Kinoschachteln

Bevor die Kinder geboren wurden, war ich ein Stadtmensch. Ich liebte es, in Wien zu leben, und konnte mir nicht vorstellen, am Land glücklich zu werden. Wenn man mich fragte, warum ich denn nicht lieber mehr Grün um mich haben wollte, sagte ich: „Wenn ich Natur sehen will, kann ich nach Schönbrunn gehen, mehr brauche ich nicht.“

Wenn man mich fragte, was mir an der Stadt gefällt, führte ich das vielfältige kulturelle Angebot an. „Du warst nie im Kunsthistorischen Museum oder in der Oper, du gehst nicht in Theater“, sagten meine Bekannten, „und Ausstellungen schaust du dir auch nicht an.“

„Aber die Kultur ist da, das reicht mir“, antwortete ich und es kam mir selbst lahm vor, „und ins Kino gehe ich ja.“

Jetzt lebe ich gerne auf dem Land, weil das Leben mit Kindern hier viel einfacher ist, weil ich die Aussicht genieße und weil mir der Garten Freude bereitet. Ins Kino gehe ich nicht mehr. Es gäbe zwar ein Programmkino in der Nähe, aber nur einmal in der Woche, wenn ich keine Chance auf einen Babysitter habe. Ansonsten gibt es das Cineplexx, die vorgefertigte Schachtel mit den kleinen Kinokästchen. Gezeigt werden die üblichen Blockbuster mit ihren vorgekauten Meinungen und Emotionen, bei denen der Spezialeffekt immer über dem Dialog steht.

Das Kinoerlebnis beginnt mit der Autofahrt zum Cineplexx an der Autobahnausfahrt. Dort schlingt man ein standardisiertes Abendessen in einem der überfüllten Lokale hinunter. Zum Film kauft man sich standardisiertes Popcorn und ein Getränk im Pappbecher. Ungeachtet der Qualität des Films sitzt man nicht in einem Saal, sondern in einem Kästchen, das in Hohenems genau gleich ist wie in Mattersburg oder Leoben. Nach einem Bier in einem Barkästchen, in dem es viel zu laut ist, um über den Film zu reden (über diese Filme gibt es ohnehin nicht viel zu sagen), fährt man über die Autobahn nach Hause.

In Wien bin ich mit Frank ins Filmcasino gegangen. Wir erfreuten uns an dem leicht heruntergekommenen Charme der 50er Jahre, an der Bar und die Leinwand mit Vorhang und allem, was zu einem echten Kino gehört. Die Filme waren nicht immer verständlich und schon gar nicht immer gut. Meistens konnten wir über einen Film reden, weil er eine komplexe Handlung und denkwürdige oder surreale oder witzige Dialoge hatte. Dies taten wir auf dem Weg zum Schanigarten und während wir dort ein Bier tranken oder auch zwei.

Man könnte sagen, dass die Pfade, die wir an diesen Abenden bewandert haben, ähnlich vorgegeben waren, wie jene beim Kinobesuch im Cineplexx. Wir wussten ja, in welches Kino wir wollten und in welchen Schanigarten. Und dennoch ist der Unterschied – auch unabhängig von der Qualität des Films – riesig. Es ist der Unterschied, ob man aus freier Entscheidung die immer gleichen Orte aufsucht, oder ob man wie in einer Herde Schafe in die vorgefertigten, auf gnadenlose Maximierung des Profits ausgelegten Kommerztempel getrieben wird.

Das Angebot verarmt zusehends. Jede Schachtel an der Peripherie zerstört nicht nur das Kleingewerbe in den Städten, sondern fördert auch die Saturierung der Menschen, schränkt die Phantasie ein und erzeugt standardisierte Kästchen in den Köpfen.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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9 Antworten zu Kinoschachteln

  1. miriambrenner schreibt:

    Schön beschrieben. Als Soundtrack für deinen Artikel empfehle ich „Muswell Hillbillies“ von den Kinks.

    („They’re putting us in little boxes,
    No character just uniformity,
    They’re trying to build a computerised community,
    But they’ll never make a zombie out of me.“)

    • Karin Koller schreibt:

      Gute Idee: http://www.youtube.com/watch?v=82cmmVHiFnI oder der Titelsong von Weeds: http://www.youtube.com/watch?v=Wsvc3RQmEEg (And they all play on the golf-course, / And drink their Martini dry, / And they all have pretty children, / And the children go to school./ And the children go to summer camp / And then to the university, / And they all get put in boxes / And they all come out the same.

