Pokemon

Lukas liebt Pokemons. Alle Buben in seiner Klasse sammeln die Plastikeier, in denen kleine Plastik-Pokemons enthalten sind. Jedes Ei ist etwas größer als ein Überraschungsei, nur ohne Schokolade, und kostet 3 Euro. Zuerst dachte ich, dass das ein taschengeldvernichtender, nutzloser Schmarren ist. Dann begann ich zu begreifen, welche Bedeutung dieses Spielzeug hat.

Beim letzten Elternsprechtag vor einigen Monaten erzählte mir Lukas‘ Lehrerin, er plaudere nie mit seinen Klassenkameraden. In der Pause stünde er alleine abseits, als hätte er Angst, dass ein Kind auf ihn zukommt. Ich war in großer Sorge, habe aber noch nichts unternommen, weil ich ihn durch falsches Coaching nicht noch mehr entmutigen wollte.

Jetzt sammelt auch er Pokemon-Eier. Lukas merkt sich die Namen und Familienzugehörigkeiten aller dieser Kreaturen. Wären sie nach Knochen benannt, könnte er direkt zu einer Anatomieprüfung antreten.

Manche Pokemon-Familien erscheinen ihm interessanter als andere. Die Eier sind nicht transparent, deshalb kann er sich seine Wunschfiguren nicht kaufen. Er muss sie tauschen. Dafür muss er mit seiner Figur auf ein anderes Kind zugehen, es ansprechen, verhandeln und die Enttäuschung einer Abweisung in Kauf nehmen. Bisher wagte er kaum ein Kind zu grüßen, jetzt kommt er jeden zweiten Tag glücklich mit einem neuen Pokemon nach Hause. Das gefällt ihm so, dass er sogar Pokemons tauscht, die er vorher bei einem Tausch bekommen hat.

Anstatt alleine von der Schule nach Hause zu laufen, geht Lukas jetzt mit den anderen Buben. Sie unterhalten sich in einer mir unverständlichen Sprache über ihre Pokemons und über Pokemon-Filme und manchmal sogar auch über Fußball.

Neulich war ich mit Katharina unterwegs und habe ihn auf dem Heimweg von der Schule getroffen. Er fragte, ob er noch schnell zu einem Freund laufen dürfte, um ein Pokemon zu tauschen. Bisher wollte er noch nie alleine irgendwohin gehen, selbst wenn er eingeladen war.

Heute in der Früh gab es beinahe Streit. Er wollte, dass ich in das Geschäft im Ort gehe und ihm von seinem Taschengeld ein Pokemon-Ei mitbringe. Ich musste nicht einkaufen gehen und vertröstete ihn auf morgen. Schon wollte er wie üblich losbrüllen, da begann er zu denken.

„Darf ich selbst nach der Schule ins Geschäft gehen und mir eines kaufen?“ fragte er.

Ich war baff. Vor einigen Wochen habe ich Lukas und Anna gebeten, mir Milch zu holen. Das haben sich beide nicht getraut. Jetzt wollte mein schüchterner Bub alleine einkaufen, weil sein Verlangen nach den Eiern größer war als seine Angst. Ich erlaubte es ihm.

Zu Mittag war ich aufgeregt. Das Telefon hatte ich griffbereit, falls jemand anrufen würde, dass ich meinen weinenden Buben abholen sollte. Ich war so enttäuscht, als er zur üblichen Zeit nach Hause kam. Er musste den Mut verloren haben, dachte ich. Doch dann sah ich ihn triumphierend das Ei schwenken. Er war allein ins Geschäft gegangen und hatte das Ei gekauft. Im Geschäft hatte er unsere Nachbarin getroffen und war mit ihr nach Hause gefahren.

Dasselbe Kind, das vor einigen Monaten nicht einmal mit seinen Freunden zu sprechen wagte, hat das alles eigenständig geschafft. Manchmal ist Plastikschund wertvoller als ein Psychotherapeut.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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6 Antworten zu Pokemon

  1. Lisa Mertens schreibt:

    Ein sehr schöner und sehr richtiger Beitrag. Mein Sohn hatte auch Probleme, soziale Kontakte mit Gleichaltrigen herzustellen. Bei uns halfen letztes Jahr diese Panini-Bilder, die zur Fußball-WM erschienen sind. Einerseits wurde er dadurch, dass er Bilder zum Tauschen hatte, für andere Kinder interessant, was dazu führte, dass er angesprochen wurde. Und andererseits war es ähnlich wie bei deinem Sohn, dass der Wunsch, das Album möglichst zu vervollständigen, bei ihm Ansporn war, seine Hemmungen zu überwinden. Wie du sagst, es hat uns zwar hunderte Euro an Stickerbriefchen gekostet, war dann aber immer noch billiger als eine Psychotherapie. Und ich habe auch einiges gelernt: Der Nationaltorwart von England war nämlich der einzige WM-Teilnehmer, der älter war als ich. Traurig, aber wahr.

  2. joaniebegood schreibt:

    Ich kann mich nur anschließen. Bei meiner Tochter halfen diese ekelhaften My little Pony Plastikdinger. Es hat mich zwar Überwindung gekostet, das Zeug zu kaufen. Aber wenn´s hilft? Vielleicht erspare ich mir dafür Barbie? Oder bin ich da zu optimistisch?

    • Karin Koller schreibt:

      Ich glaube, Du bist zu optimistisch. Wenn man mit my little Pony angefixt ist, dann ist die Barbie beinahe unaufhaltbar. Aber wer weiss, wofür die gut ist.
      Kannst Du bitte Deine E-Mailadresse kontrollieren, der Computer hat da möglicherweise einen Fehler gemacht.

  3. joaniebegood schreibt:

    Oweh, da machst du mir aber Angst. Besteht denn gar keine Hoffnung?

    Das mit der Mailadresse verstehe ich nicht ganz.

  4. susannepointner schreibt:

    Ja, wie wir als Eltern alle unsere Ideale zum Wohl der Kinder zurückstellen müssen. Ich habe gerade eine einstündige Autofahrt mit Benjamin Blümchen hinter mir und bin ganz entnervt („Sensationell Kinderchen…..“). Und früher habe ich gesagt, ich werde meine Kinder zu wertvoller Kinderliteratur erziehen. That’s the way it goes.

    • Karin Koller schreibt:

      Ich habe Bibi, Bibi&Tina und Benjamin aus meinem Auto verbannt. Wenn ich mir das anhören muss, fahre ich gegen einen Baum. Es gibt wirklich tolle Hörspiele von Astrid Lindgren-Geschichten, die höre ich auch gerne. Mein Mann hat keine Regeln aufgestellt, deshalb müssen wir auf Fahrten in den Urlaub 7 Stunden am Stück Bibi anhören. Meine Kleinste glaubt, dass er das mag, weil er es erlaubt. Ganz verschwörerisch sagt sie dann zu ihm: „Gell Papa, jetzt bist du aber froh, dass du auch mithören darfst.“

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