Gute Erziehung

Ein Paar, das ich kenne hat sich lange Zeit ein Kind gewünscht. Beide sind nicht mehr ganz jung. Nach dem Studium arbeiteten sie in hochbezahlten Jobs. Ihre Zwillinge sind jetzt 5 Monate alt. Sie wollen das Beste für ihre Kinder.

Immer wenn die Babies auch nur in den kleinsten Singsang verfallen, nehmen die Eltern sie auf den Arm und füttern sie mit teuersten bioorganischen Babybreien, die extra geschmacksarm sind, damit die Kinder nicht überreizt werden. Gesundheit ist wichtig, darauf wird sehr geachtet. Deshalb dürfen die Kinder nicht mit Plastikspielzeug spielen. Legt man sie auf eine Gymnastikmatte, beginnen die Eltern zu kreischen, als würde man die Kinder vergiften.

Die Eltern gehen mit den Zwillingen in die Yogastunde, zum Babytanzen, zum Babysingen und zum Babyschwimmen. Trotzdem haben sie ständig das Gefühl, nicht genug für die Kinder zu tun.

Sie haben konkrete Pläne ausgearbeitet, weil die Ausbildung im Babyalter beginnt. Deshalb bereiten die Eltern gerade die Anmeldung in der besten Kindertagesstätte vor. Das bedeutet dort nicht, einen Zettel auszufüllen, sondern die eigene Lebenseinstellung zu adaptieren. Den Fernseher haben sie schon weggegeben, weil die Kita nicht möchte, dass die Kinder mit dem Fernsehen in Berührung kommen. Es wurde den Eltern dringend empfohlen, selbst mit gutem Beispiel voranzugehen. Bei den Größeren werden Schokolade und Süßigkeiten nicht toleriert. Die Kleinsten dürfen keinesfalls Zucker zu sich nehmen. Die Kita ist sehr teuer, dafür gibt es keine Spielsachen, damit die Kinder lernen, sich mit sich selbst zu beschäftigen, kreativ zu werden.

Was nach dem Kindergarten sein wird, darüber sind sich Eltern der Babies noch nicht einig. Der Vater tendiert dazu, nach Italien zu ziehen, um den Kindern einen anderen Kulturkreis nahezubringen. Die Mutter möchte Arbeit in Singapur finden, weil es dort noch anständige Schulen gibt, sagt sie.

Diese Eltern versuchen nach ihrem besten Wissen, ihren Kindern eine pädagogisch wertvolle Erziehung zu ermöglichen. Sie merken dabei gar nicht, wie viele Zwänge sie damit sich und den Kindern auferlegen. Wenn sie nicht rechtzeitig entspanntere Erziehungsmodelle anwenden, kann ich mir zwei denkbare Szenarien für diese Kinder vorstellen.

Szenario 1: Die Kinder entwickeln eine überzogene Gier nach Süßigkeiten, Fernsehen und billigem Plastikkram. In der Schule werden sie Außenseiter, weil sie keine Spielsachen zum Tauschen haben und bei Gesprächen über das Fernsehen nicht mitreden können.

Wahrscheinlicher ist Szenario 2: Die Kinder kommen ihr ganzes Leben immer mit Menschen zusammen, deren Lebensweg ähnlich vorgeplant war wie ihr eigener. Sie wachsen auf in der Überzeugung, dass sie besonderer, gescheiter und besser sind als andere Menschen. Das kann leicht zur Selbstüberschätzung führen. Nach Privatgymnasium und Eliteuniversität lenken sie die Geschicke der Welt. Probleme und Nöte von Menschen, die aus einer niedrigen sozialen Schicht kommen, können sie sich nicht einmal vorstellen. Vielleicht entscheiden sie sich dafür Bahn-Chef zu werden, ohne jemals mit dem Zug gefahren zu sein. Oder Manager bei einer Einkaufskette, ohne je in einem Laden eingekauft zu haben. Vielleicht ist das Mädchen mit 25 Finanzministerin, der Bub Waffenlobbyist und beide Millionäre.

Gut ausgebildet werden sie sein, keine Frage. Gesund werden sie auch sein. Werden sie weltfremd sein? Höchstwahrscheinlich, aber sie werden das nicht merken, weil sie in ihrer eigenen Welt leben. Werden sie glücklich sein? Da bin ich mir nicht so sicher.