      • Lisa Mertens schreibt:

        Und das passiert wenn man sich wehrt (auch Kinks, Here come the people in grey):

        I’m gonna pass me a brand new resolution,
        I’m gonna fight me a one man revolution, someway,
        Gonna start my rebellion today.
        But here come the people in grey,
        To take me away.

      • Karin Koller schreibt:

        Sich wehren ist immer gut. Die werden schon nicht kommen, die grauen Männer, oder doch? Sonst warten wir mit dem Wehren, bis Darabos die Cybersoldaten angestellt hat.

  2. Elke schreibt:

    Ich wohne in einer Kleinstadt in der Nähe einer mittelgroßen Stadt. Und mir geht es genau gleich. Ich quäle mich zweimal jährlich, um den Kindern eine Freude zu machen, in das nächste Cineplexx und lasse das Ganze über mich ergehen. Aber ich habe kein Bedürfnis mehr, selbst ins Kino zu gehen, obwohl ich als Studentin früher im Schnitt zweimal die Woche im Kino war. Das liegt sowohl an der von dir beschriebenen Infrastruktur (die kleinen Schachteln bieten ja kaum ein besseres Seherlebnis als der eigene HD-Fernseher), als auch am Programm. Mich interessieren weder Actionfilme noch romantische Komödien, und was anderes wird ja kaum geboten. Für mich jedenfalls hat das Anschauen von DVD-Box Sets (hauptsächlich von Serien) den Kinobesuch ganz abgelöst.

    • Karin Koller schreibt:

      Das Mainstreamkino legt zu viel Wert auf Special Effects und schöne, berühmte, Hauptdarsteller. Das kostet alles viel Geld. Handlung und Dialoge sind nebensächlich geworden. Das ist schade.
      Aber Serien gibt es großartige. DVD-Box Sets sind für mich auch schon lange mehr als nur ein Ersatz für Kinofilme.

  3. susannepointner schreibt:

    Traurig, aber wahr. Diese Entwicklung führt dazu, dass heute das Kino praktisch ausschliesslich 13-20 Jährigen vorbehalten ist. Sowohl das Programm als auch das ganze Drumherum ist voll auf diese Altersgruppe ausgerichtet, das reicht von den angebotenen Alkopops bis zum Essensangebot im Bistrobereich.

  4. Clara schreibt:

    Ihr habt alle recht, ich finde aber trotzdem, dass gerade der Filmkunstbereich von dieser Flucht aus den Innenstädten, der Standardisierung des Angebots und dem ausschließlichen Streben nach Gewinnmaximierung durch Einschränkung der Vielfalt und Reduzierung der Kosten noch am wenigsten betroffen ist. Das Internet macht heute möglich, dass viel mehr Leute die abstrusesten Filme, die unkommerziellsten Serien, die wahnsinnigsten Mammutprojekte sehen können als je zuvor. Da fällt der Wegfall vieler Programmkinos in Relation kaum ins Gewicht. Ich für mich kann sagen, dass ich dadurch, dass ich mir in kürzester Zeit jede amerikanische TV-Serie, jeden italienischen Film und jeden japanischen Comic beschaffen habe, eigentlich mehr Geld für Film im weitesten Sinn ausgebe als je zuvor und auch viel mehr Sachen, die mir wirklich gefallen, ansehe, als ich das je im Kino konnte.

    Verheerend wirkt sich das geschilderte Phänomen aber auf die Diversität des Angebotes in nahezu allen anderen Lebensbereichen aus. Es ist inzwischen selbst in Großstädten kaum noch möglich, irgendeinen selbständigen Fleischhauer, einen eigenständigen Bäcker oder weinhändler zu finden. Aber das wäre Thema für einen neuen Beitrag.

    • Karin Koller schreibt:

      Du hast völlig recht. Ich schaue mir auch Shows im Internet an und bestelle Serien auf DVD. Das Angebot an sich verarmt nicht, man muss sich die Dinge, die man braucht nur anders als vorher beschaffen. Zum Glück geht das auch leicht. Schade ist, dass lokal verfügbare Angebote im Film und in anderen Bereichen (z. B. Kleidergeschäfte) in Städten zunehmend vereinheitlicht werden. Damit nimmt man uns die Erfahrung, selbst zu entdecken und zu probieren. Das ist sicher einen Beitrag wert – go for it!

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