Parfum

Als ich jung war, fand ich Parfum toll. Nach der Schule ging ich mit meinen Freundinnen manchmal in die Stadt. Dann klapperten wir die Parfümerien ab und erbettelten uns Parfumproben. Wenn wir welche bekamen, waren wir sehr stolz auf unsere Beute.

Meistens waren die Proben in Röhrchen verpackt. Ein Freund von mir nannte sie immer meine „Urinproben“ und sie sahen auch wirklich so aus. Wenn ich ganz großes Glück hatte, eroberte ich bei meinen Streifzügen eine Parfumprobe in einer Miniaturflasche. Die stellte ich dann in meinen Setzkasten. Abends vor dem Schlafengehen öffnete ich immer ein oder zwei Fläschchen und roch daran.

Die Parfums rochen würzig und schwül. Die Düfte waren wie Vorboten eines aufregenderen Lebens, eines Lebens in Luxus mit schönen Kleidern, Reisen in ferne Länder und schönen Freunden. Möglicherweise lösten nicht die Düfte selbst diese Assoziationen bei mir aus, sondern die Hochglanzwerbebilder in den Zeitschriften.

Sehr selten beträufelte ich mich mit einem Parfum, weil ich mir zu jung dafür vorkam. Als ich mit sechzehn zu meinem ersten Ball ging, wollte ich mich besonders schön und begehrenswert aufputzen. Also verwendete ich auch Parfüm, reichlich, wie ich es im Film gesehen hatte. Es war schrecklich. Ich merkte sofort, dass ich stank wie ein ganzes Puff. Der Geruch passte nicht zu mir. Ich versuchte, das Parfum mit einem Taschentuch wegzuwischen, aber nichts half. Ich duschte mich noch einmal, aber das half auch nicht viel. Der Duft klebte an mir. Unglücklich ging ich zu dem Ball. Nach einigen Stunden, als ich mit vielen anderen jungen Menschen in der Disko des Balls getanzt hatte, verflüchtigte sich der Geruch und ich wurde wieder locker.

Trotzdem empfand ich Parfum als etwas Besonderes. Später kaufte ich mir ein Parfum, das ich sehr sparsam und nur zu besonderen Anlässen verwendete. Als ich zum ersten Mal schwanger wurde, vertrug ich überhaupt keine kosmetischen Düfte. Ich musste mir sogar duftneutrale Seife kaufen. Das Parfüm stand im Schrank, bis es seine Farbe veränderte und nicht mehr frisch aussah. Dann schmiss ich die Flasche weg und kaufte nie mehr eine neue.

Seither empfinde ich Parfums als massive Belästigung. Wenn ich neben einer stark parfümierten Frau im Bus oder in einem Warteraum sitzen muss, werde ich ganz nervös. Wie komme ich dazu, in einem ohnehin schlecht gelüfteten Raum einen intensiven Duft einzuatmen, der mich anwidert? Frisch aufgesprühtes Parfum verursacht mir außerdem Kopfschmerzen. Möglicherweise vertrage ich ein Treib- oder Lösungsmittel nicht mehr.

Parfum ist, mindestens so wie Kleidung, ein Mittel dafür, vorzugeben, was man nicht ist. Die Duftwolke wird zum Panzer derer, die ihre olfaktorische Identität verbergen wollen. Aus Angst vor Körpergerüchen sprühen sie sich ein mit den absurdesten Düften, wie Kokosnuss, Melone oder Marzipan. Sie riechen nicht mehr nach Mensch, sondern nach Dessert.

Dabei riechen Menschen gut. Ich meine nicht ungewaschenen Schweißgeruch, sondern den Geruch von Haut, die vor einigen Stunden gewaschen wurde. Ich habe es gern wie ich rieche, wenn ich morgens aufwache, wenn die Haut schlaftrunken riecht nach einer Mischung aus frischem Brot und Kuh. Ich finde es erotisch, wenn ich dann auch an Franks Haut rieche. Unsere Gerüche passen zusammen. Ich liebe den Duft meiner Kinder, wenn sie abends erhitzt vom Spielen aus dem Garten kommen. Wenn ich ein Baby rieche, werden die mütterlichen Instinkte in mir geweckt.

