Frankreich verstehen

Bevor wir in den Urlaub gefahren sind, hat Katharina oft gefragt: „Ist Frankreich in Vorarlberg?“ oder „Ist Frankreich in St. Tropez?“.

Wenn wir in Kärnten sind, ist für sie nur Omas Haus Kärnten. Nach einem Ausflug zum nahegelegenem See fragt sie: „Ist es noch weit bis nach Kärnten.“

Ihre großen Geschwister schauen sich dann jedes Mal an und rollen mit den Augen. Wie kann man nur so dumm sein, das wissen wir schon längst, sagen ihre Blicke. Anna hat einen Atlas studiert, im dem die wichtigsten Länder der Erde kindgerecht beschrieben sind. Lukas kennt alle Länder, die an der letzten Fußballweltmeisterschaft teilgenommen haben, aus dem Panini-Sammelalbum. Nicht immer verstehen sie, welche geographische Einheit ein Land, eine Stadt oder ein Kontinent ist. Aber es wird besser.

Katharina muss das noch lernen. Wir schauen uns manchmal den Janosch-Kinderatlas an, in dem der kleine Tiger von Köln nach Indien reist. Ich erzähle ihr von fernen Ländern und manchmal fragt sie selbst nach, wenn sie einen Ländernamen aufschnappt. Sie lässt sich auch gerne die Felix-Bücher vorlesen, in denen ein kleiner Hase durch die Welt reist.

Vor einiger Zeit fragte mich eine Bekannte, ob es nicht verschwendete Zeit sei, einer Fünfjährigen etwas über ein anderes Land zu erzählen, da sie ohnehin nicht begreifen könne, was das ist.

Dazu konnte ich nur sagen, ein Kind lernt und begreift, was ihm erklärt wird. Wenn das Kind früher mit einem Thema in Berührung kommt, als allgemein als altersgemäß angesehen wird, versteht es möglicherweise nicht gleich alles. Aber das Gehirn hat länger Zeit, das Thema zu verarbeiten. Das könnte wiederum später zu einem umfassenderen Begreifen führen. In jedem Fall kann es nicht schaden, ein Kind mit der Vielseitigkeit der Welt zu konfrontieren, wenn es selbst Interesse daran zeigt.

Es stellt sich die fundamentale Frage, inwieweit man Geographie begreifen kann. Was bedeutet beispielsweise Frankreich? Wie viele Fakten über dieses Land muss man verinnerlicht haben, damit man sagen kann, man wisse, was Frankreich ist? Muss man dort gewesen sein? Reicht es dort gewesen zu sein? Muss man dort gelebt haben, oder ist ein Urlaub ausreichend? Ist es leichter, sein eigenes Land zu begreifen?

Diese Fragen mögen sonderbar anmuten. Natürlich kann man das Wissen eines Erwachsenen nicht eindeutig quantifizieren. Wir glauben, eine gefühlsmäßige Einschätzung unseres Wissens geben zu können. Diese ist jedoch immer subjektiv. Manche Menschen (sie sind oft Lehrer von Beruf) neigen dazu, Viertelwissen für echte Bildung zu halten. Sie fühlen sich nicht bemüßigt, mehr über ein Thema erfahren zu wollen. Vielmehr verkaufen sie anderen die dürftigen Fakten als den Stein der Weisen.

Bei einem komplexen Thema wie Frankreich ist das Wissen und Begreifen so vielseitig wie das Land selbst. Frankreich wird nicht nur über die Geographie begreifbar, sondern auch durch die Geschichte, die Politik, die Kultur, die Kunst und nicht zuletzt die persönliche Erfahrung. Es ist uns selbstverständlich, dass jeder Erwachsene Frankreich auf seine individuelle Weise begreift, erfährt und erlebt, oder das eben nicht tut oder nicht will.

Bei einem Kind bestimmen wir, ob ihm ein komplexes Thema zumutbar ist oder nicht, obwohl uns bewusst sein sollte, dass auch ein Erwachsener dieses Thema nicht in seiner Vollständigkeit erfassen kann.

