Ängstliche Mutter

Kindern muss man ihre Freiheit lassen, sage ich immer. Man muss ihnen erlauben, sich auch einmal selbst und unbeaufsichtigt das Knie blutig zu schlagen. Oder in eine Schlammpfütze zu fallen. Oder sich bei einem Fahrradsturz die Ellenbogen aufzuschürfen.

Das ist meine feste Überzeugung. Ich bin nicht dafür, dass die Kinder sich verletzen. Sie sollen aber lernen, selbst mit Gefahren umzugehen. Das können sie nicht, wenn ich sie bei jedem Schritt ständig beschütze.

Ich habe beobachtet, dass Kinder, wenn sie auf sich allein gestellt sind, viel besser auf sich aufpassen, als in der elterlichen Obhut: Als Katharina etwas über ein Jahr alt war, spielten Lukas und Anna mit ihr im Wohnzimmer und ich zog mich ins Arbeitszimmer zum Computer zurück. Ich ließ die Tür offen, damit ich die Kinder hören konnte. Nachdem ich einige Minuten gearbeitet hatte, hörte ich die beiden Großen im Halbstock lautstarke Anweisungen erteilen. Das kam mir merkwürdig vor und ich schaute nach. Da waren die Drei tatsächlich in den ersten Stock gegangen und waren nun auf halben Weg herunter. Sie strahlten vor Stolz – Lukas und Anna, weil sie ihrer Schwester etwas beigebracht hatten, und Katharina, weil sie zum ersten Mal alleine die Stiege hinauf- und wieder heruntergeklettert war. Sobald Katharina mich sah, glaubte sie offenbar, ihre Eigenverantwortung wäre nun beendet, und stürzte sich die Treppe hinunter. Zum Glück in meine Arme.

Obwohl mich dieses Ereignis erschreckt hatte, beschloss ich sofort, meinen Kindern mehr zuzutrauen.

Aber das mit dem Zutrauen ist gar nicht so einfach, wenn man von Natur aus ängstlich ist und dazu noch eine rege Phantasie hat. Bei jedem Schritt, den die Kinder machen, stelle ich mir die Abgründe vor, in die sie hineinstürzen oder die Spielsachen, über die sie fallen, oder die Brennnesseln, in die sie hineingreifen könnten. Wenn sie klettern, sehe ich sie abrutschen. Wenn sie schwimmen, untergehen. Wenn sie alleine unterwegs sind, stelle ich mir die Hunde vor, die sie beißen und die Autos, die sie überfahren.

Gehe ich mit ihnen, neige ich dazu, sie auf jede mögliche Gefahr aufmerksam zu machen. Mit großer Mühe bringe ich mich dazu, die Ermahnungen nicht auszusprechen. Mir ist durchaus bewusst, dass sie mir ohnehin nicht zuhören und ihre eigenen Fehler machen werden.

Als Katharina erkrankte, musste ich ständig auf sie achten. Ich musste für alle Familienmitglieder neue Regeln aufstellen. Niemand durfte mehr mit Erde oder Schlamm spielen, die Hände mussten regelmäßig desinfiziert werden und vieles andere. Ich hatte darauf zu achten, dass Katharina keinesfalls blutete. Diese Regeln waren lebenswichtig für sie.

Ich gewöhnte mich daran, auf Katharina aufzupassen. Als nach acht Monaten die Chemotherapie vorbei war und die Erhaltungstherapie begann, mussten wir immer noch darauf achten, dass sie keine Infektion bekam. Wir besprachen mit dem Arzt, ob sie in den Kindergarten gehen sollte und kamen zu dem Schluss, dass das zu gefährlich für sie wäre.

Nun ist die Erhaltungstherapie vorbei und in wenigen Wochen sollte sich ihr Immunsystem soweit erholt haben, dass wir nicht ständig Angst um sie haben müssen. Dann kann ich sie wie ein ganz normales gesundes Kind behandeln.

Aber es wird schwer sein, all die Bedrohungen, die ihr und unser Leben zwei Jahre lang geprägt haben, einfach von einem Tag auf den anderen zu vergessen. Schwer für mich, weil ich mich daran gewöhnt habe, Sicherheit durch ständige Kontrolle zu erlangen. Und schwer für Katharina, weil sie sich daran gewöhnt hat, bei jedem kleinsten Problem zur Mama zu rennen.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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11 Antworten zu Ängstliche Mutter

  1. Elke Lahartinger schreibt:

    Geht mir genauso. Wenn ich konkret halb so mutig wäre, wie ich mir abstrakt denke, ich müsste es sein, wäre ich doppelt so mutig wie ich bin.

