Songs: Loudon Wainwright III, Your Mother and I

Ich höre mir Your Mother and I von Loudon Wainwright nur selten an, weil mir jedes Mal die Tränen kommen. Text und Melodie des Liedes sind einfach, beinahe zu simpel, um wirklich gut zu sein. Aber das Lied spricht mich emotional an.

Mein Vater hat meine Mutter verlassen, als sie mit mir schwanger war. Sie waren einige Jahre zusammen gewesen und hatten beschlossen, gemeinsam ein Kind zu haben. Mein Vater, so erzählte meine Mutter immer, hätte sehr gut mit Kindern umgehen können. Er wurde sogar von Familien engagiert, um schwierigen Kindern zu helfen. Sie wollten viele Kinder miteinander haben, planten die Hochzeit und suchten eine Wohnung. Das Glück schien perfekt.

Als meine Mutter im vierten Monat schwanger war, eine Woche vor ihrem dreißigsten Geburtstag, sagte mein Vater zu ihr, er könne das alles nicht machen, er wäre nicht bereit.

Meine Mutter stand vor einem Abgrund. Sie war Hausangestellte und konnte nicht einfach mit einem Baby in ihrem Zimmer wohnen. Meine Oma war streng katholisch, ihre Reaktion nicht absehbar. Sie stand aber meiner Mutter bei und unterstützte sie.

Ich verbrachte die ersten drei Jahre bei meiner Oma in Kärnten und meine Mutter teilte sich die Arbeit so ein, dass sie alle vierzehn Tage für vier Tage frei hatte, um mich zu besuchen.

Meinen Vater habe ich nie gesehen. Ich konnte nicht begreifen, warum er sich nicht für mich interessierte. Ich hätte gerne einen Vater gehabt. Mir gefiel eigentlich keiner der Väter in meinem Umfeld so sehr, dass ich mir konkret diesen gewünscht hätte. Bei einigen von ihnen hatte ich sogar definitiv das Gefühl, ich wäre besser dran ohne Vater.

Wenn man seinen Vater nicht kennt, stellt man sich unweigerlich vor, er wäre der beste und liebste und schönste aller Väter gewesen. Gleichzeitig weiß man aber, dass das nicht stimmen kann, weil er sich nicht kümmert. Deshalb bleibt nichts anderes übrig, als sich den idealen Vater herbeizusehnen.

Ich hätte mir ein Lied wie Your Mother and I von meinem Vater gewünscht oder wenigstens einen Brief. Mein Vater hätte mir erklären sollen, wieso das alles so gekommen ist, was er sich dabei gedacht hat. Auch wenn er es um viele Jahre zu spät gemacht hätte. Es hätte trotzdem gezeigt, dass er sich in all den Jahren Gedanken um mich gemacht hat. Hat er aber nicht.

Als ich ein Kind war, gab es eine Fruchtsaftwerbung, in der ein Vater mit seinen Kindern beim Klang von Oh Happy Day durch das Herbstlaub tanzt. Ich musste jedes Mal weinen, wenn die Werbung lief, und konnte doch nicht wegschauen.

Später, als ich meinen Vater halbwegs überwunden hatte, wünschte ich mir eine eigene Familie und genau diese Idylle. Jetzt habe ich Frank und die Kinder, und natürlich ist nicht das ganze Leben ein Spaziergang im Wald. Aber ich weiß, dass wir uns aufeinander verlassen können, auch wenn die Zeiten nicht so rosig sind.

Eine Beziehung kann zerbrechen, wie Loudon Wainwright singt, manchmal ist niemand daran schuld, weil die Liebe ein tiefes Loch sein kann. Entscheidend ist am Ende nur, ob man seine Differenzen so bereinigen kann, dass trotz allem beide Eltern für die Kinder da sind. Aber ich hoffe, dass Frank unseren Kindern niemals dieses oder ein ähnliches Lied vorsingen muss.

 http://www.dailymotion.com/video/x6v5qc_loudon-wainwright-iii-your-mother-a_music

Your Mother & I are living apart
I know that seems stupid, but we weren’t very smart
You’ll stay with her, I’ll visit you
At Christmas, on weekends, the summertime too

Your Mother & I are not getting along
Somehow somewhere something went wrong
Everything changes, time takes it’s toll
Your folks fell in love, loves a very deep hole

Your Mother & I will do all we can do
To work this thing out and to take care of you
Families get broken, I know it’s a shame
It’s nobody’s fault, you’re not to blame

Your Mother & I are both feeling bad
Things will get better, It won’t stay this sad
And I hope when you grow up, one day you’ll see
Your parents are people, that’s all we can be
Your Mother & I

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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7 Antworten zu Songs: Loudon Wainwright III, Your Mother and I

  1. Balisto schreibt:

    Traurige Geschichte. Aber schön, dass du dennoch dein Glück gefunden hast.

  2. Alexa schreibt:

    Unglaublich, was es für Menschen gibt. Sei froh, dass er sich verabschiedet hat, bevor du auf die Welt kamst. Mit so einem Arsch zusammenzuleben wäre für dich und deine Mutter noch viel schlimmer gewesen.

  3. Astrid schreibt:

    Ein sehr schöner, trauriger, aber auch Hoffnung machender Text zu einem sehr schönen traurigen Lied.

  4. Roberta Fernandez schreibt:

    Deine Mutter und du können stolz sein, wie ihr diese Situation bewältigt habt. Und der Verlierer ist der Erzeugerarsch, der nun hoffentlich allein und unbesicht in einem Altersheim vor sich hindämmert.

  5. danielasucht schreibt:

    Manche Männer sind eben doch Schweine….

  6. lisamertens schreibt:

    All’s well that ends well.
    Schöner, trauriger, ermutigender Artikel.

  7. johannamiller47 schreibt:

    Tolles Posting. Mein Vater war eher, um bei Loudon Wainwright zu bleiben, ein One Man Guy. Und ich dachte schon, ich hätte es schlecht getroffen.

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