You’re at home baby

Ein Gastbeitrag von Elke Lahartinger

In Österreich beklagen sich Intellektuelle regelmäßig über die Mutlosigkeit der Politik, die Kleingeistigkeit der Leute, die fehlende Internationalität in den Denkansätzen, die Geistfeindlichkeit und die Bunkermentalität, die allem Neuen, Fremden, Überraschenden abweisend gegenübersteht.

Und diese Beschwerden erfolgen nicht zu Unrecht.

Österreich ist ein Land, in dem sich viele wohlig in einer Selbstbezogenheit, Selbstreferentialität und Selbstgenügsamkeit eingenistet haben, die ihren schönsten Ausdruck in der Sportberichterstattung gefunden hat, die überall den Österreichbezug sucht und überall österreichische Erfolge findet (und sei es, dass der Marathongewinn eines Kenianers auf seine Schuhbändel, die nach einem Design aus Bruck/Leitha in Bangladesh produziert wurden, zurückgeführt wird).

Symbolfiguren für diese Denkart sind der Teamchef der österreichischen Fußballnationalmannschaft, der Weiterbildung aus Prinzip ablehnt, weil das, was man lernen könnte, früher auch nicht gebraucht wurde und Denken ja doch nur zu Kopfweh führt, oder der Landeshauptmann von Kärnten, dem amtlich bescheinigt wurde, er sei nicht befähigt, zu verstehen, dass er Amtsmissbrauch begangen hat, und darauf noch stolz ist. (Andere Landeshauptleute kommen durchaus auch in Frage)

Man könnte befürchten, ganz Österreich ist von Leuten dieser Denkart besetzt. Ganz Österreich? Nein!

Es gibt im ganzen Land verteilt kleine Gruppen, die nicht aufhören, Widerstand gegen diese Geisteshaltung zu leisten.

Und Kernbastion dieses Widerstandes ist der Radiosender FM4, der mit seinem Programm und den Leuten, die er beschäftigt, ein Leuchtturm ist, an dem sich all jene in Österreich orientieren können, die über den eigenen Tellerrand schauen wollen, die Verbindung zu internationalen Kultur- und Politszenen suchen, sich für Popkultur interessieren und sich, das eigene Dasein und das eigene Land samt seinen verkrusteten Strukturen hinterfragen.

Und diese Kernbastion beschränkt sich eben nicht darauf, wie viele der kritischen Intellektuellen larmoyant zu raunzen, sondern ermuntert, selbst etwas gegen die Stagnation zu tun.

Das ärgert viele und führt dazu, dass der Sender gerade von denen, die ihm eigentlich nahestehen sollten, nicht das verdiente Lob erhält. Er sieht sich immer wieder Kritik ausgesetzt, die über einen angeblichen Ausverkauf an den Mainstream, einen fehlenden intellektuellen Anspruch und die angebliche Abgehobenheit der Protagonisten klagt.

Diese Kritik ist im Einzelfall berechtigt, aber im Gesamten vollkommen verfehlt und deshalb gerade typisch österreichisch.

Wo gibt es noch einen Radiosender (und sagen Sie jetzt nicht NPR oder Radio 4 oder Radio 5 Live, wenn sie sich diese Sender nicht in letzter Zeit angehört haben), oder richtiger – trotz der vom Gesetzgeber auf Verlangen der Zeitungsverleger kürzlich eingeführten kleinkarierten Beschränkungen – ein Medienportal, das den Interessierten solche Vielfalt bietet wie FM4?

Wo gibt es noch Medien, die Formate ermöglichen, wie das tägliche Journal des Popkulturintellektuellen Martin Blumenau, das oft Widerspruch erregende, aber immer anregende Gedanken zu Gott und der Welt, von der Zukunft der Demokratie bis zur Zukunft der Viererkette, enthält und eine Plattform zum Ausprobieren neuer Gedanken, zum In-den-Raum-Stellen neuer Ideen bietet?

Wo gibt es noch eine populäre Morgensendung im Radio, die zur Gänze fremdsprachig abgewickelt wird?

Wo erhalten noch Intellektuelle wie Fritz Ostermayer und Thomas Edlinger die Gelegenheit, ohne Quotendruck über Jahre regelmäßig idiosynkratische Sendungen zwischen Debord und Dylan zu machen?

