Bettler

Heute hat eine Frau etwa in meinem Alter an der Tür geläutet. Sie sagte, sie sei Studentin aus Polen und verkaufe Holzdekorationen. Obwohl wir am Rande eines kleinen Dorfes leben, finden immer wieder Studentinnen aus Polen oder der Slowakei den Weg zu unserem Haus. Mir gefällt nicht, was sie verkaufen, solchen Nippes finde ich nur schön, wenn meine Kinder ihn gebastelt und ihm dadurch eine Bedeutung verliehen haben.

Wahrscheinlich sind sie organisiert und werden mit dem Bus hergekarrt, um sich ein paar Euro zu verdienen. Wahrscheinlich haben sie nie eine Universität von innen gesehen. Trotzdem gebe ich ihnen immer ein paar Euro. Wenn jemand darauf angewiesen ist, seinen Lebensunterhalt zu verdienen, indem er tagein, tagaus von Haus zu Haus geht und sich dabei oft noch beschimpfen lassen muss, macht er das nicht zum Spaß. Er macht es auch nicht, um billig an schnelles Geld zu kommen.

Straßenmusikanten gebe ich gerne ein bisschen Geld, weil ich mich über die Musik freue. Einem Bettler gebe ich auch etwas. Es ist mir egal, ob er sich Alkohol dafür kauft. Auch er hat ein Recht darauf, sich das Leben erträglicher zu machen. Und hier endet auch schon meine karitative Tätigkeit.

Ich gerate in Wut, wenn ich im Fernsehen wohltätige Veranstaltungen sehe, oder wenn im Radio über die Steuerbefreiung von Spendengeldern diskutiert wird. In einer idealen Welt sollen die Reichen angemessene Steuern tatsächlich zahlen und die Regierungen für ein sicheres Sozialsystem sorgen. Dann bräuchten wir keine Wohltätigkeit im eigenen Land. Würde die westliche Welt einen echten freien Marktzugang zulassen, wäre ein großer Teil der Entwicklungshilfe in der dritten Welt nicht mehr notwendig.

Aber wir leben nicht in einer idealen Welt. Es gibt arme Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind. Manche reichen Leute scheinen sich darüber zu freuen. Charity gibt ihnen eine Rechtfertigung für ihren Lebensstil. Wenn sie spenden, brauchen sie sich nicht um soziale Fragen scheren, sie haben ja etwas getan. Und wie sie sich ins Zeug legen.

Sie organisieren Events mit Prominenten, statten die Räumlichkeiten mit teurem Blumenschmuck aus, trinken Champagner und lassen sich von berühmten Köchen bekochen. Das ist nicht gratis. Oft müssen sie sogar die Prominenten bezahlen. In den Seitenblicken kann man dann sehen, dass die Gäste dieser Veranstaltungen sich satt essen und trinken, bis sie lustig werden, und dann 50 Euro in den Spendentopf werfen. Hätten sie Vergleichbares in einem Restaurant konsumiert, hätten sie wahrscheinlich das Dreifache bezahlen müssen.

Selbst seriöse Organisationen verwenden einen beträchtlichen Teil der Spenden für die Bezahlung von Kommissionen an Keiler, die ihnen Abbuchungsaufträge verschaffen. Von den Geldern, die in schlecht organisierten Projekten versickern oder absichtlich unterschlagen werden, spreche ich hier noch gar nicht.

Im großen Stil frönt der Popstar Bono dem Gutmenschentum und lässt sich als Wohltäter abfeiern. Letztes Jahr stellte sich laut einem Bericht des Guardian heraus, dass von etwa 15 Millionen Dollar Spendengeldern, die seine Stiftung 2008 eingenommen hat, nur knapp über 1% tatsächlich wohltätigen Zwecken zugutegekommen ist.