Aber die Eltern, die jetzt schon aufgerieben sind von der Erziehungsarbeit, halten sich strikt an anerkannte pädagogische Methoden und machen für ihre Kinder nur, was ihrer Meinung nach das Beste ist.

Empfehlenswert zu diesem Thema: Rudi Palla, Die Kunst Kinder zu kneten (http://www.amazon.de/Kinder-kneten-Rezeptbuch-P%C3%A4dagogik-Bibliothek/dp/382184468X/ref=sr_1_2?ie=UTF8&qid=1306242560&sr=8-2 ). Wenn man liest, wie fehlgeleitet anerkannte Pädagogen früher waren, lässt man sich von modernen Pädagogen weniger leicht verunsichern.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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35 Antworten zu Gute Erziehung

  1. solala schreibt:

    Leider etwas geschnitten, aber passend zum Thema 🙂

    solala

  2. Alexa schreibt:

    Die Geschichte beweist wieder mal: gut gemeint ist das Gegenteil von gut.

  3. Hofnarr schreibt:

    Ojeh!!! Ojeh!!! Ob diese Eltern nicht sehr bald geschieden sind, weil der eine noch extremer ist als der andere und deshalb der Extremere beim weniger Extremen aneckt?! Dann geht die ganze Konstruktion der Erziehung nicht mehr auf, weil dann überall das Geld fehlt aus 2 einstigen Einkommen und diesem teuren Lebensstandard fehlt… Wäre demnach Szenario 3! Auch der könnte in die Hosen gehen bei allen Vieren… Der und die Schwächste scheitert zuerst! Wer wird das wohl sein?!

  4. anniefee schreibt:

    Hier sagt man dazu „Prenzlauer Berg – Eltern“.
    Viele sehen auch ihre Kinder als „Projekte“, die man managen kann und nicht als die etwas, was zum Leben dazugehört und nebenbei läuft. Ich kann das schon nachvollziehen, die Verlockung ist dagewesen, auch bei mir. Aber irgendwann sah ich (und das Paar oben vielleicht auch i-wann) ein, dass Kind sich nicht formen lässt und im Versuch dessen ich selbst langsam vor die Hunde gehen, von der Paarbeziehung ganz zu schweigen.
    Der neueste Perfektionistische-Eltern-Tick ist übrigens eine Zweisprachigkeit vorgaukeln, aus Angst, dass Kind könnte sonst später nich gut genug Englisch. Führt zu albernen Situationen gegenüber Dritten.

    • susannepointner schreibt:

      Ich habe im Bekanntenkreis Eltern, die in der Schwangerschaft Französischstunden genommen haben, um den Kindern ein dreisprachiges Aufwachsen zu ermöglichen. Nachdem das erste Kind aufgrund der babylonischen Sprachverwirrung mit zwei Jahren immer noch kein Wort sagte, haben sie aufgegeben. Inzwischen kann das Kind zwar mit Verspätung, aber doch, einigermaßen sprechen. C` est la vie 🙂

  5. susannepointner schreibt:

    Für die Kinder ist zu hoffen, dass die Realität die Eltern bald einholt. Schwer vorstellbar, dass der Wahnsinn auf Dauer durchzuhalten ist. Bald können sich die lieben Kleinen ja äußern und ihre eigenen Vorstellungen artikulieren. Und dann werden die eigenen Vorstellungen erst auf eine richtig harte Probe gestellt (sagt eine pazifistische Mutter mit Kunstsinn, die gerade über einen Plastik-Universal Soldier gestolpert ist, das Gleichgewicht verloren hat, dabei eine Bibi Blocksberg CD-Hülle zertreten hat, wobei die CD (Karla Kolumna ääärghhhh!) aber leider unbeschadet geblieben ist.)

    • anniefee schreibt:

      Musste lachen beim Lesen 🙂
      geht mir mittlerweile ähnlich.
      Gestern entdeckte ich sogar fast an mir selbst Lust, diese Barbies umzuziehen, die Tochter geschenkt bekommen hat.. man muss auch zulassen können, dass einen die Kinder ein Stück weit ändern..

