Mein beinahe erster Kuss

Im Sommer, in dem ich vierzehn wurde, fuhr ich alleine nach Rom. Ich besuchte eine Familie, bei der meine Mutter gearbeitet hatte, bis ich vier Jahre alt war. In dieser Zeit war die Tochter wie eine Schwester für mich. Wir hatten uns in den zehn Jahren nie ganz aus den Augen verloren und nun war Elisabeth achtzehn geworden und wollte mir Rom zeigen.

Schon die Fahrt war aufregend. So weit war ich noch nie allein mit dem Zug gefahren. Ich kam mir ganz erwachsen vor.

Elisabeth lebte mit ihrer Mutter und ihrem Stiefvater in einer riesigen Wohnung mit Dachterrasse in der Nähe der Spanischen Treppe. Die ganze Familie bemühte sich darum, mir den Aufenthalt unvergesslich zu machen. Stundenlang wanderten wir durch Rom und schauten uns Sehenswürdigkeiten und Museen an. Ich erinnere mich an die Begeisterung, mit der der Stiefvater historische Zusammenhänge erklärte. Ich erinnere mich auch, dass ich mich von dieser Begeisterung nicht anstecken ließ, sondern eher, von zunehmender Müdigkeit umnebelt, mitgetrottet bin. Heute finde ich es schade, bei den Erklärungen nicht aufgepasst zu haben. Damals erschien mir ein anderes Ereignis wichtiger.

Am vierten Abend waren wir bei Freunden von Elisabeth eingeladen. Wir fuhren eine Weile mit der U-Bahn und dann noch ein Stück mit dem Auto des Freundes zu einem Haus an der Via Appia. Der Autofahrer war schon Neunzehn. Im Haus wartete sein Freund, der sogar noch etwas älter war. Ich war begeistert. Abends hatte ich zu Hause noch nie ausgehen dürfen.

Das Haus glich einem kleinen, alten Befestigungsturm. Auf mehreren Etagen befanden sich, soweit ich sehen konnte, jeweils ein oder zwei Zimmer. Küche und Esszimmer waren mit Perlenvorhängen voneinander getrennt. Katzen liefen durch das Haus. Auf dem Tisch hatte die italienische Mama, die den Abend auswärts verbrachte, Antipasti vorbereitet. Es gab Wein. Ich getraute mich, ein Gläschen zu trinken.

Beim Essen sprachen die Italiener Englisch mit mir. Mit Händen und Füßen. Beide waren Tänzer. Elisabeths Freund hatte gerade eine Ausbildung in Leningrad absolviert. Er erzählte, das Schlimmste am Leben in der Sowjetunion war, dass es dort kein Klopapier gab.

Der andere, ich erinnere mich nicht an seinen Namen, war an der Scala in Mailand engagiert. In welcher Funktion habe ich nicht gefragt, wahrscheinlich war er einmal der dritte Zwerg von links bei einer Aufführung, aber ich stellte mir vor, er wäre ein Solotänzer.

Nach dem Essen stiegen wir auf das Dach des Turms. Durch die Zinnen sahen wir die Sterne. Danach gingen wir zurück ins Wohnzimmer. Elisabeth und ihr Freund verschwanden in einem Nebenzimmer. Der andere junge Mann rückte immer näher zu mir. Er trug einen dünnen roten Strickpullover und roch männlich herb, nicht so wie die Bübchen, die ich kannte. Die dampften noch kindliche Frische aus.  

Er umarmte mich und ich ließ es zu. Seine Arme waren lang und dünn und muskulös. Er beugte sich über mich. Ich kam mir vor wie in einem Film. Aber dann begannen bei mir die Alarmglocken zu schrillen. Ich hatte noch nie geküsst, ich würde bestimmt alles falsch machen und mich blamieren. Deshalb sagte ich nein, obwohl ich nichts lieber getan hätte, als diesen Mann zu küssen. Er versuchte mich zu überreden. Doch in diesem Augenblick kam Elisabeth und sagte wir müssten gehen.

Ich war enttäuscht. Darüber, dass ich nicht meinen ersten Kuss bekommen hatte und darüber, dass ich ohnehin zu feige dafür gewesen wäre.

Erst Jahre später ist mir aufgefallen, dass der junge Mann gewissermaßen perverse pädophile Anwandlungen gehabt haben musste, wenn er eine noch nicht ganz Vierzehnjährige küssen wollte. Dennoch überwiegt in meiner Erinnerung die Romantik dieses Abends. Als wäre das ein kleiner Wegweiser gewesen in die aufregende Welt des Erwachsenseins.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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12 Antworten zu Mein beinahe erster Kuss

  1. alexandraleyendecker schreibt:

    Das bringt schöne Erinnerungen hoch, danke.

  2. silbersternchen schreibt:

    Ich habe eine mehrjährige Geschichte von „beinahe ersten“ Küssen. Gut zu sehen, dass ich damit nicht allein bin. Bei mir wars dann zum Schluß aber leider kein romantischer Kuß in einer Weltmetropole, sondern – unter Alkoholeinfluß – ein Geschlabber mit einem irrsinnig aufgeregten Pickelgesicht. Man kann nicht alles haben.

  3. annabereuter schreibt:

    Jetzt musst du aber auch die Fortsetzung liefern (erster Kuss ohne beinahe).

  4. Alexa schreibt:

    Ach, wie das war, als noch alles neu war, man alles zum ersten Mal erlebt hat. Schön.

  5. Astrid schreibt:

    Eine schöne Geschichte. Was wäre passiert, wenn deine Freundin nicht in dem Moment gekommen wäre?

  6. Otto Rudolf Reiter schreibt:

    die geschichte ist wirklich schön. fortsetzung braucht sie für mich nicht … eventuell eine eigene, neue …

  7. Pingback: Pensées: Ein Ausflug nach Rom, Teil 1 | Karin Koller

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