Selbstbestimmung

 Eine Gastgeschichte von Anna Bereuter

Ich bin Betriebswirtin. Ich habe einen Job, der mir Spaß macht. Ich verdiene sehr gut.

Und ich gebe diesen Job auf, um Hausfrau und Mutter zu werden. Zumindest für die nächsten Jahre. Aber ich mache das gerne.

Das wird viele Leute erstaunen. Und ich frage mich, warum das so ist.

Ich bin Feministin. Ich verstehe also, dass es für jede Frau unglaublich wichtig ist, selbständig zu sein, und das bedeutet auch, ökonomisch nicht auf die Almosen anderer angewiesen zu sein. Das war für mich auch der Grund, eine Ausbildung abzuschließen, eine Arbeitsstelle zu suchen und mich in meiner Arbeit, die ich gerne machte, zu bewähren.

Gleichzeitig wollte ich auch schon immer Kinder haben. Jetzt habe ich das Glück, von einem Partner, den ich liebe und dem ich vertraue, schwanger geworden zu sein.

Meine Schwangerschaft brachte mit sich, dass ich mir die Frage stellen musste, wie ich mein Kind aufziehen möchte. Ich habe einige Zeit hin oder her überlegt, mit meinem Arbeitgeber gesprochen, mich mit meinem Partner beraten und bin dann zum Ergebnis gekommen, dass ich, weil ich in der glücklichen Lage bin, dass es die ökonomischen Rahmenbedingungen zulassen, mein Kind in seinen ersten Lebensjahren voll und ganz selbst betreuen will. Aus Liebe zum Kind und aus Liebe zu mir selbst. Ich hatte für mich das Gefühl, das ich jede andere Entscheidung später bereuen würde, weil ich die Zeit, in der ich zum Teil versäume, wie mein Kind aufwächst, nie mehr nachholen kann. Mir ist bewusst, dass dies eine rein persönliche Präferenz, die durch die privilegierten Rahmenbedingungen, in denen ich mich bewege, überhaupt erst möglich wurde, ist, und dass jede andere Entscheidung genauso legitim gewesen wäre.

Als ich diese Entscheidung meinen Freundinnen und Bekannten mitteilte, war ich erstaunt, wie kontroversiell diese aufgenommen wurde. Ich wurde gebeten, mir das alles nochmals zu überlegen. Es sei doch möglich, Kind und Beruf zu kombinieren. Ich dürfe doch meine Selbständigkeit nicht aufgeben und mich von meinem Partner nicht abhängig machen. Ich signalisiere auch dem Kind gegenüber ein falsches Frauenbild, wenn ich nur Hausfrau und Mutter sei. Ich dürfe mich doch nicht zum Sklaven der biologischen Triebe machen und meine Karriere auf dem Altar der Familie opfern. Und, die große Keule kam zuletzt, ich verhielte mich antiemanzipatorisch.

Ich hielt diesen Einwänden entgegen, dass ich meine Entscheidung gerade als das Resultat der erfolgreichen Emanzipationsbewegung verstehe. Ich habe mich gerade durch meine Ausbildung und meine bisherige berufliche Karriere in die Lage versetzt, dass ich diese Entscheidung selbstbestimmt treffen kann. Und Frauen selbstbestimmte Entscheidungen zu ermöglichen, ist doch das Ziel aller feministischen Emanzipationsbestrebungen. Ich begebe mich mit dieser Entscheidung auch in keine Abhängigkeit von irgendjemandem, weil ich eben das Selbstvertrauen habe, aufgrund meiner Ausbildung und meiner bisherigen Karriere immer selbst für mich und das Kind sorgen zu können, wenn dies nötig sein sollte. Genauso traue ich mir zu, meine berufliche Karriere wieder fortsetzen zu können, wenn ich meine Entscheidung einmal ändern wollte.

Diese Argumente wurden schließlich wohl zur Kenntnis genommen, ohne dass ich das Gefühl hatte, alle damit überzeugt zu haben.

Aber darauf kommt es auch nicht an. Ich selbst weiß, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe. Für das Kind. Aber in erster Linie für mich.

Und ich freue mich deshalb auf mein Hausfrauendasein.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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9 Antworten zu Selbstbestimmung

  1. gedankenfest schreibt:

    Als angehende Betriebswirtin und als junge Frau mit dem Traum, später eine Familie zu gründen und mich dennoch vorher beruflich selbst zu verwirklichen, habe ich diesen Beitrag sehr gerne gelesen.

    Ich finde die Art und Weise wie die Prioritäten gesetzt werden richtig und gut. Und ich sehe es auch absolut so, dass die Entscheidungsfreiheit, sein Kind selbst die ersten Jahre betreuen zu können, nicht zwangsläufig gegen die Emanzipation spricht. Ich denke, diese ersten Jahre mit dem Kind sind ganz besondere Jahre und wenn man nicht darauf angewiesen ist, dass beide Partner arbeiten gehen müssen, finde ich es schön, wenn sich ein Elternteil intensiv mit dem Kind beschäftigt, weil die Rahmenbedingungen es zulassen und man das auch so möchte.

    In diesem Sinne wünsche ich alles Gute!