      • susannepointner schreibt:

        Der Tag, als die erste Barbie bei uns einzog, war der Tag, an dem ich meine Prinzipien endgültig begraben habe. 🙂

      • Clara Moosmann schreibt:

        Barbie, hah. Ich halte Barbie erhöhe um Baby-Filly.

      • Karin Koller schreibt:

        Bei uns ist Barbie zu Weihnachten eingezogen mit Mann, Haus, Kutsche und Hund. Zu Ostern kamen die Fillies (und nicht nur Baby, sondern auch Fairy und Princess). Seitdem ist Barbie abgemeldet und liegt nackt in der Abstellkammer. Man könnte Horrorfilme drehen mit dem Zeug.

      • susannepointner schreibt:

        Halte Baby-Filly und erhöhe um My little Pony und Action Man. Nimm´das!

      • Clara Moosmann schreibt:

        Das wäre einmal ein Horrorfilm, den ich gerne sehen würde. Vielleicht wäre dein Sohn daran interessiert, Regie zu führen? Meiner hat letzte Woche eine Barbie rituell geköpft.

  6. miriambrenner schreibt:

    Was solche Eltern nicht verstehen, ist, dass es in der Kindererziehung um etwas ganz anderes geht, als die Kinder schon als Säuglinge zu rigiden Dogmatikern zu züchten. Und dass sie ihren Kindern einen unglaublichen Druck aufbürden, wenn sie jede Stunde ihres Lebens ausschließlich auf das, was für die Kinder wichtig sein soll, ausrichten. Dadurch werden die zukünftigen Neurosen bereits gezüchtet. Wie soll sich ein Kind einmal ohne schlechtes Gewissen für einen anderen als den von den Eltern vorgeplanten Lebensweg entscheiden, wenn es von Anfang an mitbekommt, welche Enttäuschung damit für die Eltern verbunden wäre, weil all die „Entbehrungen“ umsonst waren?

  7. podruga schreibt:

    späte und hochgebildete elternschaft muss kein segen sein. vielleicht holt sie die realität ja noch ein. mein beileid an alle beteiligten.

  8. Lisa Mertens schreibt:

    Es ist erschreckend, wie weltfremd solche Eltern sind. Diese Art der Erziehung – unabhängig davon ob sie gut oder schlecht ist (ich bin der Meinung, sie ist schlecht) – könnte ja nur erfolgreich sein, wenn die Kinder in einem Vakuum oder zumindest in einer „Gated Community“ aufwachsen. Sobald diese Kinder mit der wirklichen Welt in Kontakt kommen, sind sie aufgeschmissen.

  9. alicedelrosario schreibt:

    Was wir Eltern uns selbst an tun! Und was wir unseren Kindern antun! ich bin für Hausverstand in der Erziehung anstatt von Modepädagogik.

  10. kreadiv schreibt:

    Ich weiß nicht, was schrecklicher ist. Kinder, die vernachlässigt werden oder eine Erziehung, wie Du sie beschreibst.
    Man sollte Kinder auch größtenteils einfach „lassen“ können. Sie werden früh genug in sämtliche Formen und Normen gepresst und angepasst.

    • Lisa Mertens schreibt:

      Wie recht du hast! Ich versuche das auch. Aber du kannst dir nicht vorstellen, zu welchen Konflikten mit den Großeltern es führte, wenn ich mich dagegen wehrte, dass diese den Kindern die Ferien von morgens bis abends mit „leistungsfördernden“ oder „kreativitätsanregenden“ oder „bildenden“ Aktivitäten verplanten. Ich glaube nämlich, dass so ein durchgeplantes Programm für die Kinder, wo sie von Cellostunde zum Ponyreiten, Tennisspielen, Englischkurs, Schwimmen, Ballett etc. gebracht werden, eigentlich organisierte Vernachlässigung ist.

      • kreadiv schreibt:

        (Nebenbei gefragt: Deine Eltern oder Schwiegereltern?)

        Oh, ein Dauer-Ferienprogramm? Haben die Kinder denn nicht rebelliert?
        Auf welcher Seite steht Dein Mann bzw. wie sieht er das?