Wenn wir uns ständig parfümieren, nehmen wir uns ein Stück dieser Erfahrung. Natürlich habe ich es auch nicht gerne, wenn mir Menschen, die ich nicht kenne, so nahe kommen, dass ich ihren Körpergeruch rieche. Selbst, wenn er angenehm wäre, würde ich ihn als ein zu intimes Eindringen in meine Privatsphäre empfinden. Noch unangenehmer ist mir aber, wenn mir bereits aus zwei Metern Entfernung industriegefertigter Geruch entgegenschlägt.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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14 Antworten zu Parfum

  1. Elke Lahartinger schreibt:

    Es muß was mit der hormonellen Veränderung nach einer Geburt zu tun haben. Mir geht es genau gleich. Ich kann nicht einmal mehr eine parfümierte Seife ertragen, geschweige denn Parfum (rrrrkkks). Oder Rasierwasser (Pitralon: aaaaargghh). Oder Kölnisch Wasser (brrrrrrrrr).
    Ich sehe, ich bin heute wieder sehr eloquent.

  2. Clara Moosmann schreibt:

    Vergiss´ nicht, wie ekelhaft Sonnenöl stinkt (hält sich die Nase zu).

    • Karin Koller schreibt:

      Ich nehme – wenn ich rechtzeitig daran denke – immer die Sonnencreme aus der Apotheke. Die ist nicht ganz so schrecklich, wie das Kokos-, Nuss- oder Industriegestank-Zeug.

  3. anniefee schreibt:

    „Sie riechen nicht mehr nach Mensch, sondern nach Dessert“
    haha, sehr gute Beschreibung ^^^ wenn es nur wenigstens immer leckere Desserts wären..

  4. Erika schreibt:

    Ich finde Parfüms auch meistens eklig, verwende aber manchmal nicht ungern Eau de Toilette.
    Hübsches Foto, auch. Ich wußte gar nicht, dass du mal lange Haare hattest.

  5. laraoberlechner schreibt:

    Und das Schrecklichste ist, wenn sich mehrere unterschiedliche Parfums in einem kleinen Raum einen Kampf um die Vorherrschaft liefern. Migräne ist dann garantiert.

    • Alexa schreibt:

      Die grausamsten, menschenverachtendsten Schlachten funden dabei zwischen billigen agressiven Rasierwassern (Pitralon!!) und teuren agressiven Parfums (Myake-Eau) statt. Da gibt es nur Verlierer.

      • Karin Koller schreibt:

        Ein mit Cappuccino-Jazz beschallter Fahrstuhl gefüllt mit unterschiedlich parfümierten Perlenkettentussis kann alle Sinne gleichzeitig zum Zusammenbruch führen.

  6. Khadîjah schreibt:

    Das schlimmste, was mir bisher untergekommen ist, war eine übervolle Straßenbahn am Tag nach Lehrabschlussprüfungen am Sommeranfang. Eine extrem geruchsbelästigende Mischung aus Schweiß- und Alkoholgeruch von Prüflingen, die die bestande Prüfung die Nacht durchgefeiert hatten, gemischt mit dem penetranten Parfüm einiger Damen in der Straßenbahn. Schlimmer geht’s nimma.

    Wobei ich zugeben muss, dass ich selbst durchaus gerne parfümiere. Am Abend nach dem Duschen und vor dem Schlafengehen – ich selbst rieche es gerne, andere möchte ich damit aber nicht belästigen, v.a. da ich eine Vorliebe für schwere, orientalische Düfte habe.

  7. SB schreibt:

    Der Gestank von Parfüm ist eine der unterschätzten Geiseln der Menschheit

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