Diese Woche konsumiert: Wilhelminenberg, Hochegger und die Medien

Hochegger

Hochegger gibt News ein Interview, in dem er Beschuldigungen gegen Monika Langthaler, Heinz Lederer und einen ominösen SPÖ -nahen Professor äußern darf, um zu suggerieren, dass alle Parteien in den Skandal verwickelt sind. Wo die Involvierung der Grünen hier sein soll, geht aus dem Interview nicht hervor. Frau Langthaler ist schon lange nicht mehr bei den Grünen politisch tätig. Dennoch werden erstens Hocheggers Aussagen für bare Münze genommen und zweiten entsteht sofort eine Diskussion darüber, dass „die Karten für den Ausschuss neu gemischt werden“, weil Frau Moser als Vorsitzende diskreditiert ist.

Die Frage ist „Cui bono?“ Hochegger kann es zumindest nicht schaden, wenn der Untersuchungsausschuss sich verzögert, obwohl er sich nach eigener Aussage nichts zuschulden kommen ließ: „Er selbst sieht sich strafrechtlich unschuldig, gibt aber moralische Fehler zu. Auslöser für die ganzen Skandale sei „das System“, indem sich Eliten, „angetrieben von maßloser Gier“, Vorteile verschaffen, meint Hochegger“ http://www.news.at/articles/1142/510/309925/telekom-skandal-hochegger

Das böse System, das kann schon einen ehrlichen Hochegger unter die Räder bringen.

Wilhelminenberg

Was im Kinderheim am Wilhelminenberg passiert ist, weiß ich nicht. Möglicherweise ist alles so passiert, wie es der Kurier berichtet hat. Aber darum geht es nicht.

Die Berichterstattung im Kurier darüber ist offenbar nicht recherchiert. Ungeprüft wurden die Anschuldigungen zweier Opfer abgedruckt (siehe Twitterstream von Florian Klenk und http://kurier.at/nachrichten/wien/4306652.php). Interessant auch die Berichte über ein mutmaßliches Todesopfer. Anstatt sich zu entschuldigen über die Falschmeldung titelt der Kurier: „Opfer lebt: Wende im „Todesfall“ am Wilhelminenberg“. ( http://kurier.at/nachrichten/4307669.php ). Das ist die erste derartige Wende in einem Todesfall seit mindestens 2000 Jahren.

 Der Kurier hat die Story vom Opfer-Anwalt, dem FPÖ-nahen Johannes Öhlböck. Der Anwalt löste ganz bewusst einen Medienhype aus. Die Kontakte des Anwalts zu FPÖ sind nützlich im Kampf gegen die „Verbrechen im roten Wien“. Zur Sensationsgeilheit kommt politische Hetze (http://derstandard.at/1318726219435/Kopf-des-Tages-Empoerter-Anwalt-fuer-die-Opfer-des-Roten-Wien )

 

Medien

Sowohl im Fall Hochegger als auch im Fall Wilhelminenberg spielen die Medien eine zweifelhafte Rolle. In beiden Fällen werden Menschen unhinterfragt diskreditiert. Das erinnert an die Anekdote, nach der Lyndon B. Johnson über seinen Opponenten das Gerücht ausstreuen wollte, dass dieser ein Schweineficker sei. „That’s not true“, sagte Johnsons Wahlkampfmanager. Johnson habe erwidert: „I know. I’d just like to see that son-of-a-bitch deny it.“

Johnson wusste, etwas bleibt immer hängen, egal wie aus der Luft gegriffen die Vorwürfe auch sein mögen. Das ist besonders schlimm bei Sexualdelikten. Die Medien sollten hier wesentlich vorsichtiger mit ihren Behauptungen umgehen und nur einwandfrei Recherchiertes publizieren.

