Piercingstudie

Ein Gastbeitrag von Johanna Miller

Ich bin schon weit über 30. Ich habe eine gute Ausbildung, einen seriösen Beruf und verdiene gut. Ich passe also nicht in das Klischee, das in den Mainstreammedien immer noch über Leute, die gepierct sind, verbreitet wird.

Meine – anekdotische – Wahrnehmung korrespondiert nicht mit dem in der Öffentlichkeit immer noch bestehenden Bild, wonach Piercings etwas für rebellische Teenager, alternde Hipster sowie esoterisch angehauchte Künstlernaturen sind. Deshalb habe ich mich entschlossen, den Versuch einer Überprüfung dieses Bildes zu machen.

Dazu habe ich einen Fragebogen an gepiercte Frauen, die sich bereit erklärt haben, offen zu antworten, verschickt.

Hier einige Ergebnisse meiner Erhebung, die sich aus den Antworten von mehr als 100 Frauen (der Fragebogen lag bei einem Piercingstudio aus, etwa ein Viertel der Befragten waren Leserinnen dieses Blogs) ergaben:

  • Der Altersschnitt der Teilnehmerinnen betrug knapp 24 Jahre, wobei die Bandbreite von 16 – 59 reichte. 50% der Teilnehmerinnen waren zwischen 19 und 30 Jahre alt. 40% der Teilnehmerinnen waren zwischen 30 und 45 Jahre alt. 21% der Teilnehmerinnen haben ein Studium abgeschlossen, 44% haben einen Matura- bzw. Abiturabschluß. Ein gutes Viertel der Teilnehmerinnen hat Kinder.
  • Sie ließen sich durchschnittlich mit knapp 17 Jahren erstmals piercen (Ohrläppchendurchstechen wurde hier nicht als Piercing gewertet.)
  • Ein knappes Drittel der Teilnehmerinnen ist auch tätowiert.
  • Negative Reaktionen auf Piercings von Familienmitgliedern, Freunden oder Arbeitgebern sind nicht häufig. Wenn sie vorkommen, betreffen sie in erster Linie gedehnte Ohrlöcher und ungewöhnlichere Gesichtspiercings.

Zu den einzelnen Piercings:

Ohren:

98% aller Teilnehmerinnen haben die Ohren durchstochen. 16 Prozent der Teilnehmerinnen erhielten ihre ersten Ohrlöcher als Babys gestochen. 84% konnten selbst (mit-)entscheiden, wann sie ihre Ohren durchstechen lassen. Sie waren im Schnitt beim ersten Durchstechen der Ohren 12 Jahre alt.

Ein Fünftel der Teilnehmerinnen hat gedehnte Ohrlöcher, wobei die durchschnittliche Lochgröße etwa 8mm beträgt. Auffällig ist, dass gedehnte Ohrlöcher bei akademisch ausgebildeten Frauen weit überdurchschnittlich vorkommen.

Die Teilnehmerinnen haben im Schnitt etwa 5 Löcher in den Ohrläppchen.

Ein knappes Fünftel der Teilnehmerinnen hat Ohrknorpelpiercings am Ohrrand (im Schnitt knapp 4 Löcher).

Knapp ein Zehntel der Teilnehmerinnen hat Conch-, Tragus- oder Daithpiercings. Andere Ohrpiercings sind extrem selten.

Nase:

Ein gutes Viertel der Teilnehmerinnen hat den Nasenflügel gepierct, wobei über ein Drittel davon mehr als ein Nasenflügelpiercing hat.

Knapp weniger als ein Zehntel der Teilnehmerinnen hat ein Septumpiercing.

Zunge, Lippe:

Etwa ein Viertel aller Teilnehmerinnen hat ein Zungenpiercing, etwa ein Fünftel ein Lippenpiercing. Lippenbändchenpiercings sind extrem selten.

