Bücher einbinden

Die ersten zwei Schulwochen sind vorbei. Endlich sind die Bücher beider Schulkinder eingebunden. Warum das sein muss, ist mir unverständlich.

Volksschulbücher sind so konzipiert, dass sie in einem halben oder maximal einem ganzen Semester durchgearbeitet sind, sie nützen sich nicht ab. Sie brauchen keinen Einband. Man wirft sie weg, sobald die letzte Rechnung gerechnet oder das letzte Wort gelesen ist. Die müssen nicht für die Ewigkeit halten.

Das versuche ich meinen Kindern zu erklären. Ich will die Bücher nicht einbinden. Sie legen mir das als Anarchie aus: „Das geht doch nicht, die Bücher müssen eingebunden sein.“

Auch mein Angebot, die Bücher mit Hefteinbänden zu schützen, stößt auf Ablehnung: „Es muss aber die Klebefolie sein.“

Also kaufe ich drei Rollen Klebefolie und beginne die qualvolle Arbeit. Die Lehrer an der Schule meiner Kinder erahnen offenbar, welchen nachteiligen Effekt zu exzessives Büchereinbinden auf den Gemütszustand einer Mutter haben kann, und schicken jeden Tag nur ein bis zwei Bücher nach Hause.

Bevor ich beginne, versammeln sich alle drei Kinder um den Tisch. Anna sagt: „Diesmal packst Du mir mein Buch aber schön ein.“

Lukas sagt: „Ohne Blasen.“ Und Katharina nickt ernst, so ernst, als wüsste sie schon, dass ich versagen werde.

Ich schneide die Folie entlang des Rasters auf der Rückseite zu. Das geht noch leicht. Dann lege ich das Buch auf den Tisch. Ich versuche, die Folie vom Papier zu lösen. Das gelingt schon nicht so leicht, ich sollte mir doch die Fingernägel wachsen lassen. Dann ziehe ich das Papier etwas von der Folie weg. Wegen der durch das Einrollen entstandenen Krümmung geht das ziemlich schwer. Vorsichtig beuge ich mich über das Buch. Ich will gerade ganz behutsam den befreiten Teil der Folie auf das Buch kleben, als Anna sagt: „Aber du weißt schon, die Bianca hat immer ganz glatte Bücher. Mach es einfach so wie ihre Mama.“

Ich halte inne. Die Mutter von Bianca kenne ich. Sie zwingt ihr Kind seit der ersten Klasse jeden Tag dazu, eine Stunde Schreiben und Rechnen zu üben. Bianca konnte das Einmaleins ein halbes Jahr vor allen anderen. Sie schreibt in Freundschaftsbücher unter Lieblingsbeschäftigung „Aufräumen“. Dafür lässt sie ihren Frust in der Klasse aus, indem sie andere Kinder verspottet und herumkommandiert. Das ist ein hoher Preis für glatte Bücher, finde ich, und ich will diese Frau nicht als Vorbild vorgehalten bekommen. Ich sage aber nichts und konzentriere mich auf meine Arbeit.

Der erste Teil der Folie klebt. Ganz sanft ziehe ich das Papier weg. Anna glättet die Blase sofort mit dem Lineal. Auf der anderen Seite entsteht beim Weiterarbeiten eine Foliennarbe, die sich nicht mehr glätten lässt. Nachdem ich alle Laschen eingeklebt habe, schaut mich Anna an: „ Na ja, geht so. Aber beim nächsten Mal bemühst du dich mehr.“

Dann ist Lukas‘ Buch dran. Das gelingt mir nicht so schön, worauf er schreiend und tobend durchs Haus läuft und mich als schlechte Mutter beschimpft, weil ich mich nur bei Anna bemühe und nie bei ihm, und so weiter. Katharina schaut mich mit enttäuscht wissendem Gesicht an, als würde sie sich gerade vorstellen, wie ihre Bücher in einem Jahr aussehen werden.

Ich ziehe also die Folie wieder vom Buch herunter. Zum Glück schaffe ich das ohne das Deckblatt einzureißen. Ich binde das Buch erneut ein, noch langsamer mit noch größerer Sorgfalt. Lukas lässt sich so halbwegs mit dem Ergebnis zufriedenstellen. Er fühlt sich wenigstens nicht mehr zurückgesetzt.

Die Kinder gehen wieder spielen. Ich setze mich erschöpft hin. Der alles kontrollierenden Übermutter mit den glatten Einbänden kann ich in den Augen meiner Kinder nicht das Wasser reichen. Aber was wissen die schon.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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7 Antworten zu Bücher einbinden

  1. anniefee schreibt:

    „Das ist ein hoher Preis für glatte Bücher“
    In der Tat. *kicher*

  2. Ich habe gerade auch diese Erfahrung gemacht, wobei ich nach dem zweiten gescheiterten Versuch die Lehrerin im Sinne Bartlebys informiert habe. Die war aber offenbar kein Melville-Fan, sondern ließ mir einen Auszug aus der Schulordnung zukommen, in dem auf die Notwendigkeit des Einbindens verwiesen wurde. Ich habe darauf wiederum mit einem Zitat des Refrains der „Austria for Africa“-Single aus den 80er-Jahren reagiert. Eine Antwort darauf steht noch aus.

    • Karin Koller schreibt:

      Sie wird wahrscheinlich nicht mit einem geschmackvollen Lied erwidern, um Dein Musical zu vollenden. Sondern schriftlich Dich nochmal an Deine Pflichten erinnern und Deinem Kind einreden, dass man tun muss, was vorgeschrieben ist. Dann schreit das Kind von selbst solange, bis Du die Bücher einbindest. So ist das bei uns zumindest.

  3. Elke Lahartinger schreibt:

    In diesem Zusammenhang: kann mir jemand sagen, weshalb in der Volksschule Eltern verpflichtet werden, allen Schulbedarf doppelt und dreifach zu kaufen, einmal für den „normalen“ Unterricht, einmal für Werken, einmal für Religion (ich habe den schweren Fehler gemacht, die rechtzeitige Abmeldung zu unterlassen)?

    Ist es zuviel verlangt, dass die Werklehrerin die Kinder auffordert, den Klebstoff, das Lineal oder die Schere aus der Klasse in den Werkraum mitzunehmen, wenn diese Dinge gebraucht werden?

    • Karin Koller schreibt:

      Bei uns kassieren die Lehrer mehrmals im Jahr zusätzlich noch Geld für Kleber, obwohl jedes Kind mindestens drei Flaschen mithat. Ich glaube, die brauchen diese Mengen Kleber, um die Kinder damit während der Unterrichtszeit ruhigzustellen. Deshalb sind die Kleinen auch so aggressiv, wenn sie nach Hause kommen.

  4. alicedelrosario schreibt:

    Und weshalb meinen Lehrer, sie dürften Eltern andauernd mit in barschem Verlautbarungston gehaltenen Mitteilungen bombardieren? („..aufgefallen ist, dass manche Kinder immer wieder Süßigkeiten in die Schule mitbringen. Es wird darauf hingewiesen, dass…………“)

    • Karin Koller schreibt:

      Weil vielen von ihnen die Macht über die Kinder zu Kopf gestiegen ist und sie glauben, sie könnten mit den Erwachsenen genauso umgehen. Statdessen sollten sie sich überlegen, wie man den Kindern respektvollen Umgang mit allen Menschen durch Vorbildwirkung beibringen sollte.

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