Diese Woche konsumiert

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Der IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn wird beschuldigt, eine Hotelangestellte sexuell belästigt zu haben. Das ist Fakt. Ich bin nicht sicher, ob es viele weitere, tatsächlich bestätigte Fakten in dieser Angelegenheit gibt. Aber die Medienküche brodelt. Experten sondern ihre Expertise ab. Das taiwanesische Fernsehen hat einen Animationsfilm gedreht. Die wissen offenbar ganz genau, was passiert ist (http://tw.nextmedia.com/animation/index/menusecid/1/video_artid/33390797/video_issueid/20110516/parnum/1/qtynum/1/baseissueid/20110516 ).

Herr Kissler tut im Standard die sexuelle Belästigung von Personal als Kavaliersdelikt ab. Die Koordinaten der Moral haben sich gewandelt, schreibt er, früher wäre so ein Vorfall Stoff für eine Posse gewesen (http://derstandard.at/1304552086183/Strauss-Kahn-und-die-Liebe-zum-Kuechenpersonal-Was-geschah-in-Suite-2806 ). Der Mann scheint einen merkwürdigen Sinn für Humor zu haben.

Bernard-Henri Levy fordert in der Zeit ganz selbstverständlich eine Sonderbehandlung für Strauss-Kahn, weil er eine Person der Öffentlichkeit ist. Strauss-Kahns Frau könnte sich verletzt fühlen. Weniger Sorgen macht Levy, wie der Hotelangestellten zumute sein muss, wenn sie die Medienberichte über sich liest. Levy prangert den puritanischen Irrsinn der westlichen Gesellschaften an und unterscheidet damit nicht zwischen Vergewaltigung und einvernehmlichen lustvollen Sex ( http://www.zeit.de/2011/21/Interview-Levy ). Ich bin der naiven Meinung, dass Personen, die freiwillig im Rampenlicht stehen, sich wie alle anderen so benehmen sollten, dass weder ihre Familie darunter leiden muss, noch die Medien Negatives zu berichten haben. Interessant ist auch, wieviele Kommentare die Zeitredaktion als polemisch oder als unsachliche Spekulationen zensiert. Ein anerkannter „Philosoph“ kann aber offenbar sagen, was ihm gerade in den Sinn kommt, und die Zeit druckt es stolz ab.

Die Presse fasst Verschwörungstheorien zusammen (http://diepresse.com/home/meinung/kommentare/wirtschaftskommentare/662963/Wie-der-Mossad-und-Sarkozy-StraussKahn-hereinlegten?parentid=0&act=2&isanonym=null ). Der Artikel ist ironisch, als Verspottung gemeint. Bis auf eine Referenz auf den Kurier erfährt der Leser nicht, ob und welche Verschwörungstheorien aus „seriösen“ Medien stammen, oder ob sie dubiosen Foren entnommen sind. Das finde ich schade, ein reflektierter Überblick über die Fehlgeleitetheit der Journaille hätte mich mehr interessiert.

Aber es wird nicht nur Unreflektiertes, Sexistisches und Absurdes abgedruckt, es gibt auch Stimmen der Vernunft: Beate Hausbichler (http://diestandard.at/1304552135891/Strauss-Kahn-Sexualdelikte-im-medialen-Sumpf ) prangert in dieStandard die moralischen Vorverurteilungen auf beiden Seiten an. Willkürlich werden Anschuldigungen, Verharmlosungen und Charaktereinschätzungen veröffentlicht. Diese unappetitliche Berichterstattung schadet allen Opfern von sexuellen Belästigungen, sagt sie zu Recht.

Corinna Milborn zeigt in News auf, dass bei uns die Aufarbeitung von Sexualdelikten noch ein Tabuthema ist http://www.news.at/articles/1120/510/297231/die-usa-haerte-europa-strauss-kahns-verhaftung-culture-clash .

