Songs: Rednecks, Randy Newman

Im Sommer 1994 fuhren Frank und ich durch die USA. Wir flogen New York, dann nach New Orleans und San Francisco. Dort mieteten wir ein Auto, um Nationalparks in Kalifornien, Nevada und Utah zu besuchen. New York war genauso, wie ich mir die USA vorgestellt hatte: Etwas größer, schneller und aufregender als alles, was ich bisher gekannt hatte.

Das Hinterland, vor allem im Norden Nevadas und Utahs, war ein ziemlicher Kulturschock für mich. Die Autobahn führte kilometerweise nur geradeaus. Die einzigen Anzeichen menschlicher Behausungen waren Postkästen an Staubstraßen, die ins Nichts zu führen schienen, und Wohnwagensiedlungen. Die ließen mich unwillkürlich an afrikanische Dörfer denken, nur dass sie mit Rädern und Satellitenschüsseln ausgestattet waren.

Wir fuhren schon seit einigen Stunden und überquerten gerade die Grenze zwischen Nevada und Utah. Es war heiß. Die Gegenfahrbahn war von unserer Fahrbahn durch einen etwa 50 Meter breiten brachen Streifen Erde getrennt. Zum Schutz vor der Sonne hatte ich mir ein Kopftuch umgebunden. Wenn die Hitze unerträglich wurde, schüttete ich mir etwas Wasser über den Kopf.

Wir hatten die Kassette Good Old Boys von Randy Newman im Autoradio auf voller Lautstärke laufen. Als ich gerade eindösen wollte, war die Kassette aus und ich startete sie neu. Der erste Song, Rednecks, machte mich wieder wach. Laut grölte ich mit: „We’re rednecks, we’re rednecks and we don’t know our ass from a hole in the ground”, als auf der Gegenfahrbahn ein Polizeiwagen auf uns zukam. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie der Wagen scharf abbog und über das Geröllfeld auf unsere Spur fuhr. Zuerst dachte ich, die Polizisten wären auf der Jagd nach gefährlichen Verbrechern, aber sie fuhren hinter uns her. Ich sang: „We talk real funny down here. We drink too much and we laugh too loud”, und überlegte, ob wir nicht stehen bleiben sollten, aber ich konnte mir nicht vorstellen, dass sie wegen uns die Spur gewechselt hatten. „Anhalten würde jetzt auch blöd aussehen“, sagte Frank nach einer Weile.

We got no-necked oilmen from Texas and good ol‘ boys from Tennessee and college men from LSU Went in dumb. Come out dumb too”, dröhnte es aus dem Radio, als die Polizei uns überholte und auf den Pannenstreifen winkte.

Mit gezückten Pistolen kamen die beiden Polizisten auf uns zu. Wir stiegen langsam aus. Sie hielten uns einen Vortrag darüber, dass wir sofort hätten stehen bleiben müssen. Ein Geländewagen mit Blaulicht hielt neben unserem Wagen. Ein übergewichtiger Ranger mit hohem Blutdruck holte seine Schrotflinte von der Ladefläche und bedrohte uns damit.

„Wir haben gesehen, dass ihr weiß seid und kalifornische Nummernschilder habt. Wer anderer hätte geschossen. Da könnt ihr froh sein, dass ihr auf uns getroffen seid.“

Ansonsten hatten wir nichts falsch gemacht, sie wollten nur die Papiere sehen. „Sollen wir sie mitnehmen?“ sagte der Dicke und ließ die Schrotflinte sinken. „Ach was, lass nur“ war zum Glück die Antwort der anderen beiden. Sie stiegen in ihre Autos: „Passt in Zukunft besser auf, sonst werdet ihr die Reise nicht überleben.“

Benommen fuhren wir los. Ich versuchte, nicht daran zu denken, was passiert wäre, wenn wir dunkelhäutig gewesen wären. Zur Ablenkung schalteten wir wieder das Radio ein: “We’re rednecks, we’re rednecks and we’re keeping the niggers down.”

Da sind wir tatsächlich in ein Lied von Randy Newman hineingefahren. Am Schluss des Songs wurde ich nachdenklich.

Now your northern nigger’s a Negro You see he’s got his dignity. Down here we’re too ignorant to realize. That the North has set the nigger free. Yes he’s free to be put in a cage in Harlem in New York City. And he’s free to be put in a cage on the South-Side of Chicago.

