Nachmittagswahnsinn

Heute ist ein heißer Tag. Als Lukas von der Nachmittagsschule nach Hause kommt, will ich anfangen, das Abendessen in aller Ruhe vorzubereiten, Burger mit Pommes und Salat. Dafür muss ich die Kinder beschäftigen. Ich hole zwei Kübel aus der Garage, wasche sie aus und sprühe sie mit Desinfektionsmittel aus.

Das ist notwendig. Katharina sieht zwar aus wie ein ganz gesundes Kind, ist es aber nicht. Ihr Immunsystem wird mit Chemotherapeutika supprimiert. Deshalb müssen wir immer noch besonders auf sie aufpassen. Ich versuche, das Haus so sauber wie möglich zu halten, wasche Lebensmittel besonders gründlich und schaue akribisch auf Ablaufdaten. Wenn wir unterwegs oder am Klo waren, desinfizieren wir uns die Hände. Die Kinder wissen genau, was sie anfassen dürfen und was für Katharina gefährlich sein könnte. Das funktioniert ganz gut, Katharina hatte schon einige Monate keinen nennenswerten Infekt mehr.

Ich schicke die Kinder mit ihren Kübeln in den Garten. Dort dürfen sie Wasser hineinfüllen und ein bisschen plantschen. In der Zwischenzeit rühre ich die Zutaten für die Fleischlaibchen zu einem Teig. Im Garten ist alles ruhig, ich forme die Laibchen. Meine Hände sind voller Fleisch, da kommt Katharina klatschnass in die Küche.

„Zieh dich nackig aus und geh wieder in die Sonne.“ Sie zieht sich selbst aus und ich kann weitermachen. Ich heize den Tischgrill vor und lege die Laibchen ein. Jetzt habe ich etwas Zeit und sehe nach den Kindern. Im Garten rührt Lukas in einem Kübel mit trübem schwarzem Wasser. Er spielt Teufelsschlamm und er ist ein Pirat. Dazu hat er sich das alte Tuch um den Kopf gebunden, mit der ich den Gartentisch wische. In der Wiese hat er mit meiner Gartenschaufel ein Loch ausgehoben. Katharina schaut fasziniert zu.

„Seid ihr verrückt, ihr wisst, dass ihr nicht mit Erde spielen dürft“, schreie ich, packe Katharina und trage sie ins Haus. Obwohl sie nur zugeschaut hat, schicke ich sie unter die Dusche. Das Loch im Garten verdränge ich vorläufig. Ich kontrolliere schnell die Fleischlaibchen, die können noch eine Minute im Grill bleiben. Dann renne ich die Treppe hinauf, um das Wasser in der Dusche warmlaufen zu lassen.

„Wo ist mein Duschspielzeug?“ schreit Katharina. „In deinem Zimmer, hol es schnell.“ Von unten strömt ein Duft von gebratenem Fleisch herauf. Katharina kann sich jetzt selber duschen, denke ich und laufe hinunter, um das Fleisch zu retten. Bevor ich die neue Ladung Fleisch in den Grill legen kann, höre ich einen gellenden Schrei von oben.

Ich stürme hinauf, Katharina steht vor dem Klo und heult. Das Plastikgefäß mit dem Spielzeug ist ihr aus der Hand gerutscht und ins Klo hineingefallen. Es kostet Überwindung, das alles herauszufischen.Ihr Lieblingspferd ist so tief gerutscht, dass ich bis über das Handgelenk ins Klo tauchen muss. Ich beruhige Katharina und sprühe das Spielzeug mit Lysoform ein. Mittlerweile riecht es verbrannt von unten, weil die Fleischreste im leeren Tischgrill verkohlen. Ich stelle Katharina mit ihren desinfizierten Spielsachen unter die Dusche. Unten kratze ich den Grill sauber und beginne die restlichen Fleischlaibchen zu grillen.

Ich beginne gerade, die Semmeln zu schneiden, da höre ich wieder Geschrei von oben. Katharina ist Wasser in die Augen gekommen. Ich hole sie aus der Dusche, trockne sie ab und ziehe sie an. Die Fleischlaibchen sind bereits sehr knusprig, als ich wieder in die Küche komme. Ich nehme sie heraus und lege den Speck ein.

Anna kommt nach Hause. Da fällt mir Lukas ein. Ich renne in den Garten und sehe nach ihm. Lukas steht in dem Kübel und schmiert Erde auf seinen Körper. Der darf das wenigstens, er ist ja gesund. Ich schütte den Schlammkübel in das Erdloch, spritze ihn mit dem Schlauch ab und schicke ihn unter die Dusche. Den Speck kann ich wegwerfen, zum Glück habe ich noch mehr im Haus.

In Ruhe koche ich die Burger fertig und mache den Salat. Frank kommt nach Hause und findet fröhliche, frisch gewaschene Kinder vor. Beim Abendessen gibt es kein Geschrei, weil alle gerne Burger essen. Welch eine Idylle.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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7 Antworten zu Nachmittagswahnsinn

  1. Elke schreibt:

    Da beschreibst du schön, wie unsereiner die „ruhigen“ Nachmittage verbringt und am Abend dann „keine besonderen Vorkommnisse“ melden kann.

  2. hans schreibt:

    gut gemerkt – ich glaub ich hätt’s verdrängt 😉

    • Karin Koller schreibt:

      Wenn eine Mutter von drei kleinen Kindern jedes derartige Erlebnis verdrängte, würde sie in einen Zustand permanenter Amnesie verfallen. Das wäre auf Dauer schädlich für das Gehirn, glaube ich.

  3. Lisa Mertens schreibt:

    Ja, das sollen alle lesen, die glauben, unser Hausfrauenleben wäre ein langer ruhiger Fluß.

  4. alicedelrosario schreibt:

    Und das, was du beschreibst, sind die guten Nachmittage. Bei mir wäre nach all dem der typische Ablauf, dass zumindest die Tochter die Nahrungsaufnahme verweigert, weil sie in der Schule von der Lehrerin gehört hat, dass rotes Fleisch ungesund ist. Der Sohn würde vermutlich allfällige Gemüsebestandteile des Burgers (Tomaten, Essiggurkke, Salatblatt) wegfetzen und mich anbrüllen, wie ich dazu komme, ihm Gemüse zu verfüttern, er sei doch kein Hase. Was wiederum das Baby wecken würde…….. Aber never despair!

    • Karin Koller schreibt:

      Ich würde niemals wagen, meinem Sohn eine Tomate in den Burger zu geben. Das wäre nicht einmal mit Ohropax auszuhalten. Bei uns gibt es aber auch Nachmittage, die nicht so idyllisch ausgehen.

  5. Anna schreibt:

    Was ihr beschreibt, klingt sehr sehr stressig. Ich freue mich trotzdem schon darauf, selbst diesen Streß zu erleben.

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