Jason Linkins dekonstruiert in der Huffington Post die Aussagen von Bernard-Henri Levy (dieser Herr hat nicht nur mit der Zeit gesprochen) und Ben Stein (http://www.huffingtonpost.com/2011/05/18/dominique-strauss-kahn-bernard-henri-levy-ben-stein_n_863633.html ). In acht Punkten zeigt er schlüssig und spritzig auf, welche Implikationen die Aussagen dieser beiden „anerkannten Intelektuellen“ haben:

Die gesellschaftliche Stellung eines Mannes ist für diese schon ausreichender Grund, ihn nicht zu verfolgen. Ein solcher Mann darf nicht als gemeiner Verbrecher behandelt werden, besonders wenn die Beschuldigerin (nicht Opfer, versteht sich) so gewöhnlich und unwichtig ist. Levy und Stein wissen, dass der Beschuldigte es nicht getan haben kann, weil „bedeutsame“ Menschen so etwas eben nicht tun. Ihnen ist bekannt, wie sich Hotelpersonal zu verhalten hat, und sie berichten, was ihnen von Dienstboten angetan wurde. Zusätzlich kritisieren sie das Rechtssystem im Allgemeinen. Wo käme man denn hin, wenn jeder einfach jeden anzeigen könnte? Und zu guter Letzt wird das Opfer diskreditiert und mit ihm alle anderen Frauen, die diesen Vorfall zum Anlass genommen haben, ihre Erfahrungen aufzuarbeiten.

Diese mediale Berichterstattung nimmt vielen Frauen, die von mächtigen Männern belästigt werden, den Mut, sich an die Öffentlichkeit zu wenden. Aber die mächtigen Männer finden das gut. Es gibt ihnen Narrenfreiheit.

Es ist Zeit zum Umdenken. Und wie es aussieht, ist es auch Zeit für neue Denker.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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18 Antworten zu Diese Woche konsumiert

  1. joaniebegood schreibt:

    Höchste Zeit für so eine Analyse. Wann wird sich endlich herumsprechen, dass es darauf ankommt, ob und was für ein Verbrechen begangen wurde, und nicht, welchen sozialen Status potentieller Täter und potentielles Opfer hatten?

  2. Laura schreibt:

    Mir ist fast die Kaffeetasse aus der Hand gefallen, als ich das Interview mit Levi gelesen habe. Die armen reichen Männer, die vom Gesinde verführt werden. Und deren armen stolzen Gemahlinnen, die sowas erfahren müssen, weil die Dienstboten keine Diskretion mehr kennen. Ein Weltphilosoph, meine Fresse!

  3. susannepointner schreibt:

    Und vor allem Zeit für neue Denkerinnen!

  4. Clara schreibt:

    Ja, ja, die Zeiten haben sich geändert. Statt dankbar zu sein, die Zauberflöte der Herschschaft spielen zu dürfen, glauben jetzt schon Zimmermädchen, Rechte zu haben. Und dann gibt es noch Puritaner, die es zulassen, dass so ein bedeutungsloses Dienstmädchen die Karriere eines so großen Mannes ruiniert. Zum Glück gibt es Geistesmenschen wie Levi, die uns erläutern können, wo wir vom richtigen Weg abgekommen sind. Ein wahrer Philosoph.

  5. JoM schreibt:

    Ich fand am abstrusesten Levy’s Ergüsse dazu, dass das eigentliche Verbrechen ist, so einen „großen Mann“ wie einen „gemeinen“ Verbrecher zu behandeln. Was kann man zu so einer Geisteshaltung noch sagen?

  6. Gut gebrüllt Löwe!

  7. Anna schreibt:

    Ein interessantes Phänomen ist die Vorgehensweise seriöser Medien wie der Zeit. Man bietet einem Idioten wie Levy die Plattform, seine schwachsinnigen Thesen in die Welt zu blasen. Und dann schreibt man einen bedeutungsschwangeren Kommentar, in dem man sich vom Stumpfsinn, den man selbst verbreitet hat, distanziert. So hat man die Aufmerksamkeit, die die verbreiteten Idiotien auslösen, und behält die vermeintlich reine Weste.

    • Karin Koller schreibt:

      Eine kritische Betrachtung der Zeit mit ihrem Kulturanspruch und dem gleichzeitigen ständigen Gejammere über den Untergang der westlichen Kultur, mit der Auswahl der Kommentatoren und der Zensierung der Leserbeiträge, mit den Doppelstandards in vielen Bereichen und der Selbstgefälligkeit, etc. wäre Thema für einen eigenen Beitrag. Hast Du Lust, ihn zu schreiben?