Das sollten wir nicht tun. Ein Kind begreift Frankreich auf seine Weise und kann später auf diesem Wissen aufbauen. Deshalb ist es nie verschwendete Zeit, einem Kind etwas zu erklären.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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7 Antworten zu Frankreich verstehen

  1. Ich würde ja sagen, wenn sich ein Kind für etwas – egal was – interessiert, sollte man versuchen, seine Fragen zu beantworten und solche Interessen zu fördern.

    Wie bescheuert der gegenteilige Ansatz ist, wird offenkundig, wenn man ihn auf Erwachsene umlegt. Soll ich mich z.B. gar nicht für etwas Komplexes wie die Relativitätstheorie interessieren, weil es ja sein könnte, dass ich sie nicht in all ihren Facetten verstehen werde?

    • Karin Koller schreibt:

      Ich glaube, der Ansatz wird durchaus auch auf Erwachsene angelegt: Die Politik verkürzt auf Soundbites und stellt Plakate auf mit Köpfen statt Inhalten, weil der Wähler für blöd gehalten wird. Im Fernsehen laufen keine anspruchsvollen Serien, weil der Zuschauer nichts anderes als Reality-Soaps auffassen kann, etc.
      Manchmal legen es Erwachsene auch auf sich selbst an und sagen sich: Interessant wäre es schon, aber ich verstehe das nicht. Sie bemühen sich nicht, es zu versuchen. Vielleicht ist das so, weil ihnen von Kindheit an geistige Grenzen eingeredet werden.

      • Elke Lahartinger schreibt:

        Eben, das ist diese, wie Clara letztens gesagt hat, „milieuprägende“ Wirkung des autoritär-katholischen Staates. Es wurde ja jahrhundertelang den Leuten erklärt, sie würden bestimmte Sachen doch nicht verstehen, weshalb sie das auch gar nicht versuchen sollten. Bestes Beispiel dafür: dass den Leuten sogar der direkte Kontakt mit der Bibel verboten wurden, weil sie auf eigene Gedanken kommen könnten.

      • Karin Koller schreibt:

        Das ist sicher richtig. Aberich denke, gerade bei Politik und Fernsehen werden die Leute einfach für blöd gehalten, ohne Hintergedanken, sie könnten Probleme bereiten, wenn sie sich informierten. Ich denke, das ist zumindest teilweise der Markt- und Meinungsforschung zu verdanken. In vorauseilendem Gehorsam spricht man ein gewisses Publikumssegment an und zieht so das Niveau hinunter. Man vergisst dabei, dass ein höheres Niveau auch für die Kernzwecke Wählerstimmen und Werbeeinahmen bei richtigem Einsatz auch günstig wäre (zum Beispiel, weil man sich dann von der Einheitssauce abheben und eine eigene Nische bilden könnte).

      • Und nichts anderes ist die herrschaftsstabilisierende Wirkung des „Expertentums“, das verwendet wird, um den Leuten weiszumachen, sie könnten komplexere Sachen ja doch nicht verstehen und müssten sich deshalb auf die Empfehlungen der „Experten“ unhinterfragt verlassen.

        Alles, was den Kindern das Hinterfragen so früh wie möglich beibringt, immunisiert sie gegen das blinde Vertrauen auf irgendwelche Autoritäten.

  2. JoM schreibt:

    Ich denke, oft ist dieses „da bist du noch nicht alt genug“-Denken von Erwachsenen einfach Hilflosigkeit, weil sie in ihrem Viertelwissen gar nicht in der Lage sind, die Essenz einer Sache auf für ein Kind verständlich zu machen, oder Faulheit, weil sie die notwendige Gedankenarbeit, die erforderlich ist, um etwas zu erklären, nicht leisten wollen.

    • Karin Koller schreibt:

      Viele machen sich nicht die Mühe, manche haben Angst, die Kinder zu überfordern. Dabei ist es schön, Kindern etwas zu erklären, weil man dabei, wie du sagst, seine Gedanken fokussiert. Schön sind auch die Gedanken, die sich die Kinder machen.

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