Mütterkonventionen

Unter Müttern scheint es zwei ungeschriebene Gesetze zu geben. Erstens, man antwortet auf die Frage nach den Geburtsschmerzen immer damit, dass sie, sobald man das Kind im Arm hält, vergessen seien. Und zweitens, man spielt allen anderen vor, wie entspannt und unkompliziert die Versorgung des Kindes ist.

Nach Annas Geburt war ich überzeugt davon, diese entsetzlichen Schmerzen nie wieder vergessen zu können. Nichts hätte mich auf diese Schmerzen vorbereiten können. Ich wollte allen erzählen, wie schrecklich eine Geburt ist.

Aber als der erste Schreck abgeklungen war, begriff ich, dass es nicht sinnvoll wäre, Frauen mit subjektiven Schmerzgeschichten zu erschrecken. Außerdem ist das Leiden selbst bei einer langwierigen Geburt begrenzt und die Freude danach überwiegt so sehr, dass der Schmerz tatsächlich nach kurzer Zeit nicht mehr so bedeutsam ist.

Die andere Konvention halte ich für sehr bedenklich. Natürlich sollte es für eine Mutter nicht Sitte sein, jeden, der mit mildem Interesse nach dem Baby fragt, mit detaillierten Erzählungen anzujammern. Viele Frauen streben aber nach einer selbstdefinierten Perfektion.

Kind und Karriere müssen unter einen Hut gebracht werden, weil die Gesellschaft das so verlangt. Emanzipierte Frauen meinen, sie verlieren an Wert, wenn sie kein eigenes Einkommen erwirtschaften.

Während der Zeit, in der sie ausschließlich für ihr Kind sorgen, glauben die Mütter, sie müssten auf jeden Seufzer ihres Kindes eingehen. Dabei werden sie von Selbstzweifeln und schlechtem Gewissen geplagt. „Warum nur habe ich zwanzig Minuten lang nicht gemerkt, dass mein Baby hungrig war?“, fragen sie sich ebenso wie „Hat mein Kind Schaden genommen, weil es zwanzig Minuten geschrien hat?“ und „Hätte ich seine Entwicklung in dieser Zeit mehr fördern können?“

Mir ging es zumindest so, und ich sehe immer wieder gestresste Mütter, denen es ähnlich zu ergehen scheint. Wenn ich mit der neugeborenen Anna unterwegs war, bekam ich Schweißausbrüche, wenn sie zu brüllen begann. Ich dachte, ich würde versagen, wenn ich sie nicht für den gesamten Spaziergang ausreichend versorgt hatte, um ihre stille Zufriedenheit zu sichern. Gleichzeitig sah ich nur die Mütter mit den schlafenden oder friedlich dreinschauenden Kindern. Quengelnde oder schreiende Kinder nahm ich gar nicht wahr.

Wenn ich andere Mütter fragte, antworteten sie immer, alles sei bestens. Nur ganz selten kam bei der einen oder anderen heraus, dass das Kind seit Wochen schon nicht mehr regelmäßig schlief oder die Mahlzeiten verweigerte oder fünf Mal am Tag Tobsuchtsanfälle hatte.

Anna war als Baby recht unkompliziert. Nur einschlafen wollte sie nicht alleine. Ich musste sie tragen und im Arm schaukeln. Auch in der Nacht. Wenn sie um drei Uhr Morgens schon seit einer Stunde keine Anstalten machte, einzuschlafen, dann weinte ich Tränen der Verzweiflung. Immer wieder war ich als Mutter von einem Kind überfordert und am Ende meiner Kräfte. Ich schämte mich dafür, weil ich dachte, die anderen Mütter würden ihr Baby souverän und entspannt versorgen und sich durch die täglichen Widrigkeiten nicht erschüttern lassen.

Mit zwei Kindern war ich noch viel stärker und wesentlich öfter überfordert, mit drei Kindern vielleicht etwas weniger, aber immer noch oft genug. Bis jetzt gibt es Tage, an denen ich nur noch heulen möchte. Manchmal mache ich das auch.

Oft hätte ich diese strahlenden Mütter gerne gefragt, ob sie nicht auch manchmal neben ihrem schreienden Kind sitzen, weinen und sich nicht mehr zu helfen wissen. Wahrscheinlich wären sie auch froh gewesen, wenn sie über ihre eigenen Unzulänglichkeiten hätten sprechen können.

Aber das Streben nach Perfektion verbietet es, zuzugeben, dass man überfordert ist mit einem kleinen Baby, wenn man den ganzen Tag nichts anderes zu leisten hat. Das ist schade, weil wir es alle leichter hätten, wenn wir nicht ständig unter dem Zwang stünden, wie fehlerfreie Maschinen zu funktionieren und das auch nach außen darzustellen.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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14 Antworten zu Mütterkonventionen

  1. susannepointner schreibt:

    Ich habe bis zum zweiten Kind gebraucht, um meinem eigenen Gefühl, was richtig und falsch, was „normal“ und was nicht „normal“ ist, zu vertrauen, anstatt auf die geschönten Informationen von anderen zu hören.

    • Karin Koller schreibt:

      „Normal“ ist ohnehin ein weites Feld. Beim ersten Kind kommen auch noch die widersprüchlichen Ratschläge von den Omas und Tanten, etc. dazu, die einen dann noch vollständig verwirren – natürlich immer gefolgt von dem Satz: Das haben wir damals auch geschafft.

