Gipfelbesteigung

Mein Mann ist kein Bergmensch. Ich bin nur in einer kurzen Phase meiner Jugend gerne in die Berge gegangen, dann aber gleich auf den Mount Kenya. Das war schön und erhebend, aber so anstrengend, dass ich nie wieder ernsthaft wandern gegangen bin.

Meine Mutter liebt das Wandern. Sie besitzt Bergschuhe, Wanderstöcke und sogar eine Regenhose, die man bei Schlechtwettereinbruch anlegen kann, ohne die Schuhe auszuziehen. In ihrem Rucksack befinden sich selbst bei jeder kurzen Wanderung all jene Dinge, die man benötigen würde bei einem dreitägigen Bergunglück mit wechselhafter Witterung. Außer sie wurden unbrauchbar gemacht, weil der Johannisbeersaft aus der Thermoskanne wieder ausgelaufen ist.

Weil sie keinen Führerschein hat, und ihr bisheriger Wanderpartner krankheitsbedingt ausgefallen ist, kann sie nicht mehr so oft, wie sie eigentlich wollte, in die Berge gehen. Schon bei Annas Geburt träumte meine Mutter von den Wanderungen, die sie in ein paar Jahren mit ihrer Enkeltochter machen würde. Dann kamen noch die anderen beiden Enkelkinder dazu und lange Zeit erschien uns eine Wanderung nicht sinnvoll wegen der Anstrengung, den Kinderwagen zu schieben. Außerdem befürchteten wir eine Quengelei der anderen beiden.

In dem Jahr, als Katharina endlich groß genug war, um ihre Oma mit einer leichten Wanderung zu beglücken, erkrankte sie an Leukämie. Wir verbrachten beinahe den gesamten Sommer im Krankenhaus. Im Herbst konnte Katharina kaum laufen und selbst das Fahren im Kinderwagen war ihr oft zu anstrengend.

Bis zu Weihnachten kam sie einigermaßen wieder zu Kräften. Ende Februar war sie bis auf die Knochen abgemagert und hatte nicht mehr die Kraft, sich alleine im Bett umzudrehen. Als die Chemotherapie zu Ende war, erholte sie sich sehr schnell. Bis zum Sommer wollte sie aber immer noch nicht auch nur einen längeren Spaziergang machen.

Ein Jahr später, in diesem Sommer, war die Erhaltungstherapie zu Ende. Katharina wirkte so kräftig und gesund, als wäre sie nie krank gewesen.

Als wir bei meiner Mutter in Kärnten waren, beschloss ich, einen Ausflug auf den Berg zu machen, den man von ihrem Garten aus sehen kann. Eine Mautstrasse führt hinauf. Gleich nach dem Parkplatz befinden sich eine Pferdeweide und ein Kinderspielplatz. Selbst wenn Katharina nicht wandern wollte, wäre der Ausflug nicht umsonst gewesen.

Am Berg hatte meine Mutter Bedenken. Der Weg wäre zu steinig, die Wanderung zu anstrengend. Wir sollten doch lieber einen einfachen Rundgang machen.

“Ich will aber auf den Gipfel“, sagte Anna trotzig. Lukas schloss sich an. Katharina wollte nicht nachstehen. Deshalb beschlossen wir, in Richtung Gipfel zu gehen. Umdrehen könnten wir immer noch.

Anna ging voraus, sie hatte sich schon seit einem Jahr auf das Wandern gefreut. Lukas, den die Aussicht auf ein Speckbrot antrieb, folgte ihr. Katharina wollte nach einiger Zeit an meine Hand und ließ sich von Minute zu Minute stärker ziehen. Da entwickelte ich einen Ehrgeiz, den Gipfel zu erreichen. Ich musste ihre Aufmerksamkeit auf etwas Freudvolleres lenken als das langweilige Bergauflaufen.

Am Wegrand waren kleine Trampelpfade zwischen den Grasbüscheln. „Sei doch eine Bergziege, die von Grasbüschel zu Grasbüschel klettert.“

Das gefiel ihr. Obwohl es wesentlich anstrengender war, als auf dem Weg zu gehen, hielt sie bis zu Pause auf halben Weg aus. Dann konnte ich ihr einreden, dass das Speckbrot, das sie gerade gegessen hatte, ihr neue Kraft geben konnte. Bald sah man den Sendemasten in der Nähe des Gipfels, neben dem es ein Gasthaus gab. Die versprochenen Würstel brachten neues Leben in Katharina. Da sie aber zu langsam näher kamen, versprach ich ihr, sie ein Stückchen zu tragen, wenn sie noch eine Viertelstunde selbst ginge.

Katharina fragte zwar zweimal pro Minute, ob die Viertelstunde schon um sei, aber sie ging tapfer. Sie bestand jedoch darauf, die letzten 50 Meter getragen zu werden, weil ich es ja versprochen hatte, und weil man unmöglich auf erworbene Rechte verzichten kann.