  2. susannepointner schreibt:

    Täusche ich mich, oder ist es tatsächlich so, dass man sich heute bei vielen Sachen, die die Kinder betreffen, ängstigt, die vor 30 Jahren, als wir Kinder waren, noch ganz normal waren?

    Ich bin selbst alleine zu Fuß in den Kindergarten gegangen, als ich 4 Jahre alt war. Oder ich durfte als Volksschulkind im Winter nach Einbruch der Dunkelheit alleine zum Turnen gehen. Würde ich das meinen Kindern heute erlauben, wäre ich in meinem Umfeld als Rabenmutter verschrien.

    • NicoleLee schreibt:

      Ich habe selbst keine Kinder, aber mir ist das, was du beschreibst, auch schon aufgefallen.

      Ich habe eine 16-jährige Nichte, die vor einigen Wochen das erste Mal in ihrem Leben eine etwas längere Reise (zu mir) alleine im Zug machen durfte und machte. Ob da die Ängstlichkeit der Eltern nicht dazu führt, dass die Kinder zu vollkommener Unselbständigkeit erzogen werden?

      • Ich bin bestimmt keine besonders mutige Mutter. Aber ich bin schon von den Großeltern kritisiert worden, dass ich meinen Kinder nicht ein Handy mitgebe, damit sie ständig erreichbar sind, wenn sie einmal bei Freunden spielen. Oder dass ich sie unbeaufsichtigt mit Nachbarskindern in der Wiese spielen lasse. Oder dass sie im Sommer barfuß herumlaufen dürfen. Hier scheint es wirklich bei vielen eine ungesunde Überängstlichkeit zu geben.

      • Karin Koller schreibt:

        Ich glaube auch, dass die Tendenz dahin geht, die Kinder zur Unselbständigkeit zu erziehen. Das Leben ist nicht gefährlicher geworden, zumindest nicht bei uns am Land. Wir trauen uns nichts zu und wir trauen den Kindern nichts zu. Zusätzlich ist der soziale Druck groß, wie Susanne und Clara sagten. Also begnügt man sich mit den gängigen Konventionen, obwohl man weiß, dass sie den Kindern schaden.
        Dagegen anzukämpfen ist schwer, weil man sich vor anderen rechtfertigen muss und weil man die eigenen Ängste überwinden muss.

      • Lisa Mertens schreibt:

        Ich bin auch sehr vorsichtig, aber was manche Eltern machen überschreitet jedes Maß an Vernunft. Wenn Schulkinder nicht einmal allein auf den Spielplatz dürfen, oder von der Schule selbständig nach Hause gehen dürfen, dann wird ihnen ja eigenständiges Verhalten geradezu verunmöglicht.

  3. Roberta schreibt:

    Stell dir vor, wie heute viele Eltern reagieren würden, wenn ihre Kinder mit 17 eine Interrailreise machen würden, wie es vor 20 Jahren noch ganz üblich war.

    Meine Nachbarin verbietet ihrer 17-jährigen Tochter grundsätzlich, außer Haus zu übernachten, weil das „zu gefährlich ist.“

