sowohl taktisch als auch in seinen Aussagen danach. Die Zeitung „Marca“, eine Madridbejubelungspostille, machte eine Internetumfrage, bei der 78% der Befragten fanden, Mourinho sei im Unrecht.
    @Friedell: Die Radiosendung und der Podcast sind super und jedem zu empfehlen. Bewundernswert, was da mit keinem Budget produziert wird. Puts Ö1, die sowas machen sollten, to shame.
    @McEwan: Ich fand den Zementgarten und den Trost von Fremden vor 15 Jahren ganz gut. Offenbar ist es seither bergab gegangen.

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