„Fuck the fucking fuckers!“

Gedanken zu Treme – Teil 1

Oberstes Gebot beim Anschauen einer Fernsehserie ist: Du sollst nicht mit The Wire vergleichen.

Man kann nur enttäuscht werden, weil es praktisch unvorstellbar ist, eine bessere Serie zu machen. Hat man The Wire gesehen, vergleicht man unwillkürlich doch – jede Serie, aber Treme besonders, weil Treme auch von David Simon gemacht wurde.

Diese Serie wirft die Frage auf, wie man umgehen soll mit den Folgen der Katastrophe und der Inkompetenz der staatlichen Institutionen. Was muss man tun, um persönlich das Geschehene zu verarbeiten und die Zukunft neu zu gestalten? Was kann man tun, um den trägen Verwaltungsapparat dazu zu bringen, für die Allgemeinheit von Nutzen zu sein? Und – kann die Kunst etwas ausrichten?

Treme ist ein Viertel in New Orleans und die Serie spielt dort zu Beginn des Jahres 2006. Der Wirbelsturm Katrina hat die Stadt drei Monate zuvor verwüstet. Die Häuser sind noch nicht repariert und es ist beinahe unmöglich, verlässliche Handwerker zu engagieren. Ganze Wohnblocks stehen leer. Die Behörden erlauben der überwiegend afroamerikanischen Bevölkerung nicht die Rückkehr. Offiziell, weil es zu gefährlich ist. Vermutlich aber, weil langfristig soziale Strukturen verändert werden sollen.

Albert Lamreaux zieht in das desolate Haus von Bekannten, um es zu reparieren. Er ist der Big Indian Chief und für ihn ist es wichtig, mit seinen Freunden an Mardi Gras in traditionellen Kostümen aufzutreten. Er kämpft dafür, dass seine Freunde zurückkommen und mitmachen.

Der Musiker Davis schreibt einen Protestsong über die Missstände in Treme. Der Song wird ein Erfolg. Davis avanciert schnell zur Hauptfigur einer Protestbewegung mit echten Chancen für die kommenden Wahlen. Seine Freundin Jeanette versucht, ihr Restaurant vor dem Konkurs zu retten.

Der Englischprofessor Creighton Bernette entdeckt durch seine Tochter das Potenzial von YouTube. Anstatt seinen Roman zu vollenden, zeigt er die Probleme von New Orleans im Internet auf. Er wird über die Stadtgrenzen hinaus bekannt, weil er seine intelligenten Analysen mit poetischen Einwürfen wie „fuck the fucking fuckers“ würzt.

Seine Frau ist Anwältin und versucht den Bruder der Barbesitzerin Ladonna zu finden, der während des Sturms in Polizeigewahrsam verschwunden ist. Ladonnas Ex-Mann Antoine frettet sich mit seiner Musik mehr schlecht als recht durch, genauso wie Annie und Sonny.

Die Protagonisten kennen sich lose untereinander. Jeder versucht auf seine Weise, sich das Leben erträglich zu machen und den Frust darüber, dass die Normalisierung in der Stadt auch nach Monaten nicht eintreten will, zu kanalisieren.

Für einige Zeit haben sie größere oder kleinere Erfolge zu verbuchen. Die Musik scheint die Gemüter zu beruhigen und wirkt als Motor für kreative Ideen. Die Menschen brauchen Feste wie Mardi Gras, um aus dem Alltag auszubrechen. Protestsongs helfen ihnen dabei, sich wachrütteln zu lassen. Erst als Creighton sich als Kunstfigur darstellt, findet er Gehör. Kunst kann also etwas bewirken. Kunst ist, wenn man sie richtig einsetzt, ein wirkungsvolles Protestinstrument.

Aber die aufkeimende Hoffnung wird bald von der Realität eingeholt. Die Protagonisten zerbrechen an ihrer Unfähigkeit, etwas zu bewirken. Sie lassen sich korrumpieren. Sie verlieren, wofür sie gearbeitet haben, verspielen ihren Verdienst oder sitzen am zweitwichtigsten Tag des Jahres im Gefängnis. Gewissheit ist schwerer zu ertragen als das Bangen und Hoffen. Und letztlich scheint die Musik doch nur da zu sein, damit sich japanische Touristen erfreuen können.

Wie bei The Wire bleiben am Schluss Hoffnungslosigkeit, Hilflosigkeit und Desillusionierung. Gegen die Mühlen der Realität kommt man allein nicht an. Ist das ein Grund aufzugeben? Wir werden es in der zweiten Staffel sehen.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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11 Antworten zu „Fuck the fucking fuckers!“

  1. Alexa schreibt:

    Ich bin jetzt gerade bei der 5. Folge und kann dir nur zustimmen. Es ist schwierig, auszublenden, wie außergewöhnlich The Wire war und Treme für sich zu beurteilen, zumal auch noch viele Schauspieler in beiden Serien auftauchen und man, wenn man etwa Antoine sieht, immer an Bunk denken muß. Wenn man aber die Serie – zumindest die ersten 5 Folgen, die ich kenne – für sich nimmt, stellt sie durchaus ein gelungenes eigenständiges Kunstwerk dar.