  4. Hofnarr schreibt:

    Die konsequenze Erziehung zu Selbstständigkeit fängt eben woanders an: Wir Eltern könnten uns durchaus damit beschränken, unseren Kindern zwar durchaus stets zuzusehen und zuzuhören, um zu wissen, was unsere Kinder so tun und an Ideen realisieren, aber ganz bewusst nicht so häufig voreilig einzugreifen, wie dies oftmals geschieht und Vorurteile und Spekulationen über ein Scheitern im Leben jedenfalls zu lassen. Kinder müssen stark und selbstbewusst werden in der heutigen Zeit, sonst scheitern sie von vorneherein in unserer brutalen Welt. Wenn ich meinen verschiedenen Tiermüttern (ich habe einen Bauernhof und stets auch Junge aller Tierarten) zusehe bei ihrer Erziehung ihrer Jungen in freier Natur, muss ich sagen, dass jene Mütter zwar sehr umsichtig und klug ihren Jungen zusehen, aber durchaus nicht sehr häufig eingreifen, um sie nicht in ihrem Lernprozess zum Erwachsenwerden zu stören. Diese Erkenntnisse wandte ich auch bei meinen beiden Töchtern (heute 30 und 26) in der Erziehung an und hatte damit durchaus Töchter, die sich zu selbstständigen, gesunden, selbstbewussten und gefreuten Erwachsenen entwickelten. Dies würde heissen, wenn man zu ängstlich ist, Kinder ausser Haus übernachten zu lassen, weil man die Verhältnisse ausser Haus nicht kennt, muss man eben schon viel früher jene, bei denen die Kinder übernachten wollen, zu sich ins Haus einladen und auch übernachten lassen und immer erneut auch als Eltern zu Aktivitäten mitnehmen, auch mit deren Eltern oder Elternteilen Kontakt aufnehmen, um sie und ihre Gedanken und Meinungen und ihre möglichen Aktivitäten kennenlernen zu können. Dies aber braucht Zeit und Konsequenz. Wenn ein solches Vertrauen dann aufgebaut ist, können auch umfangreiche Gespräche über alles mögliche zwischen den Generationen mit ihnen geführt werden, um die vertrauensvolle Selbstständigkeit wirklich zu fördern. Und dann ist letztlich doch das Handy durchaus sinnvoll, nicht etwa, um als Mutter die Kinder immer wieder zu erreichen, sprich bei ihren Aktivitäten zu stören, sondern umgekehrt, um im Notfall vom Kind her anrufen zu können oder durchzugeben, wo die Kinder nach abgemachter Aktivität am besten abgeholt werden können ohne Gefahr zu laufen, im Dunkeln noch an Orten unterwegs zu sein, welche durchaus auch gefährlich sein können. Meine Töchter durften zwar durchaus in den Ausgang, wie ich einst auch in jenem Alter, aber nur und ausschliesslich zu zweit oder zu dritt mit mir bekannten Gleichaltrigen, ohne sich unterwegs zu trennen und mussten mich spätestens zur abgemachten Zeit telefonisch anrufen, bzw. abrufen, um entweder noch eine Verlängerung herauszuhandeln, wenn’s gerade „geil“ war oder an sicherem Ort abgeholt werden zu können, um nicht auf dunkler Strasse herumstehen zu müssen und zu nachtschlafener Stunde auf irgendeinen Bus zu warten. Die Mädels waren froh, dass da eine Mutter bereit war, sie von Konzerten und Parties per Auto in ihre jeweiligen Elternhäuser zu verteilen, denn auch sie waren durchaus manchmal ängstlich da allein, aber das Handy war jedenfalls wichtig zur Kommunikation. Aber man muss über Aengste jeder Couleur sprechen können miteinander, die Aengste der Eltern wie auch die Aengste der Kinder, um sich klar zu werden, wo Aengste durchaus ihre Berechtigung haben. Und es darf nicht ein einseitiges Ausnützen von Menschen geschehen…

  5. @Hofnarr: es ist sicher so, dass die Kinder schon aus Bequemlichkeit froh sind, wenn man ihnen jede gewünschte Freizeitbeschäftigung organisiert, sie hinbringt und dann auch wieder abholt, sogar mitten in der Nacht. Ich denke aber, dass man – ein gewisses Mindestalter natürlich vorausgesetzt – sowohl zum Selbstschutz als um den Kindern Selbständigkeit beizubringen, dafür sorgen sollte, dass sie sich ihre Freizeit selbst organisieren und auch selbst dafür sorgen, wie sie wieder nach Hause kommen. Und das mit dem Handy ist bein zweischneidiges Schwert: in manchen Fällen ist das sicher sinnvoll, aber gleichzeitig gibt man damit den Kindern die Möglichkeit, beim kleinsten Problem schnell anzurufen und sich darauf zu verlassen, dass die Eltern für die Problembeseitigung sorgen.

  6. Hofnarr schreibt:

    Nun, Clara, wie ich im letzten Satz schrieb, darf kein einseitiges Ausnützen von Menschen geschehen. Wir Eltern sollen nicht einfach nur billiger Taxi-Dienst ohne Entgeltung oder Anerkennung ja nicht mal einem Dank sein! Das Problem ist aber nicht, dass die Kinder beim kleinsten Problem die Eltern anrufen, sondern dass sie zu viel ihre Kollegen mit Telefonaten und SMS eindecken auf unsere Kosten! Dem aber kann abgeholfen werdendurch ein Selbstbezahlen der Rechnung und ein Rückruf von uns Eltern bei Anruf. Und in unserem Fall war es so, dass die Kinder tagsüber mit Fahrrädern oder Bus für Schule und Freizeitaktivitäten unterwegs waren, im Dunkeln aber von uns geholt wurden, weil wir 2 Km vom nächsten Ort weg wohnen und unsere Kinder natürlich auch gleiche Möglichkeiten haben wollten, auch wenn ich nun eben beruflich Bäuerin auf dem Land sein will… Damit aber verloren sie nie die Freude an der Natur, auch wenn sie selber heute andere Berufe haben und Auto fahren können und auch woanders wohnen. Die einstigen Aengste sind damit heute nicht mehr aktuell…

  7. Pingback: Loslassen | Karin Koller

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