Das ist natürlich utopisches Wunschdenken, denn die Medien wissen, wie gerne wir uns aufgeilen am Schicksal anderer, je schmutziger und grauslicher, desto mehr Kitzel und Stimulus für den Konsumenten. Aufgewärmter Kakao ohne saftige Mutmaßungen bringt eben viel weniger Kundschaft.

Wenn unsere Empörung sich gelegt hat, vergessen wir wieder und rennen hinter der nächsten Sau her, die durchs Dorf getrieben wird. Die in Misskredit gebrachten Menschen müssen aber weiterleben mit den Anschuldigungen, die groß in der Zeitung auf eine Weise erhoben wurden, dass jeder im persönlichen Umfeld dieser Menschen wissen musste, wer gemeint war. Die Entkräftung der Anschuldigungen ist weitaus weniger medienwirksam und kommt nicht auf der Titelseite.

Ein Beispiel für das Verhalten selbst der „seriösen“ Medien war die Berichterstattung letzten Sommer über den Fall des 80-Jährigen, der 40 Jahre lang seine Töchter missbraucht haben soll. Hier zwei Einleitungen von Artikeln der Süddeutschen Zeitung:

25.08.2011: „Der Fall erinnert an die Untaten von Josef Fritzl: Ein mittlerweile 80-jähriger Mann soll jahrzehntelang seine beiden Töchter gefangen gehalten und sexuell missbraucht haben. Mit körperlicher Gewalt und Drohungen schüchterte er die Frauen so ein, dass sie sich nicht trauten, zu fliehen. Ein Unglück brachte die Tat nun ans Tageslicht“. http://www.sueddeutsche.de/panorama/braunau-in-oesterreich-vater-missbraucht-toechter-mehr-als-jahre-1.1134863

13.09.2011: „Der Missbrauchsvorwurf gegen einen Vater in Österreich ist vom Tisch. Zwar hat er seine Töchter misshandelt, vergewaltigt hat er sie nicht. Viele hatten bereits einen zweiten „Fall Fritzl“ gesehen. Ein voreiliger Schluss. Jetzt ist die Polizei blamiert.“ http://www.sueddeutsche.de/panorama/-jaehriger-wieder-auf-freiem-fuss-ein-inzest-fall-der-keiner-war-1.1142290

Ja, die Polizei hat sich blamiert und die Gier der anderen hat Hochegger zu seinen Machenschaften gezwungen. So kann man das eigene Handeln rationalisieren.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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15 Antworten zu Diese Woche konsumiert: Wilhelminenberg, Hochegger und die Medien

  1. Balisto schreibt:

    Ich habe vor 14 Tagen die letzte Zeitung, die ich noch abonniert habe, abbestellt. Wie du aufzeigst, aus gutem Grund.

  2. alicedelrosario schreibt:

    Das war wirklich ekelhaft, was der Kurier hier aufgeführt hat. Und zu News erübrigt sich sowieso jeder Kommentar.

  3. wienerhans schreibt:

    na ja – mit dem muss man sich wirklich ein bisschen tiefer beschäftigen – und nicht den kurier-falschmeldungen aufsitzen: er korrigierte nämlich auch wieder (jetzt dort nachlesbar), dass die staatsanwaltliche beschwichtigungsmeldung nur von ihm falsch verstanden wurde – nämlich wurde staatsanwaltlich nicht von „keinen toten“ sondern von „keinen untersuchten todesfällen“ gesprochen ! es ist richtig – was dort passiert ist, ist heute nicht nachvollziehbar – aber wohl, weil es so wie im krieg war: das kanns doch gar nicht gegeben haben ! es war aber wirklich so – und sogar noch ärger ! freut euch alle über eine kindheit ohne gefängnis – wir tragen bis heute daran.
    Forderung zur Wiedergutmachung:
    1.000,- Euro für jedes Monat im Kindergefängnis !
    kontakt: vive@krone.at

    • Karin Koller schreibt:

      Der Kurier müsste sich tiefer damit beschäftigen und an die Öffentlichkeit bringen, was tatsächlich den Fakten entspricht anstatt das Dementi zu dementieren. Tut er aber nicht, weil der schnelle Kitzel wichtiger ist, als die Aufklärung. Das nützt auch den Opfern nichts.
      Natürlich sollte jede Verfehlung aufgedeckt und jedes Opfer entschädigt werden. Es muss undenkbar schrecklich gewesen sein, tagein tagaus gequält zu werden.