Wo erhalten noch Künstler wie Robert Rotifer die Möglichkeit, ihren relativierenden Blick von außen auf Österreich zu werfen und Österreich einen Blick nach außen zu geben?

Und wo könnten noch Leute wie Haipl, Knötzl, Stermann, Grissemann ohne Einschränkungen ihren experimentellen Humor bis – fast – zur Massentauglichkeit entwickeln?

Wo sonst gibt es  Sendungen wie House of Pain, Tribe Vibes oder Heartbeat, die Platz für alles bieten, was man sonst im Radio nie zu hören bekommt?

Mir fällt nicht viel Vergleichbares ein.

Und wenn man sich dessen bewusst ist, dann kann man sich über die manchmal zu pflegeleichte Musikauswahl ärgern, die jeweiligen Alben der Woche zu heavy rotiert finden und sich über irgendwelche Kooperationen mit Veranstaltern ärgern.

Genauso wie man sich auch über Fehler von Leuten, die einem Nahe stehen, ärgert.

Aber in diesem Ärger ist man doch immer dankbar, dass es diese Leute gibt, weil ohne sie das Leben ein anderes, ärmeres, dumpferes und kleingeistigeres wäre.

Und ist, wenn man das Radio einschaltet, froh, zu hören: You´re at home baby.

http://fm4.orf.at/

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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10 Antworten zu You’re at home baby

  1. Clara schreibt:

    Guter Artikel. Für mich ist Blumenaus Journal auch jeden Tag ein Fixstop. Und Heartbeat ist die beste Musiksendung des Universums. Schade nur, dass es keinen Sumpf-Podcast gibt, weil meine Lebenssituation Radiohören am Sonntagabend nicht gerade leicht macht. Aber Österreich ohne FM4 – und manches In Österreich 1 – wäre nicht auszuhalten.

  2. JoM schreibt:

    Ihr habt so recht. Das Problem, das du in den letzten Absätzen deines Beitrages angesprochen hast, ist darin begründet, dass es einem dieser angesprochenen Intellektuellen nie in den Sinn kommen wird, etwas zu loben, das nicht von ihm selbst stammt. Dazu kommt ein fundamentales Missverstehen des Mediums (du kannst keinen Radiosender 24 Stunden mit Nick Cave und Co. bespielen). Und letztlich auch eine an Verachtung der Leute grenzende Arroganz (was vielen gefällt muss Mist sein), gepaart mit grossem Geschmackskonservativismus (viele hätten auch heute täglich gerne das Musikprogramm der Musicbox, ca. 1985).

  3. L. schreibt:

    Seid froh, dass ihr FM4 habt. Wir haben nichts vergleichbares in Bayern und sind auch auf FM4 angewiesen.

  4. silbersternchen schreibt:

    Stellt euch vor, man wäre auf die diversen Hitradios und Regionalradios beschränkt. Ich glaube, man merkt erst was man hat, wenn es nicht mehr da ist. Ich bin gestern aus Bologna nach Linz gefahren, und ihr könnt euch nicht vorstellen, wie zermürbt man nach 4 Stunden italienischer Radiosender, die je zur Hälfte mit Werbung und den „Hits von heute“ ihr Programm bestreiten ist. Und wie gross das Glück ist, wenn man in Bozen dann FM4 bekommt. Be afraid, be very afraid.

  5. Erika schreibt:

    Deine Nasenringe sehen fantastisch aus.

    • Elke schreibt:

      Danke.

      • Sarah schreibt:

        Hast du dir beide Nasenpiercings auf einmal machen lassen? Ich würde mir gerne auch auf der anderen Seite eines machen lassen, habe aber Angst, dass es nicht symmetrisch wird. Hast du da Tipps für mich?

      • Elke schreibt:

        Ja, ich habe beide Piercings in einer Sitzung machen lassen. Aber ich bin mir sicher, es ist für einen kompetenten Piercer kein Problem, das zweite Piercing symmetrisch hinzubekommen, wenn du schon eines hast.

  6. anniefee schreibt:

    Interessant. Über Österreich erfährt man hier in Ex-Preußen ja sonst nicht ganz so viel 😉

  7. Thomas Läubli schreibt:

    Was ist ein Popkulturintellektueller? Muss man hier immer neue Begriffe erfinden, um Leute zu legitimieren, die sich vom Geschwätz der Masse nicht wirklich abheben?

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