Bad Moon Rising

Gedanken zu Treme Teil 2

Ein Gastbeitrag von Clara Moosmann

David Simons Baltimore-Panorama The Wire ist die großartigste Fernsehserie, die ich je gesehen habe.

Treme  reicht nicht an The Wire heran.

Was ist der Grund dafür?

An Thema und Schauplatz liegt es nicht.

New Orleans, wo Treme im Gefolge des Hurrikans Katrina, der weite Teile der Stadt verwüstet hat, spielt, ist objektiv gesehen die weit interessantere, vielfältigere und schönere Stadt als das Baltimore von The Wire. Dass die politische Landschaft in Louisiana ein Sumpf ist, der allerlei korrupte Kreaturen in Exekutive, Legislative und Jurisdiktion, denen nichts Menschliches fremd ist, nährt, ist spätestens seit Huey Long und Robert Penn Warrens All the King´s Men weltbekannt. Und dass im Gefolge des Sturmes Katrina das Krisen- und Wiederaufbaumanagement der staatlichen Organe an Inkompetenz nicht zu übertreffen war und viele persönliche Tragödien verschuldet hat, ist auch Allgemeinwissen.

Zu alldem kommt noch die ganz eigene freizügige heidnisch-katholisch-kreolische Kultur von New Orleans mit ihrem Spannungsverhältnis zur in den USA immer noch vorherrschenden protestantischen Prüderie. Und die Musik. Vor allem die Musik.

Es lägen also alle Voraussetzungen für eine vielschichtige Analyse der exemplarischen politischen, sozialen, ökonomischen und kulturellen Zustände in einer der aufregendsten Städte des mächtigsten Landes der Welt vor.

Leider bringt die Serie eine solche Analyse nicht zustande.

Das liegt in erster Linie daran, dass die meisten der Figuren – anders als bei The Wire – nicht nahe genug an den wichtigen Schaltstellen der entscheidenden Institutionen sind, sondern eher peripher (der von John Goodmann gespielte Englischprofessor und Schriftsteller Creighton Bernette, dessen als Anwältin tätige Frau (Melissa Leo), der Musiker und halbernste politische Aktivist Davis, der Indian-Chief Lamreaux) mit diesen in Berührung kommen oder gar nur Gebeutelte sind, die selber keinerlei Macht ausüben (die Barbesitzerin Ladonna, der Musiker Antoine,..).

Da die Figuren nie nahe genug an die entscheidenden Hebel der Macht kommen, gelingt es der Serie auch nicht, darzulegen, wo die konkreten Ursachen des Versagens aller staatlichen Institutionen und des dadurch verursachten Zusammenbruches der sozialen Strukturen liegen. Sie beschränkt sich vielmehr darauf, ein Gefühl der Unausweichlichkeit der Inkompetenz des Behördenapparates zu vermitteln.

In zweiter Linie ist aber das Fehlen einer solchen Analyse auch darauf zurückzuführen, dass David Simon sichtlich New Orleans und alles, wofür diese Stadt steht, in einer Weise liebt, wie nur ein von außen kommender, zu dieser Liebe Bekehrter, etwas lieben kann, nämlich vollkommen bedingungslos.

Diese bedingungslose, nichts hinterfragende Liebe führt dazu, dass Simon die teilweise abstrusen Traditionen und Gebräuche in New Orleans (Mardi Gras, St. Joseph´s Day) nicht kritisch beleuchtet, sondern nur in all ihrer opulenten Pracht abbildet. Sie verstellt ihm auch den Blick auf all die wichtigen Fragen, die sich durch The Wire ziehen, nämlich nach der Mitverantwortung der „Opfer“, nach den Auswirkungen, die die (hier die traditionsbeeinflusste „Brot- und Spiele“-) Mentalität vieler Protagonisten auf die Trägheit und Korruptheit der Institutionen hat, und nach den ökonomischen und systemischen Ursachen des Chaos´.

Man bekommt das Gefühl, Simon feiert die heidnisch-katholische Tradition von New Orleans in ihrer glorreichen körperlich-sinnlichen Theatralik, ohne sich die milieuprägenden Schattenseiten dieser Tradition (Schicksalsergebenheit, Ritualbezogenheit, blinde Akzeptanz von Hierarchien, Autoritäten, daraus abgeleitetes Fehlen der Eigeninitiative) vor Augen zu halten.

Diese Kritikpunkte dürfen aber nicht den Blick darauf verstellen, dass Treme eine sehr unterhaltsame, glänzend gespielte (John Goodman!, Wendell Pierce!, Steve Zahn!, Clarke Peters!), wunderschön gefilmte Fernsehserie ist, in der die Schicksale der Protagonisten kunstvoll verknüpft werden, und die einen tiefen Einblick in die für die USA untypische kreolische Kultur im Mississippidelta mit all ihren Ritualen gibt.

Und die es gleichzeitig schafft, den Zuschauer mit der Begeisterung der Produzenten für die musikalische Tradition dieser Gegend und dieser Stadt, von Louis Armstrong über Professor Longhair und Dr. John bis zu den Neville Brothers zu infizieren.

Treme überragt also die meisten Fernsehserien weit. Aber neben dem Mount Everest sieht auch der Kilimandscharo verhältnismäßig klein aus.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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7 Antworten zu Bad Moon Rising

  1. JoM schreibt:

    Über´bewertest du da den Einfluß religiöser Traditionen nicht etwas?

    • Karin Koller schreibt:

      Katholische Traditionen sind nicht mit der Katholischen Kirche gleichzusetzen. Wir alle, und seien wir noch so atheistisch, sind auch fest verwurzelt in der katholischen Tradition. Bei Treme ist mir auch aufgefallen, das diese Kultur eine große Rolle spielt und ausführlich dargestellt wird.

    • Ich meine, dass gerade diese Serie zeigt, wie mentalitäts- und milieuprägend religiöse Traditionen und religiöses Brauchtum sind (hier die heidnischen und katholischen), unabhängig davon, ob die Leute selbst noch gläubig sind. Ich will jetzt da nicht Max Webers Aussagen zur protestantischen Ethik und ihren Auswirkungen für den Kapitalismus überbewerten, aber einen wahren Kern enthalten sie meiner Ansicht nach schon.

      Ob ich die Auswirkungen dieser Prägungen überschätze, ist natürlich Ermessenssache. Aber, nachdem Simon in seiner Darstellung genau diese Milieuprägung stark betont, erfordert eine Bewertung der Serie auch eine Auseinandersetzung mit ihr. Das habe ich versucht.

  2. Adrienne schreibt:

    Ich finde, eure beiden Bewertungen sind sehr fair. Die Serie hat einige eklatante Schwächen, die ihr aufzeigt, ist aber allein als opulenter Bilderbogen wert, gesehen zu werden. Und die Liebeserklärung an die Musik, die im Zentrum des Ganzen steht, wiegt auch Vieles auf.

  3. L. schreibt:

    Scharfsinnige Analyse, Kompliment.

  4. christinabrauner schreibt:

    „Und die es gleichzeitig schafft, den Zuschauer mit der Begeisterung der Produzenten für die musikalische Tradition dieser Gegend und dieser Stadt, von Louis Armstrong über Professor Longhair und Dr. John bis zu den Neville Brothers zu infizieren.“

    Dr. John, Goin´back to New Orleans, eine Superplatte für alle Einsteiger!

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