      • Anna schreibt:

        Ich denke, dass ist mir zu mühsam. Da müsste ich ja das ganze Journal lesen.

    • maziarworld schreibt:

      Es ist ja schön, dass Sie hier die Doppelmoral der westlichen Medien anprangern. Leider wird es beim nächsten Thema genau diesen Journalisten eine gute Arbeit attestiert, obwohl tausende Menschen ermordet wurden. Und sie schreiben wieder Unwahrheiten, um die Schuld des Westens auszuradieren.

      Denn sie wissen, dass wir(die westliche Gesellschaft) ihnen blind folgen. Falls Sie anderer Meinung sind, wird ein kleiner Blick in die Geschichte die Wahrheit verdeutlichen.

      • Karin Koller schreibt:

        Ich verstehe nicht, was Sie meinen. Von welchem Thema sprechen Sie? Wer attestiert welchen Journalisten gute Arbeit?
        Im allgemeinen glaube ich nicht unbedingt an Vorsatz. Das Weltbild ist tief verankert und wird oft unreflektiert wiedergegeben und genauso unreflektiert aufgenommen. Es gibt aber auch andere, durchaus kritische Journalisten, die zu Recht gelobt werden und Leser, die nicht bereit sind, blind zu folgen.

  8. maziarworld schreibt:

    Hallo Frau Koller,

    vielen Dank für die Antwort.
    Das Thema ist vielseitiger als man glaubt. Bis vor kurzem haben alle und zwar alle, wahrscheinlich Sie auch, Strausskhan eine gute Arbeit attestiert, obwohl mit der IWF-Politik Staaten und ganze Völker in den Ruin getrieben wurden. Millionen Menschen sind durch seine(IWF) Politik gestorben oder sind verhungert und wurden getötet. Ich frage mich, sind diese Taten verzeihlich?

    Ich weiß nicht, von welcher Welt, welchem Weltbild Sie reden! Ich spreche nur von der Erde und Lebewesen der Erde. Ich muss zugeben, dass ich verwundert war, weil keiner mit Verschwörungstheorie hergelaufen ist.
    Wenn sie vor Ermorden, Verhungern und … der Menschen nicht zurückschrecken, sind solche Taten beiläufig, weil sie diese Menschen als Eigentum ansehen.

    Solche Menschen sind Charakterlos. Was erwarten Sie von ihnen?
    Gruß

    • Karin Koller schreibt:

      Ich glaube, eine Diskussion über den IWF im Allgemeinen wäre schon interessant und notwendig, vor allem wenn sie sachlich geführt werden könnte. Das würde aber den Rahmen dieses Beitrags, der sich mit der Berichterstattung über Strauss-Kahn befasst, sprengen. Es ist in jedem Fall erforderlich, zwischen der Person Strauss-Kahn und der Organisation IWF zu unterscheiden.

    • Karin Koller schreibt:

      Indem man ein mutmaßliches Sexualdelikt „Sexaffäre“ und einen mutmaßlichen Vergewaltiger einen „Frauenliebhaber“ nennt , lenkt man die Meinung der Leute in eine bestimmte Richtung. Ich bin davon überzeugt, dass viele Meinungsmacher hier nichts verwechseln, sondern die Debatte gezielt steuern wollen. Aber es gibt zum Glück eine Gegenbewegung, die diese sprachlichen Verfehlungen aufzeigt und anprangert.

  9. susannepointner schreibt:

    Mir kommt diese Debatte, bei der ständig eine Gleichsetzung zwischen Sex und Vergewaltigung erfolgt, ähnlich verquer wie die auch gerne gebrauchte Gleichsetzung von Homosexualität und Paedophilie. Ea muss immer wieder gesagt werden, dass es hier nicht um einen Sexskandal, was immer das auch sein mag, geht, sondern um ein Verbrechen. Ob ein solches geschehen ist, sollen die Gerichte klären. Aber ein Sexskandal liegt hier nie vor. Wenn es einvernehmlicher Sex gewesen sein, sollte, ist es kein Skandal. Und wenn es nicht einvernehmlich war, dann ist es kein Sex, sondern ein Sexualverbrechen.

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