  2. Alexa schreibt:

    Ich finde auch die Gleichsetzung Erwerbsarbeit und Emanzipation zumindest im Jahr 2011 falsch. Einziges Kriterium der Emanzipation kann die maximale Selbstbestimmtheit sein. Die gerade in sozialdemokratischen Kreisen immer noch vorherrschende Glorifizierung jeder Erwerbsarbeit, sei sie auch noch so schlecht bezahlt und demütigend, ist daher vollkommen veraltet und trägt der Vielfalt der weiblichen Lebenswirklichkeiten nicht Rechnung. Das heißt aber nicht, dass ökonomische Unabhaengigkeit wichtig und anzustreben ist.

  3. Ralf W. schreibt:

    Mich würde interessieren, wie es war, als Du noch nicht schwanger warst, aber Frauen aus Deinem Bekanntenkreis. Gab es da Situationen, die quasi „genau andersherum“ waren? Ich kann mir schon vorstellen, daß man zu bestimmten Entscheidungen erst kommt, wenn man in eine bestimmte Lebenssituation kommt.

    Das Argument, daß Du Deinem Kind doch kein falsches Frauenbild vorleben sollst, finde ich lustig. Du möchtest – wenn ich das richtig lese – in den ersten Lebensjahren Dein Kind komplett selbst betreuen. Ich bin mir doch einigermaßen sicher, daß dadurch bei einem Menschen nicht bis zu seinem Tode hin unabänderlich ein Frauenbild „in Stein gemeißelt“ wird. Du und viele andere Frauen werden ganz sicher dafür sorgen, daß Dein Kind ein Frauenbild haben wird, das sich nicht alleine aus Erlebnissen der ersten Lebensjahre bildet. Das ist doch wohl so sicher wie das Amen in der Kirche.

  4. JoM schreibt:

    Ich finde, das gehörte schon lange mal gesagt. Es ist gut, dass es heutzutage doch genügend Frauen gibt, die nicht gezwungen sind, durchgehend von 15 – 60 einer Erwerbsarbeit nachzugehen. Und wenn so jemand wie du sich entschließt, die Karriere für einige Zeit hintanzustellen, um seine Kinder zu betreuen, so ist das genausowenig antiemanzipatorisch, wie wenn jemand ein Sabbatical zur Fortbildung unternimmt. Dass du mit deiner Entscheidung in gewissen Kreisen auf Unverständnis triffst, wundert mich nicht, sondern zeigt, dass auch Feministinnen nur schwer eingefahrene Denkmuster verlassen. Ich verstehe mich selbst auch als Feministin und kann mir durchaus vorstellen, die gleiche Entscheidung wie du zu treffen. Zuletzt ganz was anderes: deine beidseitigen Nasenpiercings sehen fantastisch aus.

  5. Anna schreibt:

    @gedankenfest: danke, ich lese auch gerne in deinem Blog;
    @Alexa: ich glaube auch, dass die Parameter, die klassischen Arbeitsverhältnissen eine so gewaltige Bedeutung zuschreiben, nicht mehr richtig sind. Heute ist doch vieles möglich, das einem sowohl den Wiedereinstieg in den Beruf erleichtert (Teilzeitheimarbeit mit technischen Hilfsmitteln, etc.) als auch die Erzielung von Einkommen gestattet.

    @JoM: ich teile deine Analyse. Es wird aber immer besser, zumal immer mehr Frauen diese modernen Wirklichkeiten erleben. Danke auch für das Kompliment. Die Nasenpiercings sind ganz neu.

    @Ralf W.: ich muss ehrlich sagen, dass ich mich vor Jahren gar nicht mit diesem Thema beschäftigt habe. Ich denke aber, dass ich nie dazu geneigt habe, anderen vorzuschreiben, wie sie ihr Leben zu leben haben. Ich fand immer schon, jeder muss seine Lebensentscheidungen selbst und selbstbestimmt treffen. Diese Meinung habe ich auch heute. Dass ich die Gegenargumente zu meiner Entscheidung nicht für schlüssig halte, habe ich hoffentlich dargelegt;

  6. Lisa Mertens schreibt:

    Ich habe in der gleichen Situation die gleiche Entscheidung getroffen wie du und kann dich gut verstehen. Wichtig ist, was mir selbst öfter nicht gelungen ist, dass man sich in den Phasen, in denen man sich wünscht, man wäre wieder berufstätig – und diese Phasen werden kommen – nicht in Selbstmitleid verfällt und dass man sich nicht gehen lässt, also sagt, ich bin ja sowieso nur Hausfrau, also weshalb soll ich mich dazu aufraffen, Sachen zu tun, die ich früher getan hätte. Ich finde, man darf sich nicht der Alltagsroutine ganz unterwerfen.

    Und, Kompliment: deine Nasenringe sehen toll aus.

  7. Clara schreibt:

    Ich habe mich auch so entschieden wie du. Und, wenn man seine Entscheidung auch immer wieder hinterfragt, an Tagen wie heute, wenn die Kinder schon um sechs Uhr morgens aufgeregt herumhuschen, den Kaffee ans Bett bringen, ein Gedicht aufsagen und Küsse verteilen, dann weiss man, dass man etwas richtig gemacht hat. Das mag reaktionär klingen, und es kann sein, dass ich schon morgen wieder denke, wie schön es jetzt wäre, ein wichtiges Meeting zu haben. Aber diese Momente wie heute, die nimmt dir niemand mehr.

    Btw, deine Nasenringe sehen unglaublich aus. Das beidseitig zu machen ist eine tolle Idee.

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