Das ist obszön. Das ist so, als ob ich dem Bettler auf der Straße mit einer salbungsvollen Rede 5 Euro geben würde. Er darf 5 Cent davon ausgeben, ich behalte 4.95 Euro für meinen Aufwand und lasse mich von den Passanten bejubeln. Ich bin kein Wohltäter. Meine fünf Euro darf der Bettler behalten. Damit ein anderer Bettler in der dritten Welt 5 Euro behalten kann, muss ich Bono 500 Euro spenden. Die Differenz versaufen die Leute auf der Charity Gala.

http://www.guardian.co.uk/lifeandstyle/lostinshowbiz/2010/sep/23/bono-one-millennium-development-goals

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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9 Antworten zu Bettler

  1. joaniebegood schreibt:

    Ein guter Artikel. Diese Shrimpsbrötchenbrigade, die ihre Wohltätigkeit in den Klatschspalten auslebt, gehört nicht gefeiert, sondern an den Pranger gestellt. Da werden für solche Leute irgendwelche Konstruktionen geschaffen, die ihnen ermöglichen, keine Steuern zu zahlen (Bono ist für Steuerzwecke in Holland und nicht in Irland ansässig), und die lassen sich bejubeln, wenn sie 5% der ersparten Steuern irgendwelchen mehr oder weniger fraglichen Charityprojekten zur Verfügung stellen. Zum Kotzen.

    • Karin Koller schreibt:

      Es geht nicht nur um die ersparten Steuern der Reichen, sondern auch um die Spenden von gutgläubigen Leuten, die tatsächlich meinen, armen Menschen etwas Gutes getan zu haben. Diese Gelder verjuxen manche Charities auch, bzw. deren Funktionäre bereichern sich damit. Wenn sie sich nur selbst finanzieren würden, wäre es leichter erträglich.

  2. Alexa schreibt:

    Ja Bono, Sting und Tony Blair. Die unheilige Dreieinigkeit jener, die so gerne anderen helfen, um sich selbst zu helfen. Kennt wer die Geschichte, als Sting, um eine Ansprache zu halten, wie man den Regenwald retten kann, schnell mit dem Privatjet von New York nach Washington geflogen ist. Die Burschen können Chuzpe buchstabieren.

  3. L. schreibt:

    Die einzige Frage, die offen bleibt – ansonsten unterschreibe ich deine Analyse zu 100 Prozent – ist, ob es nicht besser ist, dass die Bettler Bonis fünf Cent bekommen, als wenn sie gar nichts erhielten. Es ist ja nicht so, dass die angesprochenen Leute ohne Bono und Co. Ihr Geld für gute Zwecke einsetzen würden.

    • Karin Koller schreibt:

      Aber laut Artikel im Guardian ist die Summe, die tatsächlich ankommt, nicht wirklich signifikant (in etwa so, wie wenn 50 Dorfschulen ein Weihnachtskonzert für einen guten Zweck organisieren).

  4. Elke schreibt:

    Wohltätigkeit als Ersatz für einen Staat, der seine Aufgaben wahrnimmt. Bald sind wir wieder in der viktorianischen Zeit angekommen. Wenn man dann gleichzeitig die Bettelverbote sieht, dann fehlt wirklich nicht mehr viel, bis Vera Russwurm entscheidet, welche Armen sich eine Unterstützung durch ihren Vorstellung entsprechenden Lebenswandel verdienen. Und Bono wird der Herrscher über die dritte Welt.

  5. Clara schreibt:

    Ich finde eine der übelsten Erscheinungen, die mit diesem ganzen Charitygetue verbunden ist, ist die Deifizierung von „Societyikonen“, d.h. im Regelfall mehr oder weniger schönen und talentierten Leuten, die „ihr Leben der guten Sache widmen“, was tatsächlich bedeutet, dass sie zweimal jährlich ein Galadiner veranstalten, bei denen sie den Abend mit den Leuten, mit denen sie ihre Abende auch sonst verbringen, und der guten Sache „teilen“ und dabei dafür sorgen, dass ihre Bekannten knapp das, was sie sonst auch für den Abend ausgegeben hätten, als großzügige Spende hinterlassen. Von diesen Veranstaltungen profitieren in erster Linie die Friseure, Couturiers, Maskenbildner und Juweliere derer, die die Veranstaltungen so großherzigerweise besuchen.

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