Schubidu

Ich habe mir ein schönes Motiv zum Malen ausgesucht, Berge kurz vor einem Gewitter. Das Foto hat Frank vor einigen Tagen gemacht, seitdem freue ich mich darauf, dieses Bild zu malen. Ich richte die Staffelei her und suche mir eine Leinwand aus. 50 x 50 erscheint am günstigsten. Aus meinem Farbkasten hole ich Weiß, Rot, Blau und Schwarz, mehr brauche ich vorläufig nicht. Von jeder Farbe drücke ich einen Klecks auf meinen Farbteller, dann hole ich die passenden Pinsel.

Bevor ich beginne, sehe ich nach den Kindern. Sie spielen im Garten. Anna hat die Idee, Croc-Weitwurf zu spielen. Katharina soll die Schiedsrichterin sein. Alle sind begeistert. Anna schießt ihren Schuh los, er fliegt in die Höhe, aber nicht besonders weit. Die Kinder jubeln. Ich denke, das ist ein guter Zeitpunkt zum Malen, wenn sie gerade so schön spielen und ziehe mich in die Küche zurück. Durch das Fenster sehe ich, dass Anna ihren Schuh in den Baum geschossen hat und alle Kinder versuchen, ihn mit Schuhen und Bällen wieder herunterzubekommen.

Ich mische ein rötliches Grau für Himmel und ein dunkleres, bläulicheres für Berge und Wolken. Sorgfältig streiche ich die beiden Grautöne in breiten Streifen auf die Leinwand, damit ich ein Gefühl dafür bekomme, wie das Bild aussehen soll. Dabei achte ich nicht mehr auf die Kinder.

Plötzlich höre ich ein lautes Krachen und gleich darauf nochmal. Es kommt von oben. Ich renne in Lukas‘ Zimmer. Das Fenster steht offen und hängt schief im Scharnier.

„Das Fenster fällt gleich heraus, der Schuh ist auf dem Garagendach und Katharina holt einen Ball, damit wir ihn herunterschießen können“, sagt Lukas.

„Geht in den Garten“, fahre ich die Kinder an und hänge das Fenster wieder ein. Zum Glück ist keiner von ihnen auf die Idee gekommen, durch das Fenster auf das Garagendach zu steigen. Dann renne ich in den Garten, schnappe einen Besen und laufe uns Haus herum. Hinter der Garage klettere ich auf eine Mauer, von der aus ich den Schuh mit dem Besenstiel gerade erreichen kann. Der Schuh fällt hinunter, die Kinder jubeln, ich bin eine Heldin.

Als ich von der Mauer klettern will, höre ich ohrenbetäubendes Geheul. Katharina ist gestürzt und hat sich das Knie aufgeschrammt. So schnell ich kann, renne ich ums Haus, schnappe mir die Kleine und trage sie ins Haus. Bis das Desinfektionsmittel trocken ist, schreit sie mir ins Ohr, dann sucht sie ein Pflaster aus. Sobald die Wunde bedeckt ist, scheint ihre Welt wieder in Ordnung zu sein und sie läuft hinaus zum Spielen.

Bevor ich weitermale, schaue ich noch einmal in den Garten. Lukas und Anna kriechen in dem Blumenbeet unter dem Baum herum. Es stellt sich heraus, dass Anna ihren Schuh so hoch in den Baum geschossen hat, dass sie ihn auch mit dem Ball nicht mehr treffen kann. Alleine können sie den Schuh nicht retten. In meinen Hausschuhen klettere ich die vom Bodendecker überwucherte Böschung neben dem Baum hinauf. Vorsichtig mache ich das, um die Pflanzen nicht zu zerstören. Wahrscheinlich leben hier Schlangen und Lurche und gleich wird eines dieser Tiere zwischen meinen nackten Zehen zerquetscht.

Mit dem Besen kann ich den Schuh befreien. Ich habe genug: „ Ihr geht ins Haus und spielt im Keller Lego. Bis zum Abendessen möchte ich nichts mehr von euch hören.“

Schuldbewusst trotten die Kinder ins Haus. Ich gehe in die Küche. Dort steht die Leinwand mit einem rotgrauen und zwei blaugrauen Streifen. Sie sieht nicht schön aus. Jetzt habe ich auch keine Lust mehr zum Malen.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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11 Antworten zu Schubidu

  1. anniefee schreibt:

    Ja, dieses „Dinge auf Dächer oder in Bäume schießen“ hat Tradition ^^
    als Kinder flogen uns auch regelmäßig Bälle, aber auch zu locker angezogene Schuhe aufs Garagendach..

  2. Sonja M schreibt:

    Hübsch erzählt.

  3. miriambrenner schreibt:

    Ich hatte letzte Woche die Situation Ball durch Ffensterscheibe des Nachbarn. Du kannst also froh sein, solange nur Schuhe fliegen.

    • Karin Koller schreibt:

      Das gibt natürlich noch viel mehr Ärger. Ich beklage mich gar nicht, aber wie die Tante Jolesch so schoen sagt: Gott bewahre uns vor allem, was grad noch ein Glück ist.

  4. Elke Lahartinger schreibt:

    Immer wieder schön zu lesen, deine Schilderungen vom Alltag mit Kindern. Leicht und luftig geschrieben, toll.

  5. Bei mir ist es so: wenn die Kinder ruhig sind, ist es viel gefährlicher, als wenn man sie lautstark spielen hört.

    Ruhe ist meistens verdächtig, weil sie dann irgendwas Verbotenes im Schilde führen.

    Mir ist am liebsten, wenn ich sie in der Ferne laut spielen höre.

  6. Erika schreibt:

    Schöne Geschichte, schönes Foto, schöne Ohrringe, schöner Nasenring.

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