  2. miriambrenner schreibt:

    Ich muß zugestehen, dass ich selbst auch oft diese Vernebelungstaktik angewendet habe, meiner eigenen Mutter am Telefon fröhlich erklärt habe, wie unproblematisch alles ist, und nach dem Auflegen eine halbe Stunde geweint habe, weil ich nicht mehr weiterwusste.
    Du hast sicher recht, dass mehr Ehrlichkeit und weniger Fassade gerade gegenüber besonders unsicheren Müttern, die gerade ihr erstes Kind bekommen haben, viel psychisches Elend verhindern würde.

  3. Anna schreibt:

    Ich habe selbst vor kurzer Zeit mein erstes Kind bekommen und kann nur bestätigen, dass ich bei allem sofort vollkommen verunsichert bin und mir sehr geholfen wäre, wenn mir andere ihre eigenen Erfahrungen ehrlich mitteilen würden. Ich finde es nämlich ganz und gar nicht einfach, mit der eigenen Unzulänglichkeit und Verzweiflung zugange zu kommen.

    • Karin Koller schreibt:

      Ich habe mich oft für meine Unzulänglichkeit geschämt. Das kostet noch zusätzlich Kraft und ist das Allerdümmste. Es war ein langer Lernprozess bei mir, der immer noch nicht ganz überwunden ist.

  4. anniefee schreibt:

    Ein großartiger Artikel, danke.
    Ich finde diesen Druck, glücklich auszusehen zu sollen, widerlich. „Sorry, liebe Außenstehende, die ihr nur niedliche Kinderchen seht, aber wenn man sich permanent um sie kümmern muss, büßen sie doch erheblich an Niedlichkeit ein.“, denke ich oft, wenn ich die beglückten Augen von Passanten sehe. Auf Nachfragen schildere ich gern das Negative, wahrscheinlich schon zu sehr. Muss an meinem Charakter liegen.
    Jedenfalls sehen Mitmenschen, ob nun Besucher oder Mit-Bahnfahrer (etc.) immer nur einen Ausschnitt bzw. lassen sich nur einen kleinen Einblick schildern, daraus dann einen komplexen, wahrhaftigen EIndruck zu gewinnen, ist natürlich schwerlich möglich.

    • Anna schreibt:

      @anniefee: da hast du natürlich recht. Aber noch opressiver ist der Druck, den diese von Karin beschriebene gesellschaftliche Konvention, die eigenen Probleme in der Kindererziehung und im Familienleben schönzureden, auf die Psyche jener ausübt, die darauf nicht, wie du es beschreibst, mit Dampfablassen reagieren (können), sondern dieses schöngeredete Blabla für bare Münze nehmen und dann meinen, sie seien Versager, weil ihre Realität nicht dieser Fiktion entspricht. Mir ist es zumindest eine Zeit lang auch so gegangen, bis ich gemerkt habe, dass die Realität bei anderen auch nicht ihrer Außenfassade entspricht.

    • Karin Koller schreibt:

      Ja, Anniefee, das stimmt, das Problem hat zwei Seiten. Ich habe auch schon erlebt, dass das Baby nach Stunden endlich eingeschlafen ist, wenn Besuch kam, und ich der vollständigen Erschöpfung nahe war. Der Besuch war dann eine halbe Stunde da und sagte bei der Verabschiedung: Da hast du aber ein braves Baby und musst nicht viel tun.
      Was soll man darauf antworten? Da steht schon die Fassade.

  5. lisamertens schreibt:

    Das ist aber überhaupt ein gesamtgesellschaftliches Problem, das sich nicht auf die Kindererziehung beschränkt. Es wird insgesamt in allen Lebensbereichen den Leuten der Eindruck vermittelt, dass ein photogeshopptes Bild der Realität die Realität darstellt. Man denke nur an die Schönheitsideale, Körperbilder, Bilder von der Sexualität, vom Berufsleben etc.

    Und das führt naturgemäß dazu, dass viele Leute ihre eigene Realtät an dem fiktiven Bild der Realität, das ihnen vermittelt wird messen, und sich deshalb unzulänglich fühlen.

    • Karin Koller schreibt:

      Da hast Du recht. Wir unterwerfen uns viel zu vielen Zwängen.
      Dass ein Körper nicht so aussieht, wie er in den Medien dargestellt wird, kann man leicht erkennen, wenn man sich Leute einfach anschaut (das heißt nicht, dass man dann nicht dem Zwang unterliegt, sich dem Schönheitsideal anzupassen).
      Bei der Kindererziehung, und dort vor allem im Babyalter, war für mich das Problem, dass ich das Gefühl hatte, die einzige zu sein, die nicht zurecht kommt. Alle Mütter, die ich kannte, sagten immer nur: Bei uns geht es eigentlich ganz gut.
      Man kann nicht sehen, wenn sie überfordert sind. Das Gleiche gilt in der Tat für das Berufleben auch. Man sieht nichts von dem Versteckspiel, bis der Burnout da ist.

  6. joaniebegood schreibt:

    Man muß auf diese Konventionen scheißen und auf sich selbst hören. Wenn ich überlege, was mir von allen Seiten eingetrichtert wurde, wie ich mich als Mutter zu verhalten habe, was ich verfüttern darf, wie ich fördern muß, was ich tun oder unterlassen muß, damit ich den Kindern ein gutes Vorbild bin, dann hätte ich mich, wenn ich dem auf Dauer gefolgt wäre, mich in ein Korsett gesperrt, das bald zur Zwangsjacke geworden wäre.

  7. Pingback: Mailbox: Baby und Kind: Babyratgeber | Karin Koller

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