Brust:

Ein Siebtel der Teilnehmerinnen hat die Brustwarzen gepierct, wobei mehr als die Hälfte davon mehr als ein solches Piercing hat.

Bauchnabel:

Den Bauchnabel haben fast zwei Drittel der Teilnehmerinnen gepierct, wovon wiederum ein Drittel mehr als ein solches Piercing hat.

Intimpiercings:

Ein Viertel der Teilnehmerinnen hat die Klitorisvorhaut durchstochen. Ein Fünftel hat die inneren Schamlippen durchstochen.

Ein knappes Viertel hat die äußeren Schamlippen durchstochen.

Sonstige Intimpiercings sind eher selten. Das erste Intimpiercing haben sich die Teilnehmerinnen im Schnitt mit etwa 25 Jahren machen lassen.

Andere Piercings:

Augenbrauenpiercings kommen bei einem Sechstel der Teilnehmerinnen vor, sind aber sehr selten bei Teilnehmerinnen, die über 25 Jahre alt sind.

Alle anderen Piercings sind selten, d.h. sie kommen bei weniger als 3% der Teilnehmerinnen vor.

Weitere Ergebnisse:

Die Teilnehmerinnen geben als Lieblingspiercing überproportional oft Intimpiercings, Brustwarzenpiercings und Zungenpiercings an. Auch gedehnte Ohrlöcher werden oft als Lieblingspiercing angeführt.

Als schmerzhafteste Piercings werden Brustpiercings und Conchpiercings empfunden, am wenigsten schmerzhaft Zungenpiercings.

Weit über 90% der Teilnehmerinnen wollen sich in der Zukunft weitere Piercings stechen lassen. Etwa ein Fünftel der Teilnehmerinnen plant auch, sich die Ohrlöcher zu dehnen.

Schlussfolgerungen:

  • Es kann keine Rede davon sein, dass überwiegend Teenager und sozial Schwächere gepierct sind. Vielmehr sind Piercings auch bei Frauen über 30, und Frauen, die akademisch ausgebildet sind, weit verbreitet. Entgegen der öffentlichen Wahrnehmung sind Frauen, die sich piercen lassen, keineswegs regelmäßig auch tätowiert.
  • Piercings sind sozial akzeptiert. Es gibt kaum negative Reaktionen. Wenn solche vorkommen, beschränken sie sich praktisch gänzlich auf ältere Leute (sehr häufig Schwiegermütter).
  • Wer schon gepierct ist, möchte noch mehr Piercings.
  • Intimpiercings sind erst bei Frauen über 25 beliebt (was einen Zusammenhang mit sexueller Erfahrung nahelegt).
  • Brustpiercings und Intimpiercings sind sehr weit verbreitet.
  •  Bauchnabelpiercings sind fast so verbreitet wie Ohrringe.
  •  Augenbrauenpiercings sind typische Teenagerpiercings.
  •  Ohrlochdehnungen sind sehr beliebt, gerade auch bei gut
    ausgebildeten Frauen.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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42 Antworten zu Piercingstudie

  1. Cool ohne Gang schreibt:

    Interessant. Woher kamen denn die Befragten?

  2. Karin Koller schreibt:

    Der Fragebogen lag bei einem Piercingstudio ín Wien aus, etwa ein Viertel der Befragten waren Leserinnen dieses Blogs.
    Ich habe diese Information in den Artikel eigefügt.

  3. Cool ohne Gang schreibt:

    Cooles Foto, auch.

  4. joaniebegood schreibt:

    Faszinierend. Schön zu sehen, wie sich die Akzeptanz verbessert hat. In 10 Jahren wird das alles vollkommen „normal“ sein.

  5. miriambrenner schreibt:

    Ich kann das auch bestätigen. Vor 5 Jahren gab es in meinem Umfeld noch niemand, der gedehnte Ohrlöcher hatte. Ich wurde mit meinen Ohren wie ein bunter Hund beobachtet. Jetzt kenne ich zumindest 10 Personen, die ihre Ohrlöcher auch gedehnt haben.