      • Lisa Mertens schreibt:

        In erster Linie die Schwiegereltern. Obwohl die Eltern durchaus ähnliche Tendenzen hätten. Bei denen ist es aber leichter, das im Keim zu ersticken. Zum Glück unterstützt mich mein Mann im Großen und Ganzen. Er hat aber den Vorteil, dass ich sowieso schon bei den Schwiegereltern als böse Verhinderin abgestempelt bin. Die Kinder sind sich natürlich nicht bewusst, was das alles konkret bedeutet. Die hören zunächst einmal Reiten oder Klettern oder Segeln und finden das, wenn man es ihnen lang genug schmackhaft macht, ganz toll. Wenn es dann in den Ferien darum ginge, um 7 Uhr aufzustehen, um das Programm durchzuziehen, würde das ganz anders aussehen. Und spätestens am dritten Tag bekäme ich zu hören, dass sie damit aufhören wollen und lieber zum Baggersee gehen.

      • Elke Lahartinger schreibt:

        Ich hatte gerade das gleiche Problem, wie du, Lisa. (siehe meinen Kommentar hier: https://karinkoller.wordpress.com/2011/05/03/kindersommer/ )
        Das ist der Fluch des Wohlstandes und der zu früh pensionierten Großeltern. Aber man muß sich durchsetzen. Und hat dann den Vorteil, dass die Schwiegereltern beleidigt sind und man sich einige dieser unerträglichen Familientreffen erspart.

  11. Ich glaube ja, Leuten wie den beschriebenen Eltern geht es nicht um die Kinder, sondern nur um sich selbst. Wie schon anniefee angesprochen hat, sind hier die Kinder nur ein weiteres „Projekt“, das plangemäß abgeschlossen werden muß.

    • Da hast du absolut recht. Das sind control freaks, die einen Fünfjahresplan durchsetzen wollen. Die würden auch Haustiere als „Projekt“ behandeln und es als persönliche Niederlage ansehen, wenn der Hund am Abschluß des Hundekurses nicht Jahrgangsbester ist. Üblicherweise flacht aber das Interesse bald ab, und sie legen die Kinderbetreuung bald in die Hände einer Nanny und widmen sich dem nächsten Projekt. Vielleicht eh ein Glück für die Kinder.

  12. gedankenfest schreibt:

    Man kann es auch übertreiben…

    Das ist enorm übertrieben. Warum kann ein Kind nicht einfach Kind sein? Es ist doch so schon schwer genug, seine Freiräume als Kind oder Jugendlicher auszuleben, weil das System unseren Gürtel immer enger schnallt und uns immer mehr Druck aufbürdet.
    Wenn sich das Elternhaus dann noch voll und ganz dem System hingibt und es in einer wirklich krassen Art und Weise durchsetzt bzw. unterstützt, frage ich mich allerdings auch, was mal aus den Kindern werden soll. Bildungstechnisch werden sie wahrscheinlich ein Highlight, der Weg ist ja fast vorprogrammiert. Aber was ist mit der Seele?

    Eins sollte man vielleicht nicht vergessen: Kaum einer ist so erzogen worden, wie es oben beschrieben ist. Und dennoch ist ein Großteil der Menschen lebensfähig. Und ich wette, sie sind auch entsprechend glücklicher.

    Mal wieder nehme ich aus einem deiner Artikel etwas für mich mit: Perfektionismus ist unperfekt.
    (Werde ich mir eine Scheibe von abschneiden, ich neige auch zum Perfektionismus – kann äußerst frustrierend sein, ist in eigener Sache aber wahrscheinlich halb so wild, als wenn man es bei der Entwicklung eines Kindes anbringt!)

  13. mött schreibt:

    Mir tun alle Beteiligten leid und die Kinder am meisten.
    Danke für den Artikel, Karin.
    Wäre spannend zu erfahren, wie es sich in der Familie weiterentwickelt…

  14. Clara Moosmann schreibt:

    So ein Beitrag macht einen dann doch wieder sicher, dass man, wenn es einem auch oft anders vorkommt, bei seinen eigenen Kindern nicht alles so falsch macht.

  15. Pingback: Mailbox: Baby und Kind: Babyratgeber | Karin Koller

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