Diese Episode hätte nicht nur im amerikanischen Hinterland passieren können. Rednecks gibt es überall.

http://www.youtube.com/watch?v=2nGw_vAnqPI

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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15 Antworten zu Songs: Rednecks, Randy Newman

  1. Da hast du Recht, Rednecks gibt es überall. Zwei Bekannte von mir, die aus Ghana stammen, sind letztes Jahr zufällig in Linz an einer Rauferei vor einer Bar vorbeigekommen und wollten eingreifen, um die betrunkenen Schläger auseinanderzubringen. Während sie dies versuchten, kam die Polizei zum Vorfall dazu. Und was glaubst du, wer festgenommen wurde?

    • Karin Koller schreibt:

      Es ist traurig. Ich kenne eine Frau, die wohnt neben der Uno-City. Sie glaubt jeder nicht ganz bleiche Mann in ihrer Nachbarschaft ist ein Drogendealer. Soviel zum internationalen Flair in Wien.

  2. Ich finde, Randy Newman gehört (Pixar-Soundtracks hin oder her) zu den größten Songwritern der letzten Jahrzehnte. Es gibt kaum jemanden, der so viele musikalischen Ideen in Dreiminutenstücke hineinpackt. Und über die Texte brauchen wir sowieso nicht zu reden. Zum unteren Bild passend: „I have been a desperado raped and pillaged ‚cross the plain…..“

    • Karin Koller schreibt:

      Ja, das finde ich auch. Und ein Genie auf so hohem Niveau ist normalerweise kein Kassenschlager. Da ist es nur billig, wenn er Geld mit Kinderliedern verdient.

    • JoM schreibt:

      Ja, wer kann sonst noch in 100 Wörtern die Geschichte der Sklaverei in Amerika (Sail Away) zusammenfassen (Greil Marcus schrieb darüber in Mystery Train 80 Seiten oder so), die ganze Ratio des Golfkrieges in Frage stellen (Lines in the sand) oder George W. Bush historisch richtig einordnen (A few words in defence of our country)? Einer der wenigen wirklichen Giganten.

      • susannepointner schreibt:

        Nicht zu vergessen „Political Science“, wo Rumsfeld und Konsorten bereits vorweggenommen werden:

        No one likes us-I don’t know why
        We may not be perfect, but heaven knows we try
        But all around, even our old friends put us down
        Let’s drop the big one and see what happens

        We give them money-but are they grateful?
        No, they’re spiteful and they’re hateful
        They don’t respect us-so let’s surprise them
        We’ll drop the big one and pulverize them

  3. Elke schreibt:

    „…and I´m going to Arizona just a Rider in the Rain.“

  4. L. schreibt:

    Schöner Artikel. Dinge, die einem on the road passieren. Wäre auch fast was für eine Kolumne. Interessant auch, dich mal mit fast nackten Ohren zu sehen.

    • Karin Koller schreibt:

      Das Foto ist 17 Jahre alt, da hatte ich noch nicht mehr zu bieten. Du kannst gerne einen on the road Gastbeitrag schreiben.

      • L. schreibt:

        Mache ich gerne mal. Dieses Wochenende kann ich aber nicht, weil ich mich feiern lassen muss.

      • Erika schreibt:

        Damals schön, heute schöner, meiner Meinung nach.

      • Karin Koller schreibt:

        Danke. Ich glaube auch, dass eine Frau schöner wird, wenn sie das kindlich Unbeholfene abgelegt hat. Deshalb verstehe ich nicht, dass man seinem Aussehen als Teenager nachtrauern kann.

  5. Erika schreibt:

    …Deshalb verstehe ich, dass man seinem Aussehen als Teenager nachtrauern kann….

    Das verstehe ich jetzt aber nicht.

    • Karin Koller schreibt:

      Ich habe das NICHT vergessen, das ist so peinlich, dass ich es in den ursprünglichen Kommentar jetzt eingefügt habe. Sorry, Mittagsmüdigkeit am Freitag.

  6. miriambrenner schreibt:

    Ich finde deine Assoziationen und persönliche Geschichten zu einzelnen – tollen – Songs wunderbar. Ich wünsche mir noch ganz ganz viele weitere.

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