  6. Blumenkind schreibt:

    Mich erstaunt sehr, dass Intim- und Brustpiercing so oft vorkommen. Was ist der Sinn davon, das sieht man doch nicht?

  7. Johanna, einige Fragen:
    -hast du erhoben, wie lange die Frauen, die gedehnte Ohrlöcher haben, dies schon haben?
    (d.h. ist das ein neues Phänomen?)
    -kannst du etwas dazu sagen, wie etwa diedurchschnittliche Piercing-History der Befragten abläuft?
    -was ist das Maximum an Piercings, das eine Person hatte?
    -hast du auch Daten bei Männern erhoben?

    • JoM schreibt:

      -hast du erhoben, wie lange die Frauen, die gedehnte Ohrlöcher haben, dies schon haben?
      (d.h. ist das ein neues Phänomen?)

      Nein, leider nicht. Es wäre interessant zu wissen.

      -kannst du etwas dazu sagen, wie etwa diedurchschnittliche Piercing-History der Befragten abläuft?

      Auch nicht genau. Allerdings ist der typische Ablauf Ohrlöcher, dann Bauchnabel oder Nase. Wie gesagt kommen etwa Intimpiercings relativ „spät“.

      -was ist das Maximum an Piercings, das eine Person hatte?

      Über 70

      -hast du auch Daten bei Männern erhoben?

      Nein, nur bei Frauen

    • alicedelrosario schreibt:

      -hast du erhoben, wie lange die Frauen, die gedehnte Ohrlöcher haben, dies schon haben?
      (d.h. ist das ein neues Phänomen?)

      Ich kann dazu sagen, dass ich vor 7 Jahren auch die erste in meinem Umfeld war, die sich die Ohren dehnen ließ. Heute ist das nicht mehr ungewöhnlich.

  8. NicoleLee schreibt:

    Gut zu sehen, dass meine persönlichen Beobachtungen offenbar mit der allgemeinen Lage zu korrelieren scheinen. Respekt für die Arbeit, die du dir gemacht hast.

  9. Asantaclara schreibt:

    Kann mir jemand erklären, was der Sinn daran sein soll, dass sich gesunde junge Menschen Schmerzen zufügen und Löcher in den Körper machen, um irgendwelchen Tand daran zu befestigen?

    Das ist doch alles unnatürlich. Hübsche Frauen haben sowas nicht notwendig, finde ich.

    • Ich nehme an, du hast den Kommentar nackt getippt, weil du Kleider unnatürlich findest?

    • Karin Koller schreibt:

      Was für den einen normal und schön ist, kann für den anderen befremdlich sein. Was bedeutet schon „unnatürlich“ in diesem Zusammenhang? Vor allem kommt es darauf an, jeden machen zu lassen, womit er/sie sich wohl fühlt.

      Der Mann, der Dein Vorbild zu sein scheint, hasste übrigens die Weiber ( nachzulesen zum Beispiel hier: http://www.zeit.de/2009/49/A-Sancta-Clara/seite-1 ).

      • asantaclara schreibt:

        Ich habe mich vielleicht unglücklich ausgedrückt, und ich will ja niemandem etwas verbieten. Ich hätte nur gerne die Frage beantwortet, weshalb ihr euch freiwillig Schmerzen zufügt und euren Körper verletzt.

      • joansanders schreibt:

        No pain, no gain! 😉 The actual piercing can be quite pleasant – I found that anyway – call me mad or whatever. Some of my female friends also found the piercing experience a „rush“ of joy and pleasure. Sorry for my lousy german! 😉

        Its not „Körperverletzung“ sondern „Körperverlschönerung“ in my view – and when it feel sooo good afterwards….. 😉

  10. Blumenkind schreibt:

    Mich würde sehr interessieren, wie schmerzhaft denn die verschiedenen Piercings sind und wie das gemacht wird.