      • wienerhans schreibt:

        meine erste stellungnahme im kurier war:
        die wahren demokratieschädiger sind die medien ! es war alles schon lange bekannt, es gab einen offiziellen bericht, der aber schon damals nur zensiert veröffentlicht wurde, … wo waren, wo sind die medien ??? alles nur tagesschlagzeilengeile huren der macht – aber demokratieunterstützend ?
        zwischenzeitlich habe ich den bericht in den händen und werde das wochende mit meiner jugend verbringen …

    • wienerhans schreibt:

      und auf standard.at:
      21.10.2011 19:43
      das einzige korrektiv der macht
      kann die freie presse sein – und die gibt es nicht in österreich !
      die hoffnung der welt steht auf bloggerfüssen … tönern – aber sie steht !

      • Roberta Fernandez schreibt:

        Ich glaube auch, die einzige Hoffnung in diesem Verhaberungssystem besteht in den paar wirklich unabhängigen Bloggern, die sich nichts scheißen und sich nichts erwarten. Der Herr Wilhelm schafft es etwa in Tirol, den Mächtigen ordentlich Ärger zu machen (www.dietiwag.org)

      • wienerhans schreibt:

        danke für die erinnerung an dietiwag.org – der gehört wirklich vor den vorhang !
        aber leider auch so ein unbedankter … es änderte sich auch nach seinen siegen NICHTS in tirol !

      • Karin Koller schreibt:

        Soweit ich weiß, wird im Fall der Lebenshilfe ermittelt. Natürlich ändert sich nicht viel, aber ich glaube, wenn jemand ständig die Verfehlungen aufzeigt, wird irgendwann die Hemmschwelle größer. Die Mühlen mahlen langsam.

      • wienerhans schreibt:

        ja, unbedingt ist das das wirkliche arbeiten an den ungerechtigkeiten – aber mm nach eben der (mir fehlt das richtige wort: ?falsche?) weg. wir werden IMMER den schweinereien NACHLAUFEN müssen – wenn wir nicht selbstbestimmen können was passiert ! und da hapert’s eben. gsd ist hier nich die poltisch-korrektness-öffentlichkeit – sonst könnt ich es nichteinmal aussprechen: haider oder berlusconi haben es vorgezeigt – auch manche rechte – es ist möglich alles umzudrehen! nur eben haben all diese nicht die wende zum richtigen gebracht – nur eben aufgezeigt : es ist möglich ! und jetzt hier ?: die grünen verkommen gerade in wiener roter umarmung und an den anderen will man nicht anstreifen.
        im prinzip bleibt uns nur von der web-allianz zu mehr zu kommen – aber ______ ???

  4. wienerhans schreibt:

    ps.: ich weiss, sicher war nicht unbedingt der heimaufenhalt die schlechteste alles möglichkeiten die jugend zu durchleben – es gab noch viel ärgeres in der „freiheit“ – ich kam ins heim, weil’s zuhause schlechter gewesen wäre.

  5. wienerhans schreibt:

    weil ich mich nicht für so wichtig neh’m (ohne schmäh) hab ich das nie ernsthaft in erwägung gezogen. erst jetzt durch die intensive schreiberei der tausenden betroffenen kommen viele situationen wieder hervor, die ich nie mehr im realen leben in der erinnerung hatte (zb.: „Zumpferlkontrolle“ – gabs tatsächlich – erzieher nächtens mit taschenlampe) … es ist so bizarr …

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