Nach den Würsteln lief sie mit Begeisterung auf den Gipfel. Es war ein unglaublich schönes Gefühl, mit ihr auf dem Gipfel zu stehen und auf Omas Haus hinunterzusehen. Vor zwei Jahren hätte ich nicht einmal gewagt, von so einem Erlebnis zu träumen.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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17 Antworten zu Gipfelbesteigung

  1. christinabrauner schreibt:

    Eine wunderbare Geschichte über einen ganz besonderen Gipfelsieg. Ich habe eine Träne zerdrückt.

  2. joaniebegood schreibt:

    Das muß ein unvergleichliches Erlebnis gewesen sein, den langen Alptraum von oben nur noch ganz in der Ferne zu sehen. Ich freue mich sehr für dich und deine Tochter.

  3. lisamertens schreibt:

    Ich kann mir nicht einmal vorstellen, was ihr alles mitgemacht haben müßt. Umso ermutigender und schöner zu sehen, wie gut ihr das physisch und psychisch überstanden habt.

  4. johannamiller47 schreibt:

    Solche Glückserlebnisse müssenalles andere, was es im Leben gibt, in den Schatten stellen. Meine tiefe Bewunderung, wie du das alles bewältigt hast, und dann darüber auch noch so distanziert und leicht ironisch schreiben kannst. Chapeau!

    • rrfernandez1 schreibt:

      Ich kann mich nur anschließen.

      Wie habt ihr diese Horrorzeit nur unbeschadet überstanden?

      • Karin Koller schreibt:

        Ich denke, Du kannst am besten nachvollziehen, wie man das kann, weil Du selbst eine erlebt hast. Man setzt einen Schritt nach dem anderen, übersteht einen Tag nach dem anderen, bis man es geschafft hat. Dann braucht man noch eine gewisse Zeit, bis man tatsächlich realisiert hat, dass es vorbei ist. Solche Gipfelbesteigungen helfen dabei.

  5. nicolelee53 schreibt:

    Ergreifend

  6. Sonja M schreibt:

    Eine zu Herzen gehende Geschichte. Schluchz.

  7. Wer das mitgemacht hat, was du erlebst hat, den kann wohl nichts mehr erschüttern. Wie fühlt man sich, wenn man das überstanden hat? Euphorisch? Erschöpft?

    • Karin Koller schreibt:

      Das Schlimmste war nach einem halben Jahr überstanden, also vor eineinhalb Jahren. Ich hatte gedacht, dass ich euphorisch durch die Straßen tanzen werde. Es war aber gar nicht so. Die Anspannung lässt nach, man hat wieder Zeit, das Erlebte zu verarbeiten. Ich bin in ein Loch gefallen. Im Krankenhaus hat man uns gewarnt, dass es den meisten Eltern so geht. Aber wie gesagt, jetzt hatten wir eineinhalb Jahre Zeit, und uns allen geht es wieder gut.

  8. Elke Lahartinger schreibt:

    Ein berührender Beitrag, der einen zum Nachdenken anregt, ob man seine Prioritäten anbetrachts solcher Schicksalsschläge, die immer möglich sind, wohl richtig setzt.

    • Erika schreibt:

      Habe mir gerade das Gleiche gedacht.

    • Karin Koller schreibt:

      Ich glaube, solange alles in Ordnung ist, reicht es aus, die wichtigen Dinge des Lebens im Hinterkopf zu behalten. Seine Zeit mit Unwichtigkeiten zu vergeuden, kann auch schön und richtig sein, solange man Freude daran hat. Wichtig ist nur, dass man im Falle einer Katastrophe schnell umschalten kann.

      • Elke Lahartinger schreibt:

        Ich habe das auch eher so gemeint, dass sowas Anlass dafür sein sollte, zu hinterfragen, ob man sich nicht die Freude an vielen „Unwichtigkeiten“ dadurch kaputt macht, dass man sich Sorgen um tatsächliche „Unwichtigkeiten“ (was die Leute sagen oder denken werden, was das kosten wird, wie das ausschaut etc.) macht.

        Meine Lehre daraus wäre, zu genießen, was immer man kann, und dabei auf Nichtigkeiten keine Rücksicht zu nehmen.

      • Karin Koller schreibt:

        Ja, das sollte man auf alle Fälle tun. Das ist sogar während einer schrecklichen Situation, wie wir sie durchlebt haben, wichtig im Rahmen der dort limitierten Möglichkeiten.

  9. katjamayer schreibt:

    Schöner Artikel. Ich wurde – als sonstige Nichtbergsteigerin – von meinem Freund auch auf den Mt. Kenya geschleppt, was für mich schon eine Grenzerfahrung war. Wie war das für dich?

    • Karin Koller schreibt:

      Für mich auch. Unterwegs wollte ich mehrmals aufgeben, aber zurückgehen, nachdem man 7 Stunden unterwegs war, ist auch keine Option. Bei der letzten Etappe mussten dann ein paar junge Großmäuler, die vorher an uns vorbeigelaufen waren, wegen Höhenkrankheit umkehren. Ich habe es aber bis hinauf geschafft und war ungeheuer stolz auf mich. Danach hat es mich nicht mehr gereizt, in die Berge zu gehen, bis zu diesem Jahr mit den Kindern.

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