Kärntner Slowenen

Meine Mutter lebt in einem zweisprachigen Dorf. Sie fühlt sich nicht als Kärntner Slowenin, weil sie einen Großteil ihres Lebens andernorts gearbeitet hat und deshalb nicht mehr mit dieser Kultur verwurzelt ist. Slowenisch spricht sie fließend, tut sich aber schwer beim Lesen und Schreiben der Sprache. Man würde sie als Hochstaplerin bezeichnen, wenn sie sich als Kärntner Slowenin bezeichnete, glaubt sie.

Meine Oma sprach lieber Slowenisch als Deutsch, auch mit mir. Ich antwortete ihr immer auf Deutsch und habe deshalb nie Slowenisch gelernt. Es erschien nicht wichtig, weil ich den Alltagsgesprächen folgen konnte. Jetzt finde ich es schade, dass ich die Sprache nicht spreche.

Seit ich denken kann, gibt es eine tiefe Spaltung zwischen „den Deutschen“ und „den Slowenen“ im Dorf. Hauptsächlich spielt sich das in der Kirche ab. Dort wird gestritten, wie viele Gebete und Lieder in der jeweiligen Sprache in einer Messe vorkommen dürfen. Gott bewahre, der Pfarrer erlaubt sich, zweimal hintereinander die Predigt auf Slowenisch zu halten. Das klingt lächerlich. Aber der Hass, der dahintersteckt, bestimmt das Leben der Leute.

Die Tradition der Anfeindung besteht schon seit langem. In der Nazizeit wurden Slowenen aus dem Dorf deportiert. Kaum waren sie weg, wurden ihre Häuser geplündert. Deutschnationale denunzierten damals slowenischsprachige Dorfbewohner. Mit einigen Männern sprach meine Oma nie wieder. Sie wusste, dass Bekannte von ihr wegen diesen Männern ins Konzentrationslager gebracht worden waren. Eine Frau kam nach dem Krieg ins Dorf zurück und legte nie wieder ihren Regenschirm aus der Hand. Damit sie immer ein Dach über dem Kopf habe, sagte sie.

Besonders „deutsche“ Kärntner engagieren sich beim Heimatdienst. Das ist eine deutschnationale Vereinigung zum Schutz der deutschsprachigen Mehrheitsbevölkerung. Manche von diesen jetzigen Heimatdienstlern sind vor vielen Jahren in unser Dorf gezogen. Damals konnten sie kein einziges Wort Deutsch. Aber das haben sie ganz vergessen. Nur meine Oma wurde es nicht müde, sie daran zu erinnern. Damit hat sie sich nicht viele Freunde gemacht.

Den Kindern wird schon früh eingeredet, dass die slowenische Sprache schlecht ist, unterschwellig, immer wieder. Jugendliche und Erwachsenen hinterfragen das nicht mehr. Als ich siebzehn war, besuchte ich den Ostertanz im Dorf. Dort unterhielt ich mich mit einem gleichaltrigen Mädchen. Unweigerlich kam das Gespräch auf die slowenische Sprache. Als ich sagte, jede Sprache, die man beherrscht, sei eine Bereicherung, überlegte sie kurz und meinte dann: „Ja schon, aber Slowenisch nicht.“ Sie war nicht bildungsfern, sondern wollte im darauffolgenden Herbst ein Studium beginnen. An dieser Einstellung der Leute hat sich bis heute nicht viel verändert.

Verändert hat sich aber seit meiner Jugend, dass Slowenien jetzt bei der EU ist. Viele Kärntner Firmen haben Geschäftsbeziehungen mit Slowenien und junge Menschen, die Slowenisch sprechen, bekommen leichter Anstellungen in verschiedensten Berufen.

Deshalb werden die Deutschtümler grün und gelb vor Neid. Sie sehen nicht, dass sie ihre Kinder durchaus mit Leichtigkeit in den Slowenischunterricht hätten schicken können. Sie glauben allen Ernstes, dass Kärntner Slowenen grundlos bevorzugt und sie selbst bestraft werden, weil sie aufrechte „deutsche“ Kärntner sind.

Kärntner Slowenen sind Österreicher. Alle, die ich kenne, sprechen genauso gut Deutsch wie die anderen Kärntner. Sie führen ihr Leben genau gleich wie die „deutschen“ Kärntner. Die Menschen scheinen aber ein Feindbild zu brauchen, um sich wohl zu fühlen. Das ist nicht nur in Kärnten so.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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5 Antworten zu Kärntner Slowenen

  1. Clara schreibt:

    Es ist traurig, wie feige sich bei uns Politiker der „staatstragenden“ Parteien jahrzehntelang verhalten haben. Und das, was du schilderst, ist der beste Beweis dafür, dass Appeasement nicht funktioniert. 50 Jahre lang wurde auf die Befindlichkeit dieser Ganz-, Halb- oder Viertelnazis Rücksicht genommen, und jetzt fühlen die sich diskriminiert. Es wäre ja zum Lachen, wenn’s nicht so ernst wäre.

    • NicoleLee schreibt:

      Ich gebe dir recht. Meine Erfahrung ist auch, dass man durch Beschwichtigung nichts erreicht, während ein offener Konfrontationskurs zumindest die „schweigende Mehrheit“ tendenziell zum Nachdenken bringt. Und den harten Kern der Unbelehrbaren wird kein Entgegenkommen zum Umdenken bringen. Nur als Beispiel: die größten Erfolge in der Rassismusbekämpfung wurden durch eine Kombination von Erziehungs- und Werbemaßnahmen, Zero-Tolerance-Politik der Polizei sowie ganz klare Signale der Autoritäten erziehlt. In amerikanischen und englischen Sportstadien hat dieser Mix dazu geführt, dass es zumindest keinen offenen Rassismus mehr gibt. Und das bewirkt zumindest, dass die Kinder nicht mehr mit der Muttermilch Rassismus als etwas Selbstverständliches mitbekommen.

  2. Anna schreibt:

    Es ist schockierend, das zu hören. Umso mehr, wenn man sieht, welche selbstverständlichen Rechte die deutschsprachigen Südtiroler, die Rätoromanen, die Ladiner etc. seit Jahrzehnten haben. Es gibt einen Buchtitel von Max Goldt, der dazu gut passt: Die Kugeln in unseren Köpfen.

  3. Roberta schreibt:

    Was soll man zu Kärnten noch sagen? Das Problem ist aber, dass die Bundespolitik, die den Landespolitikern jahrzehntelang Narrenfreiheit gegeben hat, inzwischen selbst so in den ganzen Sumpf verwickelt ist, dass man von keinem Staatsorgan in Österreich, von UHBP abwärts, etwas anderes erwarten kann, als eine Beschwichtigungspolitik, mit der der Rechtsstaat mit Füßen getreten wird. Volksbefragung, my ass.

  4. Pingback: In der Sprache der Oma | Karin Koller

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