    • Karin Koller schreibt:

      Ein Piercing wird so gemacht: Der Piercer (oder die Piercerin) desinfiziert die Stelle, die gepierct werden soll. Er zeichnet mit einem Stift die Einstichtstelle an. Dann sticht er mit der Nadel durch. An der Nadel ist ein Schläuchlein befestigt, an dessen Ende der Schmuck befestigt wird. Die Nadel wird dann mit Schlauch und Schmuck durch den Stichkanal durchgefädelt. Nun ist der Schmuck in Position und wird zugeschraubt bzw. verschlossen. Danach muss man etwa eine Woche täglich zweimal desinfizieren und den Schmuck und das Loch sauberhalten, dann ist alles vorbei.

      Zu den Schmerzen: Das ist schwer zu beschreiben. Manche Piercings tun nicht mehr weh, als zweimal eine Spritze zu bekommen (einmal beim Stechen und einmal beim Durchfädeln). Andere sind etwas schmerzhafter, vielleicht vergleichbar mit dem Einführen einer intravenösen Kanüle. Also auszuhalten. Bei den meisten Piercings hat man ein paar Tage leichte Schmerzen, wenn man drankommt. Später spürt man sie nicht mehr bzw. angenehm.

  11. Blumenkind schreibt:

    Und ich weiss, ich bin sehr einfältig, aber wie macht man genau gedehnte Ohren?

    • Karin Koller schreibt:

      Ohrlöcher dehnt man mit Tapern. Das sind konusförmige Stäbe, die man sich durch die Ohrlöcher schiebt. Beim Piercer kann man sich die Ohrlöcher relativ weit sofort dehnen lassen. Wenn man es selbst machen will, sollte man nicht mehr als 2mm auf einmal dehnen.

  12. silbersternchen schreibt:

    Mich würde interessieren, ob du Anhaltspunkte dafür hast, welche Piercings vor allem aus funktionellen Gründen und welche vor allem aus ästhetischen Gründen gemacht werden.

  13. Paloma schreibt:

    Ich würde gerne erfahren, warum sich Leute die Ohrlöcher dehnen lassen bzw. was der Kick daran ist. Und dann wäre ich auch dankbar, wenn die Fragen, die Blumenkind gestellt hat, beantwortet würden.

  14. Ellie schreibt:

    Ist Lust und/oder Lust am Schmerz für euch ein Faktor, euch piercen zu lassen?

    • Karin Koller schreibt:

      Lust ist für mich definitiv ein Grund gewesen für einige Piercings. Lust am Schmerz würde ich für mich nicht sagen. Eher, das Gefühl der Feierlichkeit, der Abgrenzung gegenüber der Herkömmlichen, das Empowerment, das einem die Herrschaft über den eigenen Körper gibt. Ich denke, zu diesem Thema wird es noch einige Beiträge geben. Ich finde, diese Geschichte beschreibt das Gefühl ziemlich gut: https://karinkoller.wordpress.com/2011/03/19/gastgeschichte/

  15. S. Van Lure schreibt:

    sehr schön aufgeschlüsselt, da hast du dir wirklich mühe gegeben^^ gefällt mir!

    • JoM schreibt:

      Dankeschön, ich wollte einfach gerne wissen, wie stark die Realität von der medialen Perzeption abweict. Und die – nicht repräsentativen – Ergebnisse, die der Wahrnehmung der Mainstreammedien diametral entgegengesetzt sind, bestärken mich in meiner Vermutung, dass das Abbild der Realität, das die Medien vermitteln, oft wenig mit der Realität zu tun hat.

  16. SB schreibt:

    Diese Ergebnisse überraschen mich sehr. In meinem Umfeld hat niemand mehr als 4 Ohrlöcher

  17. joansanders schreibt:

    Boring „Umfeld“ I say 😉

  18. Pingback: Mailbox: Piercing | Karin Koller

  19. Pingback: Zungenpiercing | Karin Koller

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