Peter Carey: Parrot und Olivier in Amerika

Meistens mag ich leise Bücher, in denen eine Geschichte ausführlich und unprätentiös erzählt wird, wo nicht ständig etwas Unerwartetes passieren muss. Manchmal aber möchte ich mich eine Abwechslung und dann lese ich ein opulentes, ausuferndes Buch, wie Parrot und Olivier in Amerika. Hier passiert alles und überall. Die Handlung spielt von ca. 1790 bis 1831 in Frankreich, England, Australien, Amerika und auf einem Schiff im Atlantik.

Zwei Personen erzählen ihre Geschichte in alternierenden Kapiteln. Der Engländer Parrot ist der Diener, der adlige Franzose Olivier ist der Herr.

Parrot ist nicht freiwillig Diener, er wäre lieber Künstler oder zumindest Drucker, aber er hat sich in die Abhängigkeit eines merkwürdigen einarmigen Mannes begeben. In dessen Auftrag begleitet er den kränklichen Olivier nach Amerika. Dort soll er ihn beschützen und bespitzeln. Olivier ist in der offiziellen Mission unterwegs, ein Buch über Amerikanische Gefängnisse zu schreiben. In Wirklichkeit schickt seine Mutter ihn fort, weil die Lage in Frankreich nach der Julirevolution politisch ungünstig für den jungen Adeligen ist.

Parrot und Olivier mögen einander nicht. Olivier ist gebildet und hat perfekte Manieren. Er ist aber verweichlicht. Parrot ist aufbrausend und emotional. Er möchte rebellieren gegen die Tatsache, dass er, trotz vergleichbarer intellektueller Fähigkeiten, keine Aufstiegschancen im Leben hat.

Nach und nach wird das bisherige Leben der beiden erzählt. Parrot verbringt seine Kindheit mit seinem Vater bei einem Drucker, der in einer Geheimkammer Banknoten fälschen lässt. Sein Talent, Vögel naturgetreu zu zeichnen, erringt die Aufmerksamkeit des Fälschers, der ihn in die Kunst des Gravierens einweiht. Die Druckerei wird niedergebrannt, als ihre Geschäfte auffliegen. Die Schilderungen der Angst des jungen Parrot, seiner Versuche, den Lehrherrn aus seinem Turm zu retten und seiner Flucht nach Australien sind mitreißend, skurril und mitunter auch surreal.

Parrot und Olivier ist ein historischer Roman. Der Klappentext erwähnt, dass die Geschichte von Olivier an das Leben von Alexis de Tocqueville angelehnt ist. Dass Buch erscheint zu stark überzeichnet und zu burlesk, um tatsächlich historisch glaubwürdig zu sein. Aber ich finde, die historische Relevanz ist nebensächlich. Das Kaleidoskop von bunten Szenen und Geschichten schafft ein Gefühl für die Wirren der Zeit, die politischen und die persönlichen.

In Amerika wird die strenge soziale Hierarchie der beiden Protagonisten aufgehoben, gleichzeitig können sie sich nicht von alten Rollenbildern lösen. Olivier wird als Adeliger von vielen verachtet und von manchen bewundert.

Parrot sieht die Chance, seinen Lebenstraum als Künstler zu verwirklichen. Er trennt sich von Olivier und versucht sein Glück in New York, wo er den Fälscher aus seiner Kindheit wiedertrifft. Zusammen stellen sie Kunstgravuren her und prosperieren.

Olivier ist verliebt und redet sich ein, dass er sei Lebensglück als Republikaner in Amerika finden will. In Wirklichkeit weiß er, dass seine Mutter ihn enterben würde, käme er mit einer Bürgerlichen nach Paris. Die Angebetete fordert aber ein Leben als Adelige in Europa führen. Weil das unmöglich ist, trennen sie sich und Olivier schlägt sich durch nach New York. Er wird Parrots Gast, ist nicht mehr sein Herr.

Parrot und Olivier in Amerika führt schön aus, wie einstudierte Verhaltensmuster in neuem Kontext impraktikabel werden, und wie in der jeweiligen Gesellschaftsordnung nur einer der beiden Protagonisten erfolgreich sein kann. In kleinen Nebensträngen der Handlung erfährt man etwas über Drucktechniken, sozialere und repressivere Gefängnisse, Vogelarten und sogar über ein frühes Fahrradmodell. Die Reichhaltigkeit der Szenen und die Opulenz der Lektüre ist wie das Eintauchen in ein Schaumbad, das man sich von Zeit zu Zeit ruhig gönnen sollte.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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Eine Antwort zu Peter Carey: Parrot und Olivier in Amerika

  1. Anna schreibt:

    Ich bin ein großer Freund von Peter Carey. Ich finde, du hast Parrot & Olivier gut beschrieben. Ich finde aber im Gegensatz zu dir auch die Anspielungen und Persiflagen auf „Democracy in America“ und seinen Autor sehr gelungen und unterhaltsam. „Parrot“ ist aber alles in allem nicht so toll wie Oscar and Lucinda und True History of the Kelly Gang. Beide Bücher kann ich nur empfehlen.

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