Fußballerlebnisse: Camp Nou

 

Ich habe ein etwas zwiespältiges Verhältnis zu Stadionbesuchen. Deshalb war ich noch nicht sehr oft bei einem Fußballspiel. Zur Europameisterschaft bin ich gegangen, in Klagenfurt, Innsbruck und Wien. Bei der Weltmeisterschaft in Deutschland musste ich passen, weil Katharina gerade auf die Welt gekommen war und ich sie noch nicht für zwei Stunden alleine lassen wollte. Auf Städtereisen gingen wir manchmal zu einem Spiel.

Einerseits ist es toll, mit tausenden Menschen in einem Stadion zu sitzen. Andererseits lasse ich oft genau in den wichtigsten Augenblicken ein klein wenig meine Seele baumeln oder meinen Blick schweifen. Dann versäume ich den wichtigen Moment unwiderruflich und fühle mich um die Zeitlupe betrogen.

Vor zwei Jahren waren wir in Barcelona, zum letzten Spiel der Saison, Barcelona gegen Osasuna. Um sicher zu gehen, dass wir das Spiel tatsächlich erleben konnten, hatte Frank Karten zu einem überteuerten Preis im Internet bestellet. Die warteten in einem Umschlag im Hotel als wir ankamen.

Am Vortag des Spiels fuhren wir zum Camp Nou Stadion. Die Eintrittskarte für das Museum berechtigt den Besucher, auf die Zuschauertribüne zu gehen. Fast 100.000 leere Plätze starrten uns an. Das war ein komisches Gefühl.

 

Am nächsten Tag sah das Stadion ganz anders aus, lauter, bunter, weniger beklemmend. Neben mir saß ein riesiger, braungebrannter Mann. Er war nicht dick, sondern groß und breit und trug ein rosa gestreiftes Ralph Lauren Hemd und hatte einen pinken Pullover über die Schulter gebunden. Eine junge, aufgeschminkte Blondine saß neben ihm. Seine Stimme war ebenso mächtig wie sein Körper und er kommentierte das Spiel ununterbrochen, auf Wienerisch. Er war Wiener. Na toll, dachte ich, da hätte ich gleich ins Horr Stadion gehen können.

Zu Spielbeginn war es noch taghell und das Stadion bei weitem nicht voll. Langsam wurde es dunkel und mit den vielen Lichtern sah das Stadion verändert aus. Es füllte sich langsam. Viele Leute, die das Spiel nicht so bedeutsam fanden, wollten offenbar bei der anschließenden Meisterfeier dabei sein.

Das Spiel war nicht besonders aufregend. Barcelona spielte mit der Ersatzmannschaft, weil die besten Spieler für das Champions League Finale in der darauffolgenden Woche geschont werden sollten. Ich ließ meinen Blick schweifen. Ein vornehmer älterer Herr mit blauem Blazer und grauen Flanellhosen unterhielt sich mit seinem Enkel. Eine Familie knabberte an Sonnenblumenkernen. Auf der Stiege saß ein kleines Mädchen. Sie trug ein Barcelona-Trikot mit ihrem Namen, Eva, und sang ein Lied. Osasuna schoss ein Tor. Natürlich habe ich es nicht gesehen. Das machte aber nichts, wegen Osasuna war ich schließlich nicht hier.

Gegen Ende der zweiten Halbzeit schloss der Schiedsrichter einen Barcelona Spieler aus. Das wollten die Zuschauer nicht akzeptieren. Ob sie Recht hatten, wusste ich nicht, ich hatte die Szene nicht so richtig gesehen. Alle um mich herum standen auf, schwenkten weiße Blätter und buhten laut. Überall im ganzen Stadion machten es die Leute so. Ein dumpfer, beängstigender Ton erfüllte das Stadion. Es schien zu flimmern von den vielen Blättern.

In mir stieg das Gefühl hoch, dass die Zuschauer Recht haben mussten. Es waren die Atmosphäre und  der Ton, die mich zu dieser Überzeugung brachten. Ich spürte zum ersten Mal in meinem Leben, die Kraft einer Menschenmasse. In so einer Masse ist es schwer, das Gehirn dazu zu bringen, anders zu denken. Ich war wie hypnotisiert.

Der Zuschauerzorn hielt bis zum Ende des Spiels an. Danach begann die Meisterfeier mit Konfetti und Feuerwerk. Alle jubelten über eine Stunde lang. Niemand schien das Stadion zu verlassen. Die Stars hielten Ansprachen, allen voran Puyol, der Begeisterungsstürme auslöste. Es war beeindruckend. Die Masse hatte sich beruhigt, der Jubel war genauso ansteckend wie zuvor der Zorn.

Wir fuhren zurück in die Stadt, wo jubelnde Menschen durch die Straßen zogen. Es blieb das Gefühl, einen schönen Abend erlebt zu haben. Es blieb aber auch die Beklemmung darüber, dass ich den Sog der Masse am eigenen Leib erlebt hatte. Und der Zweifel darüber, ob ich mich diesem Sog immer widersetzen könnte.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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4 Antworten zu Fußballerlebnisse: Camp Nou

  1. Anna schreibt:

    Schöner Artikel. Dieses unangenehm/angenehme Aufgehen in der Masse, diesen Druck der gemeinschaftlichen Ekstase habe ich auch öfters bei Rockkonzerten erlebt. Es bleibt danach immer ein schaler Beigeschmack, finde ich. Aber andererseits: wenn man sich des Effektes bewusst ist, kann man sich ihm wohl widersetzen. Oder doch nicht immer? Hmmh.

  2. JoM schreibt:

    Ich war vor einigen Tagen in Madrid im Stadion und habe auch solche Erfahrungen gemacht. Es ist ein sehr ambivalentes Gefühl, das einen durchdringt, wenn die Masse wie ein Mann aufspringt, um den Schiedsrichter zu einer Entscheidung zu veranlassen. Noch ambivalenter wird es, wenn man, wie in Madrid, noch zusätzlich das Bewusstsein hat, dass ein Filmschurke wie Mourinho die Masse mit Gesten und Interviews vor dem Spiel schon in ein bestimmtes Verhalten hineinmanipuliert hat. Überlegt man sich dann, was wäre, wenn es sich beim Manipulator um einen wirklichen Verbrecher handeln würde, und es nicht um ein Schiedsrichter- sondern um ein Gerichtsurteil ginge, wird einem Angst und Bange. Das soll aber nicht bedeuten, dass es nicht eine wahnsinnige Erfahrung ist, in einem solchen Stadion wie in Madrid oder Barcelona oder gar in Buenos Aires ein Fussballspiel zu erleben.

  3. L. schreibt:

    Ich habe Agoraphobie. Mir ist es schon ein Gräuel, zu einem Handballspiel in eine Halle mit 300 Zuschauern zu gehen. Aber vielleicht ist es ja günstig, dass ich dadurch immunisiert gegen solche Massenerlebnisse bin. Ich habe auch irgendwo gelesen, Canetti kam der Gedanke zu Masse und Macht, weil er in der Nähe eines Fussballstadions wohnte und den Lärm der sich aufregenden Masse hörte. Du bist also mit deinem Denkansatz in guter Gesellschaft.

    • Clara schreibt:

      Das Stadion, bei dem Canetti wohnte, war die Pfarrwiese in Wien- Hütteldorf, der damalige Fußballplatz von Rapid Wien.

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