    Im Prinzip gilt für Treme im Verhältnis zu The Wire das Gleiche, was im Verhältnis von The west Wing zu Studio 60 on the Sunset Strip galt: man darf nicht den Wert eines Kunstwerkes subjektiv geringschätzen, weil der Künstler zuvor ein noch größeres Kunstwerk geschaffen hat.

    Auch Dylan hat „Blood on the Tracks“ nicht wiederholt. Dennoch hat „Desire“ eigene Qualitäten.

  2. Für die Glücklichen, die „The Wire“ noch nicht gesehen haben und denen das Vergnügen erst bevorsteht:

    Hier hat Martin Blumenau dargelegt, was „The Wire“ ist: http://fm4.orf.at/stories/1673534/

    • L. schreibt:

      Danke für den Link. Ein schöner Artikel.

      „Jon Gnarr, der neue Bürgermeister von Reykjavik, ein Komiker und Kabarettist, der nach der Island-Pleite und dem nachfolgenden Vertrauensverlust an Politiker die Wahlen gewann (seine Frau ist Björks beste Freundin, zweiter Mann auf seiner Liste ist Einar Örn von den Sugarcubes), hatte bei seinen Koalitions-Verhandlungen eine Bedingung: die Partner müssten sich The Wire anssehen, alle 5 Staffeln.
      Ich verstehe das. Ich würde das genauso machen. Und, insgeheim, mache ich das schon so: wer mit mir über Themen wie Stadtentwicklung, politische Verstrickung in Kriminalität, den moralischen Zerfall alter Medienstrukturen, Black America oder TV-Serien sprechen will, und angibt The Wire nicht zu kennen, kommt für Koalitionen welcher Art auch immer nicht in Frage.“

      Es wäre eine gute Idee, den Wowereits und Udes dieser auch so eine Verpflichtung aufzuerlegen.

      • L. schreibt:

        Es wäre eine gute Idee, den Wowereits und Udes dieser Welt auch so eine Verpflichtung aufzuerlegen. Sorry

  3. L. schreibt:

    „Die Behörden erlauben der überwiegend afroamerikanischen Bevölkerung nicht die Rückkehr. Offiziell, weil es zu gefährlich ist. Vermutlich aber, weil langfristig soziale Strukturen verändert werden sollen.“

    Glücklicherweise sind die Behörden so inkompetent, dass ihnen im Endeffekt auch die Umsetzung dieses Zieles nur beschränkt gelungen ist. Das Schockierende ist aber, dass sowas wirklich versucht wurde. Und das zeigt „Treme“ gut.

  4. lisamertens schreibt:

    Ich habe gerade Staffel 2 fertiggesehen. Es lohnt sich, dranzubleiben.

  5. NicoleLee schreibt:

    Mich würde interessieren, weshalb solche Fernsehserien in Europa trotz massenhafter öffentlich-rechtlicher Anstalten nicht möglich zu sein scheinen. Ist das Format der Fernsehserie als Kunstform bei uns immer noch verkannt?

    • Elke Lahartinger schreibt:

      Dein Befund stimmt nicht ganz. Das dänische Fernsehen hat z.B. mit „Kommissarin Lund“ („The Killing“) ein eigenständiges Meisterwerk geschafft. Das wäre ein Beispiel dafür, dass mit Kreativität und Mut auch in kleinen Ländern sehr viel möglich wäre.

      Gar nicht vorzustellen, was man machen könnte, wenn etwa das für „Ein Fall für Zwei“ und ähnlichen Scheiß verwendete Geld Dominik Graf für eine Serie zur Verfügung gestell würde und man David Schalko oder jemand anderen ähnlich Talentierten das Drehbuch schreiben ließe.

      • Karin Koller schreibt:

        Nicht auf dem gleichen Niveau aber auch nicht schlecht aus der Gegend: München 7, oder früher Die Hausmeisterin, Irgendwie und Sowieso oder Monaco Franze. Es würde schon gehen mit etwas gutem Willen, wenn sich jemand Mühe gäbe.
        Aber es gibt hauptsächlich alpendeutschen Bergdoktor und Reality-Soaps. Die Leute werden für blöd verkauft und deshalb verblöden sie tatsächlich nach und nach.

      • Elke Lahartinger schreibt:

        Ja, aber das ist alles schon lange her. Der ORF hat ja auch einmal die Alpensaga gemacht, oder „Ein echter Wiener geht nicht unter.“

    • JoM schreibt:

      Noch tragischer: inzwischen werden Serien wie The Wire nicht einmal mehr spätnachts in unseren öffentlich-rechtlichen Sendern ausgestrahlt werden. Dafür kommt der 12. Rerun des „Bullen von Tölz“.

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